> Prolog <
Die Uhr im Beratungszimmer tickte laut, fast schon zu laut. Arata ließ sich in den Stuhl fallen, als gehöre er hier nicht her, die Kapuze halb über den Kopf gezogen, die Beine zu breit auseinander. Ein Pflaster klebte schief an seiner Lippe und sein Kaugummi knallte demonstrativ zwischen den Zähnen.
„Du weißt, warum du hier bist?" Lioras Stimme war kontrolliert ruhig, so als könnte sie nichts aus der Fassung bringen.
„Klar." Er grinste, zog die Kapuze ein Stück zurück, dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. „Weil meine Eltern mich gezwungen haben. Sonst hätten sie mich nach Hause verfrachtet. Also sitze ich hier, damit sie die Klappe halten."
Sie nickte knapp. „Arata Kuroda."
„Wusste gar nicht, dass ich so berühmt bin, Frau Sinclair."
Liora legte den Stift ordentlich neben den Block. „Es liegt eher daran, dass du dir große Mühe gibst, aufzufallen."
Er lachte leise, ein kurzes, spöttisches Geräusch. „Touché."
Doch er sah sie jetzt an, dunkelbraune Augen, schwer und direkt, als wolle er testen, wie lange sie standhielt.
„Und? Was machen wir jetzt?", fragte er, den Stuhl zurückkippend. „Sie reden, ich nicke, am Ende kriege ich ein Sternchen ins Heft?"
„Wir reden so lange, bis du verstanden hast, dass du mehr bist als deine Schlägereien."
Er grinste, doch ein Muskel zuckte an seiner Wange. „Sie haben keine Ahnung, was oder wer ich bin."
„Dann erklär's mir."
„Wieso? Damit Sie's in Ihren Bericht schreiben?"
„Damit ich dich verstehe."
Die Stille danach war schwer. Er wollte lachen, doch stattdessen presste er die Lippen aufeinander.
Es blieb nicht bei dieser einen Stunde, Woche für Woche musste er kommen. Erst schwieg er trotzig, dann warf er ihr bissige Sprüche an den Kopf. Doch Liora blieb ruhig, ließ sich nicht provozieren. Sie hörte zu, fragte nach, schrieb nur selten mit und genau das brachte ihn zum Reden.
Von seinem Vater, der Druck machte. Von Nächten, in denen Wut alles war, was blieb. Von dem Gefühl, dass keiner an ihn glaubte.
Und jedes Mal schob er etwas Provokation zwischen die Sätze. Ein Blick, der zu lange hielt. Ein Kommentar, der zu zweideutig war. Ein Schritt, der zu nah kam.
An einem grauen Nachmittag als der Regen gegen die Scheiben peitschte, blieb er nach der Stunde länger. Setzte sich auf die Tischkante, so dicht, dass sie sein Deo roch - frisch, herb, männlich.
„Wissen Sie, was ich glaube?" Seine Stimme war leise aber tiefer. „Sie tun so professionell aber Ihre Augen verraten Sie, wenn ich näher komme."
„Arata," warnte sie, „das hier ist kein Spiel."
„Wer sagt, dass ich spiele?" Sein Grinsen war gefährlich schief. „Sie mögen es, wenn ich Sie so anschaue."
„Hör auf, mich zu provozieren."
„Ich provoziere nicht." Er neigte sich näher, bis ihr Atem stockte. „Ich sag nur, was Sie nicht zugeben wollen."
Ihre Finger verkrampften sich um die Unterlagen. „Arata, ich bin deine Vertrauenslehrerin. Du bist..."
„Alt genug, um zu wissen was ich will." Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und sein Blick lag fest auf ihrem Mund.
„Das... ist falsch."
„Fühlt sich nicht falsch an."
Dann berührten seine Lippen die ihren: Kurz, heiß, ungestüm. Sie hätte ihn wegstoßen müssen - doch ihre Finger klammerten sich in den Stoff seines Hoodies, hielten ihn fest und zogen ihn näher. Der Kuss vertiefte sich, wurde gieriger, während er sie mit einem Arm an der Taille gegen den Tisch zog.
„Sag mir, dass du das nicht willst," murmelte er zwischen zwei Atemzügen, „und ich höre auf."
„Arata..." Ihr Herz schlug zu laut, die Worte zitterten. Doch sie schloss den Mund wieder, unfähig zu lügen.
„Genau das hab ich gewusst." Er küsste sie wieder, härter, ließ die Hand über ihre Seite gleiten, spürte ihren Körper, bis ihr ein leiser Laut entkam.
Ihre Lippen brannten, sein Atem vermischte sich mit ihrem, ihre Welt schrumpfte auf diesen Tisch, seine Hände, seinen Hunger. Sie wusste, dass es falsch war und doch konnte sie nicht aufhören.
Dann plötzlich, Schritte im Gang.
Ein Schatten am Fenster.
Liora fuhr zurück, atmete stoßweise. „Stopp. Sofort."
Arata hielt noch ihre Hüfte, die Stirn gegen ihre gelehnt. „Warum? Weil's zu gut ist?"
„Weil es falsch ist!" Sie zwang sich, einen Schritt Abstand zu nehmen, ihr Gesicht heiß vor Schuld. „Ich hätte nie..."
„Nie was?" Seine Stimme war rau, aber trotzig. „Nie zugegeben, dass du's genauso wolltest wie ich?"
„Arata, bitte."
Seine Lippen verzogen sich zu einem kalten Grinsen, das seine verletzten Augen nicht erreichte. „Schon Gut, nenn's Fehler. Alles an mir ist doch ein Fehler, oder?"
„Das habe ich nicht gesagt."
„Doch. Genau das meinst du." Er zog die Kapuze tief ins Gesicht, trat zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. „Wissen Sie was, Frau Sinclair? Ich hoffe, Sie ersticken an Ihrem perfekten Leben. Aber vergessen Sie eins nicht, Sie wollten es. Ich hab's gespürt."
Dann war er weg. Die Tür schlug ins Schloss und sie stand allein im Raum, mit zitternden Händen, geschwollenen Lippen und einem Herz, das sich nicht beruhigen wollte.
In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf. Immer wieder hörte sie seine Worte, fühlte seinen Kuss und Scham nagte an ihr, weil sie wusste: er war ihr Schüler. Achtzehn hin oder her, sie hätte die Grenze ziehen müssen.
Am nächsten Tag war sie verschwunden. Keine Erklärung, keine Nachricht. Offiziell hieß es, sie habe aus 'persönlichen Gründen' gekündigt, doch niemand fragte genauer nach.
Für alle anderen war es eine Entscheidung.
Für Arata war es Verrat.
Für sie ein Fehler, den sie nie wieder begehen wollte.