Kapitel 1
Das Publikum im Zirkus roch immer gleich.
Jye hatte irgendwann aufgehört das zu bemerken, doch heute schien es besonders penetrant. Schweiß und billiges Parfüm mischten sich mit dem Heugeruch der Manege. Er stand schräg hinter dem Vorhang, die Augen auf den kleinen Spalt gerichtet und lauschte dem Rauschen, das leise Flüstern der Gäste. Ein breites Grinsen lag auf seinen Lippen. Er liebte diese Momente. Die Momente kurz bevor es los ging, waren immer mit Anspannung versetzt. Nicht einmal Jye blieb davon verschont. Doch er würde das nie selbst zugeben.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, das er nie ganz in Worte fassen konnte. Keine Angst — zumindest nicht das, was er sich unter Angst vorstellte. Eher so etwas wie ein zu volles Glas. Als würde irgendetwas in seiner Brust darauf warten, endlich überzulaufen. Mit acht Jahren hatte er das zum ersten Mal gespürt, damals noch als Zuschauer, mit klebrigen Fingern von der Zuckerwatte, und dem festen Glauben, dass die Menschen dort auf der Bühne aus einem anderen Stoff gemacht sein mussten. Heute wusste er, dass das nicht stimmte. Sie hatten nur irgendwann aufgehört, das volle Glas als Problem zu sehen und einfach das gemacht, was sie liebten.
Lioren lehnte hinter ihm gegen einen der Pfeiler, die Arme vor der Brustverschränkt, die Beine überkreuzt und beobachtete Jye dabei, wie er versuchte seinen Frack zuzuknöpfen. “Du hast einen Knopfübersprungen”, merkte Lioren an und unterdrückte ein amüsiertes Schnauben.
Jye sah an sich herab. Tatsache. “Wusste ich.” Er zog einen Knopf aus dem Loch, doch Lioren unterbrach ihn dabei sofort wieder. “Der da drüber.” Der Junge warf ihm einen vernichtenden Blick zu, brummte etwas unverständliches und nahm sich den anderen Knopf vor.
“Ich habs geschafft!”“Seh ich.”Lioren grinste spöttisch. “Sogar ganz alleine. Du wirst wohl langsam erwachsen.”Jye hob seinen Mittelfinger, ohne aufzusehen, während er mit der freien Hand die Weste glattstrich. Wichser.“Ich brauche deine Kommentare nicht, kleine Fee.”
Während Jye sich suchend nach seinem Zylinder umsah, streckte sich Lioren und schob sich von dem Pfeiler ab, um ebenfalls einen Blick nach draußen zu erhaschen. “Du liebst meine Kommentare, Schatz“, schnurrte er. Jye verdrehte grinsend die Augen. Natürlich liebte er sie, aber diese Genugtuung würde er Lioren niemals geben.
Jye warf noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Ertrug heute das erste Mal sein neues Outfit. Der Frack war noch etwas steif und glänzte in Nachtblau, die passende Hose dazu war schwarz. Im Gegensatz zu der normalerweise knallroten Farbe, sah er heute weniger wie ein Clown aus. Sofja hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Die pink-gefärbten Haare, die mit Gel sorgfältig nach hinten gekämmt auf seinem Kopf lagen, bissen sich weitaus weniger mit dem Blauton. Der Kragen stand nicht gleichmäßig und seine Fliege saß schief. Nicht einmal der Zylinder auf seinem Kopf saß gerade.
“Ich ertrage sie höchstens.”Jye drehte sich einmal im Kreis, die Arme ausgebreitet, als erwartete er tobenden Applaus für seine bloße Existenz. “Gut?”
“Perfekt.”
Jye nickte zufrieden und marschierte in Richtung Manege.
Musik begann aus den Boxen zu spielen. Das Publikum wurde nach und nach still. Dann nahm er seinen Zylinder ab und trat durch den Vorhang. Eine einzelne Strähne hatte sich selbstständig gemacht und baumelte zwischen seinen Augen. Mit einer fließenden Bewegung breitete er die Arme aus, strich dabei die Strähne zurück, auch wenn er genau wusste, dass sie dort nicht lange bleiben würde. Er lächelte verschmitzt in die Runde.
“Meine Damen und Herren.”
Leichtfüßig schritt er in die Mitte der Manege, direkt ins Scheinwerferlicht und setzte den Zylinder wieder auf seinen Kopf. Zweiunddreißig Gesichter, wenn er sich richtig erinnerte. Nicht sonderlich viel für die erste Vorstellung an diesem Ort, aber auch nicht zu wenig. Zweiunddreißig Menschen hatten sich entschieden seinem Geplapper heute Abend zuzuhören. Und das war mehr als genug.
“Ihr hättet heute Zuhause bleiben können, einen Film schauen oder mit der Familie Spiele spielen. Ihr hättet dort sein können, wo alles vorhersehbar ist. Und doch seid ihr hier. ”Vereinzelte Lacher gingen durch die Reihen. “Kluge Wahl.”
