Hope of the World- Die Wanderer

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Summary

Sie wollte nur ihren eigenen Weg gehen. Doch als Halbling in einer gespaltenen Welt gerät sie in Konflikte, die größer sind als sie selbst. Zwischen Angst, Mut und Magie beginnt eine Reise, die nicht nur sie verändern wird – sondern das Gleichgewicht der gesamten Welt.

Genre
Fantasy
Author
zeroka12
Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
3.0 1 review
Age Rating
16+

Kapitel 1

Ein heller Lichtstrahl weckte mich langsam. Warm und sanft fiel er durch das Fenster und legte sich auf mein Gesicht. Langsam öffnete ich die Augen. Für einen Moment blieb ich liegen und lauschte der Stille, die den Raum erfüllte. Dann richtete ich mich auf und verließ mein warmes Bett. Heute war der Tag. Neben meinem Bett lag meine Kleidung ordentlich auf dem Schrank bereit. Ich hatte sie am Abend zuvor sorgfältig hingelegt, als hätte ich gewusst, dass dieser Moment anders sein würde. Langsam trat ich näher. Meine Finger strichen kurz über den Stoff. Ich Zog mich an. Der Stoff fühlte sich kälter an als sonst, als hätte selbst er verstanden, dass sich etwas verändern würde. Ich öffnete die Tür. Kalte Luft schlug mir entgegen. Das Dorf war stiller als sonst. Nur vereinzelt hörte man Schritte oder leises Stimmengewirr. Ein klarer, blauer Himmel lag über dem Dorf.

Die Sonne schenkte Wärme, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag. Alle wussten, was heute war. Langsam machte ich mich auf den Weg zur Hütte der alten Dame. Vor mir zog sich ein schmaler, steiniger Weg den Hang hinauf, rau und uneben – als hätte ihn schon unzählige Male jemand vor mir gegangen. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der letzte. Und doch blieb ich nicht stehen. In langsamen Schritten ging ich den steinigen Weg hinauf. Der Duft von frischem Brot lag in der Luft, und aus der Ferne hörte ich den Schmied, der mit schweren Schlägen auf das Metall hämmerte. Nach und nach schlossen sich weitere Kinder an. Alle trugen die traditionelle Tracht des Dorfes, die wir seit Generationen an diesem Tag anzogen. Die Mädchen trugen blaue Gewänder, reich verziert mit feinen, sorgfältig gestickten Mustern.

Silberne Fäden zogen sich durch den Stoff und glitzerten im Sonnenlicht, während kleine, eingearbeitete Ornamente an den Säumen leise im Wind bewegten. Die Jungen hingegen trugen einfache blaue Hemden aus festem Stoff und schlichte Hosen, die für die Reise gemacht waren.

Breite Gürtel hielten alles an Ort und Stelle, und an einigen hingen kleine Beutel.

Keiner sagte etwas.

Die Stille zog sich zwischen uns wie ein unsichtbares Band, fest und unausweichlich. Selbst der Wind schien leiser geworden zu sein. Wir gingen alle in dieselbe Richtung. Bis Wir Vor der Tür der Alten Dame standen. Sie stand dort und ließ ihren Blick langsam über uns schweifen.

Einer nach dem anderen begegnete ihrem Blick, als würde sie jedem von uns tief in die Augen sehen. Dann nickte sie. Zufrieden. Langsam begann sie zu sprechen.

Ihre Stimme war zunächst leise, kaum mehr als ein Flüstern – doch mit jedem Wort wurde sie fester und klarer.

„Nun hört gut zu und lauscht der Geschichte. Sie wird seit Generationen weitererzählt, damit niemand vergisst, dass es immer ein Gleichgewicht in unserer Welt geben muss. Wird dieses Gleichgewicht gestört, dann wird die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr existieren. Also merkt euch gut, was ich euch nun erzähle, meine lieben Kinder. Nun kommt herein, lauscht und seht, was eure Aufgabe im Leben sein wird.“

