1. 運命の始まり[Der Beginn des Schicksals]
„Shara! Shara, verdammt nochmal, Shara!”
Die Stimme meiner Mutter hallte durch das ganze Haus, genervt, aber nicht wirklich böse. Es war diese Mischung aus Strenge und Wärme, die sich selbst in ihren schärfsten Worten wie Schutz anfühlte. Ich kannte sie – zu gut. Jeder Tonfall, jedes leise Nachgeben darin war mir vertraut, als wäre er ein Teil von mir.
Ich lag unter der Decke, zusammengerollt wie ein Igel, halb wach, halb träumend. Draußen war es noch nicht richtig hell. Ein fahles, blasses Licht schlich sich durch die dünnen Vorhänge, aber ich weigerte mich, es zu beachten. Ich wollte nicht aufstehen. Nicht jetzt, nicht heute. Der Gedanke, dass ein weiterer Tag begann, fühlte sich an wie eine Last.
„Lass mich, Mama...“, murmelte ich schläfrig und zog die Decke fester über meinen Kopf. Sie roch nach frischem Holz und dem schwachen Duft von Reis, der irgendwo aus der Küche kam. Ich hörte ihre Schritte auf dem Holz, erst leise, dann lauter, rhythmisch und entschlossen. Sie kam näher.
Ich hoffte, sie würde aufgeben. Vielleicht Mitleid haben. Nur dieses eine Mal. Immerhin... heute war mein Geburtstag.
Heute war ich sechzehn geworden, und trotzdem fühlte sich nichts neu an.
In Geschichten beginnt mit sechzehn immer alles, ein neues Leben voller Abenteuer, voller Bedeutung. Aber in diesem Moment fühlte sich mein Bett wichtiger an als jede Zukunft. Ich wollte einfach hierbleiben, eingehüllt in Wärme und Stille, weit weg von allem, was draußen wartete.
Doch natürlich wurde meine Hoffnung, wie so oft, zerschlagen.
„Jetzt reicht’s aber!“, sagte sie, und ehe ich überhaupt reagieren konnte, riss sie mir die Decke mit einem entschlossenen Ruck weg.
Ein Schwall kalter Luft traf mich wie ein Schlag. Ich zuckte zusammen, blinzelte und wollte gerade protestieren, vielleicht mit einem empörten „Hey!” oder wenigstens einem müden Knurren. Doch bevor ich überhaupt dazu kam, rutschte ich zu weit an den Rand, verlor das Gleichgewicht und landete mit einem dumpfen Wumms auf dem Boden.
Ein Moment Stille. Dann stieg mir ein stechender Schmerz in die Hüfte, und ich starrte auf das Holz unter mir.
„MAMA!“, rief ich entrüstet und sah zu ihr auf, halb beleidigt, halb amüsiert.
Sie stand in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf leicht schief gelegt. Und dann kam dieses Grinsen, dieses typische, verschmitzte Grinsen, das sagte: Ja, ich hab’s mit Absicht gemacht. Und nein, ich bereue nichts.
„Na los, Geburtstagskind. Ich hab Frühstück gemacht”, sagte sie ruhig, als wäre das eben nicht passiert. Dann drehte sie sich um, ihr schwarzes Haar schwang leicht über ihre Schulter, und sie verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen.
Ich blieb noch einen Moment einfach sitzen, starrte auf die Stelle, wo sie eben noch gestanden hatte, und seufzte tief. Der kalte Boden unter mir fühlte sich plötzlich wärmer an als mein Stolz.
Was für ein herrlicher Start in einen besonderen Tag.
Ich seufzte leise und richtete mich langsam auf. Mein Rücken pochte ein wenig von dem Sturz, aber nicht genug, um mich wirklich zu stören. Es war eher dieses dumpfe Ziehen, das mich daran erinnerte, dass ich wach war, ob ich wollte oder nicht. Meine Beine fühlten sich schwer an, als ich mich aus dem Zimmer schleppte, vorbei an dem weichen Licht, das durch die Schiebetür fiel. Jeder Schritt hallte leise auf dem Holz, während ich noch im Halbschlaf durch den Flur trottete, wie ein Geist, der seinen Körper noch nicht ganz gefunden hatte.