Jye sprach mit einer Ruhe in der Stimme, die man bei ihm nur von der Show kannte. „Ich bin Jye, euer Showmaster, Gastgeber, und laut meiner Mutter eine anhaltende Enttäuschung. Aber hey – wenigstens bin ich unterhaltsam!” Dieses Mal lachten ein paar mehr. Schon besser.
Mit diesen Worten trat er etwas zur Seite und machte somit Platz für den ersten Auftritt des Abends. Zwei Männer traten ins Licht. Sie waren breit gebaut und trugen dunkles langes Haar und dichte Vollbärte. Mit ihrem Aussehen würde man sie vermutlich eher als Holzfäller sehen, statt im Zirkus. Kaum waren sie sichtbar, flogen bereits die ersten Keulen in der Luft.
“Dariel und Kael! Zwillinge, Jongleure, und die Hauptursache dafür, dass ich nie weiß mit wem ich gerade rede.” Er wedelte mit dem Finger auf die Beiden. “Ich kann euch nicht sagen, welcher von beiden mich letzte Woche mit einer Keule abgeschmissen hat und welcher mein Frühstück geklaut hat.”
Die Keulen flogen kunstvoll durch die Luft. Es war ein einfacher Start in die Show. Die Kinder verfolgten das Schauspiel begeistert, während die Erwachsenen scharf die Lufteinzogen, wenn eine Keule einmal unbedacht beinahe zu Boden ging, bevor sie mit dem Fuß wieder in die Luft getreten wurde. “Und das– meine Damen und Herren – war Absicht.” Kurze Stille. “...war es nicht, aber es sah verdammt cool aus, Dariel! ...oder Kael!”
Jye war jedes Mal aufs Neue begeistert von ihrer Arbeit. Es sah so leicht aus, wie die Brüder die Keulen rumschleuderten, als wären sie weiche Schaumstoffattrappen. Doch aus Erfahrung und dem ein oder anderen gebrochenen Knochen in der Vergangenheit wusste Jye genau, dass sie weder weich noch Attrappen waren, sondern fünf-Kilo Gewichte, die ihm den Kopf zertrümmern könnten. Er schmunzelte in sich hinein, während er vorsichtshalber einen Schritt zur Seite trat. Er mochte seinen Kopf.
Die Minuten verstrichen unter gelegentlichen Kommentaren seinerseits, bevor die beiden Jongleure sich verbeugten und hinter dem Vorhang verschwanden.
Der junge Showmaster ließ den Applaus einige Sekunden verklingen, bevor er sich zurück in die Mitte der Manege stellte. “Was wäre ein Zirkus ohne jemanden, der Schwerkraft als persönliche Beleidigung sah? Richtet euren Blick nun bitte nach oben.” Die Lichter veränderten sich und beschienen die Trapeze in der dunklen Höhe des Zeltes. Als hätte er schon die ganze Zeit dort gesessen, sah man nun die Silhouette einer schlanken Gestalt .Jye hörte das kollektive Raunendes Publikums.
“Liebes Publikum: Pax.”
Genannter Pax ließ sich mit diesem Stichwort nach hinten fallen. Eine ältere Frau schrie spitz. Doch er fiel nicht. Zumindest nicht wirklich. Das tat er nie. Einen Meter tiefer hielt er sich am nächsten Trapez fest. Früher hatte er in dem Moment immer den Atem angehalten, doch mittlerweile war er so an den Anblick gewöhnt, dass er ganz entspannt die Zuschauer betrachtete.
So viel wie Jye normalerweise auch redete, war er während Pax’ Vorführung ungewöhnlich still. Das lag nicht daran, dass er selbst wie gebannt zusah, sondern, weil er wusste, dass keine Worte nötig waren. Er hatte den Auftritt oft gesehen – oft genug, um zu wissen, wann er still sein sollte.
Pax war nicht der Typ, der Worte brauchte. Auf dem Boden war er still, einsilbig, und Jye hatte sich irgendwann damit abgefunden, dass ein ”Mhm" von Pax so viel bedeuten konnte wie ein ganzer Satz von jemand anderem. Das hatte ihn am Anfang gestört, ehrlich gesagt. Jye war es gewohnt, dass die Menschen auf ihn reagierten — lachten, antworteten oder zumindest nickten. Pax tat das alles nur sehr sparsam. Irgendwann hatte Jye aufgehört, es persönlich zu nehmen. Pax war einfach so. Das war keine Ablehnung, das war einfach seine Persönlichkeit. Hoch oben in der Luft war das anders. Da sprach er — nur eben ohne Worte.
Jye beobachtete die Gesichter im Publikum statt die Figur über ihm. Ein kleines Mädchen in der dritten Reihe hatte die Hände vor den Mund gepresst, die Augen riesig. Ein älterer Mann lehnte sich unwillkürlich vor. Das war es. Das war der Moment, für den er hier war.
Es wäre gelogen, hätte er gesagt, dass er die Reaktion nicht verstehen könnte. Pax war unheimlich vertrauensvoll in seine Fähigkeiten. Jye konnte sich nicht erinnern, ihn jemals tiefer als zwei Meter fallen gesehen zu haben. Er hing an dem Seil des Trapezes, als wäre es ein Körperteil von ihm. Es erschauderte Jye, wenn er schon dran dachte, wie Pax seinen Körper verbog.
