Prolog
Die Musik dröhnt so laut, dass der Boden unter meinen Füßen vibriert. Rote und blaue Lichter zucken über die Gesichter der Betrunkenen wie ein kranker Puls.
Ich stehe mitten im Wohnzimmer von Ascans Villa. Mein Herz hämmert so hart gegen meine Rippen, dass ich es im Hals spüre. Das enge, viel zu kurze Kleid, das ich mir vor zwei Wochen von Maisie geliehen und nie zurückgegeben habe, klebt an meiner schweißnassen Haut.
Ich habe es angezogen, weil ich dachte, es würde ihn zurückholen. Weil ich geglaubt habe, wenn ich endlich so aussehe wie diese Frauen, würde Ascan mich wieder so ansehen wie am Anfang.
Jetzt weiß ich, wie verdammt naiv das war.
Vor mir, nur wenige Meter entfernt, stehen sie. Ascan und Maisie.
Maisie lacht gerade laut über etwas, das er gesagt hat – dieses helle, schrille Lachen, das ich früher geliebt habe. Ihre Hand liegt auf seiner Brust, viel zu vertraut. Seine Finger streichen über ihre Hüfte, als gehörte sie ihm.
Die Welt um mich herum wird still.
„Du verdammte Schlampe.“
Die Worte schneiden klar und kalt aus meinem Mund.
Die Musik scheint für einen Sekundenbruchteil leiser zu werden. Köpfe drehen sich.
Maisie fährt herum. Ihr Lächeln zerbricht.
Ascan starrt mich an, die Augen glasig vom Alkohol und von dem Zeug, das sein Vater ihm heute wieder verpasst hat.
Ich gehe einen Schritt näher. Meine Absätze knallen auf dem Marmor.
„Du hast mir gesagt, du wärst meine beste Freundin.“ Meine Stimme ist ruhig. Zu ruhig. „Du wusstest genau, was ich für ihn empfinde.“ Ich schlucke einmal, hart. „Und dann fickst du ihn? Hinter meinem Rücken?“
Maisie hebt die Hände, als könnte sie mich damit beruhigen.
„Selene, ich— du hast nur gesehen, was du sehen wolltest—“
„Halt die Fresse.“
Ich trete noch näher. Die Luft zwischen uns knistert.
„Du hast ihm alles erzählt, oder?“ Jetzt ist meine Stimme leiser, aber sie schneidet tiefer. „Jedes Geheimnis. Jedes verdammte Mal, wenn ich heulend bei dir saß, weil sie mich wie Dreck behandelt haben.“ Ich halte ihren Blick fest. „Du hast es ihm erzählt, damit du dich wichtiger fühlst. Damit du näher an ihm dran bist.“
Maisies Augen glänzen. Tränen. Echte.
„Ich hab dich nicht verraten, ich schwöre—“ Ihre Stimme bricht. „Du… du verstehst das nicht.“
Ich drehe mich zu Ascan. Meine Augen brennen, aber ich blinzle nicht.
„Und du…“ Ein kurzes, bitteres Lachen entkommt mir. „Du hast mir gesagt, ich wäre anders. Die Einzige, die du respektierst.“
Ich schüttle leicht den Kopf.
„Dann gehst du ausgerechnet zu ihr?“
Ascan ballt die Fäuste so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Sein Kiefer mahlt, als müsste er sich mit Gewalt zurückhalten.
„Selene. Nicht hier. Nicht jetzt.“
„Doch.“ Ich gehe den letzten Schritt auf ihn zu, bis unsere Brustkörbe sich fast berühren. Die Hitze seines Körpers brennt durch den dünnen Stoff meines Kleides. „Genau hier. Genau jetzt.“
Ein leiser, bitterer Laut entweicht mir, aber er klingt hohl, kaputt.
„Ich habe mich für dich verkleidet. Ich habe meine ganzen Klamotten weggeworfen. Ich habe angefangen, mich anzumalen wie eine von denen.“ Meine Stimme wird noch leiser, fast ein Flüstern. „Ich habe sogar darüber nachgedacht, Fotos zu posten… nur damit du mich endlich so ansiehst wie die anderen Schlampen, die du sonst vögelst.“
Ich sehe ihm direkt in die Augen, halte seinen Blick gefangen.
„Und du hast mich benutzt.“
Eine winzige Pause.
„Genau wie dein Vater dich benutzt.“
Etwas in ihm zerreißt.
Er macht einen Schritt nach vorn, viel zu schnell.
„Halt verdammt nochmal die Klappe über meinen Vater!“
Die Leute weichen zurück. Declan hebt grinsend sein Handy höher.