Im Bad war es kühl. Das Licht war blass, beinahe milchig, und das Wasser, das ich in meine Hände schöpfte, war eiskalt. Als ich es mir ins Gesicht spritzte, fuhr mir ein Schauer durch die Glieder, wie ein plötzlicher Stromstoß, der alles in mir weckte, was noch geschlafen hatte. Für einen Moment schloss ich die Augen, ließ das Wasser an mir hinabperlen und atmete tief ein. Vielleicht war das genau das, was ich gebraucht hatte – ein kurzer, klarer Schnitt zwischen Traum und Wirklichkeit.
Ich hob den Blick zum Spiegel und betrachtete mich. Mein Spiegelbild sah zurück, ruhig, beinahe fremd. Meine Augen – grün, mit einem leichten bernsteinfarbenen Schimmer – wirkten heute anders. Ich konnte nicht sagen, was genau anders war. Chiyo hatte einmal gesagt, meine Augen würden aussehen, als wüssten sie Dinge, die ich selbst noch nicht verstand.
Langsam strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und griff zur Bürste. Mein Haar fiel in langen, schwarzen Wellen über meine Schultern, glänzte leicht im Morgenlicht, das sich durch das kleine Fenster schlich. Strähne für Strähne zog ich die Bürste hindurch, hörte das leise, gleichmäßige Rascheln der Borsten. Es war ein beruhigender Rhythmus, vertraut und beständig, fast wie ein Ritual. In einer Welt, die sich zu schnell drehte, war dieses Geräusch mein Anker.
Ich schminkte mich ein wenig – dezent, so wie immer. Ein Hauch von Farbe auf den Lippen, ein feiner Strich um die Augen. Nicht, weil ich es musste. Sondern weil ich das Gefühl hatte, sonst nicht wirklich ich zu sein. Das Spiegelbild, das mich jetzt ansah, war wenigstens jemand, den ich kannte. Jemand, der nach außen hin wusste, wer er war, selbst wenn es innen nicht so klar war.
Ich war sechzehn – und fühlte mich trotzdem nicht anders als mit vierzehn. Oder dreizehn. Es war, als hätte die Zahl nichts verändert, als wäre die Welt gleich geblieben – nur ich war müder geworden.
Ich dachte an das Dach. An die vielen Nächte, in denen ich dort gesessen hatte, mit einer Decke um die Schultern und dem Blick zum Himmel. Ich hatte Sterne gezählt, jede Nacht dieselben, und mir Geschichten ausgedacht, die niemand hören würde. Manchmal stellte ich mir vor, wie ich einfach verschwand und irgendwo neu begann, nur um herauszufinden, wer ich ohne all das wäre. Und immer, wenn der Wind kam, hatte ich mir vorgestellt, dass er mir etwas zuflüsterte – etwas, das ich nicht verstand, aber spürte.
Was würde sich heute ändern, und würde überhaupt irgendetwas anders sein?
Ich wusste es nicht. Aber der Gedanke, dass alles so bleiben könnte, machte mir mehr Angst, als ich zugeben wollte.
Ich atmete tief durch, legte die Bürste zur Seite und griff nach meinem weißen Kimono. Der Stoff war leicht und weich, roch nach Seife und Sonne. Ich zog ihn mir über, band das Band fest um meine Taille und betrachtete mich ein letztes Mal im Spiegel. Für einen kurzen Moment stand ich einfach da, sah in meine eigenen Augen und versuchte, mich daran zu erinnern, wann ich aufgehört hatte, zu träumen. Dann drehte ich mich um, öffnete die Schiebetür und trat hinaus in den Flur.
Der vertraute Duft von Kräutertee hing in der Luft, süß und beruhigend, vermischt mit dem warmen Aroma frisch gebackener Reisküchlein. Das Licht der Morgensonne fiel durch das kleine Fenster, glitt über die Holzbalken und tauchte die Küche in ein sanft goldenes Leuchten. Es war dieser eine Moment am Morgen, in dem alles still war, friedlich, vertraut – fast so, als könnte die Zeit für einen Atemzug stehen bleiben.
Aber tief in mir wusste ich, dass dieser Frieden trügerisch war. Irgendetwas in der Luft fühlte sich zu ruhig an, zu vollkommen, als wolle die Welt mich täuschen.
