Chapter 1
Eine gute Geschichte beginnt mit Struktur. Mit Klarheit. Mit Fakten.
So habe ich es gelernt.
Man stellt die richtigen Fragen, hält Abstand und beobachtet. Man bleibt außen vor, egal wie nah man den Dingen kommt. So funktioniert Journalismus. So schützt man sich.
Doch manche Geschichten halten sich nicht an diese Regeln.
Sie kündigen sich nicht an. Sie entwickeln sich nicht langsam und kontrolliert. Sie überrollen dich. Und plötzlich bist du nicht mehr diejenige, die schreibt, sondern die, über die geschrieben wird.
Ich habe ihn sofort erkannt.
Nach zehn Jahren. Nach allem, was passiert ist.
Und doch stand da ein Mann vor mir, der sich anfühlte wie ein Fremder.
Man sagt, Zeit heilt alles. Dass Erinnerungen verblassen und Gefühle leiser werden. Dass man irgendwann loslässt.
Aber das stimmt nicht.
Manche Menschen verschwinden nicht. Sie bleiben. In Gedanken. In Blicken. In Momenten, die sich wiederholen, ob du willst oder nicht.
Und dann stehen sie plötzlich wieder vor dir. In einem anderen Leben. In einer anderen Zeit.
Und du musst dich entscheiden, ob du wegsehen willst oder ob du den Mut hast, noch einmal hinzuschauen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Entscheidung treffen muss.
Nicht noch einmal. Nicht wegen ihm.
Und doch ist genau das passiert.
20. September – Kingston University
Ich wusste, dass dieser Moment kommen würde. Wochenlang habe ich mich darauf vorbereitet und mir eingeredet, dass es nicht so schlimm werden würde. Doch jetzt, wo ich tatsächlich hier stehe, fühlt es sich an, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.
„Du schaffst das, Süße“, sagt Mum und lächelt mich an. Ihr Lächeln ist warm, aber ihre Augen verraten etwas anderes.
Ich nicke, obwohl ich mir selbst nicht glaube.
Mein Blick wandert durch das kleine Zimmer. Die Wände sind kahl, das Bett steht verloren in der Ecke, und der Schreibtisch wirkt, als hätte er schon unzählige Geschichten gesehen, die nichts mit mir zu tun haben. Alles fühlt sich fremd an, als hätte jemand das Gefühl von Zuhause einfach draußen vor der Tür gelassen.
Hier soll ich also leben.
Ich sollte mich freuen. Ich habe hart dafür gearbeitet, hier zu sein. Doch das war, bevor ich wusste, dass ich diesen Schritt allein gehen muss.
Vier Stunden trennen mich von meiner Mutter. Es ist keine große Distanz – und doch fühlt sie sich unüberwindbar an.
Mum zieht mich in eine feste Umarmung. Für einen Moment schließe ich die Augen und versuche, diesen Augenblick festzuhalten. Ihren Duft, ihre Wärme, dieses Gefühl von Sicherheit.
Dann lässt sie mich los.
Und geht.
Die Tür fällt ins Schloss, und mit diesem Geräusch verschwindet alles Vertraute aus meinem Leben.
Ich setze mich auf die Bettkante und starre auf meine Hände, die leicht zittern. Das war doch mein Ziel: unabhängig sein, mein eigenes Leben beginnen. Aber jetzt fühlt es sich nicht wie ein Anfang an, sondern wie ein endgültiger Schnitt.
Reiß dich zusammen, sage ich mir.
Ich bin nicht mehr das Mädchen, das sich versteckt. Nach meinem Praktikum bei der London Times weiß ich, dass ich mehr kann. Dass ich mehr will.
Deshalb bin ich hier.
Ich atme tief durch, ziehe meine Jacke an und gehe nach draußen.
Der Campus ist voller Leben. Stimmen, Lachen und Schritte vermischen sich zu einem stetigen Geräusch, das mich gleichzeitig beruhigt und überfordert. Überall stehen Menschen in kleinen Gruppen zusammen, begrüßen sich, lachen, wirken, als würden sie schon dazugehören.
Ich beobachte sie und frage mich, wie das funktioniert.
Dieses Gefühl, dazuzugehören.
Ich ziehe meine Jacke enger um mich und gehe langsam weiter. Mein Blick wandert über die Gebäude, über Menschen, die mit Karten in der Hand nach dem richtigen Weg suchen, und andere, die sich bewegen, als hätten sie diesen Ort längst zu ihrem gemacht.
Nach einer Weile spüre ich, wie mein Körper nach Koffein verlangt. Vielleicht hilft es, denke ich mir. Vielleicht hilft irgendetwas.
Ich stelle mich an einem kleinen Kaffeestand an und starre auf meine Hände, während ich darauf warte, an der Reihe zu sein. Als ich schließlich bezahlen will, gleiten mir die Münzen aus der Hand.
Sie fallen klirrend auf den Boden und rollen in alle Richtungen davon.
„Scheiße“, murmele ich leise und gehe in die Hocke, um sie einzusammeln.
In meiner Hektik stoße ich gegen jemanden. Der Kaffee kippt, und die heiße Flüssigkeit ergießt sich über meine Jacke.
Perfekt.
„Oh Gott, es tut mir leid“, sage ich hastig.
„Nein, nein, war meine Schuld“, antwortet er ruhig.
Seine Stimme lässt mich innehalten.
Langsam hebe ich den Blick.
Er steht direkt vor mir. Dunkles Haar, ein ruhiger Ausdruck, als würde ihn nichts aus der Fassung bringen. Sein Gitarrenkoffer liegt neben ihm auf dem Boden, doch er scheint sich nicht im Geringsten darüber zu ärgern.
Stattdessen geht er einfach neben mir in die Hocke und beginnt, die verstreuten Servietten einzusammeln, die ich im nächsten Moment auch noch umgestoßen habe.
Natürlich.
Ich beobachte ihn einen Moment zu lange. Irgendetwas an ihm hält mich fest, obwohl ich genau weiß, wie peinlich diese Situation gerade ist.
„Ich kann dir einen neuen Kaffee kaufen“, sagt er schließlich.
Ich schüttle den Kopf. „Nicht nötig.“
Für einen kurzen Moment entsteht Stille zwischen uns. Eine dieser seltsamen, intensiven Pausen, die länger wirken, als sie eigentlich sind.
Dann steht er auf, hebt seinen Gitarrenkoffer auf und sieht mich an.
„Ich bin übrigens Karan.“
Ich blinzle überrascht, doch bevor ich etwas sagen kann, dreht er sich bereits um und geht.
Einfach so.
Ich bleibe stehen, mitten auf dem Campus, mit Kaffeeflecken auf meiner Jacke und einem Gefühl, das ich nicht einordnen kann.
Warum fühlt sich diese Begegnung an, als wäre sie mehr gewesen als nur ein Zufall?