Kapitel 1: Die Stadt aus Knochen und Gold
In Zar’Karesh trug selbst der Wind den Geschmack von Gewürzen, Rauch und etwas Älterem als Blut.
Die Stadt erhob sich wie ein uraltes Versprechen aus der Wüste – oder wie eine Drohung. Türme aus schwarzem Stein, durchzogen von feinen goldenen Adern, glühten im roten Licht des Mondes, während sich zwischen ihnen Stoffbahnen in tiefem Karmin spannten, die im Wind flüsterten, als hätten sie Erinnerungen. Nicht alles in Zar’Karesh war für menschliche Augen bestimmt. Und nicht alles, was dort lebte, war lebendig.
Aurelia bewegte sich lautlos über die Dächer. Unter ihr pulsierte die Nacht, doch für sie war es kein Chaos, sondern ein Muster – Schritte, Stimmen, Herzschläge, ein dichtes Netz aus Leben, das sich durch die Stadt zog. Sie hörte es nicht nur, sie fühlte es. Und genau deshalb bemerkte sie den Bruch.
Ein falscher Ton.
Sie blieb stehen und schloss kurz die Augen. Da war ein Herzschlag. Dann noch einer. Und dann… nichts. Als wäre er einfach aus der Welt gerissen worden.
Das Knacken hinter ihr kam zu bewusst, um Zufall zu sein, und zu ruhig, um menschlich zu sein.
„Du bewegst dich schwer für jemanden, der nicht gesehen werden will“, sagte sie leise, ohne sich sofort umzudrehen.
Eine kurze Pause.
„Und du hörst zu viel für jemanden, der allein sein sollte.“
Als sie sich schließlich umdrehte, stand er bereits hinter ihr.
Kael.
Er sagte nichts, doch sein Blick war nicht mehr prüfend, sondern fokussiert. „Du hast es auch gespürt“, murmelte er.
Aurelia nickte kaum merklich. „Zu sauber. Zu plötzlich.“
Ein Herzschlag verschwindet nicht einfach. Er wird genommen.
Ohne ein weiteres Wort setzten sie sich gleichzeitig in Bewegung, als hätte etwas in ihnen denselben Befehl ausgelöst. Die Dächer von Zar’Karesh zogen unter ihnen hinweg. Aurelia bewegte sich schnell, fast schwerelos, während Kael ihr mit roher, direkter Kraft folgte. „Links“, sagte sie schließlich, und er widersprach nicht.
Sie landeten in einer engen Gasse. Der Geruch traf sie sofort – Verwesung, aber frisch. Falsch.
Der Körper lag verdreht im Schatten. Kein Blut. Nicht ein Tropfen.
Aurelia kniete sich nieder, ihre Finger schwebten über der Haut, ohne sie zu berühren. „Das wurde nicht getrunken“, flüsterte sie.
Kael trat näher, seine Sinne angespannt. „Das wurde… genommen.“
Ein Geräusch hinter ihnen ließ beide erstarren.
Zu spät.
Etwas löste sich aus der Wand. Es sprang nicht. Es kroch nicht. Es war einfach nicht mehr Teil von ihr.
Aurelia reagierte schneller als jeder Mensch es je könnte. Ihre Hand schoss vor und traf – für einen Moment. Kontakt.
Ein Gefühl wie Eis durchzog sie. Nicht Kälte, sondern Leere.
Das Wesen verzerrte sich vor ihr, als würde es seine eigene Form nicht halten können. Gliedmaßen wurden länger, dann kürzer, ein Gesicht entstand und zerfiel im selben Augenblick, und aus dem Chaos starrten zu viele Augen.
Kael griff an, ohne zu zögern. Sein Körper veränderte sich im Sprung, Knochen knackten, Muskeln spannten sich, und seine Klauen trafen das Wesen mit voller Wucht. Ein Laut erfüllte die Gasse – kein Schrei, sondern etwas Falsches, etwas, das nicht existieren sollte.
Doch das Wesen war schneller. Sein Schlag traf Kael und schleuderte ihn gegen die Wand. Stein barst.
„Kael—!“
Der Klang ihrer Stimme verriet mehr als sie wollte.
Das Wesen wandte sich ihr zu und blieb stehen. Für einen Moment bewegte sich nichts. Dann neigte es langsam den Kopf, als würde es sie erkennen.
Aurelia spürte es tief in sich, nicht mit den Augen, sondern in ihrem Blut.
Es wollte sie nicht töten.
Noch nicht.
Ein Flüstern erreichte sie – nicht laut, nicht gesprochen, sondern direkt in ihr.
Blut.
Ihr Körper spannte sich, und etwas in ihr antwortete, unfreiwillig, gefährlich. „Nein“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.
Dann bewegte es sich.
Zu schnell.
Zu nah.
Aurelia wich aus – nicht schnell genug.
Etwas streifte sie, kein klarer Schlag, eher ein Schnitt durch die Wirklichkeit selbst. Ein lautloser Riss zog sich über ihre Seite, und dann kam der Schmerz.
Sie keuchte auf. Ihr Körper zuckte, als hätte etwas in ihr gegriffen, tiefer als Fleisch, näher an dem, was sie wirklich war. Dunkles Blut trat hervor, langsam, unnatürlich ruhig.
Das Wesen hielt inne.
Seine vielen Augen richteten sich auf die Wunde.
Auf ihr Blut.
Und für einen Moment veränderte sich etwas.
Hinter ihr richtete sich Kael wieder auf, ein tiefes Knurren vibrierte durch die Gasse. „Weg von ihr—!“
Er stürmte vor, diesmal ohne jede Zurückhaltung.
Doch bevor er es erreichen konnte, zog sich das Wesen zurück – nicht fliehend, sondern bewusst, fast zufrieden.
Dann war es verschwunden.
Einfach so.
Stille legte sich über die Gasse, schwer und drückend.
Aurelia schwankte leicht.
Kael war sofort bei ihr, seine Hand an ihrer Seite, bevor er innehielt. Zu spät. Er hatte sie bereits berührt.
Sein Blick glitt von ihrem Blut zu ihrem Gesicht und wieder zurück. „Du bist verletzt“, sagte er rau.
Aurelia atmete langsam ein. Der Schmerz war da, aber auch etwas anderes – etwas, das sie nicht verstand.
„Es hat mich nicht töten wollen“, flüsterte sie.
Kaels Kiefer spannte sich. „Das macht es schlimmer.“
Aurelia hob den Blick. Der Blutmond spiegelte sich in ihren Augen, dunkler als zuvor.
„Dann sollten wir herausfinden, warum