Kapitel 1
Eines Nachts steht Hartwig plötzlich auf und lauscht dem Lärm der Schritte vor seiner Tür. Die Burgsoldaten rufen Hartwig sich zu stellen und er ist verwundert was gerade passiert. Der Hauptmann der Truppe ruft „Los rein stürmen“ und sie traten die Tür ein packen sich Hartwig der immer noch nicht weiß was hier gerade passiert und sind auf dem Weg zum Burgherren.
Hartwig sah sich die Soldaten an, es waren doch eine Kameraden daher frage er verzweifelt „ Was ist hier los? Warum das ganze hier? Adelbert ! Gero ! Sagt doch was!“. Adelbert verschwieg doch Gero brüllte „Du Verräter, wie konntest du nur“. „Kein Wort mehr verstanden!“ rief der Hauptmann mit tränen in den Augen. „Du warst doch einer von uns Hartwig…“ dachte er sich.
Im Saal des Burgherren angekommen wurde Hartwig auf seine Knie gezwungen und rechts und links von ihm standen seine Kameraden mit Sperren auf einen Hals gerichtet. Der Burgherr Gerhard kam rein, sah sehr wütend aus und stand nur neben seinem Thron. Er war so erschüttert, dass er sich erst nach einer weile hinsetzte.
Der Burgherr von Drachenstein sprach „Hartwig…“ Das Licht der Fackeln im Saal wirft lange Schatten. Er starrt den Verräter an. „Du hast an unserem Tisch gegessen, du hast meinen Sold empfangen und du hast unter dem Schutz dieser Mauern geschlafen. Wir schickten unseren Trupp hinaus, im Vertrauen darauf, dass nur der Wind von ihrem Pfad weiß. Doch du hast dich wie eine Schlange durch das Unterholz zu den Hunden von Burg Rabenklaue geschlichen. Für ein paar schmutzige Silbermünzen hast du ihnen geflüstert, wo unsere Männer rasten. Wegen deiner gierigen Zunge wurden sie überfallen wie das Vieh auf der Schlachtbank! Unsere Beute, die den Winter für die Burg Drachenstein gesichert hätte, ist nun in den Klauen des Feindes. Aber schwerer als das Gold wiegt das Blut, das an deinen Händen klebt. Fünf Männer werden nie wieder ein Schwert halten können, weil du uns verkauft hast!
Ein Soldat, der seine eigenen Kameraden in den Hinterhalt lockt, hat das Recht verwirkt, sich ein Mensch zu nennen.“.
Einer der Soldaten Malwin steht im Halbschatten von Gero. Während alle anderen finster dreinschauen, kräuselt sich sein Mundwinkel zu einem hämischen, lautlosen Lächeln und flüstert zu Gero „Diese Ratte hat den Tod verdient…“. Gero sagt nur „Sei still Malwin“. Der Burgherr fuhr fort „Hört mein Urteil: Reißt ihm das Wappen vom Wams! Er ist kein Teil von Drachenstein mehr. Wir werfen dich hinaus in den Schlamm, vor die Tore.“
„Was!? Ich war es nicht. So was würde ich nie machen! Hauptmann, Adelbert, nun sagt doch was“ sagte Hartwig verzweifelt. Gerhard der Burgherr wurde noch wütender „Schweig still! Deine Zunge hat schon genug Unheil angerichtet. Du bist jetzt vogelfrei lass dich nie mehr blicken“.
Hartwig wurde von den Soldaten rausgeschmissen und die Türen der Burg geschlossen.
Er war allein. Ohne Wams, ohne Ehre, ohne Freunde. „Ich war es nicht...“, flüsterte er gegen den Wind, doch die dicken Mauern antworteten nicht. Hartwig wurde gebannt.