Sie Baht uns alle herein uns Kinder die Wanderer genannt werden. Wir, die bald auf Reisen gehen, die, die 15 werden, treten eine Reise an, um die Welt außerhalb unserer Dörfer kennenzulernen. Wir, die als die Zukunft gelten, sind dann fünf Jahre auf Reisen. Manche finden den Ort, an dem sie ihr Leben lang bleiben. Andere wiederum reisen ihr ganzes Leben, nur um diesen einen Ort zu finden. Doch es gibt auch viele, die einfach in ihre Heimat zurückkehren und dort weiterleben. Das sind wir – die Wanderer. So werden alle genannt, die ihre Reife erreicht haben. Wir gingen hinein in die kleine Hütte. Sie war warm und gemütlich. Vor einem Kamin stand ein alter Stuhl, der so aussah, als hätte er schon viele Jahre dort gestanden. Auf dem Boden lagen viele kleine Kissen und Decken verteilt. Der Kamin brannte, und ein leises Knistern war zu hören.

Im Takt hörte man den Gehstock leicht aufstampfen.

Tak Tak Tak

Machte es. Sie ging langsam, doch jeder ihrer Schritte war ruhig und bestimmt, als hätte sie alle zeit der Welt. Sie, die alte Dame, die uns nun als Allerletztes die Legende erzählte – wie die Welt geboren wurde, wie wir Reisenden zu leben haben, das Gesetz des Lebens – setzte sich langsam und beschwerlich in ihren Stuhl. Sie winkte leicht mit der Hand und forderte uns Kinder auf, zu ihr zu kommen und uns hinzusetzen. Langsam schritten die ersten Kinder voran und setzten sich. Eine Prise Neugier packte alle. Es dauerte nicht lange, bis alle Kinder saßen und der Blick neugierig nach vorne gerichtet war. Nun sahen alle die alte Dame an.

Sie fing leise an zu sprechen:

„Nun hört gut zu und seht in das Feuer. Es wird euch nun die Legende erzählen.“

Alle Kinder blickten zum Feuer. Es knisterte friedlich, doch dann erschienen Bilder. Sie zeigten genau das, was die alte Dame sagte.

„Es war vor langer Zeit ein Mädchen. Sie war unglaublich schön, ihr rosafarbenes Haar glänzte im seidigen Wind. Ihre Augen waren blau wie der weite Ozean. Die reinste, weichste Seide bedeckte ihre zarte Haut. Ein schöner Gesang kam aus ihrem Inneren, und jeder, der ihn hörte, spürte das reinste Glück. Bis eines Abends, als sie sang, der Klang seine Ohren erreichte. Langsam glitten Tränen über sein Gesicht. Sein Blick war voller Trauer und Hoffnung zugleich. Ein Mann mit blonden Haaren und einem Blick voller Kraft und Mut. Er lauschte mit seinen langen Ohren dem Lied der Frau. ‚Ach, was sie wohl hofft?‘ dachte er. Ein Lied so wunderschön und doch voller Trauer. Langsam folgte er dem Gesang, bis er zu einem kleinen Dorf kam. Sie, die so wunderschön sang, saß am Brunnen. Glühwürmchen tanzten um sie herum. Sanft hob sie ihre Hand und spielte mit ihnen. Er, der sie beobachtete, träumte von ihr, die so sanft sang. Langsam bewegte er sich aus dem Wald, der seine Heimat war, heraus. Seine Neugier war so stark, dass sie ihn antrieb. Mit jeder Melodie wurde ihm klarer, dass sie voller Trauer zu sein schien. Schritt für Schritt kam er ihr näher. Sie stoppte und sah ihn ebenfalls voller Neugier an. Ein sanftes und zugleich trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Er wollte wissen, warum sie so traurig war. Doch er wusste: Wenn er weiterging, würde sich alles verändern. Ihre beiden Welten würden sich verändern. Zwei Seelen würden verbunden sein, und die Welt wäre im Wandel.

