Zwischen Pinselstrichen und Schmerz
Als ich noch ein Kind war, hatte ich lernen müssen, dass der Schmerz im Leben dazu gehörte. Dass wir mit ihm allein waren.
Meine Mutter hatte mich nicht getröstet. Mich nicht in den Arm genommen, wenn ich gefallen war. Wenn ich weinte.
»Du lebst, also geht es dir gut.«
Sie hatte sich meine Verletzung nicht angesehen. Sie nicht versorgt und gesagt, dass alles in Ordnung war. Nicht beim aufgeschürften Knie, nicht beim Schnitt in den Finger.
Also hatte ich gelernt, meine Emotionen zu kontrollieren. Nicht zu weinen, nicht zu schreien. Wut runterzuschlucken. Trauer weg zu atmen. Nicht zu zeigen, wie verletzt, wie wütend, wie kaputt ich war.
Denn am Ende blieb man allein. Allein mit den Gefühlen. Allein mit den Emotionen. Allein mit dem Schmerz.
Ich hatte all diese Emotionen fest in einer Kiste verschlossen. Sie weggesperrt. Gelernt sie zu ertragen, ohne sie richtig zu fühlen.
Denn sie waren zu viel. Sie waren störend. Sie waren falsch.
»Du lebst, also geht es dir gut.«
Aber wie gut geht es einem Kind wirklich, wenn es keine Liebe bekam? Keinen Trost? Wenn es zuhause still im Zimmer blieb, weil die Anwesenheit für die eigene Mutter zu viel war?
Wenn man auf die Frage, wieso man keinen Dad hatte, nur Geschrei abbekam? Vorwürfe. Hass.
»Du hast keinen Vater, du hast ein Monster!«
Ein Monster. Das war er. Und ich… ich trug sein Blut in mir.
Und genau dieses Blut pochte jetzt in meinen Adern, schneller, wilder, lauter, als ich es kontrollieren konnte.
Ich zwang mich, nicht zu zittern. Nicht zu atmen, als wäre ich außer Kontrolle.
Aber das Klopfen in meinen Schläfen erinnerte mich daran, dass ich es war. Das Monster. Hier. Jetzt.
Ich war die Tochter von Cassian Vex. Ich war das Produkt eines gefährlichen und schrecklichen Mannes. Das Produkt von Gewalt. Das Trauma meiner Mutter.
Sie konnte mich nicht lieben, weil ich sie an das Monster erinnerte, das ihr alles genommen hatte. Das sie zerstört hatte.
Meine Beine gaben unter mir nach und ich sank auf die Knie. Kniete auf dem hellen Laminatboden, zwischen Farbeimer und Farbrolle.
Der Malerteppich knisterte leise unter mir. Fühlte sich rau an, während die Farbspritzer einzogen und trockneten.
Ich war nicht nur zur Hälfte ein Monster, das meine Mom fürchtete. Ich war das Monster. Sie sah ihn in mir. Ich erinnerte sie täglich an ihn. An sein Gesicht. An das, was er ihr angetan hat.
Ein Klopfen an der Wohnungstür schleuderte mich zurück ins Hier und Jetzt. Das Klopfen war drängend. Ein Hämmern gegen Holz.
»Kate! Kate, bist du da?! Kate!«
Langsam erhob ich mich. Kämpfte mich auf die Füße, während Hades‘ Stimme aufgeregt hinter der Tür zu hören war.
»Kate?«
Ich schluckte. Wischte die Tränen von meinen Wangen. Zwang mich zu einem Lächeln. Nichts fühlen. Ich lebe, also geht es mir gut.
»Hey, was klopfst du denn so aufgeregt?«, fragte ich in einem gespielten, unbekümmerten Ton.
Hades atmete erleichtert aus. Musterte mich. »Ich hab mir Sorgen gemacht. Victor meinte, du hättest dir frei genommen und seist nachhause gefahren. Aber das schon heute Morgen gegen Sieben und dann hätte ich dich noch sehen müssen.«
Sein Blich fiel auf meine, mit Farbe beschmierte Jeans. Mein T-Shirt.
»Ja, ich musste noch meine Tasche aus der S.O.G holen und hab mich dort gleich ein wenig… hingelegt«, log ich und ließ ihn die Wohnung betreten, während ich die Bilder verdrängte, die in mir hochkamen. »Und jetzt dachte ich, ich fang schon an zu streichen.«
Meine Stimme zitterte und ich sah Hades nicht an, als ich ins Schlafzimmer zurückging. Langsam die Farbrolle vom Boden aufnahm.
»Alles okay, Kate?«, fragte Hades mich, der natürlich das Zittern bemerkt hatte. Er sah den großen Farbklecks auf dem Boden. Dort, wo die Rolle aufgeschlagen war, als ich sie hatte fallen lassen.