„Wen haben wir denn da? Ach ja – das Geburtstagskind!” rief Tante Yenika mit gespielter Theatralik, kaum dass ich die Schwelle überschritt. Ihre Stimme durchbrach die Stille wie ein fröhlicher Paukenschlag.
Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Ihr Ton war, wie immer, ein bisschen zu laut, ein bisschen zu lebendig – aber ehrlich. Sie war wie ein Feuer in Menschengestalt: laut, warm und unmöglich zu ignorieren.
„Tante Yenika... ich bin kein Kind mehr”, murmelte ich und versuchte, nicht zu lächeln. Mein Protest war halbherzig, wie jedes Jahr.
Doch bevor ich noch einen Schritt zurückweichen konnte, hatte sie mich schon fest umarmt – zu fest, zu lange, zu herzlich. Ihre Arme fühlten sich an wie ein Ort, den man längst vergessen, aber nie verloren hatte. Ich schloss kurz die Augen und ließ mich in diese Wärme sinken. Für einen Augenblick war ich wieder klein, unbeschwert, sicher.
„Für mich wirst du immer mein kleines Mädchen bleiben, Lieblingsnichte”, sagte sie leise, und ich spürte, wie ihre Stimme weicher wurde, als sie mich losließ. Da war etwas in ihrem Blick – eine Spur von Melancholie, die sie wie immer hinter ihrem lauten Lächeln verbarg.
Ich wollte gerade etwas erwidern, als sich eine tiefere, ruhige Stimme von der Seite einmischte. „Ist sie nicht auch deine einzige Nichte?”
Ich drehte mich um – und da war er. Mein Cousin Tay. Wie immer saß er halb lässig, halb diszipliniert am Tisch, die Arme verschränkt, der Blick ernst, aber wachsam. Sein dunkelbraunes Haar fiel ihm leicht in die Stirn, und obwohl er selten lachte, lag in seiner Haltung eine Art stiller Stärke, die ich gleichzeitig bewunderte und nervig fand.
„Sei nicht so eifersüchtig”, meinte meine Mutter lachend, während sie Tee in eine Keramiktasse goss. Der Dampf stieg spiralförmig auf, und sie sah dabei aus wie das, was sie immer für mich war – der Inbegriff von Ruhe. Ihre Augen wirkten heute müde, aber in ihnen lag dieselbe Wärme, die mich durch all die Jahre getragen hatte.
„Du bist doch auch mein Lieblingsneffe.”
Ich grinste, setzte mich an den Tisch und legte den Kopf schief. „Das ist gelogen, aber danke für den Versuch, Mama.”
„Ich mach dir ein Kompliment, Tay”, sagte ich spielerisch, während ich zu ihm hinübersah. „Du bist tatsächlich mein Lieblingscousin.”
Er verzog kaum das Gesicht – wie immer. Aber ich sah es. Dieses kaum merkliche Zucken seiner Mundwinkel, dieses winzige, schiefe Grinsen, das er nie ganz unterdrücken konnte. Es war nur ein Atemzug lang da, aber ich bemerkte es – und musste lächeln.
Das war einer dieser Augenblicke, die sich heimlich ins Herz brannten. Diese kleinen, stillen Momente, die man festhalten wollte, weil man tief im Inneren spürte, dass sie nicht ewig bleiben würden.
Tay sah zu meiner Mutter, und sein Blick veränderte sich. Der Scherz war verschwunden. Etwas in seiner Haltung wurde ernster, fester, fast angespannt.
„Apropos, Tante Yua...” sagte er langsam und stellte seine Tasse ab. „Ich muss deine Tochter mal kurz entführen.”
Ich runzelte die Stirn. „Ähm... was? Wohin denn bitte?”
„Solange du sie mir heute Abend zurückbringst, ist mir das recht”, antwortete meine Mutter ruhig, doch ihr Lächeln wirkte anders. Es war weich, aber in ihren Augen lag dieses kaum erkennbare Etwas – eine Ahnung vielleicht, ein Schatten. Sie kannte Tay. Und sie wusste, dass er nie etwas ohne Grund tat.
