Kapitel 1 Tamina
Die Sonne scheint sanft durch die Fenster und taucht Taminas und Tamuels Wohnung in goldenes Licht. Es ist ruhig, als ob alle noch schlafen würden. Plötzlich ertönt ein lautes Klappern. Jemand scheint etwas umgeschmissen zu haben und die Ruhe findet ihr Ende. Fluchend tritt Tamuel aus seinem Zimmer, reibt sich den Zeh, sein Gesicht schmerzverzerrt. Er ist wieder einmal in den metallenen alten Kleiderständer getreten.
Verdammt, wie soll der Tag nur werden, wenn er so beginnt? Tamina, willst du auch Kaffee? In Taminas Zimmer ist es still; sie scheint vom Lärm nicht aufgewacht zu sein. Tamuel denkt sich: Ach Teufel, wie immer liegt die Langschläferin noch im Bett. Seine Gedanken werden lauter und aufdringlicher. Tamina, steh auf! Heute ist ein wichtiges Zirkeltreffen, und wir sind spät dran!
Tamina dreht sich genervt auf die andere Seite. Ihre Hände werden schwitzig, und sie zittert. Zuerst mal ein tiefer Atemzug. Sie ist nervös wegen des Zirkeltreffens, da es ihr einfach zu viele Menschen sind. Aufgrund ihrer Gabe, die es ihr ermöglicht, die Zukunft sowie die Gedanken und Gefühle anderer zu sehen, ist sie oft überfordert. Es ist als ob ihr die Luft zum Atmen genommen würde. Ihre eigenen Gedanken werden verdrängt und sie fühlt sich als ob ihr Selbst weiterweg rücken würde.
Trotzdem rafft sich Tamina auf und begibt sich in die kleine Küche. Tamuel ist ihr geliebter Zwillingsbruder. Sie stehen sich sehr nahe und teilen eine besondere Verbindung. Aufgrund ihrer Gabe sind sie gedanklich jederzeit miteinander verbunden, es sei denn, sie sind sehr weit voneinander entfernt. Natürlich ist es nicht immer einfach die Gedanken miteinander zu teilen. Es gibt nie, und wirklich nie Geheimnisse.
Tamina setzt sich an den Tresen ihrer kleinen, süßen Küche und erhält eine Tasse Kaffee. Ihre Tasse ist eine Eule aus Harry Potter, auf die sie sehr stolz ist. Tamuel küsst sie auf die Schläfe und setzt sich neben sie. Wie geht es dir?
Als er in Taminas Gedanken ein Chaos bemerkt, muss er lächeln. Er weiß genau, was sie jetzt braucht. Los, komm, du hast wieder Chaos im Kopf. Lass uns Sport machen und eine Yoga-Session einlegen.
Tamina lächelt dankbar, aber am morgen früh Sport? Bah, muss das sein? Trotzdem lässt sie sich darauf ein, denn Tamuel möchte nur ihr Bestes. Vor allem kennt er sie am besten.
Der Sport hat gutgetan; Tamina ist nun wacher und klarer im Kopf, wirkt jedoch immer noch besorgt. Ihre Augen sind weit aufgerissen und ihr Herz beginnt zu galopieren. Tam, ich habe heute ein ungutes Gefühl für das Zirkeltreffen. Ich habe zwar nichts gesehen, aber meine Vorahnung lässt mich schaudern. Tam schaut bestürzt zu seiner Schwester hinüber. Scheiße, muss das heute passieren? Ich habe mir schon beim Aufstehen gedacht, heute wird ein anstrengender Tag.
Er schaut auf die Uhr. Verdammte Scheiße, Tami, wir sind wirklich spät dran! Wir müssen uns beeilen mit Duschen. Um 11 müssen wir im Zirkelhaus sein, und mit der U-Bahn aus New York raus ist echt nicht lustig.
Tamina springt auf, duscht und schminkt sich ein wenig, nur damit sie nicht so blass aussieht. Im Spiegel sieht sie ein 22-jähriges Mädchen mit mondlichtweißen Haaren und blassblauen Augen. Selbst in ihren Augen erkennt sie die Nervosität und Angst vor heute. Los, Tami, du schaffst das. Du siehst heute umwerfend aus. Wieso sage ich mir das immer wieder, auch wenn ich es nicht glaube? Naja, besser ich denke es und glaube es irgendwann.