Es war immer noch Mitternacht und Hartwig ging mit schweren Schritten langsam weg ohne zu wissen was da passiert ist oder wohin er gehen sollte. Etwa zurück zu dem Dorf seines Vaters. Oh wie sehr würde er einen mittlerweile alten Vater enttäuschen. Einen Verräter als Sohn, nein das könnte er ihm nicht antun. Hatte sein Vater recht, hätte er lieber ein Bauer wie es werden sollen.
Er schloss für einen Moment die Augen und sah sich selbst in einem anderen Leben. Er sah sich im Morgengrauen im Stall stehen, das warme Fell der Kühe an seiner Schulter, während die Milch rhythmisch in den Holzeimer spritzte. Er roch das frische Heu und den feuchten Boden. Er stellte sich vor, wie er mit der Sichel in der Hand auf dem Feld stünde, den Rücken gebeugt, während er Stunde um Stunde das Getreide schnitt, ohne an Hinterhalte oder Verrat denken zu müssen. Er sah sich im Garten hinter einem kleinen Haus, wie er behutsam Wasser über die Rüben goss, während der Abendhimmel sich rot färbte.
Ein einfaches Leben. Ein ehrliches Leben. Er hätte jeden Abend den Mist aus dem Stall geschaufelt, die Schweine gefüttert und sich dann mit schmerzendem Rücken, aber reinem Gewissen auf sein Strohlager gelegt.
Ein bitteres Lachen stieg in seiner Kehle auf. „Bauer hätte ich werden sollen“, flüsterte er heiser in den Schlamm. „Dann müsste ich jetzt nicht diese Schande tragen. Dann wäre ich ein freier Mann mit müden Knochen und nicht ein ehrloser Hund im Dreck“.
In seiner Not klammerte sich sein Geist an ein Bild aus seiner Kindheit. Er sah den Staub aufwirbeln, hörte das hohle Trommeln von Hufen auf dem Waldboden. Die Banditen hatten sein Dorf schon fast in Schutt und Asche gelegt, als Levin, der edle Ritter, wie ein rettender Engel auf seinem Ross herbeigeprescht kam. Levin hatte nicht gezögert. Er war das Ideal, mutig, gerecht und unbezwingbar. In diesem Moment hatte der kleine Bauernjunge Hartwig beschlossen: Ich werde so wie er.
Er dachte an die harten Jahre der Ausbildung hier auf Drachenstein. Er sah Gero vor sich, wie er mit einem wahnsinnigen Lachen als Erster in die feindlichen Reihen stürmte, und Adelbert, der selbst im dichtesten Pfeilhagel noch ruhig blieb und den Rückzug plante. Und er sah das enttäuschte Gesicht seines Hauptmanns. Der Mann, der ihm alles beigebracht hatte, der Mann, der seinen Soldaten blind vertraute. Dieses Bild brannte am meisten, das Wissen, dass sein Mentor ihn jetzt für den Abschaum hielt, der seine eigenen Brüder verkauft hat.
„Levin...“, murmelte Hartwig. „Du hast mich gelehrt, was ein Ritter ist. Aber was ist ein Ritter ohne Burg und ohne Namen?“
Er wusste, was er tun musste. Er konnte nicht als Bettler enden und er konnte nicht gegen die Übermacht von Drachenstein ankämpfen. Er brauchte den Rat des Mannes, der sein Vorbild war. Levin war nun alt, sein Schwert hing wohl über dem Kamin in jenem kleinen Fischerdorf an der Küste, weit weg von Intrigen und Burgen.
Mit einem letzten Blick auf die schroffen Zinnen von Drachenstein drehte Hartwig sich um. Sein Ziel war klar. Er würde Levin finden. Vielleicht hatte der alte Ritter noch eine letzte Lektion für einen verstoßenen Krieger übrig.
Mittlerweile brach die Dämmerung herein. Hartwig, in seinen Gedanken vertieft merkte jetzt erst, wie viel Zeit verging und er erschöpft, schläfrig und hungrig vor den Wald stand. Hartwig betritt den Schwarzwald genau in dem Moment, als die Sonne hinter den Zinnen von Burg Drachenstein verschwindet. Die massiven Tannen wirken wie schwarze Wächter, und die Dämmerung macht es ihm unmöglich zu sehen, ob das Rascheln im Gebüsch nur der Wind oder ein hungriger Bär ist.