Leise stand sie auf und ging einen Schritt nach dem anderen auf ihn zu. Eine ruhige Stille legte sich um die beiden. Sie verharrten lange, bis plötzlich ein lautes Heulen im Wald erklang. Unruhe brach aus. Das Dorf erwachte, die Menschen kamen aus ihren Häusern. Ihm blieb nichts anderes übrig, als schnell zu verschwinden. So lief er, ohne sich umzudrehen, in den Wald. Sie, die ihn sah, wollte ihm folgen. Doch sie wusste: Würde sie gehen, wäre er in Gefahr. Also ließ sie ihn gehen und hoffte, dass er zurückkehren würde.“

Alle blickten zu der alten Dame. Sie stand auf, griff nach der Blume, die neben dem Kamin stand, und stellte sie direkt davor. Dann setzte sie sich wieder in ihren Stuhl und schloss die Augen.

„Nun hört: Dies ist die Blume der Wärme. Sie blüht nur, wenn sie – so wie jetzt – der direkten Wärme ausgesetzt ist. Eine magische und zugleich gefährliche Blume.“

Alle Blicke richteten sich auf die Blume. Zuerst geschah nichts.

Dann begannen sich die Knospen langsam zu regen. Das satte Grün an ihren Spitzen verblasste, wich einem zarten Rot, das sich wie ein leises Glühen ausbreitete. Es wirkte fast lebendig. Plötzlich wuchs die Knospe schneller. Zu schnell. Innerhalb weniger Augenblicke war sie kurz davor, sich zu öffnen – als würde sie jeden Moment erblühen. Doch dann…

Stillstand. Die Bewegung brach abrupt ab. Niemand rührte sich.

Keiner wagte zu sprechen. Alle warteten. Doch die Blume blieb geschlossen.

„Sie wächst schnell heran, doch sie braucht auch Zeit, um aufzugehen. Denn die Blüte ist das Schönste an ihr. Doch auch Schönheit kann Gefahren bergen. Also haltet euren Blick auf die Blume und seht genau hin.“

Alle starrten auf die Blume. Niemand wagte es, auch nur zu blinzeln. Dann – ohne jede Vorwarnung – begann sie sich zu bewegen. Langsam zuerst.

Dann schneller. Die Knospe drehte sich in einer gleichmäßigen, beinahe unnatürlichen Bewegung, bis sie sich plötzlich öffnete. Ein grelles, leuchtendes Rot brach hervor. So intensiv, dass es in den Augen brannte. In ihrer Mitte pulsierte ein helles, fast blendendes Gelb – als würde dort ein eigenes Herz schlagen. Für einen kurzen Moment war alles still. Dann entzündete sie sich.

Flammen schlugen aus ihren Blättern, fraßen sich durch die zarte Struktur, ohne sie zu zerstören. Das Feuer lebte – und die Blume lebte mit ihm. Keiner bewegte sich. Keiner sprach. Ich spürte, wie mir der Atem stockte. Eine Blume… die brennt? Was für eine Magie war das? Nun blickten alle wieder auf das Feuer, und die alte Dame begann erneut zu sprechen.

„Dies ist die Blume des Feuers. Wunderschön und dennoch gefährlich. Beginnt sie zu blühen, brennt sie ganze Wälder nieder. Genau das ist geschehen. Der Wald des Jungen brannte lichterloh und verschlang alles. Selbst das kleine Dorf des Mädchens wurde fast ausgelöscht.

Sie, deren Stimme einem Engel glich, sang, um allen Hoffnung zu geben – aber auch, um ihn zu sich zu führen. Jahre vergingen. Das Dorf wuchs, und sie wurde zur Heiligen des Dorfes. Alle ehrten ihren Gesang, der es vermochte, Menschen zu heilen.

Jedes Mal, wenn sie den Brunnen sah, dachte sie an den Mann, den sie dort einst gesehen hatte. Voller Hoffnung und Sehnsucht sang sie dort erneut. Die Glühwürmchen kamen wieder und tanzten in der Abendsonne um sie herum. Ein leises Rauschen des Windes war zu hören. Ihre Haare wehten, und ihr Gesang trug sich durch die Welt.

Sie schloss die Augen und dachte an jenen Abend. Leise lief eine Träne über ihre Wange. Das Lied, das einst Hoffnung geben sollte, wurde immer trauriger. Ehe sie sich versah, weinte sie bitterlich um ihn – den Mann, den sie nicht einmal kannte.

