Kapitel 1 - Nadja
Professor Heidemann. Der Alptraum eines jeden Psychologiestudenten. Die fleischgewordene Langeweile der Biopsychologie, die sich nicht nur in der Art offenbarte, in der er seine Vorlesungen hielt, sondern auch noch in seiner Garderobe: Tweedsakko, Bluejeans und schwarze, nichtssagende Slipper. Irgendwie hatte ich bei ihm immer das Gefühl, als ob er dem Klischee eines Gelehrten aus den späten Siebzigern hinterherlief. Vielleicht hatte es ihm aber auch die 68er Bewegung angetan, obwohl er von der natürlich nichts mehr mitbekommen hatte...außer vom Hörensagen.
„Wenn der Kerl nicht so gut aussehen würde, wären das sicherlich die Vorlesungen, in denen ich am häufigsten fehlen würde”, flüsterte Jasmin neben mir.
Wir beide waren bereits seit der 5. Klasse miteinander befreundet und hatten so ziemlich alles miteinander erlebt, was man als beste Freundinnen erleben kann. Außer beim Sex, da war Jasmin mir meilenweit voraus. Zumindest, was den normalen Sex anbelangte. Und das war auch nicht weiter verwunderlich, wenn man ihr Äußeres berücksichtigte.
Einen schlanken, durch Leichtathletik gestrafften Körper. Lange, glatte, blonde Haare, tiefblaue Augen und eine stets sanft gebräunte, geschmeidige Haut, deren goldenen Farbton sie in der kalten Jahreszeit mit Solariumbesuchen auffrischte.
Neben Jasmin wirkte ich zwar nicht wie ein hässliches Entlein, aber in ihrer Liga spielte ich auch nicht. Dadurch, dass ich mit meinen einen Meter neunundfünfzig auch noch ganze neun Zentimeter kleiner war als Jasmin, verteilten sich meine ziemlich unsportlichen Kilos auf eine Weise, die man durchaus als mollig bezeichnen konnte. Ich war nicht dick, wirklich nicht, und die wenigen Männer, mit denen ich bislang geschlafen habe (zwei, um genau zu sein), hatten sich über meine weichen, etwas fülligen Formen auch nie beschwert. Aber natürlich war mir klar, dass sich jeder meiner verflossenen Liebhaber ohne zu zögern für Jasmin entschieden hätte, hätte er denn die Wahl gehabt.
Ich war nicht wirklich traurig darüber, weil ich natürlich wusste, dass ich mein Erscheinungsbild um einiges würde verbessern können, wenn ich mich dazu aufraffen könnte, endlich mehr Sport zu treiben und ein wenig auf meine Ernährung zu achten. Aber so war das nun mal, wenn man mit seinem Leben im Reinen war. Dann interessierte die Erwartungshaltung anderer an einen selbst nicht wirklich, auch wenn ein wenig Selbstdisziplin sicherlich nicht schaden würde.
„Erde an Nadja”, wisperte es so dicht an meinem rechten Ohr, dass ich ein erschrockenes Quieken ausstieß.
Oh, scheiße!, dachte ich, während Jasmin neben mir leise lachte und dabei dezent den Kopf senkte, damit ihr Gesicht vom Vorhang ihrer Haare verdeckt wurde.
Da wir relativ weit hinten im Hörsaal saßen, hatte ich noch die Hoffnung, dass mein Quieken nicht allzu weit nach vorne Richtung Podium gedrungen war.
Nun, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber sie stirbt. So wie auch in meinem Fall.
Professor Heidemann unterbrach seine Ausführungen über Den Zusammenhang physiologischen Wirkens auf die Ursache von Stress im Kontext unterschiedlicher Arbeitsumgebungen, denen ich nur mit halbem Ohr gelauscht hatte und hob den Kopf. In diesem Zusammenhang gab es ein Zitat, das man Albert Einstein zuschrieb und das diese ewig langen und künstlich verwissenschaftlichen Schwafeleien in einem einzigen, prägnanten Satz zusammenfasste: Die Hauptursache für Stress ist der tägliche Umgang mit Idioten. Ich befürchtete nur, dass mich die Kenntnis um dieses Zitat auch nicht vor dem Folgenden retten würde, also behielt ich es lieber für mich.
Heidemann schwieg einen Moment, schob seine Brille mit dem Zeigefinger wieder auf den Nasenrücken und erfasste mich mit zielsicherem Blick.
Der Hörsaal war nicht sehr groß, kein Vergleich zum AudiMax, und auch nicht besonders gut besucht. Biopsychologie schien nicht gerade die Lieblingsvorlesung der Studenten zu sein. Dennoch mochten etwa drei Dutzend Leute anwesend sein, als Heidemann mit leiser aber durch das Mikrofon, das er am Revers seines Sakkos befestigt hatte, weithin verständlicher Stimme sagte:
„Frau Schäfer.”
