Geheimnisse im Maisfeld
"Beginn und höre nie auf zu leben. Das Leben schmeckt nach Schönheit, nach Grausamkeit. Aber eines hat das Leben gemeinsam, etwas, jede Sekunde die verstreicht, jede Minute, jeder Sommer, jeder Winter, das Leben geht mit all seinen Ecken, Winkeln und Schlupflöchern, weiter. Es geht weiter."
Juni 1944.
Ich sah ihn an. Seine langen Wimpern, seine hohen Wangenknochen, seine ausdrucksvollen Lippen, die sonst so Kornblumenblauen, leuchtenden Augen. Wie versunken betrachtete ich sein auffallend, schönes Gesicht mit dem blonden, schräg gescheitelten, weichen Haaren, welche im Sonnenschein glänzten und fragte mich zum hundersten mal, woher er kam. Stimmte seine Geschichte, dass er aus Schottland stammte? Aus Aberdeen. Stimmte es? Denn sein ein wenig fester Akzent verriet etwas anderes. Er schlief. Das Maisfeld ähnelte einem Straflager. Einem Gefängnis, wo man niemals in die Weite der Welt fliehen durfte. Niemals zu zweit den Lebensweg fortsetzen konnte. Niemals. Inzwischen war es Abend geworden. Liam wachte auf. "Sag mir wie viel Uhr s'is?", murmelte er schlaftrunken und rieb sich über die Augen. Er sah mich an. "Es ist halb sieben." "Ach herrje", er erhob sich. "Du musst zurück."Nachdem wir uns umarmten, verließen ich die eine Seite des Maisfeldes, die zum Wald angrenzte und er die andere Seite, die im Tal mündete, wo ein Fluss in der sommerlichen Hitze dahin zog. Immer plätschernd, immer seinen Weg fortsetzend. "Dove?", ich schreckte herum. Ein hochgewachsener Mann stand da. Hinter mir. Liam. "Kannst du mir einen Gefallen tun?", er grinste schräg. "Welchen denn? Ich muss zurück!" "Komm mal...", ich trat zu ihm und er schloss mich fest und liebevoll in seine Arme, wobei er mich streichelnd sagte: "Um keinen Preis der Welt möcht ich dich verlieren. Sei für immer meine kleine Prinzessin." Ich fühlte mich so sicher, so wohlig in seinen Armen, dass ich im selben Augenblick die Zeit vergaß. So wie alles um mich herum."Ich weiß wer mit Ihnen eine Affäre hat", Frederik Jaspers sah mich an. "Ach, was reden Sie da!", er sah mich an und prustete los. Am Tisch wurde es still. Sehr still. Aller Augenpaare waren auf mich gerichtet. Empört sah mich Devid Greenbloom an. Er war der Bruder meines Verlobten. Ihn und Cedric Greenbloom gehörte die Farm. "Na", Frederik lächelte siegesgewiss. Auch wenn er einmal meinesgleichen gewesen war, sah ich ihn nicht ohne Spott an und schaute verlegen weg. Auch wenn ich mit ihm bis in den späten Abend hinein Pferdeboxen hatte ausmisten müssen, auch wenn wir dabei gelacht, beinahe geweint und uns fast in die Arme gefallen waren, auch wenn wir beide nicht weit voneinander in zwei getrennten Zimmern geschlafen hatten und wir uns eines fernen Tages einmal geduzt hatten,wusste ich dass der junge Mann für mich sehr schwärmte. "Man sieht die junge Dame ja jeden Abend verschwinden. Im Wald. Wie heißt denn dein berüchtigter, glückseliger, junger Liebhaber?", seine Augen glänzten vor Hass. Er hielt sich mächtig, so wie es schien, zurück, um mir nicht an die Gurgel zu springen, wobei er das respektvolle Sizen vergessen hatte. Verlegen sah ich ihn an. Schwer nagte ich an einem schlechten Gewissen.Frederik hatte uns verraten. Devid sah uns an. Kühl ruhten seine Augen nun auf mir. "Ist dass denn wahr?", räumte er ungläubig und mit ebenso ruhiger Stimme ein. "Ach, aber wissen Sie noch was", Devid lächelte nun andächtig sowie verhalten. "Mein Bruder ist übrigens gefallen und er hat sich als Pilot für die guten Alliierten eingesetzt. Er war der wunderbarste Bruder den ich haben konnte." Es klang nach einer Lüge. Ich hörte es an seiner vertrauten, leicht bebender Stimme. Er duzte mich nun nicht mehr auf die vertraulich, kumpelhafte Art wie sonst. Es wurde still. Der eine, oder andere verkniff sich ein schadenfrohes Grinsen. Cedric war höchst unbeliebt gewesen. Nicht ohne Traurigkeit in der Stimme sagte Devid daraufhin leise: "Wie vielleicht erwähnt, können Sie sich jetzt austoben, ja austoben. Aber dann machen sie es auch richtig." Er stand auf und verschwand mit einem bedächtigen leisen spöttischen Lachen. Seine Frau Daniela Greenbloom raunte mir grinsend zu: "Ja, jetzt kannst du dich verdammt nochmal austoben. Du untreue Tomate", sie stieß mir leise lachend auf den Oberarm. Es war ein gut gemeinter Scherz, doch dann verließ auch sie den Raum und ließ mich mit Frederik und seinen Kumpanen alleine. Ich schämte mich zutiefst. "Auf die treulose Tomate", der junge Stallbursche hatte einen Wein entkorkt und stieß mit den anderen an. Er lächelte mich feixend an. Das alkoholhaltige Getränk war der letzte Wein von Devid gewesen. Er würde sicher morgen Frederiks Kündigung verheißen. Ich machte die Tür auf und rannte mit leisen Sohlen in die Dunkelheit raus.
Weinend und keuchend blieb ich schließlich an der zähen knörchernen, breit gebauten Eiche stehen, die zum Wald angrenze und fing an den Boden aufzugraben. Frederik hatte uns verraten. Der Gedanke war wie eine scheußliche Melodie. Schließlich hielt ich etwas in den Händen. Triumphierend tat ich das Stück Papier in meine Rocktasche und wie aus dem nichts knackte es plötzlich im Gebüsch und jemand raunte: "Dove? Bist du hier? Dove?" Ich drehte mich zum Wald um. Nur der Wind fuhr leise wispernd durch die hohen Baumkronen, die sanft rauschten. In der Ferne gurrte ein Nachtvogel und die Grillen zirpten vereinzelt in den hohen Gräsern. Wie mit sanften, vielen fordernden Fingern strich mir der Wind auf einmal durchs Haar. Ich drehte mich gefühlsmäßig zehnmal im Kreis und horchte. Doch da war niemand. Ich hatte mich wahrscheinlich verhört. Plötzlich knackte es wieder im Gebüsch. Schritte entfernten sich hastig. Dann näherten sie sich abrupt wieder. Irgendwas stimmte nicht. Es war nicht Liams Stimme gewesen.