Kapitel1 Willkommen im Abgrund
Die Hitze des brennenden Dämons war eigentlich ganz angenehm gegen die kühle Nachtluft. Ababeera gähnte ausgiebig, während sie ihren schweren Springerstiefel vom zerschmetterten Schädel des Monsters nahm. Unter ihrer groben Sohle knirschte Knochen wie trockenes Holz.
Der angebliche „Schrecken der Unterwelt“, von dem die Dorfbewohner so panisch gefaselt hatten, hatte nicht einmal drei Sekunden durchgehalten. Er hatte großspurig gebrüllt, sie hatte einfach nur zugeschlagen. Die schiere Wucht ihres Treffers war so gigantisch gewesen, dass sie ein lokales Erdbeben auslöste. Der Boden war unter dem gewaltigen Druck geborsten, und die Druckwelle hatte nicht nur den Dämon zerrissen, sondern auch die halben Bäume am Waldrand entwurzelt. Thema erledigt. Wie unfassbar langweilig.
Ihre leuchtend blauen Tattoos pulsierten noch schwach unter dem schwarzen Netzhemd, während sie sich genervt eine der zwei kleinen, geflochtenen Strähnen aus dem Gesicht strich. Ihre violetten Augen musterten die zitternden Menschen, die sich am Rand des gewaltigen Kraters zusammenkauerten, den ihr Schlag hinterlassen hatte. Eigentlich war dieses lächerliche, 70-jährige Dämonenspiel damit beendet. Sie hatte den Stärksten getötet. Sie hatte gewonnen. Aber die Nacht war noch jung, und ihr war fade.
Ein leichtes, grausames Grinsen stahl sich auf ihre Lippen.
Mit einer fast beiläufigen Handbewegung zog sie eine massive magische Barriere um das gesamte Dorf. Die Luft knisterte. Der ohnehin schon von ihrem Schlag aufgerissene Boden brach nun mit einem ohrenbetäubenden Krachen komplett auf. Tiefe Spalten durchzogen die gepflasterten Straßen, aus denen schlagartig brodelnde Lava quoll, während sich der Himmel verdunkelte und ätzender Schwefelsäure-Regen zischend auf die Dächer prasselte.
Die Schreie der Dorfbewohner, die sie eben noch als Retterin gefeiert hatten, verwandelten sich in pure Todesangst. Ababeera lehnte sich gegen die Überreste einer Mauer und sah dem Chaos zu. Es brannte hervorragend.
Doch einfach nur beim Sterben zuzusehen, verlor schnell seinen Reiz. Sie hob die Hand und ließ mitten im Zentrum des Säureregens einen warmen, goldenen Lichtstrahl aufleuchten. Darin erschien die strahlende, unschuldige Figur einer rettenden Gottheit. Ein sicherer Hafen in der Hölle.
„Oh, seht nur!“, wimmerte ein alter Mann, dessen Kleidung bereits in der Säure zerfiel. „Die Götter! Ein Wunder!“
Ababeera vergrub die Hände in den Taschen ihrer Cargohose und sah amüsiert zu, wie der Mann weinend, mit letzter Kraft auf die strahlende Figur zurannte. Er warf sich auf die Knie und streckte die Hände aus.
In dem Moment, als seine zitternden Finger das Licht berührten, explodierte sein Körper mit einem satten Knall in einer feinen, roten Blutwolke.
Ababeera schüttelte nur leicht den Kopf, während sich die nächsten verzweifelten Menschen auf die falsche Hoffnung stürzten. Wie erbärmlich dumm sie doch alle sind. Ohne sich noch ein weiteres Mal nach dem apokalyptischen Spektakel umzusehen, stapfte sie durch die Asche in die Dunkelheit davon.