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Ich bin zu spät.
Nicht ein bisschen zu spät. Nicht fünf Minuten, der Bus hatte Verspätung zu spät. Sondern klatschnass, zwei U-Bahnen verpasst und den Rest zu Fuß im Starkregen durch L.A. geirrt.
Außerdem habe ich mich fünfmal verlaufen.
Trotz Navi.
Genau die Art von Verspätung, die nach nassem Hund riecht und das Wort Unzuverlässig in die Welt schreit.
Palmen, Hitze, Sonnencreme, Menschen, die zu viel Wert auf Designer-Kleidung legen, teure Autos, Touristen und genügend Menschen, unter denen ich verschwinden kann.
Anonymität.
Deswegen bin ich nach L.A. gekommen.
Ich will unauffällig bleiben.
Funktioniert heute super.
Endlich sehe ich es. Das Gebäude mit dem großen Metallschild davor.
Inferno.
Hoffentlich ist es im Inneren schön warm. Ich friere jetzt schon erbärmlich. Am liebsten will ich mich umdrehen, zurück nach Hause fahren, heiß duschen und mich mit Tee unter meine Bettdecke verkriechen.
Aber ich brauche den Job.
Dringend.
Ein letzter Blick über die Schulter, nur um sicherzugehen.
Nein, niemand beobachtet mich.
Als ich die Tür zur Bar aufstoße, klebt mir das, was von meiner Frisur übrig ist, im Gesicht. Meine Jacke tropft den dunklen Holzboden voll, der gleichzeitig gepflegt und abgetanzt aussieht. In meinen Sneakern hat sich Wasser gesammelt.
Bei jedem Schritt geben sie ein widerlich schmatzendes Geräusch von sich. Doch das Geräusch ist nicht halb so unangenehm, wie das Gefühl meiner nassen Socken.
Ich gebe einen perfekten ersten Eindruck ab. Und wie wenig ich hier reinpasse.
Die Bar ist perfekt unperfekt.
Dunkles Holz, warme, braune Töne, nackte Wände, ein bisschen Putz, ein wenig Backstein, Balken an der Decke mit Messingleuchten und Glühbirnen darin.
Modern, rustikal und weit weg von Pinterest.
Hohe Regale hinter der Bar, mit unzähligen Flaschen. Die indirekte Beleuchtung bringt den Inhalt in verschiedenen Schattierungen von Bernstein zum Leuchten.
Künstlich aggressive Zitrone versucht den Geruch von Holz, Leder und Bier in der viel zu kühlen Luft zu überdecken. Was ihr zum Glück nicht gelingt.
Wer auch immer die Bar eingerichtet und dekoriert hat, wusste genau, was er tut.
Der Raum wirkt gemütlich, dunkel, aber nicht düster. Wie das Wohnzimmer von jemandem.
Die Ledermöbel im hinteren Teil sehen aus, als könnte man stundenlang dort sitzen und seine Sorgen im Bier baden, bis sie sauber sind.
Abrupt bleibe ich stehen.
Zwei Männer warten in der Bar.
Beide unterbrechen ihr Gespräch, als ich eintrete. Sie blicken in meine Richtung und ich weiß nicht, welches Gefühl überwiegt.
Scham, weil ich aussehe, als wäre ich her geschwommen, oder Neugier, weil beide so... besonders aussehen.
Einer sitzt lässig auf einem Hocker.
Dunkel gekleidet, mit dieser Mischung aus Chaos und Arroganz, die fast schon magnetisch wirkt. Die dunklen Haare fallen locker in seine Stirn, betonen die auffälligen grünen Augen.
Die sich unangenehm intensiv in meine bohren. Ein freches Blitzen darin. Gefährlich hübsch.
Einen Moment zu lang halte ich seinen Blick.
Ob sich andere Menschen auf der Straße nach ihm umdrehen?
Ich schlucke und mustere den blonden Mann, der schräg hinter ihm steht.
Größer, die Arme vor der breiten Brust verschränkt.
Sein Gesicht ist makellos, wirkt so klar geschnitten und symmetrisch, dass es mit dem fehlenden Gesichtsausdruck fast künstlich wirkt. Wie eine Statue. Die dunkelblauen Augen wirken kälter als meine Jacke, die nass an mir klebt.
Der sieht bestimmt im Schlaf noch bedrohlich aus.
Super. Hier gibt's nicht nur einen Mann, der einem die Synapsen versengt, sondern gleich zwei. Die Sorte Mann, die einem sonst nur in Büchern oder auf Plakaten begegnet.
Scheint so, als wäre ich wirklich in L.A. angekommen.
Etwas eingeschüchtert versuche ich zu lächeln, sehe aber vermutlich nur wie ein nasser Pudel aus, der unter Vogelgrippe leidet. Hallo... ich bin die Katastrophe, die hier arbeiten will.