Da Hartwig nun vogelfrei ist, darf er keine Straßen benutzen und muss sich tief in diesen Wald hineinwagen, um nicht von den Patrouillen der Burg gefunden zu werden um zum Fischerdorf seines Idols Levin zu gelangen.
Hartwig stapfte tiefer in den Schwarzwald hinein. Ohne den Schutz der Burgmauern wirkte die Wildnis grausam und abweisend, jeder Schatten schien nach ihm zu greifen. Doch mitten in der feuchten, modrigen Waldluft hielt er inne. Da war es, ein zarter, fast unmöglicher Hauch von süßen Aprikosen, der schwerelos zwischen den Tannen schwebte. Es war das unsichtbare Versprechen von Pfifferlingen. Für einen Herzschlag fühlte er sich zurückversetzt in die friedlichen Morgenstunden seiner Kindheit,doch der Frieden wurde jäh zerrissen.
Ein Schrei. Ein zweiter folgte, gellender, verzweifelter, die Stimme eines Kindes, eines kleinen Mädchens.
Obwohl Hartwig weder Kettenhemd noch Schwert trug, reagierte sein Körper instinktiv. Er rannte los, brach durch das Unterholz und brüllte: „Wer ist da? Was ist geschehen?“ Als Antwort folgte erst eine unheilvolle Stille, dann ein gewaltiges, markerschütterndes Brüllen, das die Erde beben ließ.
Nur wenige Meter vor ihm baute sich ein gewaltiger Bär auf.
Hartwig erstarrte. Ein bitterer Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Das ist es also. Meine Strafe. In diesem Moment war er bereit zu sterben. Wenn er hier im Wald zerrissen wurde, hätte sein Vater wenigstens keinen Verräter mehr als Sohn. Doch erneut zerriss ein weinerliches Schluchzen hinter den Büschen seine dunklen Gedanken. Das Mädchen war noch da. Sie lebte.
Er musste handeln. Er dachte an das Weinen, an das Gesicht seines Vaters und an das einzige Stück Stahl, das ihm geblieben war. Der kleine Dolch, den er als Geschenk zum Abschluss seiner Ausbildung erhalten hatte. Verborgen an der Innenseite seines Schaftstiefels.
Ganz langsam, ohne den Blick von der Bestie abzuwenden, ging Hartwig in die Hocke. Der Bär beobachtete ihn mit kleinen, funkelnden Augen, sein Atem stieß in schweren, heißen Wolken aus den Nüstern. Hartwigs Finger tasteten nach der Klinge.
Plötzlich brüllte der Bär erneut und ging zum Angriff über. Eine Lawine aus Fell und Muskeln raste auf ihn zu. In einer fließenden Bewegung zog Hartwig den Dolch und schleuderte ihn an der Klinge haltend hoch in die Luft. Er fing die Waffe im Flug am Griff auf, die Spitze zeigte nun tödlich nach unten.
Der Bär war fast bei ihm. Mit der Wucht der Verzweiflung rammte Hartwig die Klinge herab, direkt auf den Schädel des Tieres. Im selben Moment fuhr die Pranke des Bären aus. Die Krallen pflügten durch Hartwigs Bauch und rissen Fleisch und Wams auf. Doch der brennende Schock des Schmerzes verstärkte seinen Schlag nur noch. Mit einem dumpfen Aufprall drang der Dolch tief in den Kopf der Bestie ein.
Der Aufprall war wie ein Zusammenstoß mit einem fallenden Felsen. Als die Krallen des Bären Hartwigs Bauch zerfetzten, fühlte es sich zuerst gar nicht wie Schmerz an, sondern wie brennendes Eis. Doch dieser Schock entfesselte eine letzte, verzweifelte Kraftreserve. Hartwigs Schrei mischte sich mit dem Brüllen der Bestie, als er den Dolch seines Vaters mit dem gesamten Gewicht seines fallenden Körpers nach unten rammte.