Ich öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Tay stand schon, packte meine Hand und zog mich mit einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch zuließ, zur Tür.
„Seid aber vorsichtig!“, rief meine Mutter uns noch hinterher, ihre Stimme klang beinahe besorgt – aber wir waren schon draußen.
Die Tür fiel hinter uns ins Schloss, und der Geruch von Tee und Reisküchlein verblasste, ersetzt vom klaren, kühlen Wind des Morgens.
Ich stolperte fast über eine Wurzel, tastete im Dunkeln nach Halt und fand ihn an Tays Arm. „Tay, die Augenbinde nervt!“, murrte ich, während ich versuchte, meinen Gleichgewichtssinn zu behalten. „Wohin führst du mich überhaupt? Ich kann nichts sehen!”
„Halt einfach die Klappe und vertrau mir.” Seine Stimme klang wie immer – leicht genervt, aber in diesem Unterton lag etwas, das mich beruhigte. Dieses vertraute Etwas, das er nie zeigte, aber das immer da war, wenn es darauf ankam. Ich hasste und liebte das zugleich.
Ich seufzte und ließ mich führen. Es war so typisch Tay: geheimnisvoll, dramatisch, mit einer Spur von Stolz in jedem Schritt. Ich wusste, dass er es genoss, wenn ich verwirrt war, und trotzdem folgte ich ihm blind. Wortwörtlich blind. Der Wind streifte meine Haut, trug den Duft von Erde, Moos und Regen mit sich, und irgendwo in der Ferne hörte ich das stetige Rauschen des Wasserfalls. Der Klang war mir vertraut, beruhigend, ein leises Grollen, das an ferne Donner erinnerte.
Dann blieb er plötzlich stehen. Seine Hände legten sich an meine Schultern, ruhig, fest, warm. Ich hielt den Atem an, spürte, wie die Welt für einen Moment stillstand, als wartete sie auf etwas. Seine Finger lösten den Knoten an der Rückseite meines Kopfes, die Augenbinde fiel, und Licht drang in meine Augen. Ich blinzelte, geblendet, die Umrisse um mich herum verschwammen kurz, bevor sie sich klar formten – und ich erstarrte.
Vor mir lag eine Lichtung, wie aus einem Traum. Unser Ort. Eingebettet zwischen hohen, alten Bäumen, deren Blätter im Wind raschelten, und nicht weit entfernt der Wasserfall, der sich in die Tiefe stürzte und Nebel über den Boden legte. Früher waren wir oft hier gewesen – Kinder, barfuß, laut lachend, wild und frei. Wir hatten hier Fangen gespielt, uns gestritten und wieder versöhnt, hatten den Himmel beobachtet, als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Ich hatte diesen Ort vergessen, verdrängt vielleicht, und doch fühlte es sich an, als wäre ich nie fort gewesen.
Aber diesmal war er anders. Schöner. Lebendiger. Das Gras war frisch geschnitten, der Boden sauber gefegt. Überall hingen kleine Papierlaternen zwischen den Ästen, zart gefärbt in Rosa, Gold und Weiß. Sie tanzten leicht im Wind, und das Licht, das durch die Baumkronen fiel, ließ sie wie Glühwürmchen schimmern. In der Mitte der Lichtung lag ein großes, weiches Tuch – und darauf meine Lieblingsspeisen: goldbraune Reisküchlein, glänzende Erdbeeren, dampfender Kräutertee. Und sogar Schokolade. Meine Schwäche.
Ich sog die Luft tief ein. Sie roch nach Frühling und Wald, nach Moos und frischem Wasser, nach Zuhause. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, leise, ungewollt, echt. Nicht wegen des Essens, sondern weil ich spürte, wie viel Mühe in allem steckte. Wie viel Liebe. Wie viele Erinnerungen.
Und dann sah ich sie – alle drei.
Chiyo stand da, mit einem breiten, sonnigen Grinsen, das schon verriet, dass sie die treibende Kraft hinter all dem war. Neben ihr Nej, ruhig und sanft wie immer, mit diesem Blick, der mehr sagte als jedes Wort. Und Tay, der sich wie üblich nichts anmerken ließ, die Hände in den Taschen, aber in seinen Augen funkelte etwas, das ich nicht oft sah – Stolz. Vielleicht auch Zuneigung, verborgen hinter seiner kühlen Fassade.