Tamina weiß, dass sie nicht hässlich ist, doch neben ihrem wunderschönen Bruder fühlt sie sich wie eine ausgewaschene Version von ihm. Sein funkelndes Blau erinnert an einen ruhigen Ozean, seine Haare sind blond, eine Nuance dunkler als ihre, wie goldene Weizen im Sonnenuntergang. In seiner ganzen Erscheinung strahlt er, genauso wie seine Persönlichkeit. Er ist ein totaler Lebemensch und Beschützer gegenüber Tamina.
Tamina zieht Jeans und einen schwarzen Pullover an, dazu ihre geliebten, aber abgenutzten Chucks. Tam, ich bin fertig! Wo bist du? Also, fertig bin ich jetzt schon mit meinen Nerven, doch wir können los.
Tamuel tritt ebenfalls in Jeans und einem schwarzen Kapuzenpullover auf. Auch er trägt seine abgenutzten schwarzen Chucks. Tamina lächelt; sie liebt es, wenn sie sich im Partnerlook kleiden. Das lässt sie sich nicht allein fühlen.
Tam, du musst einen Regenschirm mitnehmen;heute wird es regnen, wenn wir nach Hause fahren.
Ach, shit, Tami, was hat der Tag heute alles für Hürden für mich geplant?
Mein lieber Bruder, du musst dich vor heute nicht fürchten. Es wird dir nichts passieren.
Was meinst du damit, wem wird etwas passieren?
Niemandem. Ich sehe für heute nicht viel. Ich habe nur ein sehr ungutes Gefühl, als ob etwas Großes in nächster Zeit geschehen könnte. Doch das muss nichts heißen. Du weißt, die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt; sie kann sich immer noch ändern.
Tam schweigt, nimmt den Regenschirm und sie verlassen ihre kleine, gemütliche Wohnung im Herzen von New York.
Sie leben nicht im besten Viertel von Manhattan, doch dafür zahlen sie nicht viel Miete. Draußen scheint die Sonne, nichts lässt den kommenden Sturm vermuten. Die Blätter fallen in sanften Orange- und Brauntönen von den Bäumen und tanzen im Wind. Tamina und Tam eilen zur U-Bahn; sie sind sehr spät dran.
Tamina, stolpere nicht über deine Schnürsenkel, die sind offen! Wir müssen uns wirklich beeilen!
Tam, warte kurz! Lass mich meine Schuhe binden. Hetz mich nicht so, du weißt doch, dass ich das nicht ertrage.
Zehn Minuten später sitzen sie in der U-Bahn nach Tarrytown.
Man, Tam, wieso hast du mich heute nicht geweckt? Wären wir früher aufgestanden, hätten wir nicht so einen Stress gehabt den ganzen Morgen.
Naja, Tami, ich hatte doch gestern dieses Date, und der ist erst heute Morgen früh gegangen. Da musste ich noch ein wenig Schlaf nachholen.“Tam zwinkert Tami mit einem strahlenden Lächeln an.
Wie ich sehe, hat sich das Date gelohnt, und du willst dich nochmals mit ihm treffen.
Ja, er war richtig gut.
Tamina muss lachen, typisch Tam. Wenn du nicht aufpasst, holst du dir noch eine Geschlechtskrankheit, so viele Dates wie du in letzter Zeit hast.
Tam winkt ab. Weißt du, ich bin nur einmal jung und muss mein Leben jetzt genießen.
Du bist noch wirklich jung. Hast du vergessen, dass wir Hexen länger leben?
Tam sieht kritisch zu seiner geliebten Schwester hinüber. Tami, du weißt nie, was passieren könnte. Die Zukunft ist unbeständig und kann sich je nach Entscheidungen der Menschen ändern.
Ja, aber wie du weißt, haben wir nicht gerade wenig Magie in uns, und je nachdem, wie viel Magie jemand besitzt, so lange leben wir.
Ach, hör auf! Ich will doch gar nicht tausend Jahre leben.
Weißt du was, Tam? Wir sprechen besser über etwas anderes. Mir über deinen Tod Gedanken zu machen, macht mich traurig.
Tam schaut zu seiner Schwester hinüber. Diese bindet sich nun zum zweiten Mal ihren Schnürsenkel neu. Er muss lachen. Hahaha, wieso muss sie immer so verpeilt sein? Typisch Tami.