Der Stahl, gut gehärtet und scharf, drang tief in den Schädel des Bären ein, genau dort, wo der Knochen am dünnsten war.
Stille.
Für einen Herzschlag schien der gesamte Schwarzwald den Atem anzuhalten. Dann sackte die gewaltige Masse des Tieres in sich zusammen und begrub Hartwig halb unter ihrem stinkenden, zottigen Fell. Das Blut des Bären, heiß und dickflüssig, vermischte sich mit Hartwigs eigenem Blut, das aus den Rissen in seinem Wams quoll.
Hartwig keuchte. Jeder Atemzug brannte in seiner aufgerissenen Seite. Er wollte die Augen schließen, sich dem Dunkel hingeben und darauf warten, dass sein Vater ihn im Jenseits als „Nicht-Verräter“ empfing. Doch dann hörte er es wieder.
Ein ersticktes Schluchzen. Das Mädchen.
Mit letzter Kraft stemmte er sich unter dem Kadaver hervor. Seine Sicht verschwamm, aber er sah das kleine Kind hinter einem dornigen Brombeerbusch hocken, die Hände fest auf den Mund gepresst, die Augen geweitet vor Entsetzen. Zu ihren Füßen lag ein umgekippter Korb prall gefüllt mit leuchtend gelben Pfifferlingen, deren süßer Aprikosenduft nun vom metallischen Geruch des Todes überdeckt wurde.
„Hab... keine Angst“, brachte Hartwig mühsam hervor, während er sich die blutende Seite hielt. In diesem Moment war er kein verbannter Verräter und kein stolzer Ritter von Drachenstein mehr. Er war einfach nur Hartwig, der Bauernsohn, der das getan hatte, was ein Mann tun musste.
Hartwig sah das Grauen erst jetzt in vollem Ausmaß. Das Mädchen war ebenfalls von der Bestie getroffen worden. Tiefe Krallenrisse zogen sich über ihre Schulter, den kleinen Arm und das Bein – der Bär musste sie auf der Flucht von hinten erwischt haben. Das Blut sickerte unaufhörlich durch ihre dünne Kleidung.
Instinktiv handelte Hartwig. Er riss breite Streifen von seinem Reisemantel ab und presste sie auf die Wunden. Mit festen Griffen legte er Druckverbände an, so wie er es in seiner Ausbildung gelernt hatte, erst bei ihr, dann notdürftig an seinem eigenen, zerfetzten Bauch. Als er das Mädchen aufheben wollte, flüsterte sie mit letzter Kraft: „Der Korb... die Pfifferlinge... für meinen Bruder.“
Hartwig zögerte nicht. Er nahm das Kind huckepack, griff mit der freien Hand nach dem Korb und schluckte die bittere Erkenntnis hinunter. Der einzige Arzt weit und breit war auf Burg Drachenstein. Er war verbannt, vogelfrei, ein Todesurteil, wenn er zurückkehrte. Doch ein Ritter schützt die Hilflosen, egal um welchen Preis.
Als er die Tore der Burg erreichte, war er am Ende seiner Kräfte. Mit rasselndem Atem schrie er zur Mauer empor: „Öffnet das Tor! Ein Kind ist verletzt! Helft ihr!“
Auf den Zinnen herrschte Aufruhr. „Hartwig? Der Verräter ist zurück!“, riefen die Wachen. Unter ihnen war Malwin. Das kalte Grauen stieg in dem wahren Verräter auf, doch er sah seine Chance, den Zeugen endgültig zum Schweigen zu bringen. „Verschwinde, Abschaum, oder ich schicke dir einen Pfeil!“, brüllte Malwin. Bevor Hartwig antworten konnte, surrte die Sehne. Der Pfeil bohrte sich tief in Hartwigs Schulter. Mit einem Aufschrei sackte er zusammen, der Korb entglitt seinen Fingern und die goldgelben Pfifferlinge rollten in den Schmutz.