Weit entfernt im Wald lauschte er ihrer Stimme, ohne zu wissen, dass sie wegen ihm so traurig war. Tränen liefen über sein Gesicht, und ein schweres Herz legte sich auf seine Seele. Er beschloss, dass ihr Schicksal anders sein sollte. Nachdenklich entschied er, sie noch einmal aus der Ferne zu sehen – denn so würde er ihr Schicksal nicht verändern und das Gleichgewicht der Welt bewahren. Doch er wusste nicht, dass genau das nicht so bleiben würde.

Am dritten Abend, als sie wieder – wie ein Ritual – zum Brunnen ging und sang, lauschte er ihrer Stimme. Die Glühwürmchen, als hätten sie es geahnt, tanzten nicht nur um sie herum. Es wirkte, als wollten sie, dass das Mädchen ihnen folgt.

Langsam erhob sich das Mädchen, dessen Schicksal sich nun ändern sollte, und folgte den Glühwürmchen in den Wald. Am Rand einer kleinen Lichtung sah sie ihn – den Jungen, der sie einst besucht hatte. Ein sanftes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Ein Tier, das Hilfe brauchte, war bei ihm. Er streichelte es und half ihm auf. Das Tier, anmutig wie ein Reh und dennoch kräftig, stand auf und verbeugte sich vor ihm. Er tat es ihm gleich. Plötzlich raschelte es im Gebüsch. Hastig lief das Tier zurück in den Wald. Der Junge drehte sich um und sah das Mädchen. Ein leicht erschrockener Blick huschte über sein Gesicht. Ein Lächeln. Dann der erste Schritt. Langsam kamen sie sich näher. Schritt für Schritt gingen sie aufeinander zu. Der Wind sang sein Lied, die Blätter begannen zu tanzen. Ein leises Zirpen erklang – dann Stille. Sie, deren Schicksale sich nun verändern würden, standen sich gegenüber. Langsam hob sie die Hand. Er tat es ihr gleich. Vorsichtig berührten sie sich. Und genau in diesem Moment begann das Schicksal der Wanderer.“

Die alte Dame sah uns liebevoll an. Ihr Blick war sanft und zugleich voller Trauer – so empfand ich es damals. Eine Weile herrschte Stille, bis sie wieder mit ruhiger Stimme sprach:

„Hört, meine Kinder. Ihr seid Wanderer. Eure Reise wird nicht einfach. Sie kann beschwerlich und zugleich leicht sein. Sie kann hart sein, aber auch voller Freude und Trauer. Lebt so, wie eure Eltern es euch gelehrt haben. Wie es eure Vorfahren taten. So wie einst Elf und Mensch. Ihr seid Halblinge. Manche von euch haben große, spitze Ohren wie die reinrassigen Elfen, andere haben kleine, runde Ohren wie die Menschen. Manche tragen das Haar der Elfen – goldgelb oder weiß wie Schnee. Andere haben die Farben der Menschen: rosa, rot, braun oder schwarz. Ihr seid alle Nachkommen – und ihr seid alle unterschiedlich. Denkt immer daran: Ihr seid etwas Besonderes. Dort draußen wollen euch manche Böses, andere Gutes. Traut nur denen, die reinen Herzens sind. Zeigt niemandem, dass ihr Wanderer seid. Denn tut ihr das, bringt ihr nicht nur euch, sondern auch andere in Gefahr. Nicht alle reinrassigen Elfen akzeptieren uns – und das gilt ebenso für die Menschen. Auch Zwerge und Oger sind starke Völker und sehen oft auf uns herab. Doch auch bei ihnen gibt es Mischlinge. Sobald ihr das Dorf verlasst, seid ihr innerlich Wanderer – aber äußerlich nur Mensch oder Elf. Und nun, meine Kinder: Geht hinaus in die weite Welt und findet euren Weg.“

Langsam standen die ersten Kinder auf und verbeugten sich ein letztes Mal vor der alten Dame. Eines nach dem anderen ging hinaus. Sie gingen alle noch einmal zu ihren Eltern, die Taschen mit Proviant, Kleidung und allem Nötigen gepackt hatten. Dann folgte das letzte Abendessen in der Heimat.

Ich blieb bei der alten Dame, bis alle gegangen waren. Ein sanfter Wind wehte durch die offenstehende Tür und ließ meine langen, rosafarbenen Haare leicht tanzen, bis sie mir ins Gesicht fielen.