Hey, ich höre deine Gedanken! Schon vergessen?
Tam lacht laut auf. Nach einer 30-minütigen Fahrt kommen sie endlich in Tarrytown an. Tamina sieht sich nach allen Seiten um, sucht nach ihrer Mitfahrgelegenheit. Zum Herrenhaus des Hexenzirkels wäre es zu Fuß ein rechtes Stück zu gehen. Am Ende des Parkplatzes steht ein grüner Truck, auf dem mehrere Kisten mit unbestimmtem Inhalt liegen. Plötzlich hört sie laut in ihrem Kopf jemanden singen: Late one night. You dug me out of my grave and saved my heart from the fate of Ophelia.
Tamina schüttelt ihren Kopf. Das kann doch nur Amy sein. Tam, Tam, Amy ist hier! Ihre Gedanken sind voller Sehnsucht und Freude. Sie hat ihre liebevolle Tante vermisst. Sie ist wie eine Mutter für die Zwillinge, welche ihre Eltern nie kennengelernt haben. Sie wurden als Babys in einer stürmischen, regnerischen und kalten Nacht vor dem Ghostly Gaze dem Haupthaus ihres Hexenzirkels, auf der Türschwelle zurückgelassen. Währenddessen sich die Eltern der zurückgelassenen Babys auf und davon machten. Niemand weiss was passiert ist, dass sie verschwunden sind. Niemand hat je Nachricht von ihnen erhalten. Doch die Zwillinge wurden von Tante Amy liebevoll im Zirkelhaus grossgezogen.
Sie stürzt los und lässt Tam einfach stehen. Er folgt ihr in gemütlichem Tempo und beobachtet, wie sich seine Schwester in die Arme ihrer Tante Amy wirft. Amy ist eine kleine, rundliche Frau mit blondem Haar und blauen Augen wie Tam. Doch vom Charakter ist sie genau wie Tami. Er muss schmunzeln; diese Verpeiltheit hat Tami sicherlich von ihrer Tante geerbt. Wieso müssen die beiden so gleich sein? Jetzt habe ich beide an der Backe.
Gleich darauf wird auch er in die Arme ihrer Tante geschlossen. Es ist eine warme und herzliche Umarmung. Amy spricht: „Na, ihr beiden, endlich wieder zuhause! Ihr habt hier gefehlt.“
Tamina verzieht das Gesicht. „Na, weißt du, in der Stadt ist es auch ganz toll.“
Amy streckt Tami die Zunge raus. Tam versucht danach zu greifen, doch schwubs, Amy ist schneller. Sie zwickt ihn in die Seite. „Mein kleiner Frechdachs, ich habe dich vermisst.“
„Au, Tante Amy, ich habe dich auch vermisst.“
„Nun kommt ihr zwei, wir sind spät dran und müssen zum Zirkel.“
Nach einer 15-minütigen Fahrt kommen sie endlich in der Villa Ghostly Gaze an. Die Villa Ghostly Gaze liegt seit Jahrzehnten in den Händen des Zirkels der Guardian of Nature. Amy gibt den Code für das Eingangstor ein. Der Weg macht eine Biegung, und nun wird die Villa sichtbar.
Es ist ein stattliches Herrenhaus, gebaut Ende des 19. Jahrhunderts. Das Haus wurde im viktorianischen Stil errichtet und hat eine reichlich verzierte Fassade aus Backsteinen mit mehreren Erkern und zwei kleinen Türmchen. An den Seiten der Balkone wächst Efeu hoch und verleiht dem Haus seinen ganz besonderen dunklen Charme.
Die beiden Flügeltüren öffnen sich, und ein stattlicher Mann mittleren Alters mit Hakennase tritt heraus. Tam schaut zu seinem Bruder rüber. Siehst du, Alastor, ich glaube, er kann den Stock nicht noch tiefer im Arsch haben. Tam lacht aus vollem Halse, worauf Amy ihm einen bösen Blick zuwirft. Die Tante raunt: „Benimmt euch, ihr zwei, es ist nur für heute.“
Alastor, der Großmeister des Zirkels, wirkt sehr erhaben. Er trägt jederzeit einen Anzug mit Anstecktuch. Alles muss in seiner Anwesenheit perfekt sein – und ich meine wirklich alles. Von der Kleidung bis zum Benehmen, alles muss passen. Tamina atmet tief ein und begibt sich Schritt für Schritt zu Alastor. Tam folgt ihr langsam, als wolle er sich hinter seiner viel kleineren Schwester verstecken.