Malwin stürmte aus dem Tor, bereit, den Sack zuzumachen, doch dann sah er das blutige Bündel auf Hartwigs Rücken. „Mathilda?“, entwich es ihm schrill. „Oh nein, Mathilda! Meine Schwester!“ In diesem Moment brach Malwins Fassade. Der Verräter, der seine eigenen Kameraden verkauft hatte, sah nun seine eigene Schwester im Sterben liegen, gerettet ausgerechnet von dem Mann, den er vernichten wollte.
„Helft ihr! Helft ihr sofort!“, schrie Malwin den herbeieilenden Soldaten zu. Während sie Mathilda wegtrugen, erkannte Malwin in einem Anfall von spätem Gewissen, dass Hartwig für sie durch die Hölle gegangen war. Gegen den Befehl der Wachen packte er den Verwundeten und schleifte ihn mit ins Innere der Burg.
Später, in der Stille des Krankenzimmers, trat der Hauptmann ein. Er starrte Malwin fassungslos an. „Warum hilfst du diesem Verräter, Malwin?“ Doch Malwin, das Gesicht tränenüberströmt, schüttelte den Kopf. „Er ist kein Verräter... helft ihm einfach... er hat sie gerettet.“
Schließlich betrat der Burgherr den Raum. Er sah die blutigen Verbände, die Pfifferlinge, die man aufgelesen hatte, und die Reue in Malwins Augen. Sein Urteil war kurz und scharf: „Beide werden behandelt. Aber Malwin... da Ihr Euch meinem Befehl widersetzt und einem Vogelfreien geholfen habt, werdet Ihr danach im Kerker erklären müssen, was hier wirklich geschehen ist.“
Hartwig schlug mühsam die Augen auf. Das Licht im Krankenzimmer brannte in seinen Augen, doch er erkannte die Umrisse des Hauptmanns, der an seinem Bett saß. Mit brüchiger Stimme flüsterte er nur eine Frage: „Wie geht es dem Mädchen?“
Der Hauptmann sah ihn lange an, sein Blick war eine Mischung aus Trauer und tiefem Respekt. „Ihr geht es besser als dir, Hartwig. Sie wird überleben. Dank dir.“
Ein schwaches, friedliches Lächeln stahl sich auf Hartwigs bleiches Gesicht. „Das freut mich“, hauchte er. Dann begann er zu lächeln und er schloss die Augen für immer.
Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Burg. Die Soldaten standen in den Gängen zusammen, viele von ihnen mit Tränen in den Augen. Sie sprachen über ihren alten Kameraden, der als Verräter verurteilt worden war und dennoch seine letzte Lebensenergie geopfert hatte, um ein unschuldiges Kind zu retten.
Im dunklen Kerker saß Malwin allein. Die Nachricht vom Tod seines Opfers traf ihn wie ein Hammerschlag. Er hörte die Wachen vor seiner Zelle flüstern, dass Hartwig gestorben sei. Schock und Scham überwältigten ihn. Der Mann, dem er die Schuld zugeschoben hatte und der dennoch seine kleine Schwester rettete, war tot. Malwin weinte bittere Tränen der Reue.
Doch als der Burgherr eintrat, um ihn zur Rede zu stellen, siegte Malwins Selbsterhaltungstrieb. Er dachte an Mathilda, sie brauchte ihn. Wenn er jetzt gestand, würde es Hartwig nicht lebendig machen, aber Mathilda wäre allein. So log er den Burgherren an. Er habe Hartwig nur geholfen, weil er glaubte dass dieser seine verletzte Schwester als menschliches Schutzschild missbraucht habe. Der Burgherr glaubte ihm zwar nicht ganz, beließ es aber dabei, Malwin den Rittertitel abzuerkennen, anstatt ihn zu verbannen.
