Unhowled

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Summary

Er wusste nicht, wer sie war. Er kannte ihren Namen nicht. Ihre Spezies war ihm fremd. Alles, was er wusste, war: Sie war seine. Alles andere war bedeutungslos. Ihre Herkunft. Ihre Vergangenheit. All das spielte keine Rolle. Er wusste, dass es falsch war. Dass es nicht sein durfte. Dass es allem widersprach, wofür er stand. Und doch hatte er keine Wahl. Es war ein Instinkt. Ein Drang, tief in seinem Körper verankert, verbissen in jeder Faser, die ihn ausmachte. Nichts daran hatte mit Vernunft zu tun. Nichts mit einer Entscheidung. Es war kein Wollen. Nur ein Muss. Ein Fluch. Ein Zwang. Unrecht. Und doch unausweichlich. Alles in ihm sehnte sich danach, ihr ein Leben ohne Fesseln zu schenken. Ein Leben, in dem niemand bestimmte, wer sie war und wer sie sein sollte. Am aller wenigsten er selbst. Doch da war das Rudel. Sein Blut. Seine Bestimmung und seine Verantwortung. Er wusste, dass er sie nicht gehen lassen konnte. Und er wusste, dass ihn das früher oder später zerstören würde.

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel I

Er wusste nicht, wer sie war. Er kannte ihren Namen nicht. Ihre Spezies war ihm fremd. Alles, was er wusste, war: Sie war seine.

Ich trage meinen Schlafanzug und darüber die fremde Winterjacke, die man mir hastig übergeworfen hat, bevor man mich ausgesetzt hat. Der Stoff fühlt sich steif und rau an. Kratzt auf meiner Haut wie Sandpapier und trotzdem kralle ich die Finger hinein.

Mehr als das ist dir von zuhause ja nicht geblieben.

Ich blinzle. Als hätte ich jemals ein echtes Zuhause gehabt. Der Stich in meiner Brust, der diesem Gedanken folgt, weicht einer dumpfen Leere und langsam beginnt meine Umgebung zu mir durchzudringen. Es ist mitten in der Nacht, doch ich muss die Augen zusammenkneifen, so sehr blendet mich das strahlende Weiß der Schneedecke, die alles um mich herum zu erdrücken scheint. Bäume, Sträucher- selbst die Berge weit in der Ferne. Es gibt kein Durchkommen. Keinen Ausweg.

Lauf nicht weg.

Es waren Reyes letzte Worte, bevor er mich aus dem Helikopter gestoßen hat. Meine Knie und Handflächen brennen vor Kälte, als ich mich langsam aufrapple. Ich wurde mein Leben lang für solche Situationen trainiert und deshalb weiß ich genau, was er mir damit sagen wollte.

Wenn du wegläufst, werden sie jagen. Sie jagen gerne. Und sie sind schneller als du.

Es wäre ein Kampf, den ich nicht gewinnen kann. Ich sinke wieder auf alle Viere und beginne mit klammen Fingern im Schnee zu wühlen. Irgendwo muss die Taschenlampe sein. Hätte ich doch bloß die Geistesgegenwart besessen, nicht das einzige Hilfsmittel fallen zu lassen das man mir zugestanden hat. Ich zucke zusammen, als irgendwo vor mir ein Zweig knackt.

Da ist jemand.

Und dieser jemand hört mich. Riecht mich. Und sieht mich. Mit Sinnen, die den meinen haushoch überlegen sind.

Lauf nicht weg.

Mein Nacken beginnt zu kribbeln. Mit zitternden Knien richte ich mich auf und starre blicklos in den Wald.

„Bist du allein?“

Die Stimme kommt von irgendwo vor mir und ist so nah, dass es mir fast unmöglich erscheint, dass ich den Sprecher nicht sehen kann. Ich schlucke schwer. Ich hatte gehofft mehr Zeit zu haben

„Falls du bewaffnet bis, leg die Waffen nieder.“

Es klingt sachlich und ruhig, fast freundlich und macht mir bewusst, dass der Sprecher mich nicht als Bedrohung sieht. Nicht ein bisschen. Auch wenn er wahrscheinlich weiß, dass ich Soldatin bin. Mein Herz trommelt. Sie unterschätzen mich und genau das könnte mein einziger Trumpf sein. Mein Ass im Ärmel. Meine Geheimwaffe. Reyes hat das schon viel früher erkannt.