Das Telefonat vor ein paar Tagen fällt mir ein. Rauer Typ, der mir Tag und Uhrzeit, aber keine Einzelheiten genannt hat. „Äh... hi, ich bin Leslie. Ich hab mit einem... Gus telefoniert. Er meinte, ich soll heute mit Dante sprechen. Und... sorry, dass ich zu spät bin. Es hat geregnet." Oh wow, wie geistreich, Leslie!
Vielleicht habe ich Glück und der Blonde durchbohrt mich mit seinem Blick.
Oder der Blick des anderen lässt mich in Flammen aufgehen.
Mehr Peinlichkeit kann ich heute nicht mehr ertragen.
Der Sitzende hebt eine Augenbraue. „Das ist Kalifornien, nicht Nevada." Eine Stimme so dunkel wie der Fußboden. „Ich bin Dante."
Blödmann! Ich komme selbst aus Kalifornien. Nur eben ein paar Stunden weiter nördlich.
Ich atme tief durch, ignoriere die Gänsehaut, die nicht nur von den nassen Kleidern auf meiner Haut kommt. „Ich hab meine Unterlagen dabei. Food Handler, RBS, alles gültig. Lebenslauf ist auch dabei." Ich reiche ihm das feuchte Kuvert.
Er nimmt es kommentarlos, legt es neben
sich. „Warum hier?" fragt er, ohne den Blick von mir zu nehmen. Seinen Augen ist kaum auszuweichen.
Irgendwas zwischen Moos und Wald. Kein Schimmer von Braun oder Gold, wie bei mir. Sondern echtes Grün.
„Weil ich schnell einen Job brauche", antworte ich so nah an der Wahrheit wie möglich. „Ich stelle mich bei mehreren Läden vor, aber hier stimmen Lage und Bezahlung. Nah an meinem Zweitjob." Und weit genug entfernt von dem, was früher mein Zuhause war. „In der Bar, in der ich mich vor ein paar Tagen beworben habe, hat einer der anderen Bewerber von dem Job hier erzählt... also hab ich angerufen und... dieser Gus sagte, ich soll her kommen." Perfekt, jetzt denken sie sicher, dass ich dreist bin. Und verzweifelt.
Dreist? Vielleicht.
Verzweifelt? Auf jeden Fall!
„Ich will Leute, die pünktlich sind", murrt der Blonde. Sein Ton genauso kühl wie sein Blick. Er klingt nicht aggressiv, nicht laut. Nur hart. Oder ist das... Langeweile?
Dante dreht sich zu ihm um. „Ich rede dir nicht in deine Abrechnungen rein, du nicht in meine Gespräche mit dem Personal", er schüttelt leicht den Kopf, während er spricht. „Also halt die Klappe, Steve."
Der Blonde reagiert kaum. Bleibt aber still.
Also hat dieser Dante hier das Sagen?
Er dreht sich wieder zu mir, tippt leicht mit dem Zeigefinger auf den feuchten Umschlag vor sich. „Bist du sonst pünktlich?"
Ich nicke, auch wenn ich nicht weiß, ob man das überhaupt sieht. Ich zittere inzwischen. Ob von den nassen Kleidern, der viel zu kalt eingestellten Klimaanlage, die mir in den Nacken bläst, oder der Aufregung, weiß ich nicht. „Ich kauf mir einen Schirm."
Kurz ist es still.
Nur das Summen der Kühlschränke hinter der Bar ist zu hören. Dann grinst er breit und überraschend warm. Die winzige Veränderung in seinem Gesicht lässt ihn fast unverschämt attraktiv aussehen. „Donnerstagabend. Acht. Ich schau mir das an. Danach sehen wir weiter."
Vorsichtig atme ich aus. Unendlich erleichtert. „Okay. Danke." Als ich mich umdrehe, spüre ich ihre Blicke im Rücken, bis ich die Bar verlassen habe.
Draußen schlägt mir kühler Wind entgegen. Ich atme tief durch, versuche, mein Zittern in den Griff zu bekommen. Probearbeiten. Das ist mehr, als ich erwartet habe.
Der Job hier klingt begehrt.
Die Bezahlung ist höher, als üblich und die Lage wirkt sich bestimmt auf das Trinkgeld aus.
Wenn ich mich am Donnerstag nicht blöd anstelle... endet zumindest das Problem mit dem Geld.
Na ja... oder verkleinert sich.
Ich drehe mich nochmal um, starre auf die Tür, die hinter mir zugefallen ist. Das kann die Chance sein, die ich brauche.
Auch wenn die beiden Typen mich in den wenigen Minuten nervöser gemacht haben, als alle Bewerbungsgespräche der letzten zwei Wochen.
Sollen sie doch!
Ich brauche keinen perfekten ersten Eindruck. Nur die Chance, einen Zweiten zu machen.
Und dringend trockene Klamotten.
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Das war also das erste Kapitel.
Ich hoffe, es hat euch gefallen.