„Happy Birthday, Shara!“, rief Chiyo und sprang mir ohne Vorwarnung in die Arme. Ich stolperte zurück, lachte überrascht, aber hielt sie fest. Ihre Umarmung war warm, stark, vertraut. Ich schloss die Augen und ließ den Moment zu. Zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte ich mich wirklich... glücklich.
Hinter ihr stand Nej, etwas abseits, wie immer. Er war nie laut, nie aufdringlich – und doch war seine Präsenz das, was ich am meisten spürte. Als ich mich zu ihm drehte, lächelte er sanft, trat langsam näher und hob eine Hand, um mir eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen. Seine Finger berührten meine Haut nur flüchtig, aber es war, als würde er sie kennen. Mein Herz schlug schneller.
„Alles Gute zum Geburtstag, Kleines”, sagte er leise. Seine Stimme war weich und warm, fast wie das Licht, das durch die Bäume fiel. Er zog mich in eine Umarmung, vorsichtig, ehrlich, nicht zu fest, aber genug, um mich daran zu erinnern, dass ich nicht allein war.
Ich spürte seine Nähe, die Wärme seines Atems an meinem Hals, und gleichzeitig dieses flirrende Ziehen tief unter meinen Rippen, das ich nie ganz benennen konnte, das mich immer dann überkam, wenn ich ihm zu nah war. Zu nah, um einfach nur Freunde zu sein. Ich löste mich, zwang mich zu einem Lächeln.
„Du weißt schon, dass wir gleich alt sind, oder?”
„Ändert trotzdem nichts an unserem Größenunterschied”, konterte er grinsend.
Ich verdrehte die Augen, spürte aber, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Natürlich hatte er recht. Er war fast einen Kopf größer, und irgendwie gefiel mir das mehr, als ich zugeben wollte.
Chiyo lachte, schlug ihm spielerisch gegen den Arm. „Wie oft hab ich dir gesagt, du sollst sie nicht ärgern?”
„Ich ärgere sie nicht, ich stelle nur Tatsachen fest”, erwiderte er unschuldig.
„Ihr benehmt euch wie Kinder”, kam Tays trockene Stimme von hinten. Ich drehte mich um, sah ihn auf einem Baumstumpf sitzen, die Arme verschränkt, mit diesem gleichgültigen Gesichtsausdruck, der aber verriet, dass er sich insgeheim amüsierte. Ich musste lachen, und das Lachen breitete sich in mir aus wie Licht.
Dann trat Chiyo wieder vor, die Augen strahlend. „Warte! Wir haben ja noch was für dich!”
Sie bückte sich, kramte in einem kleinen Stoffbeutel und zog ein sorgfältig eingewickeltes Päckchen hervor. Eine rote Schleife aus Seide hielt das Papier zusammen.
„Tadaaa! Für dich”, sagte sie fast feierlich und überreichte es mir mit beiden Händen.
Ich nahm es vorsichtig entgegen. Schon das Papier fühlte sich besonders an, wie etwas, das mit Bedacht gefaltet und mit Herz verschenkt worden war. Ich öffnete es langsam, zog die Schleife ab, löste das Papier – und dann stockte mein Atem.
Eine Kette. Fein, silbern, zart, mit einem kleinen Kristall, der in der Sonne schimmerte wie flüssiger Mondschein. Das Licht brach sich in ihm, tanzte in winzigen Farben über meine Finger. Es war nicht groß, nicht auffällig – aber es war wunderschön. Und es fühlte sich an... als gehörte es zu mir.
„Ich... das kann ich nicht annehmen...“, flüsterte ich, doch meine Stimme war kaum hörbar.
Nej trat wieder näher, nahm mir das Schmuckstück sanft aus der Hand. „Natürlich kannst du”, sagte er, und in seiner Stimme lag dieses leise, sichere Etwas, das keinen Widerspruch zuließ. „Dreh dich um.”
Ich gehorchte. Spürte, wie seine Finger meinen Nacken berührten, die Kette umlegten, den Verschluss schlossen – ein leises Klicken, kaum hörbar, aber endgültig. Der Kristall lag warm auf meiner Haut, als hätte er ein eigenes Leben.