Behutsam strich ich sie hinter meine spitzen Ohren. Meine blauen Augen ruhten auf der alten Dame – voller Neugier und einer Ahnung, dass dieser Moment alles verändern würde.

Denn ich – ich war das Kind ohne Eltern. Nur ich konnte gehen, ohne zurückzublicken. Niemand stellte mir meine letzten Sachen zusammen. Ich blickte noch einmal in das Feuer und hoffte, die beiden wiederzusehen. Nur noch einmal dachte ich. Als ich die Hoffnung fast aufgegeben hatte, sah ich es: Sie gebar ein Kind – und er war bei ihr. Doch dann sah ich nur noch einen Blick voller Hass und Trauer. Es war weder der Elf noch der Mensch. Ich blickte hastig zur alten Dame. Ihr Blick sagte mehr als tausend Worte. Dies war deren Kind. Und ich wusste schon lange: Das war nicht das Ende ihrer Geschichte – sondern erst der Anfang von allem. Ich stand langsam auf, verbeugte mich ebenfalls vor ihr. Sie lächelte ein letztes Mal sanft. Dann ging ich zur Tür hinaus, ohne mich umzudrehen.

Mein Weg würde anders sein als der der anderen Wanderer. Ich würde die Welt verändern – so dachte ich. Ich würde die Halblinge zu etwas ganz Besonderem machen. Ich ging langsam zu meinem Zuhause – dem Ort, an dem ich aufgewachsen war. Ich öffnete die Tür und blickte mich noch einmal um. Meine kleine Hütte bestand aus zwei Räumen.

In dem einen stand mein Bett, warm und vertraut, daneben eine kleine Küche, in der ich mich selbst versorgte.

Der zweite Raum war still. Eine einfache Badewanne stand dort, sonst kaum etwas. Ein paar Schränke, ein Tisch und mehrere Stühle gehörten ebenfalls dazu. Doch ich hatte sie nie wirklich gebraucht. Ich saß immer allein. Die übrigen Stühle blieben leer.

Bald würde hier jemand Neues leben. Ich nahm meinen Rucksack vom Schrank und packte mein restliches Essen ein. Jede Bewegung ging langsamer als sonst, als würde ich die Zeit unbewusst hinauszögern. An meiner Seite befestigte ich die Spitzhacke.

Die Schalen – eine zum Kochen, eine zum Trinken – legte ich vorsichtig hinein. Die kleine Lampe hing ich an den Rucksack, wo sie leise gegen das Leder stieß.

Ich legte meinen Rucksack auf den Schrank und ging ins Bad, um mich ein letztes mal zu waschen. Das Wasser war kühl auf meiner Haut doch ich bewegte mich langsamer als sonst. Schließlich legte ich meine Kleidung sorgfältig zur Seite – für den nächsten Bewohner dieser Hütte

Ich hielt einen Moment inne. Zum letzten Mal hier. Langsam zog ich mich an: die schwarze Strumpfhose und den gemusterten Rock, dessen silberne Fäden im Licht schimmerten – ein Geschenk der Näherin.

Der dunkelblaue Pullover, den mir der Bäcker einst gegeben hatte, legte sich warm um meine Schultern. Ich legte den Braunen Gürtel an, befestigte das kurze Schwert vom Schmied daran und zog schließlich den Schwarzen Mantel über, den mir die alte Dame gegeben hatte. Für einen Augenblick blieb ich stehen. Dann setzte ich die Kapuze auf. Ich zog meine Schuhe an, nahm den Rucksack und ging zur Tür. Für einen Moment hielt ich inne. Jedes dieser Stücke war ein Teil meines alten Lebens.

Meine Hand lag bereits am Griff, doch ich zögerte. Ein letzter Blick durch den Raum. Alles war still. Dann öffnete ich die Tür, trat hinaus – und schloss sie hinter mir.

Ich trat aus meiner Hütte und zog die Tür langsam hinter mir zu.

Für einen Moment blieb ich stehen. Die Luft war klar, erfüllt vom vertrauten Duft des Dorfes.

