Kapitel 1
Ein lautes Poltern reißt mich aus dem Schlaf und ich taste mit halb geschlossenen Augen nach meinem Handy. Als ich die Tastensperre löse, und verschwommen die Uhrzeit auf dem Display erkenne, setzte ich mich auf.
Halb vier.
Das Poltern schwillt noch einmal an, bis es komplett abbricht und ich verschlafen die Beine aus dem Bett schwinge. Meine Füße berühren den flauschigen Teppich, den ich von zu Hause mitgebracht habe, damit ich mich wenigstens ein kleines bisschen wohler fühle.
Der Morgenmantel, den ich immer fein säuberlich über das Fußende meines Bettes lege, war ein Geschenk meines Vaters.
Man sieht ihm an, dass er seine besten Zeiten schon hinter sich hat, denn dass früher so schön Rot war verwaschen, die Ärmel ausgefranst und auch viel zu kurz. Dennoch ist es eine der wenigen Erinnerungen an meinen ihn.
Mein Vater starb, als ich fünfzehn Jahre alt war, an Krebs. Mom hat immer versucht, das alles von mir fernzuhalten, aber ich habe ihren Kummer und ihr Leid gesehen, jedes Mal, wenn sie ihm ins Krankenhaus gefahren ist. Ich habe ihn nie im Krankenhaus besucht. Nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil er es nicht wollte. Er wollte nicht, dass sein kleines Mädchen ihn so sah, und es macht mir noch heute zu schaffen, dass ich dieser Bitte folgegeleistet habe.
Mit einem Seufzer auf den Lippen schlüpfe ich in den angenehmen, vertrauten Stoff. Auch wenn ich Shorts und ein Top trage, würde ich in einem gemischten Wohnheim niemals einfach so die Tür öffnen.
Die Tür zu meinem Zimmer ist generell abgeschlossen, egal ob ich da bin oder in einer meiner Vorlesungen.
Natürlich weiß ich nicht, ob einer der früheren Bewohner dieses Zimmers noch einen Schlüssel hat, aber ich fühle mich so einfach sicherer. In diesem Zimmer, das ich nun seit ein paar Tagen mein neues Zuhause nennen darf, waren überall noch ein paar Hinweise an die Menschen, die hier früher gelebt haben. Löcher in den Wänden, Sticker an den Türen und auf dem Schreibtisch. Ich habe meine Mom gebeten, mir wenigstens eine neue Matratze zu kaufen, denn ich will nicht wissen, was auf der Campusmatratze alles passiert ist. Vielleicht etwas über vorsichtig, aber man soll sein Glück nicht herausfordern. Filzläuse sind das Letzte, das ich jetzt gebrauchen kann.
Als ich die Tür öffne, erstreckt sich vor mir,
verschwommen, das reinste Chaos. Ich hätte meine Brille aufsetzen sollen. Ohne fühle ich mich erstens etwas nackt im Gesicht und zweitens... Ich bin einfach blind, wie ein Maulwurf.
Dennoch erkenne ich die Klopapierbahnen, die sich über den gesamten Korridor erstrecken. Überall liegen und sitzen Alkoholleichen auf dem abgenutzten Linoleumboden, der zusätzlich auch noch mit allen möglichen leeren Alkoholflaschen und den typischen roten Plastikbechern übersät ist. Erneut seufze ich, als ich daran denke, dass ich in den nächsten Stunden irgendwie einen Weg durch dieses Chaos zu finden. Es ist mitten in der Woche, wie kann man da nur so ausarten? Manche Dinge werde ich wohl nie verstehen. »Hey.« Gerade als ich wieder in mein Zimmer zurück möchte höre ich neben mir jemanden lallen. Verwirrt drehe ich mich der Stimme entgegen und hebe eine Augenbraue. Ich hab den Typen noch nie gesehen! »Kann ich bei dir mal pinkeln?« Er rappelt sich an der Wand nach oben und kommt schwankend auf mich zu.
