Feuer und Blut

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Summary

Lennon kennt nur ein Gesetz: Töte die Feinde der Krone. Als beste Jägerin der Sylen - einer gefürchteten Assassinenorganisation - ist sie besessen davon, den Anführer der Abtrünnigen zu finden. Die Rebellen sabotieren Handelrouten und brennen Vorräte nieder. Für Lennon gibt es keine Grauzonen. Nur Schuldige. Trotzdem bleibt ihr der Zugang zu den wirklich wichtigen Einsätzen verwehrt. Bis sie einem Auftrag zugeteilt wird, der alles andere als gewöhnlich ist: Sie soll mit dem König von Nyvaron zusammenarbeiten, um die Abtrünnigen endlich aufzuspüren. Und König Vaelric Morvain ist nicht das, was sie erwartet hat. Er ist letzte Drachenreiter Elarions-mächtig, ja, aber vor allem charismatisch. Lennon traut ihm nicht. Sollte sie auch nicht. Doch je näher sie ihm kommt, desto schwieriger wird es, seinem Charme nicht zu erliegen. Und dann trifft sie den Mann, von dem sie sich geschworen hat, ihn zu töten. Den Anführer der Abtrünnigen. Und mit einem Mal beginnt ihr Weltbild zu kippen, weil sie erkennt, dass man ihr mehr verschwiegen hat, als sie bereit ist zu akzeptieren. __________________________________ Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne meine Zustimmung nicht verwendet oder weitergegeben werden.

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Obwohl der Mann an einem Tisch angekettet saß, ihm mehrere Zähne fehlten und er seit mehr als vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen oder getrunken hatte, besaß er noch die Frechheit mich anzugrinsen. Blut tropfte aus seinem Mund und sammelte sich auf der Tischplatte.

Wir hatten ihn und seine kleine Gruppe in einer Randgasse von Vaelion gefunden, dort, wo sich nach Einbruch der Dunkelheit kaum einer mehr herumtrieb. Diese Gegenden gehörten den Clans, illegalen Gruppierungen, die mit Menschen, Geld und anderen wertvollen Gegenständen handelten. Schon seit geraumer Zeit hatte ich ein Auge auf diese Gegenden geworfen, hatte meine Abende in heruntergekommenen Tavernen verbracht, hatte den Menschen bei ihren krummen Geschäften zugesehen und jedes ihrer Handlungsmuster studiert. Ich wusste, dass dieser Mann vor mir der Anführer war, dass er darüber entschied, welche Ware für das eingetauscht wurde, was er im Gegenzug haben wollte.

Jetzt saß er vor mir und sagte nichts. Ich hatte ihn nach seinen Informanten gefragt, nach den Menschen, mit denen er handelte, doch er grinste nur, machte mir dreckige Komplimente oder gluckste vor sich hin. Man mochte über diese Leute sagen, was man wollte, doch sie waren loyal und fürchteten keinen Schmerz. Selbst, als wir ihm die Fingernägel herausgerissen hatten, war ihm abgesehen von einem schmerzhaften Wimmern kein Ton über die Lippen gekommen. Er würde uns keine Namen nennen.

Seufzend neigte ich den Kopf zur Seite. Wir befanden uns im Hauptquartier der Vereinigung, der ich seit fast acht Jahren angehörte. Das Gebäude war groß, bestand größtenteils aus Stein und wurde im Winter von einem Kamin in jedem Raum warmgehalten. Das war nur wenigen Gebäuden in Vaelion vorbehalten, da wir Holz für die Öfen benötigten und das war in den letzten Jahren wirklich schwer zu beschaffen geworden.

Die meisten Haushalte hatten einen Kamin, manche wohlhabende sogar zwei. Doch die äußeren Häuser an der Grenze hatten nichts dergleichen. Die Menschen dort mussten frieren und jedes Jahr starben unzählige von ihnen, weil sie keine Möglichkeit hatten, sich bei der Kälte warm zu halten.

Das war ein Problem. Deshalb bildeten sich so viele Banden, die mit allem handelten, was irgendeinen Wert hatte. Und hier fing meine Arbeit an. Die Vereinigung, der ich angehörte, nannte sich die Sylen. Wir waren Jäger, die für den König arbeiteten, indem wir die Stadt und auch das ganze Königreich vor Verbrechern wie diesem Mann beschützten. Natürlich war er nur ein kleiner Fisch. Es gab Schlimmeres als ihn, schlimmere Wesen, schrecklichere Alpträume.