Der Applaus ebbte ab und das Licht wurde wieder auf Jye in der Manege gerichtet. Die nächste Stunde verlief wie immer im vertrauten Rhythmus. Raya, die Schlangenfrau, die keine war, verbog ihren Körper noch mehr als Pax. Der Feuerspucker Hunter, bei dem man sich instinktiv zurücklehnte, obwohl das Hitze des Feuers nicht mal ansatzweise in die Nähe der Menschen kam. Die Seiltänzerin, deren Namen er sich nach einem Jahr immer noch nicht merken konnte und die ihn dafür mit einem Blick strafte, der Messer werfen konnte.
Er moderierte, kommentierte, füllte die Lücken. Das war schließlich seine Aufgabe. Die Stille zwischen den Nummern gehörte ihm, und er gab sie gerne weiter, sobald jemand anderes die Bühne betrat. Ein guter Showmaster wusste, wann er sprach und wann er verschwand. Jye hatte das früher nicht gewusst. Er hatte gedacht, seine Aufgabe wäre es, immer im Mittelpunkt zu stehen. Inzwischen wusste er, dass seine eigentliche Aufgabe war, alle anderen dorthin zu stellen.
Als der letzte Applaus endete, wartete Jye dieses Mal einige Sekunden, bevor er ein letztes Malins Licht zurücktrat. “Meine Damen und Herren.”Jye sprach langsam und ruhig. “Sie haben heute Abend Menschen gesehen, die mit ihrem Körper Dinge tun können, die der Verstand ablehnt. Sie haben gesehen, was passiert, wenn jemand jahrelang übt, bis etwas Unmögliches zur Gewohnheit wird.” Er machte eine kurze Pause, dann grinste er verschwörerisch. “Aber was ist, wenn das Unmögliche gar keine Gewohnheit ist? Was ist, wenn es jedes Mal neu entsteht? Wenn ich bitten darf: unser Illusionist Lioren!"
Die Lichter erloschen schlagartig. Jye wartete einen Herzschlag, bevor er drei Schritte rückwärts ging. Hinter ihm rumpelte etwas. Er musste sich zusammenreißen nicht auf der Stelle schallend zu lachen. Liorens Fähigkeit gegen Dinge zu laufen, die an dieser Position seit Jahren standen, war wahrlich bemerkenswert.
Die Beiden hatten sich vor Jahren gestritten, ob das Finale zu theatralisch war. Lioren hatte gesagt, es sei genau richtig. Jye war der Meinung, dass man das Publikum nicht erschrecken solle. Lioren hatte ihn angesehen mit diesem Blick, den er hatte, wenn er der Meinung war, dass Jye gerade kompletten Unsinn redete, und sagte: „Erschrecken ist der erste Schritt zum Staunen.”Jye hatte irgendwann nachgegeben. Er tat das öfter, als er zugab. Normalerweise weil Lioren meistens recht hatte. Das machte ihn wahnsinnig.
Dann — Licht. Aber nicht das Scheinwerferlicht.
Es kam von überall und nirgends, ein warmes Leuchten, das keine erkennbare Quelle hatte. Und mittendrin stand Lioren. Er bewegte seine Arme zu einer Melodie, die nur er hören konnte. Die Lichtpunkte bewegten sich wie kleine Glühwürmchen durch das Zelt. Ein dünner Nebel durchzog die Mitte der Manege.
Dann - plötzlich - riss Lioren die Arme in die Luft und bewegte sich weiter nach vorne. Der Nebel begann Form anzunehmen, bis es eine scheinbar feste Form hatte. Unzählige leuchtende Schmetterlinge flogen durch die Lüfte, ein Tiger umrundete Liorens Beine.
Kinderlachen ertönte, laute Ah’s undOh’s kamen selbst von dem Mann in der letzten Reihe, der so aussah, als wäre es nur wegen seiner Frau hier. Lioren fesselte sie alle.
Seine Magie war etwas Einzigartiges. Kaum einer verstand sie, am wenigsten Lioren selbst. Vor Jahren hatte er Jye erzählt, dass es sich anfühlte, als wäre sein Körper nicht dafür gemacht, sie zu tragen. Die Magie waberte rund um die Uhr um ihn, wie eine Decke über seine Schultern. Doch er hatte sie mit der Zeit gebändigt und spielte nun mit ihr, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
Der Tiger wurde zum Hirsch, dann zum Wal, der mit seinem geöffneten Mund auf das Publikum zuschwamm. Bevor er sie jedoch erreichen konnte, löste sich der Nebel auf und das Licht dimmte ab, bis es wieder dunkel war.
Erst nach einigen Momenten ging das Licht im Zelt wieder an. Jye stand wieder in der Mitte, den Zylinder in der Hand und verbeugte sich. “Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit. Gehen Sie nach Hause, bevor Sie jemand zum Aufräumen zwingt.” Er zwinkerte in die Runde und verließ dann den Platz.