Prolog
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Ich hätte längst schlafen sollen.
Der Gryffindor-Gemeinschaftsraum war schon seit Stunden leer und das Feuer im Kamin war nur noch ein schwaches Glimmen, das gelegentlich ein leises Knacken von sich gab. Die Schatten der letzten Kerzen flackerten über die Wände und ließen den Raum größer und fremder wirken, als er tagsüber erschien. Trotzdem saß ich noch immer in einem der Sessel am Fenster und hatte ein schweres, altes Buch auf meinen Knien liegen, das sich anfühlte, als hätte es schon viele Jahrzehnte überdauert. Ich hatte das Buch nicht gesucht, zumindest nicht bewusst, dass war klar.
Es war mir am Nachmittag in der Bibliothek aufgefallen, als ich eigentlich nur ein gewöhnliches Zaubertränke-Buch zurückbringen wollte. In einer der hinteren Regalreihen, dort, wo die Fenster kaum noch Licht hineinließen und der Staub sich auf den oberen Brettern sammelte, hatte ich ein schief stehendes Buch bemerkt, das aus der Reihe herausragte, als hätte jemand es hastig zurückgestellt.
Vielleicht hätte ich einfach daran vorbeigehen sollen. Doch irgendetwas daran hatte meine Aufmerksamkeit geweckt. Der Einband war aus dunklem, fast schwarzem Leder, das vom Alter weich geworden war. Es gab keinen Titel auf dem Rücken, keine vergoldeten Buchstaben, nichts, was verraten hätte, worum es sich in diesem Buch handelte. Nur ein Symbol war in das Leder gedrückt: darauf war eine Schlange, die sich in einem Kreis wand und ihren eigenen Schwanz berührte.
Als ich das Buch aufgeschlagen hatte, war mir sofort der Name auf der ersten Seite aufgefallen.
Ominis Gaunt.
Der Name hatte sich in meinen Gedanken festgesetzt und das noch lange nachdem ich die Bibliothek verlassen hatte. Ich hatte das Buch mitgenommen, obwohl ich mir selbst nicht wirklich erklären konnte, warum. Vielleicht war es nur die Neugier gewesen. Vielleicht war es auch etwas anderes gewesen, doch ich wusste es nicht. Jetzt strich ich mit den Fingern über die vergilbte Seite und spürte, wie mein Herz ein wenig schneller schlug.
Die Tinte wirkte seltsam lebendig, als hätte sie sich nicht völlig mit dem Papier verbunden, sondern wartete nur darauf, wieder gelesen zu werden. Einige Absätze waren sorgfältig geschrieben, andere wirkten hastiger, als hätte der Schreiber unter Zeitdruck gestanden. Ich überflog die ersten Zeilen, doch bevor ich wirklich verstehen konnte, worum es ging, blieb mein Blick an einer Stelle hängen. Und die Schrift veränderte sich.
Zuerst dachte ich, dass es nur ein Trick des Kerzenlichts war. Doch dann begann die Tinte tatsächlich zu verschwimmen, als würde sie sich bewegen. Die Buchstaben lösten sich voneinander, flossen über das Papier und formten etwas Neues. Ich beugte mich näher über das Buch und ich fühlte mich unfähig, den Blick davon abzuwenden.
Die Seiten wurden plötzlich dunkel, tiefer als das Papier selbst, als würde ich nicht mehr auf geschriebene Worte schauen, sondern in eine Art Spiegel aus Tinte. Mein Herz klopfte jetzt so laut, dass ich für einen Moment glaubte, das ganze Schloss müsse es hören.
Und dann veränderte sich alles. Der Gemeinschaftsraum verschwand. Ich wusste nicht, ob ich noch in meinem Sessel saß oder ob ich überhaupt noch meinen Körper spüren konnte. Die Dunkelheit um mich herum begann sich zu formen, zuerst wirkte alles verschwommen und dann wurde es klarer, bis aus Schatten Stein wurde und aus Stille wurde das Echo eines langen, kalten Korridors.
Kerzen brannten an den Wänden.
Ich stand mitten im Gang, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, aufgestanden zu sein. Die Luft war kühl und roch nach feuchtem Stein und irgendwo in der Ferne tropfte Wasser in einem langsamen und gleichmäßigen Rhythmus. Doch vor mir bewegte sich eine Gestalt.
Es war ein Mann.
Er ging langsam den Korridor entlang und ließ seine Hand über die raue Wand gleiten, als würde er jeden einzelnen Stein kennen. Seine Schritte waren ruhig und sicher, obwohl sein Blick ins Leere gerichtet war.
Er konnte nicht sehen.
Trotzdem bewegte er sich mit einer Selbstverständlichkeit durch den Gang, als wäre dieser Ort ihm vertrauter als jeder andere. Ich wusste plötzlich, ohne dass mir jemand seinen Namen sagen musste, wer er war.
Es war Ominis Gaunt.
Mein Atem ging schneller, während ich ihn beobachtete. Er blieb schließlich vor einer schweren Steintür stehen, deren Oberfläche mit alten, kaum sichtbaren Linien durchzogen war. In der Mitte der Tür erkannte ich das gleiche Symbol, das auch auf dem Einband des Buches gewesen war: eine Schlange, die sich um einen Kreis wand.
Der Mann legte seine Hand darauf. Für einen Moment zögerte er, als würde er über etwas nachdenken. „Niemand darf finden, was hier verborgen liegt“, sagte er leise. Seine Stimme war ruhig, aber ich konnte darin etwas hören, das sich wie eine Entscheidung anfühlte, die schon lange zuvor getroffen worden war.
Er zog etwas aus seiner Tasche. Ein kleines Medaillon aus Silber, dessen Oberfläche im Kerzenlicht kurz aufblitzte. Ich versuchte genauer hinzusehen, versuchte zu erkennen, was er tat oder wohin er es legte, doch genau in diesem Moment begann sich das Bild zu verändern. Die Konturen des Korridors wurden unscharf, die Kerzenflammen verschwammen und die Tür vor ihm verlor ihre klare Form.
„Nur ein Nachfahre wird verstehen, warum es verborgen bleiben muss“, sagte er noch. Dann brach die Erinnerung auseinander wie Wasser, in das ein Stein gefallen ist.
Als ich die Augen wieder öffnete, saß ich wieder im Gemeinschaftsraum von Gryffindor. Das Buch lag noch immer auf meinen Knien, als wäre nichts geschehen. Doch mein Herz schlug so schnell, dass ich die Seiten fast nicht ruhig halten konnte.
Ich starrte auf die Stelle im Buch, an der die Erinnerung begonnen hatte, doch dort waren jetzt nur noch gewöhnliche Worte. Dort war keine bewegte Tinte und auch kein Bild. Es gab kein Hinweis darauf, wohin der Mann das Medaillon gelegt hatte oder was genau er verborgen hatte.
Trotzdem wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass ich gerade etwas gesehen hatte, das mir nicht zufällig gezeigt worden war. Und dass ich, ob ich wollte oder nicht, jetzt herausfinden musste, was es bedeutete.
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