Prolog
Staten Island, 1957
Mit siebzehn dachte ich noch, Krieg sei etwas, das weit weg passierte. In Europa vielleicht. In Korea. In Ländern, deren Namen Männer im Radio aussprachen, während sie am Küchentisch saßen und so taten, als hätten sie alles verstanden. Krieg war etwas für Männer wie meinen Onkel Raul. Männer, die Uniformen trugen, auf alten Fotos gerade in die Kamera sahen und nach ihrer Rückkehr weniger lachten als vorher. Raul sagte nie, dass der Krieg ihn verändert hatte. Er musste es nicht. Man sah es an ihm. An diesem Sonntag saß er bei uns in der Küche, die Uniformjacke über die Stuhllehne gehängt, ein Glas Wein vor sich und meine Mutter Gloria am Herd. Der Geruch von Tomatensauce, gebratenem Knoblauch und frischem Brot hing so schwer in der Luft, dass selbst der Regen draußen dagegen keine Chance hatte. Mariana saß mir gegenüber und schälte eine Orange mit der Geduld einer Heiligen. Sie war neunzehn, zwei Jahre älter als ich, und benahm sich manchmal, als hätte Gott sie persönlich dafür eingesetzt, mich vor meiner eigenen Dummheit zu bewahren. „Starr ihn nicht so an”, sagte sie, ohne aufzusehen. „Ich starre nicht.”„Du starrst, Eduardo.” Raul grinste in sein Glas. „Lass ihn. Jungen starren Männer an, wenn sie noch nicht wissen, was Männer wirklich sind.” Ich richtete mich auf. „Ich weiß sehr wohl, was Männer sind.” Mariana sah nun doch auf. „Ja? Dann erklär es uns.” Ich warf ihr einen Blick zu. „Jemand, der Verantwortung übernimmt.”„Schön auswendig gelernt.”„Und der keine Angst hat.” Raul stellte sein Glas ab. Nicht laut, aber bestimmt genug, dass Mariana und ich beide still wurden. „Ein Mann, der keine Angst hat, ist entweder ein Lügner oder ein Idiot”, sagte er. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Mit siebzehn hasste ich Sätze, die klüger waren als ich. Meine Mutter drehte sich vom Herd um. „Raul.” „Was? Soll der Junge glauben, Mut bedeutet, nichts zu fühlen?” Er sah mich an. „Mut bedeutet, dass du Angst hast und trotzdem tust, was getan werden muss.” Ich nickte, weil ich glaubte, dass man bei solchen Sätzen nicken sollte. Mariana lächelte leicht. Sie wusste genau, dass ich nur halb verstand. Draußen hupte ein Wagen. Meine Mutter wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah zum Fenster. „Sie sind wieder da.”Ich stand sofort auf. „Langsam”, sagte Mariana. „Du rennst jedes Mal, als würde Bruno dir Geld schulden.”„Vielleicht tut er das.”„Tut er nicht. Du verlierst nur ständig beim Karten.”„Weil er betrügt.” Raul lachte leise. „Dann lern besser zu betrügen.” Meine Mutter warf ihm einen strengen Blick zu. „In diesem Haus lernen meine Kinder gar nichts dergleichen.” Raul hob entschuldigend die Hände, aber sein Grinsen blieb.Vor dem Haus standen zwei schwarze Wagen. Antonio De Luca stieg aus dem ersten, mein Vater Domenic aus dem zweiten. Ich sah sie einen Moment lang durch die Scheibe. Beide trugen dunkle Mäntel. Beide bewegten sich ruhig, als könne Regen sie nicht berühren. Bruno stieg hinter seinem Vater aus. Neunzehn, breite Schultern, ernster Blick. Er versuchte immer, älter zu wirken, als er war. Und dann kam Violeta. Sie sprang aus dem Wagen, ohne zu warten, dass jemand ihr half. Zwölf Jahre alt, dünne Beine, dunkle Haare, die ihr halb aus der Schleife gerutscht waren, und ein Gesichtsausdruck, als hätte sie schon beim Aussteigen beschlossen, jemanden zu ärgern. „Dio mio”, murmelte ich. „Nicht die.” Mariana folgte meinem Blick und grinste. „Sie mag dich.”„Sie ist verrückt.”„Das eine schließt das andere nicht aus.” Die Tür ging auf und plötzlich war das Haus voller Stimmen. Antonio begrüßte meine Mutter mit zwei Küssen auf die Wangen. Mein Vater legte Raul eine Hand auf die Schulter. Bruno kam direkt zu mir. „Rucettie.”„De Luca.” Wir schüttelten uns die Hände wie Männer. Dann zog er mich in eine kurze Umarmung, weil wir eben doch noch nicht so erwachsen waren, wie wir taten. „Du kommst mit nach draußen”, sagte er „Warum?”„Weil drinnen nur über Essen, Ehe und Sünden gesprochen wird.”