Alles wirkte wie immer – und doch fühlte es sich anders an. Langsam setzte ich mich in Bewegung. Der Weg zum Tor führte mich an den Häusern vorbei, die ich mein ganzes Leben lang gekannt hatte.

Hier und da sah ich durch die Fenster die Familien mit ihren Kindern. Ich sah nicht lange hin. Meine Schritte führten mich weiter.

Der Boden unter meinen Füßen war uneben, der steinige Weg zog sich durch das Dorf und hinauf zum Tor.

Jeder Schritt brachte mich weiter weg von dem, was ich kannte. Weiter weg von meinem Zuhause. Vor mir ragte schließlich das große Holztor auf. Offen. Ein leichter Wind wehte hindurch und trug den Geruch der weiten Welt mit sich. Ich blieb stehen.

Noch war niemand da. Die anderen waren noch bei ihren Familien. Da wurde es mir klar Ich war allein, niemand würde mich verabschieden. Es war immer nur ich und es wird auch immer nur ich sein. Ich hob den Kopf und schloss die Augen. Nicht weinen. Für einen Moment hielt ich den Atem an. Du hattest hier niemanden. Du brauchst auch niemanden. Ich wiederholte die Worte in meinem Kopf, als würden sie dadurch wahrer werden. Dann öffnete ich die Augen. Vor mir lag die weite Welt.

Der Wind leise durch die offenen Felder jenseits des Tores strich . Dort draußen lag die Welt. Unbekannt.

Ungewiss. Ich atmete tief ein. Die Luft fühlte sich anders an – kälter, freier. Mein Blick glitt ein letztes Mal zurück zum Dorf. Zu allem, was ich kannte. Dann wandte ich mich ab. Ich ging los. Ein Schritt. Noch einer. Mit jedem Schritt wurde das Dorf hinter mir kleiner. Und die Welt vor mir größer. Nun begann eine Zeit, die anders war als alles, was ich je gekannt hatte. Eine Zeit ohne Sicherheit. Eine Zeit, die mich verändern würde.

Ich war mehrere Tage unterwegs, bis ich schließlich das nächste Dorf erreichte.

Die Luft wurde von Tag zu Tag wärmer, und der Sommer lag bereits in ihr. Die ersten Pflanzen blühten, die Bäume standen in frischem Grün, und die Sonne wärmte mich auf eine vertraute Weise. Ich mochte diese Jahreszeit. Doch ein Teil von mir wusste, dass zu Hause jetzt die Felder bestellt wurden. Ohne mich.

Langsam und mit äußerster Vorsicht betrat ich das Dorf.

Es war ein Menschen Dorf. Und ich war ein Elf. Ich durfte mir keinen Fehler erlauben. Schon von klein auf hatte man uns gelehrt, dass viele Dörfer Fremden gegenüber misstrauisch waren – und dass ein falscher Schritt reichen konnte, um aus einem Blick eine Bedrohung werden zu lassen. Hastig blickte ich mich immer wieder um, darauf bedacht, niemanden zu stören. Das Dorf war voller Geräusche. Stimmen, Schritte, das Klappern von Werkzeug – alles prasselte auf mich ein. Ich war nervös. Es war das erste fremde Dorf. Die Straßen waren sauber gepflastert, die Häuser unterschiedlich groß und in verschiedenen Farben gestrichen. Alles wirkte fremd. Dann sah ich ihn. Den Brunnen. Genau das war mein Ziel. Wasser auffüllen. Etwas Nahrung kaufen.

Und dann weiter. So schnell wie möglich. Mach bloß keinen Ärger, schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Lass alles gut gehen. Ich durfte hier nicht auffallen. Ohne es zu merken, wurde ich immer schneller.

Mein Blick blieb auf den Boden gerichtet. Die Kapuze saß tief in meinem Gesicht, sodass niemand meine Ohren sehen konnte. Am Brunnen angekommen, griff ich hastig nach dem Eimer, zog ihn hoch und füllte meine Flasche so schnell ich konnte. Kaum war sie voll, verstaute ich sie wieder. Ich sah mich kurz um. Dann noch einmal. Langsam überkam mich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich muss weiter, schoss es mir durch den Kopf.