Ich drehte mich wieder zu ihm um. Er lächelte. Und in diesem Lächeln lag alles, was unausgesprochen blieb.
Chiyo trat einen Schritt näher, schob Nej mit einem schelmischen Grinsen sanft zur Seite. „Komm mit”, flüsterte sie, griff nach meiner Hand und zog mich zum Rand der Lichtung, dorthin, wo das Licht durch die Blätter fiel und die Welt in einem goldenen Schimmer lag.
Ich ließ mich ziehen, lachte leise, fühlte mich leicht. Noch immer spürte ich die Kette, den Kristall, das leise Pochen meines Herzens.
„Du weißt schon, dass er dich liebt, oder?”
Ich blieb stehen. Ihr Ton war ruhig, ernst. Kein Scherz, kein Lächeln. Nur Wahrheit.
„Was?” Meine Stimme klang schwächer, als ich wollte.
„Nej. Er liebt dich. Das sieht jeder. Nur du nicht.”
Ich wollte etwas sagen, irgendwas, doch meine Gedanken lösten sich auf. Sie sprach weiter, leiser, weicher: „Du musst es ihm nicht heute sagen. Aber irgendwann musst du’s tun. Für dich. Und für ihn. Für das, was zwischen euch längst da ist.”
Ich sah sie an, und für einen Moment war sie das pure Licht. Warm, lebendig, unersetzlich. Ich wollte ihr danken. Ich wollte sie umarmen. Ich wollte ihr sagen, wie froh ich war, dass sie da war.
Aber dann kam dieser Laut.
Er war kein Schrei, kein Knall, nichts, das man benennen konnte. Es fühlte sich an, als hätte etwas Unsichtbares die Welt durchtrennt. Für einen Atemzug war da nichts mehr, kein Geräusch, kein Gedanke, nur eine Leere, die alles verschluckte.
Etwas Warmes traf mein Gesicht.
Ich sah Chiyo an.
Sie stand noch da, nur einen winzigen Moment, ihr Mund leicht geöffnet, als würde sie gleich meinen Namen sagen. Dann ging ein kaum sichtbares Zittern durch ihren Körper. Ein dunkler Schatten schnitt durch die Luft, schneller als ein Gedanke.
Und im nächsten Augenblick löste sich ihr Kopf von ihren Schultern.
Er fiel ins Gras.
Blondes Haar breitete sich im Moos aus und fing das Licht, als hätte die Welt keinen Fehler bemerkt. Ihr Körper blieb noch einen Herzschlag aufrecht stehen, leer, unbegreiflich, dann sank er neben ihr zusammen.
Ich stand da und begriff, dass ich nie wieder so lachen würde wie vor fünf Minuten.
-Yua’s Sicht-
Die Kuchenmasse klebte an meinen Fingerspitzen, warm und süß, als hätte sie das Sonnenlicht eingefangen. Ich drückte die letzten Beeren in die Mitte des kleinen Kuchens, ordnete sie in einem Kreis an, umrahmt von Jasminblättern, die ich gestern Abend sorgfältig gesammelt hatte. Ein leises Seufzen entwich mir, als ich mir mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Die Küche war erfüllt vom Duft gebackenen Reises, von Hibiskus und Honig – und von Erinnerung. Jede dieser Zutaten trug eine Spur Vergangenheit in sich. Ich erinnerte mich an Shara, wie sie als Kind an meiner Schürze zog, wie sie sich heimlich vom Teig naschte und kicherte, wenn ich so tat, als würde ich es nicht merken. Es waren kleine Dinge, die den Morgen wärmer machten, als er eigentlich war.
Doch noch bevor ich die Stille in mich aufnehmen konnte, schnitt eine Stimme sie entzwei.
„Wann willst du Shara endlich die Wahrheit sagen?”
Yenikas Ton war leise, kaum mehr als ein Atemzug, und doch wirkte er wie ein Schlag. Ich hielt inne. Der Holzlöffel blieb in meiner Hand, unbewegt, während der Duft von süßem Reis plötzlich schwer in der Luft hing. Ich antwortete nicht. Noch nicht.