„Klingt nach deinem Haus.” Er grinste. „Genau deshalb.” Wir gingen durch die Hintertür in den Hof. Der Regen war schwächer geworden. Die Kiesel knirschten unter unseren Schuhen. Hinter uns hörte man die Frauen in der Küche, Raul und meinen Vater am Tisch, Antonios tiefe Stimme aus dem Wohnzimmer. Bruno zog eine Zigarette aus der Tasche. „Seit wann rauchst du?“, fragte ich. „Seit heute.”„Dann kannst du es also noch nicht.” Er zündete sie an, zog daran und hustete sofort. Ich lachte so laut, dass Violeta von der Tür aus rief: „Bruno stirbt! Soll ich Mama holen?”„Geh rein!“, rief Bruno. Sie kam stattdessen nach draußen. Natürlich kam sie nach draußen. „Was macht ihr?”„Männersachen”, sagte Bruno. Violeta sah die Zigarette in seiner Hand. „Du meinst Dummheiten.”Ich verschränkte die Arme. „Du bist zwölf. Du darfst gar nicht hier sein.” Sie stellte sich vor mich, die Hände in die Hüften gestemmt. „Und du bist siebzehn und tust so, als wärst du vierzig.” Bruno lachte. Ich zeigte auf ihn. „Du bist still.” Violeta sah mich prüfend an. „Raul sagt, du willst vielleicht Soldat werden.” Mein Lächeln verschwand etwas. „Vielleicht.”„Warum?”„Weil es mehr gibt als Staten Island.” Sie runzelte die Stirn, als wäre das die dümmste Antwort, die sie je gehört hatte. „Was soll daran besser sein? Hier gibt es Essen.”„Manche Menschen denken an mehr als Essen.”„Dann sind manche Menschen dumm.” Bruno lachte wieder, diesmal lauter. Ich wollte etwas Kluges erwidern, aber mir fiel nichts ein. Das machte es schlimmer. Violeta hob triumphierend das Kinn.„Du bist wirklich verrückt”, sagte ich. „Und du bist langweilig.” Mariana erschien in der Tür, eine Schüssel in der Hand. „Violeta, deine Mutter sucht dich.”„Nein, tut sie nicht.”„Doch. Und wenn sie dich mit den Jungs hier draußen findet, sagt sie, du wirst wie sie.” Violeta verzog das Gesicht. „Das wäre schrecklich.” Dann rannte sie hinein. Mariana blieb kurz stehen und sah uns an. „Ihr beide seht aus, als würdet ihr etwas planen, das Ärger gibt.”„Tun wir nicht”, sagte Bruno. „Dann fangt auch nicht damit an.” Sie verschwand wieder. Bruno sah ihr nach. „Deine Schwester redet wie eine Mutter.”„Sie übt.” Wir lehnten uns an den Zaun. Eine Weile sagten wir nichts. Drinnen wurde gelacht. Jemand drehte das Radio lauter. Der Regen tropfte vom Dach.„Mein Vater sagt, ich soll bald mehr Verantwortung übernehmen”, sagte Bruno irgendwann. Ich sah ihn an. „Was heißt das?” Er zuckte mit den Schultern. „Mitkommen. Zuhören. Lernen.” Ich wusste, was er meinte. Bei den De Lucas bedeutete Verantwortung nicht nur Rechnungen bezahlen oder Gäste begrüßen. Es bedeutete Männer, die aufhörten zu reden, wenn Antonio den Raum betrat. Es bedeutete Wagen, die spät nachts kamen. Es bedeutete Namen, die unsere Mütter nicht am Tisch hören wollten. „Willst du das?“, fragte ich. Bruno sah nach vorne. „Es ist meine Familie.” Das war keine Antwort. Oder vielleicht war es die einzige, die zählte. Ich dachte an Raul in der Küche. An seine Uniform. An seine Augen. An das, was er über Angst gesagt hatte. „Vielleicht gehe ich wirklich zur Army”, sagte ich. Bruno drehte den Kopf zu mir. „Und lässt mich hier allein?”„Du hast deine Familie.”„Du bist auch meine Familie, idiota.” Ich sah ihn an. Er meinte es ernst. Also nickte ich nur.
Später saßen wir alle am Tisch. Violeta warf mir unter dem Tisch ein Stück Brot gegen das Knie. Mariana erwischte sie dabei und trat mir aus Versehen auf den Fuß, weil sie dachte, ich hätte angefangen. Bruno verschluckte sich vor Lachen. Raul erzählte eine Geschichte aus Italien, die meine Mutter für übertrieben hielt. Mein Vater und Antonio sprachen leise am Ende des Tisches, aber diesmal hörte ich nicht hin.Ich war siebzehn.Ich glaubte, Familie sei etwas, das blieb.Ich glaubte, Krieg sei weit weg.Und ich glaubte, Männer wie mein Vater, Antonio De Luca und Raul könnten jede Tür geschlossen halten, hinter der die Welt gefährlich wurde.Ein Jahr später wusste ich es besser.