Jetzt sind diese lästigen Kinder schon wieder hier. Warum nur? Was habe ich getan, um diese Strafe zu verdienen? Wie bekomme ich sie nur los? Tami hört Alastors Gedanken, bis er schnell seine geistige Barriere hochzieht.
Nun ist sie schon wieder genervt von ihm. Immer ist er so höflich, doch in seinen Gedanken kann es schon mal abgehen. Wie kann man nur Großmeister werden, wenn man an allem etwas auszusetzen hat und ständig am Nörgeln ist? Tam antwortet in Tamis Gedanken: Weißt du, er will uns doch nur loswerden, weil er neidisch ist. Er will deine Fähigkeiten, Tami. Zudem magst du dich noch an diesen Vorfall erinnern?
Ja, aber im Ernst, wie kann man nur so höflich sein und in seinen Gedanken so gemein?
Naja, du musst ihm wenigstens lassen, dass er seine Aufgaben im Zirkel erledigt. Zwar mit wenig Spaß und viel Strenge, doch er leitet den Zirkel sehr erfolgreich.
Alastor tritt vor und reicht Tam seine Hand. „Willkommen zurück in der Villa Ghostly Gaze.“ Tam reicht ihm seine Hand und zuckt zurück. Scheiße, der Elektromagier Großmeister hat mir ein Zwick verpasst.
Achtung, Tami, er wirkt sehr geladen, seine Hand zwickt.
Tam, du kannst dir sicher sein, er wird mir seine Hand nicht reichen. Er hat nämlich Angst, dass ich all seine Erinnerungen sehe.
Und so war es: Alastor tritt einen Schritt zurück und sagt zu Tamina und Amy: „Auch ihr seid herzlich willkommen. Amy, kannst du bitte Tam seine Arbeit zeigen? Er soll die Opfergaben für die Erde zu ihrer Befriedigung vorbereiten. Ich habe mit Tamina noch etwas zu besprechen.“
Tam knirscht mit den Zähnen. Tami, schaffst du das allein?
Na klar, geh nur. War klar, dass er dir die schmutzigste Aufgabe übergibt, dieser Ekel.
Hahaha, du kennst mich doch. Von sowas lasse ich mich nicht unterkriegen.
Alastor blickt zu Tamina und fordert sie auf, ihm in sein Büro zu folgen. Das Herrenhaus ist innen sehr opulent eingerichtet, mit schweren weinroten Vorhängen, kunstvollen persischen Teppichen und antiken dunklen Möbeln. Er führt sie durch einen breiten Gang, an dessen Decke ein tiefschwarzer Kronleuchter hängt. Es wirkt, als würden die Kerzen das Licht nicht ausstrahlen, sondern schlucken. Dies verleiht dem gesamten Gang eine düstere Atmosphäre. Gleich dahinter befindet sich ein großer Raum, in dessen Mitte ein Baum unter einem kuppelförmigen Glasdach steht.
Das Licht fällt durch das Glas, als ob es dort geboren würde. Wie ein teuflischer Atem entfaltet es sich und breitet sich über den Raum aus, ein leuchtendes Band, das den Raum erhellt. Der Baum war einst vor Jahrtausenden eine Darbietung der damaligen Fae-Königin an die Hexen-Königin. Es hieß, es war ein Geschenk unter Geliebten. An den übrigen Seiten gibt es jeweils eine Holztür mit Messinggriff, von der schönen verschnörkelten Sorte. Alastor steuert direkt auf die rechte Tür zu.
Unterdessen ist Tami am Grübeln. Verdammt, wieso werde ich aus seinen Gedanken nicht schlau? Wieso denkt er in seinem Kopf angestrengt an die Zahlungsbücher des Zirkels? Kann der Mann denn nicht mal normale Gedanken haben wie jeder andere Mensch?
Tamina folgt Alastor in sein Büro. Sie erschrickt. Teufel nochmal, was ist denn das für ein schreckliches Ding? Es starren sie glasige Augen eines gigantischen Bären an. Beim näheren Betrachten erkennt sie, dass sein Fell struppig geworden ist und sich eine Staubschicht auf ihm befindet.