Vor lauter Panik quieke ich auf, packe die Tür mit beiden Händen am Türblatt und will sie zuschlagen. Doch zu meiner Überraschung ist der betrunkene Typ schneller, als ich denke und stellt seinen Fuß zwischen Tür und Rahmen, sodass ich sie nicht zu bekomme. »Ra....raus hier!« brülle ich erschrocken und versuche weiter ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Das Sperrholz beginnt gefährlich zu Knarzen, als würde es an der Stelle splittern, an der sein, in einen Stiefel gepackter Fuß Widerstand leistet. »Stell dich nich so an. Ich will doch nur pinkeln.« Ein fieses Grinsen erscheint auf seinen Lippen, dass ich noch immer nur verschwommen wahrnehme, und ich habe Mühe mich nicht angeekelt von ihm abzuwenden und dabei versehentlich die Tür freizugeben. Wo ist meine Brille, wenn ich sie brauche?
»Verschwinde!« Meine angsterfüllte Stimme erfüllt mein kleines Zimmer und den Flur davor. Immer verzweifelter versuche ich die Tür ins Schloss zu bekommen, selbst wenn das bedeutet, ihm den Fuß zu brechen.
»Hast du nicht gehört, was sie gesagt hat, Parker? Sie will das du verschwindest!« Hinter dem ekelhaften Grinsen und den breiten Schultern erscheint eine junge Frau, ungefähr in meinem Alter und fängt an, etwas grob an seinem grauen Shirt zu ziehen.
»Komm, du kannst bei mir pinkeln gehen.« Auch sie lallt, jedoch lange nicht so stark wie mein Gegenüber.
Dieser zieht langsam seinen Fuß zurück und kaum ist der Widerstand verschwunden knallt die Tür zu und ich schließe
Noch immer etwas benommen taumle ich zurück auf meinem Bett.
»Verdammt wa die spießig un dabei wollt ich doch nur pissen.« Parkers Stimme hallt durch den Flur und wird langsam leiser.
Auf dem Nachttisch taste ich nach meiner Brille, setze sie auf und schalte die kleine Lampe, mit dem rosa Papierschirm an.
Ja ich bin spießig. Na und? Ich weiß eben, was ich mit meinem Leben anfangen will und das ist eindeutig nicht jedes Wochenende betrunken in einer Ecke zu liegen (oder mir einen Typen nach dem anderen zu angeln).
Ich war noch nie dafür bekannt ein Party-Hase zu sein, selbst auf den Abschlussball meiner Highschool bin ich mit Dan, meinem besten Freund, gegangen. Aber auch nur, weil mich sonst niemand gefragt und er tagelang gebettelt hat. Lieber wäre ich Zuhause geblieben, hätte gelesen oder einen Film geschaut, doch Dan ließ nicht locker und ich mich breit schlagen.
Der Abend war das reinste Desaster.
Das erste Mal in meinem Leben hatte ich Alkohol getrunken, was Dan sofort ausnutzte um mir seine Zunge in den Hals zu stecken. Auch wenn er nicht mehr nüchtern war, hat das etwas in unserer Beziehung verändert. Ihm war es am nächsten Tag dann so peinlich, dass er unsere Freundschaft kurzerhand für beendet erklärt hat, und mir seitdem aus dem Weg geht. Den Kuss habe ich ihm schon lange verziehen, doch sein Benehmen danach nicht.
Das war vielleicht auch der Grund, warum es mir nicht so schwer fiel in New Jersey alle Zelte abzubrechen und mein Leben von Neuem zu beginnen. Zudem tat mir dieses eine Jahr Auszeit gut. Das war ein Jahr, in dem ich all die Bücher gelesen habe, die ich lesen wollte, all die Orte besucht habe, die ich schon immer einmal sehen wollte. Es war ein wundervolles Jahr, und es war mein Jahr. Aber auch die schönste Zeit geht irgendwann zu Ende und hier bin ich nun. Gerade zwanzig Jahre alt und in der ersten Woche an der Uni. Erneut schiele ich auf mein Handy, auf dem ganz groß steht, dass es kurz vor Fünf ist.
Erschöpft lasse ich mich in die Kissen zurück sinken und schließe die Augen, ohne meine Brille abzusetzen oder das Licht zu löschen.
Als mein Wecker, den ich immer auf dieselbe Uhrzeit stelle, anfängt zu klingen taste ich zum zweiten Mal an diesem Tag nach meinem Handy. Ich bin ein Gewohnheitstier und hasse es, wenn etwas meine Routine durcheinanderbringt. Selbst an den Wochenenden, oder in den Ferien klingelt er immer zur selben Uhrzeit. Das trieb meine Mom schon in den Wahnsinn, als ich noch ein Kind war.