„Sie wird sechzehn, Yua. Sie hat ein Recht, es zu wissen.”
Ihre Worte trafen mich tiefer, als ich zugeben wollte. Ich wandte den Blick nicht vom Kuchen ab. Stattdessen legte ich den Löffel behutsam auf den Tisch, als wäre er aus Glas. Mein Herz schlug schneller, aber mein Gesicht blieb ruhig.
„Wie oft noch, Yenika?” Meine Stimme war fester, als ich erwartet hatte, doch sie bebte leicht am Ende. „Ich entscheide das. Ich bin ihre Mutter.”
„Und ich bin ihre Tante, ihre Familie. Du kannst nicht ewig weglaufen.”
Ich atmete tief durch, ein Atemzug, der sich wie ein Gewicht in meiner Brust anfühlte. Die Hitze des Ofens kroch mir den Rücken hinauf, vermischte sich mit der Kälte, die ihre Worte in mir hinterließen. Ich legte meine Hand auf den Tisch, sah die feinen Teigreste an meinen Fingern und wünschte mir für einen flüchtigen Moment, alles wäre so einfach wie früher.
„Ich bin nicht weggelaufen,” flüsterte ich schließlich. „Ich habe sie geschützt. Alles, was ich je getan habe... war nur, um sie zu schützen.”
Yenika schwieg. Ihr Blick, fest und ruhig, sagte alles, was sie nicht aussprach. Enttäuschung. Sorge. Vielleicht auch Mitleid. Sie verstand mich – und gleichzeitig nicht. Sie sah nur die Entscheidung, nicht die Angst dahinter. Die Angst, die mich seit sechzehn Jahren begleitete, jede Nacht, in jedem Lächeln meines Kindes versteckt. Angst vor dem, was in Shara schlief. Angst davor, dass das, was sie liebte, sie eines Tages zerstören könnte.
Ich wollte etwas sagen, doch bevor ich einen weiteren Atemzug nehmen konnte, zerriss ein Schrei die Luft.
„Hilfe! Bitte!”
Er kam von draußen, aus Richtung der Straße. Ein Schrei, so roh, so menschlich, dass mein Herz sofort stillstand. Für einen Sekundenbruchteil glaubte ich, mich verhört zu haben. Dann kam der zweite. Und der dritte.
Yenika und ich sahen uns an – und liefen los.
Ich riss die Tür auf. Die Welt dahinter war nicht mehr dieselbe.
Feuer.
Überall.
Der Himmel, eben noch hell und klar, stand in Flammen. Rauch stieg auf, dick und schwarz, und färbte die Sonne blutrot. Das Knistern brennenden Holzes mischte sich mit dem Kreischen der Menschen, mit den gellenden Stimmen der Kinder, mit dem dumpfen Wummern einstürzender Dächer. Der Geruch von Rauch, Schweiß und Angst drang mir in die Kehle, brannte in meiner Lunge. Ich wollte etwas sagen, wollte rufen – doch die Worte gingen im Chaos unter.
Und dann sah ich ihn.
Akaru.
Er trat aus dem Rauch, groß, aufrecht, unversehrt, als gehöre der Brand ihm, als habe er selbst das Feuer geatmet. Seine Schritte waren ruhig, sein Blick klar. Der Rauch wich um ihn zurück, als fürchte er sich, ihn zu berühren. Ich spürte, wie meine Finger zu zittern begannen.
„Yua.”
Er sprach meinen Namen. Nur das eine Wort – und doch klang es wie ein Versprechen und ein Urteil zugleich.
Mein Atem stockte. Ich hatte seine Stimme in Albträumen gehört, in Erinnerungen, in den Schatten der Nacht – aber nie wieder hatte ich geglaubt, sie im Licht des Tages hören zu müssen. Der Boden schien unter mir zu beben, und doch war es nicht die Erde, sondern mein Herz, das schmerzte.
„Du...” Meine Stimme war kaum ein Flüstern.
„Wie schön, dich wiederzusehen.” Er lächelte, aber seine Augen blieben leer, und mir gefror das Blut in den Adern. Ein vertrautes Lächeln – und doch so fremd, dass mir schlecht wurde.