Er ließ seine Worte gekonnt im Raum verhallen, während sich etwa zwei Dutzend Köpfe in meine Richtung drehten, was mich, peinlich berührt, meine Lippen zusammenpressen ließ.
Ich mochte keine Aufmerksamkeit, egal in welchem Zusammenhang. Nicht einmal dann, wenn sie positiv für mich wäre. Ich flog lieber unter dem Radar, was vielleicht auch mit der dunklen Seite meines Nebenjobs zu tun hatte, von dem nicht einmal Jasmin wusste und den ich seit fast zwei Jahren ausübte. Ein außergewöhnlicher Job, der zwar mit einem Stigma behaftet war, mir in dieser Zeit aber eine schöne Summe Geld eingebracht hatte.
„Nun, ich bin mir durchaus bewusst, dass die Aspekte der Biopsychologie sicherlich nicht so reizvoll sind wie andere biologische Tätigkeiten, die zwei Menschen interaktiv miteinander ausüben können”, fuhr er nach seiner kurzen Kunstpause fort und wurde nun vom Gelächter jener Studenten unterbrochen, die diesen Vergleich auch witzig fanden.
Nun, ehrlich gesagt empfand ich dies auch, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass sich meine Lippen nicht zu jenem dümmlichen Grinsen verzogen hätten, das nun wie eingefroren auf meinem Gesicht lag, untermalt von einer glühenden Röte, die durch meine weiße, milchige Haut noch verstärkt wurde.
Leuchtturm, so hatte man mich früher als Kind immer genannt, und bis heute hatte sich nichts daran geändert. Meine Wangen glühten wie ein Stück Kohle in der Nacht.
„Nichts desto trotz”, setzte Heidemann hinzu, um den Grad meiner Demütigung noch ein wenig höher zu treiben, „werden Sie nicht umhin kommen, meinen Vorlesungen ab und an ebenfalls ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen, wenn Sie ernsthaftes Interesse daran hegen, die benötigten Nachweise für Ihr Gesamtstudium auch tatsächlich zu erreichen.”
Die unausgesprochene Drohung, die in seinen Worten lag, war unüberhörbar.
„Haben wir uns diesbezüglich verstanden, Frau Schäfer?”
Ich brachte ein kurzes Nicken zustande, während ich darauf wartete, dass Heidemann sich endlich wieder seiner Vorlesung zuwandte, damit die allgemeine Aufmerksamkeit an meiner Person sich wieder in ersehnter Nichtbeachtung auflöste. Ich wartete...und wartete, bis Jasmin mit dem Knie gegen mein Bein stieß, woraufhin ich sie überrascht ansah. Auch wenn ich nicht wusste, was sie mit diesem Stoß beabsichtigt hatte, so beruhte der angenehme Nebeneffekt darauf, dass sich das dümmliche Grinsen in meinem Gesicht endlich auflöste. Nicht jedoch das amüsierte Lächeln, das nach wie vor um Jasmins schöne, volle Lippen spielte, als sie mit einer kurzen Kopfbewegung Richtung Podium deutete.
Erst dann begriff ich, worauf das anhaltende Schweigen von Heidemann hinauslief. Er würde sich für die Störung seiner Vorlesung nicht mit einem einfachen Nicken als angedeutete Entschuldigung zufrieden geben. Meine Demütigung musste vollumfänglich sein. Natürlich wusste ich als Psychologiestudentin im vierten Semester, worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Bestrafe einen, erziehe hundert, wie Mao Tse-Tung einmal gesagt haben soll.
Ich atmete innerlich einige Male tief durch, hob den Kopf und sagte mit fester Stimme: „Natürlich, Herr Professor.”
Ich sah die mir zugewandten Gesichter einiger meiner Kommilitonen. Sah das schadenfrohe Grinsen, auf welches ich mir keinen Reim machen konnte, da ich mit keinem in irgendeiner Weise verfeindet war und gegen manch einen nicht mehr Antipathie hegte, als derjenige gegen mich.
Nun, vielleicht lag es daran, dass Schadenfreude bevorzugt von Menschen empfunden wurde, die intellektuell nicht besonders gut aufgestellt waren. Doch wie auch immer, es war diese Schadenfreude, die den Teufel in mir kitzelte und mich dazu veranlasste zu sagen: „Selbstverständlich bin ich mir darüber im Klaren, dass ich durch dieses etwas unglückliche Geräusch, das aus Versehen aus mir herausgeschlüpft ist, Ihre Ausführungen unterbrochen habe, doch möchte ich an dieser Stelle gleichsam als zu überdenkenden Einwand formulieren, weshalb ein so bedeutungsloser Laut in der Lage war, Ihre Vorlesung so nachhaltig zu stören, dass wir uns in einer solch unangenehmen, zumindest für mich unangenehmen, Situation wiederfinden?”