Tage später, als Mathilda wieder gesund war, packte Malwin seine Sachen. Bevor er die Burg mit seiner Schwester für immer verließ, ließ er heimlich einen Zettel im Rittersaal zurück. Darauf stand eine Warnung, dass die feindliche Burg Rabenklaue über den nächsten Pfad und den Treffpunkt der Ritter Bescheid wusste. Es war sein letzter, kleiner Versuch, das Unrecht wiedergutzumachen.
Wochen später tauchte im Heimatdorf von Hartwigs Vater ein Fremder auf. Ein Halstuch verbarg sein Gesicht. Er suchte das Haus des alten Bauern auf, legte wortlos einen Beutel und einen Brief auf den Tisch und verschwand in der Dunkelheit.
Mit zitternden Fingern öffnete der Vater das Schreiben. Darin stand die Wahrheit. Dass sein Sohn zu Unrecht verbannt worden war und als Held starb, nachdem er ein Mädchen vor einer Bestie gerettet hatte. Tränen trübten die Sicht des alten Mannes, als er in den Beutel griff. Er fühlte das kühle Metall des Dolches, den er Hartwig einst geschenkt hatte und darunter das Gewicht zahlreicher Goldmünzen, die seine Zukunft sichern würden. Sein Sohn war kein Verräter. Er war ein Ritter, bis zum letzten Atemzug.
Auf Burg Drachenstein herrschte eine bedrückende Stille. Der Hauptmann, dessen Gesicht tiefe Falten des Bedauerns trug, rief seine beiden fähigsten Männer zu sich. Gero, den Unerschrockenen, und Adelbert, den Strategen.
„Dies ist mein letzter Befehl als euer Hauptmann“, sprach er mit belegter Stimme und legte seine ritterliche Schärpe langsam auf den Tisch. „Hartwig war kein Verräter. Er war der Beste von uns. Bringt ihn nach Hause. Er soll nicht in einem fremden Grab liegen.“
Gero und Adelbert neigten schweigend die Häupter. Sie bereiteten ein Fuhrwerk vor, das mit den Farben ihrer Einheit geschmückt war, ein letzter Gruß an einen Kameraden, dem man das Wappen einst zu Unrecht entrissen hatte. Auf ihrem Weg machten sie Halt im Fischerdorf, um Levin zu suchen. Als der alte Ritter von Hartwigs Heldentat und seinem Ende hörte, sagte er kein Wort. Er nahm lediglich sein altes, staubiges Schwert von der Wand und schloss sich schweigend dem Zug an.
In Hartwigs Heimatdorf angekommen, trafen sie auf den Vater. Der alte Bauer stand reglos am Wegesrand, als die beiden Soldaten und der legendäre Ritter Levin seinen Sohn auf ihren Schultern zum Grab trugen.
Während der Beisetzung blieben Gero und Adelbert an der Seite des Vaters stehen, die Hände fest am Griff ihrer Schwerter, eine Mahnwache für den Freund, den sie fast vergessen hätten. Levin trat als Erster ans offene Grab, legte eine Handvoll Heimaterde auf den Sarg und flüsterte: „Du bist den Weg eines wahren Ritters bis zum Ende gegangen, Hartwig.“
Als die Soldaten schließlich abritten, blieb der Vater allein zurück. Er blickte auf den frischen Grabhügel und dann auf den Dolch in seinem Gürtel. Er wusste nun, dass sein Sohn die größte Schlacht gewonnen hatte die um seine eigene Ehre.
Der alte Mann drückte den Dolch fest an seine Brust, während die Tränen in seinen grauen Bart sickerten. Sein Blick wanderte zum Horizont, dorthin, wo die Türme der Burg Drachenstein in den Abendhimmel ragten. Mit einer Stimme, die vor Stolz und Schmerz bebte, flüsterte er in die Stille „Ich bin stolz auf dich, mein Sohn. Du hast kein Getreide geerntet, aber du hast deiner Bestimmung die höchste Ehre erwiesen.“