Sechs Uhr.
Mit einem Stöhnen setzte ich mich auf und schiebe meine Brille zurück auf die Nase. Eigentlich hätte ich auch gleich wachbleiben können, denn ich fühle mich unglaublich gerädert. Noch immer habe ich das verschwommene Männergesicht vor Augen und ich hoffe inständig, dass ich es nie wieder sehen muss. Bei der Größe des Wohnheims könnte ich damit sogar Glück haben.
Ein Einzelzimmer in einem Wohnhaus an der Uni zu ergattern grenzt eigentlich an etwas, das man niemals hinbekommen kann. Doch ich hatte Glück. Ich habe meine Privatsphäre, mein eigenes Badezimmer und muss mich nicht mir irgendeiner nervigen Mitbewohnerin herumstreiten. Dem Grund, warum ich hier bin, steht also nichts im Wege. Ich kann studieren, ohne jegliche Störung. Mit Ausnahme vielleicht einer Party, in den Gängen, hin und wieder.
Mit bleischweren Beinen mache ich mich auf den Weg in mein Badezimmer und werfe meinem müden Spiegelbild einen flüchtigen Blick zu. Meine müden braunen Augen starren mir entgegen und meine langen, unbändigen braunen Locken sind das reinste Vogelnest. Ich schüttele den Kopf über mein Aussehen und entledige mich meiner Kleidung, die ich einfach auf dem Badezimmerboden liegen lasse. Ein paar wenige Augenblicke später füllt sich das gesamte Bad mit dem Dampf des warmen Wassers, das ich auf meine Haut prasseln lasse.
Ich greife nach meinem Shampoo, nur um es kurz darauf wieder weg zu stellen, weil es leer ist. Mit meinen langen Locken kann ich fast einmal in der Woche Pflegeprodukte kaufen gehen. Ich habe sogar schon einmal darüber nachgedacht mein Haar einfach abzuschneiden, aber ich will nicht, dass meine Mom umfällt, wenn sie mich das nächste Mal sieht.
Frustriert stelle ich das Wasser ab und nehme mir ein Handtuch vom Hacken neben der Dusche, um es mir um den Körper zu schlingen.
Dieser Tag wird schlimmer und schlimmer.
Ich fahre mit der Hand über den beschlagenen Spiegel und auch ohne Brille erkenne ich die dunklen Ringe unter meinen Augen. Kopfschüttelnd verlasse ich das Bad und hinterlasse dabei nasse Fußspuren auf dem alten verkratzten Holzboden. Wenn ich mich ein wenig um mein Zimmer kümmern kann, dann kann es hier ganz schön sein. Immerhin hat das Zimmer einen gewissen Charme.
Mit dem Handtuch um den Körper und eines um den Kopf lasse ich mich auf die Bettkante nieder. Ich blicke mich nachdenklich um. Vielleicht bleibe ich heute einfach im Bett und lasse diese eine Vorlesung aus dem zweiten Semester einfach ausfallen. Kaum besetzt dieser Gedanke meinen Kopf, kann ich die Stimme meiner Mutter hören, die mir die Leviten liest, weil sie es absolut nicht gutheißt, wenn ich blau machen würde. Sie ist diejenige, die mich immer zu Höchstleistungen treibt und mich dazu bringt, selbst samstags Vorlesungen aus einem anderen Jahr zu besuchen um ja gut vorbereitet zu sein. Dennoch kann ich noch immer nicht glauben, dass ich seit einer Woche hier und damit frei bin.
Frei von der Kontrolle meiner Mutter, die mich in ihre „Hausfrauenkreise" einführen möchte. Und dennoch hängst du jeden Tag in deinem Zimmer und vergräbst dich in deinen Büchern.
Eine Stimme meldet sich in meinem Kopf, doch ich ignoriere das fiese Gekicher.
Wie immer. Noch nie habe ich auf diese Stimme gehört. Es sei denn es ist die Vernunft, die zu mir spricht und diese spricht normalerweise ziemlich häufig mit mir. Sie ist für mein Studium verantwortlich und dafür, dass ich mich hinter meine Bücher klemmte, mich nur auf das Lernen konzentriere und mich von nichts ablenken lasse.