Ach, das muss wieder mal eine von Alastors Jagdtrophäen sein. Dieses arme Ding musste auf so grausame Weise sterben. Er war wohl gehetzt worden, bis er schließlich die Augen für immer schloss. Tamina blickt sich um und starrt in noch mehr gläserne Augen. Einige sind ihr bekannt, andere müssen wohl neu sein.
Daraufhin setzt sich Alastor hinter einen gewaltig massiven Eichenschreibtisch und ergreift das Wort. „Setz dich, doch es wird eine Weile dauern, dir alles zu erzählen. Der Zirkel wird deine Hilfe benötigen.“ Tamina setzt sich auf einen mit Leder gepolsterten Holzstuhl.
Nun scheint Alastors Abwehr gegen ihre Gedankensicht zu bröckeln. Immer mehr Bilder von Dämonen blitzen durch, seine Angst greift schwelend nach seinen Gedanken. Oh nein, was ist nur passiert? Wieso kann er mir nicht einfach seine Hand geben und mir zeigen, was in der Vergangenheit passiert ist? Ich könnte so einfach in seine Gedanken eintauchen und alles herausziehen, was ich brauche.
Tamina durchzuckt ein kalter Schauer, als sich in Alastors Gedanken ein schreckliches Bild entfaltet. Vor ihr erscheinen die leblosen Körper aller Zirkelmitglieder, zusammengeworfen wie Spielzeugfiguren im Vorhof. Doch das Grauen hört hier nicht auf: Die Köpfe der Gefallenen sind brutal aufgespießt und bilden einen grotesken Kreis um den Vorhof, als wären sie Teil eines teuflischen Rituals. Im Hintergrund lodert ein gnadenloses Feuer, dessen flackernde Flammen die düstere Szene in ein gespenstisches Licht tauchen und die Schreie der Vergangenheit in die Luft tragen.
Tamina ergreift ein Schaudern, und die böse Vorahnung vom Morgen schleicht sich einen Weg zurück zu ihr. Sie kriecht leise an und legt sich mit enormem Gewicht in ihren Nacken. Tamina keucht leise auf und ergreift das Wort. „Großmeister, deine Gedanken machen mir Angst. Was ist passiert?“
Alastor erzittert ebenfalls und seufzt tief. „Ich werde es dir erklären.“ Tamina wartet ungeduldig, bis er beginnt zu erzählen. Sie weiß, es ist unhöflich, jemanden um seine Gedanken zu bitten. Man, wieso kann er mir nicht einfach zeigen? Das würde viel schneller gehen. Wieso muss er so prüde sein? Ist ja nicht so, dass ich nie andere Gedanken von Menschen sehen würde.
„Nun, vor einer Woche hat eine Gruppe der Witchers Spear brisante Infos aufgedeckt.“ Die Witchers Spear ist eine Spezialeinheit von Hexen, die auf der ganzen Welt im Einsatz sind, um das Gleichgewicht zwischen der magischen Bevölkerung, den Menschen und der Erde zu schützen. Auch Tamuel ist bei ihnen tätig. „Und zwar konnte eine der Spezialeinheiten Geheimpläne der Dämonen für das nächste halbe Jahr freilegen. Um es kurz zu sagen: Sie sind in das Heim des Dämonenkönigs der Wut eingebrochen und konnten einen Gefangenen retten. Bei diesem Gefangenen handelt es sich zufälligerweise um einen hohen General, der für die Nachversorgung der Truppen verantwortlich war. Im Moment befindet er sich in einem unserer Kerker.“
„Wieso sitzt er in einem Kerker, wenn er so wie es aussieht Infos geliefert hat? Und wieso wurde er von der eigenen Rasse eingesperrt? Ist er überhaupt vertrauenswürdig?“
„Nun, er ist immer noch ein hoher Dämon, der uns hinters Licht führen könnte.“
„Soll ich mich ihm annehmen?“
„Ja, sehr gerne, aber warte noch. Ich erzähle dir kurz weiter, was dieser Dämon zu berichten hatte. Er behauptet, die Dämonen seien unzufrieden mit unserer Arbeit. Es würde bald eine Verwarnung ihrerseits gegenüber den Hexen geben. Zudem seien sie auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Es gab sogar bereits einen Einbruch in die Kathedrale von Santiago de Compostela.“
Tamina bleibt ruhig; sie ist sprachlos, und ihre Gedanken ratterten in ihrem Kopf. Der Heilige Gral? Wieso suchen sie nach dem Heiligen Gral? Was können sie nur wollen? Horrorszenarien beginnen sich in ihrem Kopf zu bilden. Der Heilige Gral soll Glückseligkeit, ewige Jugend und Speisen in unendlicher Fülle bieten. Er ist ein Wunder, das ewige Lebenskraft der Erde spendet.
