Wirre Gedanken
Nein. Nein! Ich kann das nicht! Jetzt soll ich dem Typen ernsthaft helfen? Gott steh mir bei! Aber jetzt mal ernsthaft, wie ist er überhaupt in diese bescheuerte Situation reingekommen? Ah! Stopp!
Meine Gedanken kreisen wie wild, eigentlich nicht typisch für mich.
Jetzt konnte ich es doch die letzten paar Tage ignorieren, warum geht es jetzt nicht mehr?
Ich fasse mir an die Stirn und raufe mir dann die Haare.
Das kann doch nicht sein! Ist es überhaupt legal, jemanden so aufzuregen? Jetzt konnte ich mich so lange kontrollieren, ihn vergessen, weg sperren. Und dann reicht sein Name um mich derartig aufzuregen.
Hektisch laufe ich durch meine Wohnung, nicht darauf achtend, wohin ich trete. So geht das seit mindestens zwanzig Minuten. Ich komm mir vor wie von einer Wespe gestochen.
Als ich meine Wohnung heute betreten habe, hab ich sogar eine Vase runter geschmissen. Eigentlich dachte ich, in meiner Wohnung würde ich ruhiger werden, das ist leider nur bedingt der Fall. Die rosarot gepunktete Vase stand auf der kleinen Kommode im Eingang, jetzt liegt sie in Scherben auf dem klitschnassen Teppich, die Sonnenblumen dort verteilt.
Kurz bleibe ich stehen. Tief durchatmen Mel. Ein. Aus. Ein. Aus. Nach ein paar Atemzügen bin ich wieder ruhig. Ich schaue mich in meiner Wohnung um, das gehört zu meiner Beruhigungsmethode. Ich fokussiere mich auf das, was ich sehe, anstatt auf meine Gedanken.
Ja, meine Wohnung ist vielleicht nicht gross, aber sie reicht völlig aus.
Die kleine Küche, die in weiss und helles grau gehalten ist, das Wohnzimmer mit der gemütlichen Couch und dem Fernseher sieht man schon vom Eingang aus, wenn die Tür dort hin offen steht. Küche und Wohnzimmer werden durch eine Glasscheibe getrennt, die man zuziehen kann wenn gekocht wird. Sonst riecht es in der ganzen Wohnung nach Essen. Der Esstisch aus Holz steht neben dem Kochbereich, vor der Scheibe. Meine ganze Wohnung ist in hellen Farben ausgestattet, Pastellfarben und grau mag ich gerne.
Endlich wird mir bewusst, dass ich ja noch meine Arbeitskleidung trage. Rasch geh ich ins Bad um kurz zu duschen und dann den Pyjama anzuziehen. Nach Rosen - mein Lieblingsduft - riechend, lauf ich in meinem flauschigen babyblauen Pyjama zu meinem Bett. Mit dem Gesicht voran lass ich nich drauf fallen.
“Ah. Schönnnn.“ seufze ich auf und bleibe einen Moment liegen. Dann erhebe ich mich um einen Föhn und einen Besen zu holen. Die Scherben und Blumen die in der Vase waren werden zusammengewischt und ich stecke den Föhn ein. Was soll man machen, ich bin grad zu müde um den Teppich richtig zu trocknen. Der Föhn muss reichen. Hoffentlich gibt das keinen Fleck… Egal, jetzt ab ins Bett, Abendessen lass ich aus.
Obwohl ich gemütlich in meinem Bett liege, das Zimmer dunkel ist und ich sehr müde bin, kann ich nicht schlafen. Ich wälze mich hin und her, langsam ist mir heiss. Nur etwa zehn Minuten später stehe ich auf und gehe zum Fenster, das ich aufreisse. Luft strömt in mein Zimmer, dennoch schliesse ich es schnell wieder, da Staub einer Baustelle rein kommt und mich husten lässt. Kurz stehe ich einfach nur im Raum und schaue mich um. Mein Blick fällt auf meinen Zeichenblock. Als ich klein war, hab ich immer gezeichnet wenn ich nicht schlafen konnte. Wehmütig schaue ich es an und setze mich mit ihm in der Hand auf mein Bett.
Die Zeichnungen und Bleistiftstriche fühlen sich vertraut an und Erinnerungen steigen hoch. Ich verdränge sie nicht, denn das Gefühl ist zu schön. Ich schnappe mir den Bleistift von meiner Kommode und lasse all meine Gedanken und meinen Stress in einen Desing eines Kleides fliessen.
Der tief blaue Stoff des Kleides wird vom Wind hochgeweht, über das Kleid verteilen sich grössere und kleinere Sterne die sich so miteinander verweben, dass es wie ein Netz voller Verbindungen aussieht.
Zufrieden betrachte ich mein Werk und bemerke, dass ich mich beruhigt habe. Meine Gedanken sind stiller und mein Herz pocht in einem sanften Rhythmus. Alte Methoden bewähren sich immer wieder. Endlich gleite ich in einen gedämpften Schlaf.