Schnell weiter. Dann würde ich diesen Blick los sein. Ich sah mich hastig um. Wo war der nächste Laden? Mein Blick fand ihn schnell, und ohne zu zögern machte ich mich auf den Weg dorthin. Doch noch bevor ich eintrat, spürte ich ihn wieder. Diesen Blick. Er lag auf mir, schwer und unangenehm. Ich hielt kurz inne und sah mich um. Doch da war niemand. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Schnell trat ich ein. Im Inneren griff ich mir einige Lebensmittel – getrocknetes Fleisch und ein wenig Obst, das sich für die Reise eignete. Dann ging ich zur Theke, um zu bezahlen. Die Frau hinter dem Tresen musterte mich scharf. Zu scharf. Dann begann sie zu sprechen. „Bist du sehr jung, oder?“ Leise und mit einem leichten Stottern antwortete ich:

„Ja… meine Eltern haben mich geschickt, etwas zu essen zu besorgen. Wir reisen viel umher.“ Ich spürte ihren Blick auf mir. Eindringlich. Dann lachte sie. „Ach, sei doch nicht so schüchtern, Kleine. Ich will dir nichts Böses. Nur kommen hier nicht viele Reisende vorbei – besonders keine so jungen Mädchen.“ Ich sah hastig nach rechts und links. „Oh… okay.“ „Wortkarg bist du auch noch“, meinte sie schmunzelnd. „Das macht dann drei Bronze und ein Silbertaler.“ Hastig griff ich nach meinem Beutel.

Ich hatte nicht viel dabei. Ganz schön teuer, dachte ich. Vielleicht sollte ich wirklich seltener in Dörfer oder Städte gehen. Ich legte das Geld auf den Tresen, packte meine Sachen zusammen und wandte mich zum Gehen. „Danke“, murmelte ich leise. Dann verließ ich schnell den Laden. Ich spürte ihren Blick noch immer in meinem Rücken. Und ohne mich umzudrehen, beeilte ich mich, wieder in den Wald zu kommen.

Kaum hatte ich den Laden verlassen, beschleunigte ich meine Schritte. Der Blick in meinem Rücken war noch immer da. Ich durfte mich nicht umdrehen. Nicht jetzt. Dann— „Hey! Du da!“ Ich erstarrte. Ich blieb stehen. Als wären meine Füße plötzlich am Boden festgewachsen. Wurde ich entdeckt? schoss es mir durch den Kopf.

Was wird jetzt passieren? Mein Herz begann schneller zu schlagen. Werde ich versklavt…? Oder schlimmeres…? Die Gedanken überschlugen sich.

Mit jedem Atemzug wurde die Angst stärker, drückte mir die Luft aus der Brust. Ich wagte es nicht, mich zu bewegen. Nicht einmal umzudrehen. Dann— spürte ich es. Eine Hand. Schwer und warm legte sie sich auf meine Schulter. Mein ganzer Körper erstarrte. „Hey! Du da!“ Die Stimme war nah. Zu nah. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab, als würde mir jemand Eis auf die Haut legen. Ich presste die Lippen zusammen, schloss kurz die Augen und zwang mich, ruhig zu atmen. Einatmen. Ausatmen. Doch mein Körper hörte nicht auf mich. „Hey! Hörst du mich nicht? Bist du taub?“ Die Hand auf meiner Schulter drückte leicht zu. Mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, man konnte es hören. Langsam… ganz langsam… öffnete ich die Augen wieder. Ganz vorsichtig drehte ich mich um. Mein Herz schlug bis zum Hals. Vor mir stand ein Junge. Etwa in meinem Alter. Für einen kurzen Moment hoffte ich noch, mich zu irren. Doch dann erkannte ich ihn. Mein Magen zog sich zusammen. Er kam aus meinem Dorf. Natürlich. Ausgerechnet er. Sein Blick lag auf mir – ruhig, fast schon gelangweilt. Als hätte er genau gewusst, dass ich hier sein würde. Meine Hände verkrampften sich. Zu viele Erinnerungen schossen mir durch den Kopf. Sein Lachen. Seine Worte. Die Schläge. Unwillkürlich machte ich einen kleinen Schritt zurück.