Verdammtes Szenario! Wenn die Dämonen den Heiligen Gral in die Hände bekommen, hätten sie die Kontrolle über die gesamte Erde. Sie könnten entscheiden, welche Regionen fruchtbar sind und welche nicht. Das würde die sozialen Schichten weiter auseinanderdriften lassen und Diskriminierung verstärken. Am Ende könnte es zu einem offenen Krieg wegen Lebensmittelknappheit kommen. Sie würden das Glück der Erde auslöschen und die Völker in Chaos stürzen. Die Dämonen würden wahrscheinlich sogar die magischen Völker für ihre finsteren Pläne opfern. Aber was ist eigentlich ihr Ziel?
Ich weiß, dass wir Hexen in letzter Zeit nicht gerade gute Arbeit geleistet haben und die Erde überbevölkert ist, was sie an den Rand mehrerer gefährlicher Kipppunkte bringt. Aber das rechtfertigt doch nicht, dass man diese Tragödie über alle Bewohner der Erde bringen sollte!
Tamina sieht den Großmeister mit weit aufgerissenen Augen an und muss fragen: „Wie weit sind die Dämonen bereits mit der Gralssuche? Und was haben unsere Leute dagegen bereits unternommen? Wir unternehmen doch etwas dagegen, oder?“
„Natürlich unternehmen wir etwas dagegen. Dazu brauchen wir aber genauere Infos. Deshalb wollte ich dich bitten, dich dem Gefangenen anzunehmen. Wir müssen herausfinden, was die Dämonen bereits erreicht haben und vor allem, was in naher Zukunft geplant ist. Wir müssen herausfinden, wer für die Gralssuche verantwortlich ist.“
„Großmeister, wann habt ihr diese Infos erlangt, und wieso wurde ich nicht früher hergeholt, um zu helfen?“
Alastor gibt darauf keine Antwort, doch in seinem Kopf kann sie deutlich den Widerwillen erkennen, mit ihr zusammenzuarbeiten. Verdammt, wieso kann dieser Mann nicht endlich mal die Vergangenheit ruhen lassen? Ich habe den Vorfall doch nicht absichtlich gemacht. Ich kann doch nichts für meine Gabe, oder ist es doch ein Fluch? Naja, wer weiß.
Alastor spricht erneut zu ihr. „Komm, als erstes gehen wir in den Salon. Das Ritual sollte bald beginnen.“
„Ich will jetzt nicht in den Salon! Es ist doch viel wichtiger, so schnell wie möglich die Infos zusammenzubekommen. Ihr habt sowieso schon zu lange gewartet!“
In dem Moment, in dem sie ihm einen scharfen Vorwurf macht, weiß Tami, dass sie eine Grenze überschritten hat. Sie versucht, die Situation zu retten. „Verzeiht, Meister, ich wollte euch nichts vorwerfen. Ich weiß, ihr leistet großartige Arbeit.“
Alastor spricht mit wutverzerrtem Blick. „Kenne deinen Platz, Tamina.“ Der Großmeister holt aus und klatscht ihr die Rückseite seiner rechten Hand auf ihre linke Wange. Schmerz explodiert hinter ihren Augen, und sie weicht einen Schritt zurück. Doch kein Wort verlässt ihren Mund. Diese Blöße werde ich mir vor dir, altem Sack, nicht geben lassen. Du kannst mich schlagen, so oft du willst, doch ich werde nicht vor dir kuschen. Ich bin mir deiner ekelhaften Hand wohl bewusst.
„Nun, Tamina, wir gehen jetzt in den Salon. Beweg dich.“ Tamina gehorcht widerwillig; sie traut sich nicht mehr, ihm zu widersprechen.