Doch heute hatte man mich mit diesem Fall betraut und da ich gut in dem war, was ich tat, würde ich meinen Vorgesetzten nicht enttäuschen. Dieser Mann und seine Leute ließen Menschen verschwinden, deren Angehörige beim König um Hilfe flehten. Es war meine Aufgabe, sie zu finden und nach Hause zurückzubringen.

„Komm schon, ich hatte einen langen Tag und will nach Hause“, seufzte ich, als der Mann immer noch grinste. Wir befanden uns schon seit zehn Stunden in diesem Raum und noch immer war ich nicht zu ihm durchgedrungen. Das begann mich allmählich zu nerven.

Ihn zu foltern hatte nicht geholfen. Es wäre auch nicht meine bevorzugte Wahl gewesen, schon allein, weil ich es widerlich fand. Glücklicherweise waren dafür andere Leute zuständig. Trotzdem hatte ich anwesend sein müssen und hatte zugehört. Die Geräusche würde ich so schnell sicher nicht wieder aus meinem Kopf verbannt bekommen. Großartig.

Mit geschlossenen Augen ließ ich meinen Kopf im Nacken kreisen. Der Raum, in dem wir uns befanden, war spärlich eingerichtet. Keine Fenster, kaum Möbel außer dem Stuhl, auf dem der Mann saß, dem Tisch, an den wir ihn gekettet hatten und einem Schrank in dem wir all die tollen Folterinstrumente aufbewahrten. Ansonsten waren die Wände kahl und anders als alle anderen Räume dieses Gebäudes besaß dieser keinen Kamin. Zusammenfassend – ich hasste es, hier sein zu müssen. Wenn dieser Mann nicht bald auspackte und uns verriet, mit wem er arbeitete und wohin er die Menschen verkauft hatte, würde ich Überstunden machen müssen und darauf hatte ich wenig Lust. Also hob ich den Kopf und lächelte ihn an. Der Mann erwiderte das Lächeln mit einem weiteren Glucksen.

„Eine so schöne Frau sollte nicht solche Arbeit ausüben müssen“, lispelte er, ein Resultat der fehlenden Schneidezähne. „Ich könnte mir viel spaßigere Aktivitäten vorstellen“, zwinkerte anzüglich. Es war erstaunlich, dass er trotz des geschwollenen Auges noch anzüglich sein konnte. Es machte es zwar nicht weniger widerlich, dennoch war es beeindruckend.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte mich mit der Hüfte gegen den Tisch, an den wir den Mann mit den Armen gekettet hatten.

„Dafür sollte ich ihm eine verpassen“, brummte Weylin, mein Kollege und Partner.

Wir arbeiteten bereits seit vier Jahren als Team zusammen und ich musste zugeben, dass wir ziemlich gut funktionierten. Das würde ich ihm natürlich niemals sagen, da er sich eh schon zu viel auf sich selbst einbildete.

Er trug sein blondes Haar schulterlang, die Strähnen waren weich, leicht gewellt und glänzten in der Sonne beinahe goldfarben. Seine Augen hatten einen hellen Blauton, der Ruhe ausstrahlte und doch immer wachsam war. Er begann immer dann zu funkeln, wenn Weylin sich über etwas freute.

Sein Gesicht trug weiche Züge, aber mit einer unterschwelligen Härte, die nur auffiel, wenn er ernst wurde. Über seine leicht gebogene Nase zogen sich feine Sommersprossen, die auf den ersten Blick kaum sichtbar waren. Doch wenn das Licht im richtigen Winkel fiel, oder wenn man ihm näherkam, konnte man die winzigen goldbraunen Punkte erkennen, die sich auf seiner Nasenspitze und den oberen Wangen verteilten. Sie sahen aus wie ein stiller Überrest aus Kindertagen, den selbst die Jahre der Disziplin nicht ganz auslöschen konnten.

Weylin trug die Uniform der Sylen. Sie war schlicht, funktional und dennoch unverkennbar. Die schwarze Hose bestand aus festem, robustem Stoff, der selbst nach unzähligen Einsätzen kaum Spuren von Abnutzung zeigte. Entlang der Außennähte verliefen dezente, dunkelgraue Ziernähte, das einzige Zugeständnis an Ästhetik. Seine Stiefel reichten bis zu den Knöcheln und waren aus schwerem, gegerbtem Leder gefertigt, das beim Gehen kaum ein Geräusch von sich gab.