»Ja, wieso auch nicht? Hey, willst du uns vielleicht drüben bei dir Kaffee machen, oder so? Oder… musst du wieder zur AGS?«
Ich sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der Farbrolle über die Wand. Strich für Strich.
»Kate… was ist los?«
Hades trat langsam näher. Ich hörte seine Schritte über das Laminat hallen. Spürte seine Präsenz hinter mir, während ich konzentriert die Farbrolle in die Farbe tünchte. Die überschüssige Farbe abstrich. Und wieder an die Wand.
»Kate-«
»Es ist nichts«, sagte ich schnell und lächelte ihn an. »Ich will hier fertig werden. Also? Kaffee oder musst du weg?«
Hades sah mich an. Sah in mein Gesicht. Musterte jede Regung und langsam wandte ich den Blick wieder ab. Strich weiter die Wand.
»Ich mach Kaffee. Frühstück?«
Ich nickte nur. Hörte, wie er langsam die Wohnung verließ und atmete leise aus. Blinzelte die Tränen weg und atmete tief ein und wieder aus.
Ich lebe, also geht es mir gut. Ich lebe, also geht es mir gut. Ich lebe…
»Konstantin kommt auch gleich. Er bringt Frühstück mit. Kümmern wir uns also erst ums Schlafzimmer und gehen dann rüber ins Wohnzimmer?«, fragte Hades.
Ich nickte. »Ja… streichst du die Wand da bitte in dem Felsgrau? Da kommt das Bett hin«, antwortete ich und schaffte es irgendwie, das Zittern in meiner Stimme zu verbergen.
»Also Cappuccino doch fürs Wohnzimmer?«, stellte Hades fest und öffnete den Farbeimer. »Wird sicher gemütlich.«
Ich lächelte leicht. Ich konnte gerade nicht reden. Nicht antworten. Ich musste atmen. Nicht fühlen. Nicht denken. Nur leben. Und wenn ich lebe, geht es mir gut.
»Frühstück!«, rief Konstantin gut gelaunt und kam durch die offene Wohnungstür. »Also ich habe Bagels, Croissants, Zimtsterne… äh… belegte Brötchen und noch ein paar süße Teilchen!«
»Wollen wir rüber zu mir und erst einmal-«
»Ach Quatsch«, unterbrach Konstantin Hades und wir folgten ihm ins leere Wohnzimmer. »Wir machen ein Neue-Wohnung-Picknick! Hey Richmond, ist der Kaffee schon fertig?«
Hades warf einen Blick auf die Uhr. »Sollte durchgelaufen sein… ich hole Kaffee. Und ein paar Teller.«
Er verließ kurz die Wohnung und holte eine frisch gebrühte Kanne mit Kaffee. Außerdem drei kleine Frühstücksteller, sowie zwei große, auf denen Konstantin seine Ausbeute des Bäckereibesuchs ausbreitete.
Und irgendwie konnte ich für einen kurzen Zeitraum alles vergessen. Ich konnte mich auf meine Freunde konzentrieren. Mit ihnen lachen. Scherzen.
Ich schob einfach alle Gedanken beiseite, die so schwer wogen, dass sie mich zu erdrücken drohten und erlaubte meinem Kopf eine kleine Atempause.
Und für einen kurzen Moment war es fast so, als wäre alles normal.
Wir saßen zwischen Farbeimern und halb gestrichenen Wänden auf dem Boden, aßen Croissants aus der Tüte, tranken Kaffee aus Hades’ viel zu großen Bechern.
Konstantin redete wie immer zu viel und zu schnell, und Hades warf ihm seine ironischen Kommentare zurück.
Ich lachte. Wirklich. Mein Bauch zog sich dabei zusammen, und für einen Sekundenbruchteil vergaß ich, wie schwer alles auf mir lastete.
Es war leicht. So leicht, dass ich mich fast darin verlieren wollte.
Aber tief in mir blieb dieses Pochen, dumpf und unaufhörlich, wie eine Erinnerung, die sich nicht wegwischen ließ.
Ich verdrängte es. Schob es beiseite, so wie man einen dunklen Fleck unter den Teppich kehrte, in der Hoffnung, ihn nicht mehr zu sehen.
Also lachte ich weiter. Nickte, als Konstantin versuchte, ein Croissant mit der Farbe zu vergleichen (»genau dasselbe Muster, nur mit mehr Butter!«).
Ich trank Kaffee. Ich tat so, als wäre ich nicht zerbrochen.
Und vielleicht hätten sie es mir sogar abgenommen – wenn da nicht dieses Zittern in meinen Händen gewesen wäre, das ich krampfhaft hinter der Tasse verbarg.