Ich konnte in den Augenwinkeln erkennen, wie sich bei einigen meiner Kommilitonen die Schadenfreude zur Ungläubigkeit wandelte. Ich achtete nicht weiter darauf. Unverwandt hielt ich Heidemanns Blick stand. Für einen flüchtigen Moment vermeinte ich den Ausdruck von Anerkennung in seinem Antlitz wahrzunehmen, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Imagination, wie man in der Psychologie sagen würde.
„Ich muss gestehen, dass Ihr Einwand durchaus seine Berechtigung hat, Frau Schäfer. Gestatten Sie mir dennoch eine Gegenfrage.” Professor Heidemann trat vor das große, langgezogene Pult, lehnte sich mit der Hüfte dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust. Er stand im hellen Licht der Podiumsbeleuchtung, so dass sein glattrasiertes Gesicht, das von seinen lockigen Haaren umrahmt wurde, deutlich zu erkennen war. Ich war mir ziemlich sicher, dass er nicht ohne Grund genau an dieser Stelle stand. „Egal, wie sehr oder wie stark man die Störung auch wichten mag, würden wir diese Diskussion dann überhaupt führen? Ich meine, wenn es diese Störung in einer schwächeren Form gegeben hätte? Sagen wir, dass sie so leise gewesen wäre, dass ich sie zwar nicht mitbekommen hätte, die Kommilitonen, die um Sie herumsitzen, hingegen schon? Wäre es dann keine Störung der Vorlesung gewesen?”
Nun wusste ich definitiv, dass ich mich geirrt hatte. Es war keine Anerkennung, die ich in Heidemanns Gesicht gesehen hatte, es ist Verärgerung gewesen. Er würde erst zufrieden sein, wenn er mich vor allen Leuten so richtig bloßgestellt hatte.
Was stimmte mit diesem Typ nicht? Ein Mann mittleren Alters, unverheiratet (wahrscheinlich nicht ohne Grund), der frustriert darüber war, niemanden zu finden, der sich mit ihm auf ein gemeinsames Leben einließ und diesen Frust an seinen Studentinnen ausließ?
In mir regte sich Widerstand. Herrgott, es ist doch nur ein komisches Quieken gewesen. Und selbst wenn Heidemann davon ausging, dass ich es mit Absicht getan hatte, um mich über seine extrem langweiligen Ausführungen lustig zu machen (auch wenn ich das bislang noch nie getan hatte), sollte ein Professor, der Psychologie lehrte, nicht meilenweit über derartigen Dingen stehen?
Natürlich sollte er das! Die Frage war nicht schwer zu beantworten.
Da die Sitzreihen nach hinten ansteigend konstruiert waren, sah ich auf ihn herunter. Mit erhobenem Kopf beugte ich mich nach vorne und sagte: „Meinen Sie nicht auch, dass dies eine Fragestellung für den Fachbereich Philosophie wäre? Natürlich hätten Sie recht, wenn Sie jetzt darauf anmerken würden, dass manche Theorien in der Psychologie durchaus gewisse Schnittmengen mit der Philosophie aufweisen, doch ich für meinen Teil muss gestehen, dass ich hinsichtlich der Belanglosigkeit dessen, um was es hier gerade geht, nicht wirklich daran interessiert bin, eine solche Diskussion zu führen, Herr Professor.”
Ich wusste nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, seinen Titel auf eine Art und Weise auszusprechen, der man die Verunglimpfung ins Lächerliche überdeutlich anhörte, aber ich hatte es getan, und ich fühlte mich in diesem Moment verdammt gut dabei.
Ich lehnte mich auf dem Klappsitz wieder nach hinten und warf einen trotzigen Blick in die Runde. Nun hatten sich alle, die vor mir saßen, zu mir umgedreht. Sogar jene, die bislang gelangweilt auf ihre schmalen Schreibpulte gestarrt oder desinteressiert die Bildschirme ihrer Laptops betrachtet hatten.
Die Schadenfreude war aus allen Gesichtern gewichen. Jetzt waren da nur noch Überraschung und Neugierde zu lesen.
Heidemann kniff die Augen zusammen und fixierte mich mit seinem Blick. Reglos und mit noch immer vor der Brust verschränkten Armen stand er gegen das Pult gelehnt.
„Wirklich sehr eloquent formuliert, Frau Schäfer. Hätten Sie mich in den zurückliegenden Semestern des Öfteren mal sachspezifisch auf diese Weise überrascht, dann würden wir jetzt tatsächlich nicht die Philosophie beanspruchen müssen, dessen bin ich mir sicher.”
Mit diesen Worten wandte er sich abrupt ab und verschwand wieder hinter dem Pult.
„Scheiß auf ihn! Auch wenn er süß ist, ist er wohl doch nur ein weiteres männliches Arschloch”, flüsterte Jasmin hinter vorgehaltener Hand und sah mich mit einem Schulterzucken an. Sie hatte ihre Haare wieder über die Schultern geworfen.
Ich nickte nur stumm, weil ich absolut keinen Bock darauf hatte, nochmals von Heidemann wegen Störung der Vorlesung abgemahnt zu werden.