Ich trat einen Schritt zurück. Yenika bewegte sich neben mir, ihre Schultern angespannt. Ich spürte ihren Blick, spürte ihre Angst.
„Komm mir nicht zu nahe!” Ich hob die Hand, obwohl ich wusste, dass es sinnlos war.
„Ach, Yenika.” Er sah an mir vorbei, sein Tonfall war beinahe spöttisch. „Die kleine Verräterin lebt also immer noch.”
„Lass sie in Ruhe!” zischte ich, und meine Stimme war plötzlich wieder fest, eiskalt, unerschütterlich. Ich stellte mich vor sie, ohne nachzudenken, instinktiv, so wie Mütter es tun, wenn sie nichts anderes mehr tun können.
Akaru lachte. Leise, kurz, so vertraut, dass es wehtat. „Du hast mir etwas sehr Wertvolles gestohlen, Yua. Gib sie mir... oder ich lösche dieses Dorf aus.”
Ein Zittern ging durch mich, doch ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ich durfte ihm das nicht zeigen. Nicht jetzt.
„Yenika”, sagte ich leise, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Such Shara. Sofort.”
„Aber—”
„Jetzt. Lauf!”
Sie zögerte, nur einen Atemzug lang, dann drehte sie sich um und rannte. Ich hörte, wie ihre Schritte im Chaos verschwanden.
Akaru sah ihr nach, dann wieder zu mir. Seine Augen glühten in einem rötlichen Licht, das ich nur zu gut kannte. Es war kein Zorn, kein Hass – es war etwas Tieferes, Reineres. Wahnsinn.
„Dann wählst du den Tod.”
Er hob die Hand. In seiner Faust glomm etwas Dunkles – eine Klinge, schwarz wie verbrannte Erde, pulsierend wie ein lebendiges Herz. Runen flackerten auf ihrer Oberfläche, uralt, hungrig. Sie flüsterten, zischten, riefen nach Blut. Ich erkannte sie sofort.
„Ex abysso... Hydra”, sagte er ruhig.
Dann schnitt er sich selbst tief in die Handfläche. Sein Blut tropfte zu Boden, leuchtete grellrot, und die Erde begann zu beben. Risse zogen sich durch den Boden, aus denen Rauch und Schwefel aufstiegen. Der Gestank von verbrannter Erde und Tod lag in der Luft. Und dann kam sie.
Ein Brüllen, so laut, dass selbst die Flammen kurz erstarrten. Etwas erhob sich aus dem Abgrund, eine Hydra aus schwarzer Masse, durchzogen von pulsierendem Rot. Neun Köpfe, jeder anders verzerrt, mit Augen, die vor Hunger glühten. Sie sog Luft ein, und die Welt schien stillzustehen, bevor sie schrie.
Ich trat zurück, der Boden bebte unter meinen Füßen. Die Hitze der Flammen brannte auf meiner Haut, doch in mir war nur Kälte. Ich griff nach der Kette um meinen Hals – der alten Silberkette, die seit Generationen an unsere Familie gebunden war. Mein letzter Schutz. Meine letzte Hoffnung.
Ich presste sie gegen mein Herz, schloss die Augen. „Rex luporum, surge...”
Ein Flüstern. Dann ein Windstoß.
Die Luft veränderte sich. Der Rauch wich zurück, als hätte er Angst. Ein silberner Nebel erhob sich aus dem Boden, umhüllte mich, drehte sich, bis er Form annahm. Dann ertönte ein tiefes, uraltes Knurren – kein Tierlaut, sondern etwas Reines, Göttliches.
Und aus dem Nebel trat er hervor.
Okamisan.
Sein Fell war weiß wie Schnee, sein Körper gewaltig, seine Augen von einem durchdringenden Silberblau. Jeder Atemzug ließ den Boden erzittern, seine Präsenz füllte die Welt, als wäre er selbst aus den Sternen geboren.
Ich sah zu ihm auf – meinem Beschützer, meinem letzten Verbündeten, meinem Freund.
„Es tut mir leid”, flüsterte ich. „Aber es ist soweit.”
Er neigte den Kopf, und in seinen Augen lag etwas, das ich verstand, ohne Worte. Dann wandte er sich Akaru zu, und das Brüllen, das darauf folgte, zerriss Himmel und Erde.