Über dem enganliegenden T-Shirt lag die charakteristische Jacke der Sylen. Sie bestand ebenfalls aus dunklem Leder, lag eng an und wurde mit Nähten an den Schultern und Ellbogen verstärkt. In das Leder waren Schutzplatten eingearbeitet, kaum sichtbar, aber spürbar im Gewicht. Auf dem linken Ärmel prangte das Zeichen Nyvarons: Ein vertikal stehender Drachenzahn aus einem gestickten Goldfaden, der lang, spitz und leicht gebogen nach unten verlief. Am oberen Ende durchbohrte der Zahn eine schlichte Krone mit drei Zacken, aus deren Mitte ein einzelner Funke aufstieg. Links und rechts flankierten ihn zwei kleine geflügelte Linien – die Flügel des Drachen.

Darunter trug Weylin den Waffengürtel, der eng an seiner Hüfte saß. In mehreren Lederschlaufen steckten ein paar Wurfmesser, doch seine bevorzugte Waffe war das Schwert, das neben seinem Bein nach unten hing.

Die gesamte Uniform war darauf ausgelegt, Bewegungsfreiheit zu ermöglichen und dennoch Schutz zu bieten. Sie war nicht prunkvoll, aber eindrucksvoll durch ihre Schlichtheit und den Ruf, den sie mit sich brachte.

Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt, während er den Mann mit schmalen Augen musterte.

Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln, ehe ich abwinkte. „Der hat heute schon genug Prügel einstecken müssen. Ich glaube nicht, dass das irgendetwas ändern wird.“

„Das gibt ihm lange nicht das Recht, respektlos zu werden“, erwiderte Weylin ungehalten.

Da hatte er recht, doch ich nahm solche Kommentare schon lange nicht mehr persönlich. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte mich die letzten Wochen in den Gossen von Vaelion herumgetrieben. Im Vergleich zu dem, was ich dort alles zu hören bekommen hatte, war der Kommentar des Mannes noch harmlos gewesen. Das würde ich in diesem Rahmen jedoch nicht zur Sprache bringen.

Mein Lächeln wurde breiter, als ich meinen Kopf zur Seite neigte und den Mann intensiver musterte. Er wackelte mit den Augenbrauen, als würde er mein Lächeln falsch interpretieren. Gut so, der würde sich schon noch umsehen. Sollte er doch glauben, dass ich mit ihm zu flirten versuchte. Denn, wenn er das wirklich glaubte, war er noch hirnloser als ich bereits annahm.

„Probleme mit Mami?“, fragte ich ihn mit einem grübelnden Ausdruck im Gesicht.

Die Stirn des Mannes zog sich in Falten, das Lächeln begann zu verblassen. „Was?“

Nachdenklich spitzte ich die Lippen und schüttelte dann langsam den Kopf. „Nein, nicht Mami. Es war Papi.“

Der Ausdruck im Gesicht des Mannes verhärtete sich. Prügel konnte er mit einem Grinsen im Gesicht wegstecken, doch sobald es persönlich wurde, verschwand der Spaß. Und jetzt konnte meine Arbeit endlich anfangen.

„Was soll der Mist?“, fragte der Mann mit einer unmissverständlichen Drohung in der Stimme. Ich hatte also in Schwarze getroffen. Das tat ich meistens.

Weylin murmelte etwas Unverständliches und trat ein paar Schritte zurück, denn anders als der Mann, wusste mein Partner, was jetzt folgen würde.

„Dein Vater hat dir nie viel Beachtung geschenkt und das, obwohl du dich so sehr angestrengt hast“, fuhr ich fort und tippte mit mir dem Zeigefinger ans Kinn. „Du hattest die ganze Zeit das Gefühl, als müsstest du dich beweisen, doch es hat einfach nie gereicht.“

Der Ausdruck des Mannes hatte eine hundertachtzig Grad Wendung gemacht. Jetzt sah er mich an, als wollte er mich am liebsten umbringen und das auf möglichst grausame Weise. Es war ein gutes Gefühl, endlich zu ihm durchzudringen. Hätte ich diesen Einfall schon vor zehn Stunden gehabt, hätten wir uns einiges an Arbeit ersparen können.

„Du hast überhauptkeine Ahnung, wovon du sprichst, du dummes Weibsstück!“, fuhr er mich an, seine verbliebenen Zähne gefletscht.

Nun war ich es, die grinste, und zwar auf eine Weise, die seinen Kiefer zum Zucken brachte. Er war wütend.

„Du wurdest vernachlässigt“, sinnierte ich weiter. „Du warst früh auf dich selbst gestellt, hast nach Vorbildern gesucht, die deinem Vater ähnlich waren, um endlich diese schreckliche Leere in dir zu füllen. Bist du deshalb den Banden beigetreten? Damit du endlich die Familie findest, die dir selbst so lange verwehrt worden ist?“

„Halt die Klappe!“, schrie er mich an uns riss dabei so kraftvoll an seinen Ketten, dass der gesamte Tisch zu wackeln begann.