Zeig ihnen nicht, was in dir steckt. Körperlich magst du unterlegen sein. Aber du bist zäh. So viel zäher, als du aussiehst, Callagher. Und das musst du verbergen, solange es geht. Versteck die einzige Waffe, die du hast. Bis du nahe genug am Gegner bis. Und dann wird die Hölle losbrechen.

Ich straffe die Schultern und richte mich auf. „Ich bin nicht bewaffnet.“

Fehler. Gib nie zu, wie ausweglos deine Lage ist.

Ich beiße mir auf die Lippen und reiße die Augen auf. Nichts. Nur Weiß. Nur Dunkelheit. „Heb deine Hände und zeig deine Handflächen.“ Ich zögere. Es wäre wie eine Kapitulation. Ein Aufgeben. Ein sich auf den Rücken werfen und den Bauch zeigen vor einem Feind, der sich zweifelsfrei darin verbeißen wird.

„Niemand wird dich verletzen. Wir stellen nur sicher, dass du dich nicht selbst verletzt.“

Mein Kiefer wird so hart, dass meine Zähne knacken. Ich weiß, was der Sprecher sieht. Ich bin klein und zierlich, selbst für einen Menschen. Selbst für eine Frau. Jahrelanges Training konnte daran nichts ändern. Geschick habe ich nur in logischem Denken und Taktik gezeigt und beides hat mich nicht davor bewahrt als schwächstes Glied meiner Einheit angesehen zu werden. Sie haben es mich nie vergessen lassen- weder meine Ausbilder noch meine Kameraden. Ich habe mich nutzlos gefühlt, schwach und hilflos. Hineingeworfen in ein Leben, das ich so nie wollte.

Und trotzdem bis du Soldatin.

Ich versuche mir das in Erinnerung zu rufen. Hass durchfährt mich kurz und schmerzhaft, als ich an all die Jahre der Schikane und Entbehrung zurückdenke. An all die Jahre, in denen ich alles versucht habe, um dazuzugehören. Nur um jetzt hier zu stehen, verraten von meinen eigenen Leuten.

Ich hebe beide Hände in die Richtung, aus der die Stimme kommt ‚Wir‘ hat der Mann gesagt. Es fällt mir erst auf, als ich die Schritte vor und hinter mir höre. Ich fahre im Kreis herum wie ein gefangenes Tier.

Du BIST ein gefangenes Tier.

Drei Gestalten treten auf die Lichtung. Sie sind riesig – genauso, wie man sie mir immer beschrieben hat. Genauso, wie ich sie aus meinen Albträumen kenne. Langsam kommen sie näher. Sie haben keine Eile. Warum auch? Sie haben mich längst umzingelt- unnötig, wenn man bedenkt, dass ich selbst gegen einen von ihnen keine Chance hätte. Meine Lage ist ausweglos. Das weiß ich. Und sie wissen es auch. Weiße Wölkchen lösen sich von meinen Lippen, steigen in den Nachthimmel und verraten, dass ich nach Luft ringe.

„Wie ist dein Name?“, fragt der Mann, der der Anführer sein muss.

Ich antworte nicht. Nicht, weil mein Name etwas Besonderes wäre. Das ist er nicht. Ich habe bloß Angst, dass meine Stimme bricht, wenn ich sie benutze.

„Mein Name ist Zacharias.“

Er tritt so langsam vor, dass ich einen Moment lang tatsächlich glaube, dass er sich bemüht, mich nicht zu erschrecken.

Zwecklos.

Ich versuche, meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen und beobachte ihn. Er trägt sein dunkles Haar so lang, dass es ihm bis auf die Brust fällt. Es bewegt sich leicht im Wind und lässt ihn fast geisterhaft wirken. Ich kneife die Augen zusammen, doch mehr als schemenhafte Züge und verschwommene Umrisse kann ich nicht erkennen. Nervös überfliege ich den Wald hinter ihm.

