Prolog
Sechs Jahre zuvor
Ich war noch zu jung, um zu verstehen, dass manche Nächte ein ganzes Leben verändern können.
Aber ich war alt genug, um zu spüren, dass etwas nicht stimmte.
Es war spät.
Draußen lag die Stadt still unter einem dunklen Himmel, nur vereinzelt war das Licht von vorbeifahrenden Autos zu sehen, das in flüchtigen Schatten über die Wände unseres Wohnzimmers glitt. Im Haus war es dagegen alles andere als ruhig.
Die Stimmen meiner Eltern hallten durch den Flur.
Laut.
Hart.
Zerbrochen.
Ich saß zusammengerollt auf den obersten Stufen der Treppe, die Knie eng an meine Brust gezogen, und presste meine Hände gegen meine Ohren, obwohl ich jedes einzelne Wort trotzdem hören konnte.
„Ich halte das nicht mehr aus!“
Die Stimme meiner Mutter schnitt durch die Nacht.
Rau.
Verzweifelt.
Wütend.
Mein Herz schlug schneller.
Ich hatte sie noch nie so schreien hören.
Dann die Stimme meines Vaters.
Tief.
Kalt.
Beherrscht.
Aber darunter brodelte etwas.
„Du glaubst, du kannst einfach gehen?“
Einen Moment lang war nur schweres Atmen zu hören.
Dann das Klirren von Glas.
Ich zuckte zusammen.
Langsam stand ich auf und schlich ein paar Stufen nach unten, bis ich durch das Geländer ins Wohnzimmer sehen konnte.
Meine Mutter stand mitten im Raum.
Ihr dunkles Haar war zerzaust, ihre Augen rot und glänzend, und ihre Hände zitterten so stark, dass ich es selbst von oben sehen konnte.
Auf dem Boden lag ein zerbrochenes Glas.
Mein Vater stand ihr gegenüber.
Gerade.
Unbeweglich.
Sein Gesicht war wie aus Stein.
Doch ich konnte sehen, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten.
„Ich nehme Alessia mit.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
Mein Atem stockte.
Mitnehmen?
Wohin?
Mein Vater lachte kurz auf.
Nicht belustigt.
Bitter.
„Du bist nicht einmal in der Lage, auf dich selbst aufzupassen.“
Die Augen meiner Mutter füllten sich mit Tränen.
„Sie bleibt nicht hier.“
Für einen Moment wurde es still.
Eine Stille, die lauter war als jeder Schrei zuvor.
Dann sah mein Vater zur Treppe.
Direkt zu mir.
Unsere Blicke trafen sich.
Ich erstarrte.
Er sagte nichts.
Doch etwas in seinem Blick ließ mein Herz zusammenziehen.
Traurigkeit.
Wut.
Hilflosigkeit.
Meine Mutter folgte seinem Blick und drehte sich ebenfalls zu mir um.
Sofort wurde ihr Gesicht weicher.
„Komm zu mir, Schatz.“
Ihre Stimme war plötzlich sanft.
Zu sanft.
Ich ging langsam die letzten Stufen hinunter.
Barfuß.
Mit zitternden Händen.
Als ich bei ihr ankam, kniete sie sich vor mich.
Der Geruch traf mich sofort.
Etwas Süßliches.
Fremdes.
Ich konnte es damals nicht einordnen.
Heute weiß ich, was es war.
Drogen.
Sie strich mir über die Wange.
Ihre Finger waren kalt.
„Wir gehen zusammen.“
Ich sah zu meinem Vater.
„Papa?“
Das Wort klang klein.
Verloren.
Er machte einen Schritt auf uns zu, blieb dann aber stehen.
Sein Blick ruhte auf meiner Mutter.
„Wenn du jetzt gehst, gibt es kein Zurück.“
Ihre Augen wurden hart.
„Vielleicht will ich das auch nicht.“
Mein Herz zog sich zusammen.
Ich verstand nicht, warum sie so miteinander sprachen.
Ich verstand nur, dass etwas kaputtging.
Etwas Großes.
Etwas, das nie wieder ganz werden würde.
Meine Mutter nahm meine Hand.
Fest.
Fast zu fest.
Dann zog sie mich mit sich zur Haustür.
Ich drehte mich noch einmal um.
Mein Vater stand noch immer mitten im Wohnzimmer.
Still.
Allein.
Sein Blick ruhte auf mir.
Nicht auf ihr.
Auf mir.
Als wollte er sich mein Gesicht einprägen.
„Papa…“
Meine Stimme brach.
Doch er antwortete nicht.
Die Tür fiel ins Schloss.
Kalte Nachtluft schlug mir entgegen.
Meine Mutter zog mich zum Auto.
Zu schnell.
Zu hektisch.
Ich musste beinahe laufen, um mitzuhalten.
In dieser Nacht ließ sie nicht nur ihren Mann zurück.
Sie riss mich mit sich in ein Leben, das in den folgenden Jahren immer dunkler werden sollte.
Ein Leben aus Flucht.
Aus wechselnden Wohnungen.
Aus fremden Gesichtern.
Aus Nächten, in denen ich alleine einschlief, während sie irgendwo verschwand.
Und aus Tagen, an denen ich lernen musste, stärker zu sein, als ein Kind es jemals sein sollte.
Damals wusste ich noch nicht, dass diese Nacht mich zu der Person machen würde, die ich später werden sollte.
Zu Viper.