Nach dem Frühstück strichen wir weiter die Wände. Konstantin ließ Musik abspielen. Laut und fröhlich.
Unser Gelächter, unser schiefes Singen – es erfüllte den Raum. Hallte durch die leere Wohnung, während die Farbe Streifen für Streifen auf die Wand kam.
Und noch bevor die Uhr halb Eins schlug, war das Schlafzimmer fertig und wir zogen ins Wohnzimmer um. Legten den Boden mit dem Malerteppich aus, öffneten die Farbeimer.
»Okay, also diese Wand in Cappuccino. Die restlichen Wände weiß und-«
Die Klingel ertönte und ich runzelte die Stirn. Sah zur Gegensprechanlage und wechselte einen kurzen Blick mit Hades.
»Ich geh mal ran«, grinste Konstantin und nahm den Hörer. »Ja?«
Kurze Stille, in der er zuhörte, was gesagt wurde. Hades stellte die Musik ein wenig leiser und ich sah Konstantin fragend an.
»Dritter Stock«, sagte er und betätigte den Türöffner, bevor er den Hörer wieder aufhing.
»Wer war das?«, fragte ich und Konstantin grinste frech.
»Mittagessen. Und ein paar zusätzliche Hände!«
Ich wollte gerade fragen, was zum Teufel er meinte, als im Flur die Fahrstuhltür aufging und Kasimir zögernd daraus hervortrat.
»Hey«, murmelte er leise und hob eine Tüte hoch. »Ich hab was vom Chinesen mitgebracht und äh… also, wenn es okay ist und du nichts dagegen hast, Kate… ich würde gerne helfen deine Wohnung zu streichen.«
Ich sah ihn überrascht an. Kasimir lächelte zögernd und blieb im Türrahmen stehen. Die Tüte mit dem Essen hielt er fest in der Hand.
Und er trug mal kein weißes Hemd und dunkel Jeans. Nichts, was teuer oder nach Waschsalon aussah. Sondern tatsächlich trug er ein schlichtes, graues T-Shirt und eine helle, verwaschene Jeans.
»Danke, komm rein«, sagte ich und lächelte. »Wir sind im Wohnzimmer angekommen und ein paar zusätzliche Hände wären verdammt praktisch.«
Kasimirs Lächeln wurde ein weniger größer und fröhlicher. Und langsam kam er in die Wohnung und folgte mir ins Wohnzimmer.
»Eine hübsche Wohnung. Schöner Schnitt«, sagte er und sah sie ein wenig um. »Äh… wo kann ich das Essen hinstellen?«
»Hier auf den Boden. Wir machen ein Neue-Wohnung-Picknick. Kate hat noch keinen Tisch und Stühle«, antwortete Hades und ließ sich bereits auf den Boden sinken.
»Oh… okay. Witzig«, kommentierte Kasimir und ich schmunzelte leicht.
Für den schnöseligen Kasimir war das Essen am Boden wahrscheinlich schon ein Unding. Ungefähr so, wie Take-Away-Essen. Und trotzdem war er hier.
Er gab sich wirklich Mühe, unsere Freundschaft noch einmal zu retten. Er hatte seine Entschuldigung ernst gemeint.
»Wie genau willst du das Wohnzimmer einrichten?«, fragte Kasimir mich neugierig.
»Das Sofa kommt da an die Wand. Fernseher dort. Dort kommen dann noch ein paar Regale hin und gleich neben die Tür zum Flur will ich ein Sideboard hinstellen. Und Pflanzen.«
Kasimir nickte. »Klingt sehr gemütlich. Helles Holz nehme ich an?«
»Ja«, gab ich zurück. »Und warme Farben, was Sofa und Deko betrifft.«
»Tja, bevor du dir darüber allerdings Gedanken machen kannst, sollten wir den Raum erst einmal fertigstreichen«, kicherte Konstantin und schob sich eine Ladung gebratenen Reis in den Mund.
»Na dann, an die Arbeit Jungs! Meine Wohnung soll fertig werden!«
Wir aßen auf, warfen den Müll weg und machten uns dann wenig später auch wirklich an die Arbeit.
Hades drehte die Musik wieder auf. Konstantin alberte herum, indem er beim Streichen herumtanzte und lautstark mitsang.
Kasimir arbeitete konzentriert, fast perfektionistisch und ich… ich versuchte dieses bisschen Normalität so lange wie möglich zu halten.
Auch wenn ich wusste, dass ich spätestens Morgen, wieder in die Realität zurückkehren musste.









Und es geht weiter! Guter Anfang 😍
Ein schöner Anfang. Ihre Freunde helfen und lenken sie gleichzeitig ein bisschen von ihrem Gedankenkarussell ab. Bin gespannt wie es weitergeht, jetzt da sie die Wahrheit kennt.