Irgendetwas ist da. Du spürst es.

„Man hat uns garantiert, dass man dich unverletzt abliefert.“

Der Mann schnalzt missbilligend mit der Zunge und mein Blick knallt zurück zu ihm. Ich blinzle. Straffe die Schultern. Meine Stimme zittert nicht, als ich sie schließlich doch benutze.

„Ich bin nicht verletzt.“

Der Mann kommt noch einen Schritt näher, sodass sich die Schatten aus seinem Gesicht zurückziehen und der Mond seine Züge trifft. Er enthüllt ein markantes, schönes Gesicht, vollkommen glatt und symmetrisch. Es hat nichts gemein, mit den behaarten, blutrünstigen Monstern, die ich gelehrt wurde zu hassen. Ich starre ihm in die Augen.

Sie sind das einzige an ihm, das erkennen lässt, was er ist. Die Pupillen sind wie flüssige Lava. Ein sich bewegendes, wirbelndes Gemisch aus orange, rot und gelb. Ein brodelnder Vulkan mitten im Weiß des verschneiten Waldes. Seine Nasenflügel blähen sich und sofort richten sich meine Nackenhaare auf.

Er riecht dich.

„Du blutest.“

Ich starre ihn an und er nickt auf meinen Arm. Als ich nach unten schaue, sehe ich es. Ein feines, rotes Rinnsal, das über meinen Handrücken läuft und auf den Schnee tropft und ihn verfärbt. Natürlich- die Wunde in meiner Armbeuge, die von der Blutabnahme stammt, die man mir aufgezwungen hat. Ich wische mit dem Ärmel darüber, als wäre es nichts. Ist es auch nicht. Ich habe schon weitaus Schlimmeres überstanden.

„Es ist nur ein Nadelstich.“ Der Mann runzelt die Stirn. „Wozu?“ Meine Lippen kräuseln sich. „Um zu prüfen, ob sie die Richtige hier aussetzen.“ Er verzieht das Gesicht. Einen Moment sagt er nichts, dann wendet er sich langsam nach hinten. „Ist sie denn die Richtige, Gabriel?“, fragt er laut und gedehnt ins Nichts und plötzlich tritt ein weiterer Mann aus dem Wald.

Er überragt die anderen um fast einen halben Kopf – nicht, weil sie bei seinem Erscheinen kaum merklich das Haupt senken, was sie tun, sondern einfach, weil er riesengroß ist. Ich erkenne sofort, dass ich einen Fehler gemacht habe. Nicht der Sprecher ist der Anführer. Dieser Mann ist es.

Der Alpha.

Er bleibt so weit entfernt stehen, wie es die Lichtung zulässt und ich spüre seinen Blick auf mir, auch wenn ich ihn nicht richtig sehen kann. Schluckend warte ich auf das Urteil, das alles verändern wird und bete zu einem Gott, an den ich nie geglaubt habe, dass Hellreach einen Fehler gemacht hat. Obwohl ich weiß, dass es zwecklos ist. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie die Blutprobe dieses Mannes auf die meine reagiert hat.

Sie haben keinen Fehler gemacht.

„Ja.“

Das einzelne Wort knallt einer Kanonenkugel gleich über die Lichtung und trifft mich so hart ins Brustbein, dass ich zusammenzucke. Es ist totenstill. Der Mann vor mir, Zacharias, zieht die Augenbrauen nach oben und sieht mich abschätzend an. „Dann war der Weg wenigstens nicht umsonst“, sagt er trocken. Seine Stimmt klingt lässig, fast schon spöttisch, aber ich sehe, wie die Muskeln an seinen Schultern und Armen sich anspannen. Er ist nicht so ruhig, wie er mich glauben lassen will.

Keiner der Männer ist das.

Meine Augen zucken zurück zum Anführer, doch er ist bereits verschwunden. Ich blinzle und starre auf die leere Stelle, an der er eben noch gestanden hat und plötzlich wird mir klar, dass ich meine Frage vor drei Stunden falsch formuliert habe. Es ging nie darum, wohin ich übergeben werde.

Sondern an wen.