Weylin griff instinktiv nach seinem Dolch, doch ich gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass dies nicht notwendig war. Der Mann würde uns hier nicht mehr gefährlich werden. Ich war bereits in seinem Kopf.

„Du bist armselig“, summte ich. „Dein Vater hat es gewusst, deshalb hatte er auch keine Liebe für dich übrig. Selbst an der Spitze deiner Bande nagt der Zweifel an dir, ob du jemals gut genug sein wirst. Wir beide kennen die Antwort. Dein Vater kannte die Antwort. Also warum kämpfst du noch immer dagegen an? Du wirst niemals etwas erreichen und du wirst dich niemals von der Zurückweisung deines Vaters erholen können. Du bist ein Nichts, Branic Iskar. Selbst unter den Banden bist du eine Witzfigur, die größer sein möchte, als sie jemals sein wird.“

Der Mann war verstummt. Ich sah, dass etwas in ihm zersprungen war. Meine Worte hatten genau dort getroffen, wo die Wunde am tiefsten klaffte. Das war mein Talent, ich hatte Menschen schon immer gut lesen können. Und das verwendete ich in solchen Verhören gegen sie. Anfangs hatte ich mich deswegen schrecklich gefühlt, schließlich drang ich in die Psyche der Menschen ein und weckte alte Traumata. Doch nach so vielen Jahren und nach allem, was ich in Vaelion bereits hatte ansehen müssen, war ich abgestumpft. Menschen wie Branic Iskar waren Abschaum. Er verkaufte andere Menschen für seinen eigenen Profit, trieb sich in den dunkelsten Gassen herum, stahl, betrog und mordete. Menschen wie er waren mein Tagesgeschäft. Ich hoffte, unser Königreich Nyvaron mit jeder Festnahme etwas sicherer zu machen.

Der Ausdruck in Iskars Gesicht war leer geworden. Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt, doch er zerrte nicht mehr länger an seinen Ketten. Stattdessen starrte er geradeaus, ohne dabei einen festen Punkt zu fixieren.

„Nenn mir die Namen derer, an die du die Menschen verkauft hast, Iskar. Es könnte deine Strafe mildern“, sagte ich.

Das eigentliche Urteil seiner Strafe trafen nicht die Sylen. Er würde der Stadtwache übergeben werden und dann lag sein Schicksal in der Hand des Königs. Ich glaubte nicht, dass er ein besonders erfolgsversprechendes Urteil erhalten würde. Wenn er Glück hatte, würde er erhängt werden. Das war kurz und schmerzlos. Wenn er Pech hatte, ließen sie ihn vorher noch mehrere Monate in einem Kerker vor sich hin rotten. Jeden Tag würde er sich fragen, wann sein Urteil endlich verkündet werden würde, und das würde ihn früher oder später verrückt machen.

Branic Iskar reagierte nicht. Ich würde also noch deutlicher werden müssen.

„Du wirst nie wieder einen Fuß auf die Straßen dieser Stadt setzten. Du wirst nie wieder in die Gossen deiner Bande zurückkehren. Es bringt dir nichts, die Namen deiner Handelsleute zu schützen, denn niemand wird kommen und dich retten. Mit deiner Festnahme bist du auch für sie nutzlos geworden. Klingt vertraut, nicht wahr?“

Ein Zucken ging durch Iskars Körper. Weylin und ich wechselten einen vorsichtigen Blick miteinander. Dann brach der Mann vor uns endlich ein. Sein Kopf knallte auf die Tischplatte und ein gebrochener Laut drang tief auf seiner Kehle. Er raufte sich die Haare, als müsste er den Schmerz in seiner Brust kompensieren, als würde er sich nicht anders zu helfen wissen.

Meine Worte hatten ihn gebrochen. Ich hatte ihn gebrochen.

„Megori Saturo.“

Mehr sagte er nicht. Nur diesen Namen. Megori Saturo. Anschließend verfiel er in eine Art Panikattacke, vermutlich ausgelöst durch sein Kindheitstrauma. Weylin rief ein paar Heiler zu uns, die sich um Iskar kümmern sollten. Das war mein Zeichen, den Raum zu verlassen. Es war nicht viel gewesen, was er uns gegeben hatte, doch immerhin ein Anfang. Ich konnte nicht behaupten, damit viel anfangen zu können, doch hier begann die Recherchearbeit.