Maisie greift nach seinem Arm. „Ace, bitte—“
„Nenn ihn nicht so. Nicht vor mir.“
Seine Hand schießt vor. Seine Finger graben sich brutal in mein Kinn, pressen sich tief in die Haut, als wollten sie meinen Kiefer zerquetschen. Der Schmerz explodiert heiß und scharf durch meinen ganzen Schädel. Er zwingt meinen Kopf nach oben, so hart, dass mein Nacken knackt und ich spüre, wie meine Zähne aufeinanderknirschen.
„Ich hab dich gewarnt“, zischt er. Sein Gesicht ist so nah, dass seine Lippen meine fast streifen. Sein Atem brennt heiß und alkoholgeschwängert auf meiner Haut, schmeckt nach Wut und etwas Dunklerem. „Ich hab dir gesagt, du sollst dein verdammtes Maul halten.“
Seine Finger graben sich noch tiefer ein. Die Nägel bohren sich in mein Fleisch. Der Druck wird so stark, dass schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen.
Ich spucke ihm mitten ins Gesicht.
Die Spucke landet warm und glänzend auf seiner Wange.
Maisie keucht auf, ein schrilles, ersticktes Geräusch.
Für eine Sekunde erstarrt die ganze Welt.
Dann explodiert er.
Er stößt mich mit voller Wucht nach hinten. Seine Handfläche knallt gegen meine Brust.
Ich fliege rückwärts, pralle hart gegen den Tisch.
Die Kante rammt sich in meine Rippen. Die Lampe kippt, zerschellt klirrend auf dem Marmor. Der Aufprall presst sämtliche Luft aus meinen Lungen. Schmerz schießt glühend durch meinen Brustkorb.
Meine Finger krallen sich reflexartig in die Tischkante, halten mich irgendwie aufrecht. Meine Knie zittern, aber ich falle nicht.
Niemand rührt sich. Niemand kommt mir zu Hilfe.
Ascan wischt sich langsam, fast bedächtig meine Spucke aus dem Gesicht. Ganz ruhig. Viel zu ruhig. Als würde er sich zwingen, nicht sofort loszuschlagen.
In seinem Blick liegt nur noch pure, kalte Abscheu.
Einen Herzschlag zu lange halte ich seinem Blick stand – gefangen in diesen goldenen Augen.
Dann sehe ich weg. Nicht aus Angst. Aus Ekel.
Maisie schluchzt jetzt laut, ein hässliches, ersticktes Weinen.
„Selene… bitte…“
Ich richte mich langsam auf. Das Pochen in meinen Rippen ignoriere ich. Es fühlt sich fast gut an.
„Du brauchst das, oder?“ Ich sehe sie direkt an, wirklich an. „Sonst sieht dich ja keiner.“
Der Satz trifft sie wie eine Ohrfeige. Sie zuckt zusammen, als hätte ich sie geschlagen.
Ich trete einen Schritt zurück. Das enge Kleid klebt plötzlich wie eine zweite, falsche Haut an mir.
„Ich hätte es besser wissen müssen.“
Die Worte fallen leise, fast sanft – und schneiden trotzdem durch den ganzen Raum.
Dann drehe ich mich um und gehe.
Die Menge teilt sich wie von selbst. Niemand wagt es, mich aufzuhalten.
Hinter mir höre ich Glas splittern, Maisies Schluchzen, das in ein ersticktes Wimmern übergeht, und Calebs leises, amüsiertes Lachen – als wäre das hier nur eine besonders gute Show.
Ich gehe weiter. Barfuß. Ohne mich umzudrehen. Ohne eine einzige Träne.
Draußen in der kühlen Nachtluft bleibe ich stehen.
Ein tiefer, zitternder Atemzug.
Dann ziehe ich mir das Kleid mit einer einzigen, harten Bewegung über den Kopf und werfe es in den nächsten Mülleimer. Der Stoff landet mit einem leisen Klatschen zwischen leeren Flaschen.
Im BH und Slip stehe ich da, barfuß auf dem kalten Asphalt. Die Nachtluft streicht über meine nackte Haut.
Zum ersten Mal seit Wochen fühlt sich mein Körper wieder richtig an.
Aber etwas in mir ist nicht ruhig.
Nicht frei.
Etwas in mir ist wach.
Langsam hebe ich den Blick zurück zur Villa. Die Musik dröhnt noch immer, als wäre nichts passiert.
Als wäre ich nichts gewesen.
Ein kaltes, kaum spürbares Lächeln zieht über meine Lippen.
Er hat keine Ahnung, was er gerade ausgelöst hat.
Und diesmal…
werde ich nicht diejenige sein, die daran zerbricht.









Wow... 💣🌋 Was für ein Auftakt...
Das bringt gleich Gänsehaut mit sich... 🫢😬
Sehr spannend, wenn es um diese Beiden geht, denn die Kluft scheint Mega groß zwischen ihnen... 🫣
Super Anfang 👌🫶🏼❤️🔥