Zwischen Sternen und Straßen

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Summary

Triggerwarnung! Diese Geschichte enthält Darstellung von verstorbenen Tieren, Trauer und Verlust. Zwischen Sternen und Straßen – Ein stilles Märchen Suri und Flinte erwachen im Inneren eines Tierkrematoriums. Sie fliehen in eine Welt, in der kein Wind weht und kein Laut erklingt. Nur der Mond begleitet ihre Schritte. Auf ihrer Reise begegnen sie anderen verlorenen Seelen und teilen Geschichten von Liebe und Verlust. Schritt für Schritt führt sie der Weg zu einer Legende, die Trost verspricht: der Regenbogenbrücke. Ein leises Märchen über Freundschaft, Erinnerung und den Mut, loszulassen.

Genre
Drama
Author
Jule
Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Die Erkenntnis

Es roch nach Metall, Blut und etwas, das schon längst vergangen war. Süßlich, schwer, wie eine Erinnerung an Verwesung. Die Kälte, die den Raum füllte, war falsch. Es war kein Frösteln, das von außen kam, sondern mehr eine Leere, die in den Wänden wohnte. Selbst als sich die Hitze zu regen begann, blieb sie spürbar, wie der Atem eines Stahlsarges.

Suri blinzelte, rümpfte die Nase. Vor ihr lagen ihre eigenen Pfoten, braun und vom matten Licht gestrichen, als hätte der Traum, aus dem sie kam, noch Farbe an ihnen zurückgelassen. Nebel hing in ihrem Kopf, flüchtig und zerrissen, so nah und doch unerreichbar. Sie lag auf dem harten Boden, umgeben von grauen Wänden, die im Dämmerlicht stumpf schimmerten. Als ihr Blick klarer wurde, erkannte sie, dass sie nicht allein war.

Nur ein paar Schritte entfernt lag ein Hund, dessen Fell schwärzer war als jede Nacht, die sie kannte. Seine Ohren trugen die kantige Anmut eines Wolfes. „Hey… hey, du“, flüsterte sie zögerlich, als fürchte sie, die Stille zu stören. „Weißt du, wo wir hier sind?“

Der Fremde kniff die Augen zusammen, noch schwer vom Erwachen. „Lass mich mal sehen“, murmelte er, und sein Blick glitt langsam durch den Raum. Die Decke ragte hoch über ihnen, schwärzer als ein Abgrund, von dem kein Licht zurückkehrte. An den Wänden zeichneten sich dunkle Schächte ab, wie geöffnete Münder, deren Zweck er nicht verstand. Unter ihren Pfoten vibrierte der metallene Boden, kalt und hart wie blanker Stahl.

Der Geruch drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nicht nur Metall und Hitze, sondern etwas, das gebrannt hatte. Etwas, das einmal lebte. „Ich weiß nicht genau…“, antwortete er leise. „Aber wir sollten einen Ausgang suchen.“

Suri fühlte, wie ihre Unruhe wuchs. „Das gefällt mir nicht. Das ist gruselig.“ Sie richtete sich auf, ihre Schritte hallten leise. Sie prüfte jede Ecke, hob den Blick. Und dann sah sie es. Hoch oben, an der Wand, ein kantiger Umriss. Eine Luke, vielleicht eine alte Lüftung, durch die ein schwacher Schimmer drang. „Sieh mal, da oben“, rief sie leiser, fast hoffnungsvoll. „Vielleicht… kommen wir da raus?“

Flinte hob den Kopf. Hoch über ihnen zeichnete sich ein schmales Fenster ab, von einem lamellenartigen Gitter verschattet. Groß genug, um hindurchzupassen. „Das könnte klappen“, murmelte er nach kurzem Blick. Suri hechelte aufgeregt, ihre Vorderpfoten trippelten unruhig über den Boden. „Ja? Meinst du? Dann los. Wie kommen wir da hoch?“ Sie stemmte sich auf die Hinterbeine, krallte mit den Vorderpfoten an der Wand entlang. „Wenn ich mich strecke, komme ich fast mit einer Kralle an die Kante“, rief sie, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Hoffnung.

Flinte musterte sie kurz. In der Bewegung erinnerte sie an einen zu klein geratenen Labrador, nur mit dichterem Fell und den langen, seidigen Ohren eines Setters. Als er sich aufrichtete und neben sie trat, überragte er sie deutlich. Mit seiner Größe konnte er das Fenster erreichen. „Lass mich mal. Geh ein Stück zur Seite.“ Suri machte Platz. Flinte stellte sich auf die Hinterbeine, seine Vorderpfoten glitten an der Wand hoch, und schon erreichte seine Schnauze das Fenster. Die Klappe gab unter leichtem Druck nach. „Komm, ich helfe dir hoch. Ich kann alleine springen.“

Suri nickte, machte einen kleinen Satz und landete auf seinem Rücken. „Drück gegen die Klappe, dann geht sie auf.“ Sie stieß mit beiden Pfoten dagegen. Das Metall löste sich ruckartig aus der Halterung und fiel nach draußen, wo es dumpf aufschlug. Kühle Nachtluft strömte herein, getragen vom fahlen Licht des Mondes. Die Strahlen fielen in den Raum und enthüllten etwas, das ihnen den Atem nahm.

Suri erstarrte. „Wieso… liegen wir noch da?“ Unter ihnen, im Halbdunkel, zeichneten sich ihre eigenen Körper ab. Regungslos. Still. Flintes Blick weitete sich. Ein neuer Geruch drang in seine Nase, heiß, trocken, beißend. „Raus hier. Sofort“, knurrte er leise, und seine Stimme vibrierte vor Dringlichkeit. Suri kletterte durch die Öffnung, Flinte folgte mit einem kraftvollen Sprung. Kaum hatten sie festen Boden unter den Pfoten, brach hinter ihnen das Feuer aus. Ein gleißendes Aufleuchten, als hätte jemand die Nacht zerrissen.

Da standen sie. Auf hartem Teer, in einer Nacht, die klar und kühl über ihnen lag. Der Mond schien wie poliertes Silber, warf lange Schatten über den Boden. Hinter ihnen fauchte der Ofen, ein gedämpftes Grollen aus Hitze und Flammen, die durch die geöffnete Luke glühten. Das Licht pulsierte unruhig über den Asphalt, roch nach verbranntem Fleisch und heißem Metall. Flinte atmete tief, sein Blick blieb an dem, was sie zurückgelassen hatten. „Waren das wirklich wir? Oder… haben wir jemanden vergessen?“ Suri fiepte leise. „Ich hab uns erkannt. Ganz genau. Ich hab es gesehen…“ Ihre Stimme zitterte. „Wie kann das sein?“ Eine Schwere legte sich auf sie, so dicht wie der Rauch, der noch aus dem Ofen kroch. Um sie herum herrschte eine Stille, die nicht atmete. Keine Bewegung. Kein Laut. Nur der Mond, der sie anstrahlte, als würde er allein für sie scheinen.