1.Kapitel
/Alysa/
Alysa, die neue Schülerin der Oberstufe, liest in der Mittagspause ein Buch.
Idioten, auch ihre Klassenkameraden genannt, kommen vorbei.
Als ob diese hungrigen Wölfe nur darauf gewartet hätten, dass ich ausgestoßen werde. Zum Fraß vorgeworfen.
Egal wie dumm jemand allein ist — in der Gruppe wird alles schnell unsicher. Gefährlich.
Das wusste ich.
Mein Nachname.
Dass meine Freundesgruppe mich ausgrenzt.
Meine Vorliebe fürs Lesen.
Dass ich alleine bin.
Alles wird wie Munition gegen mich verwendet.
/Myjak/
Ich bin etwa fünfzehn Meter entfernt und komme gerade vom Schwimmen. In Gedanken vertieft rubbele ich mir mit einem Handtuch die nassen Haare trocken.
Das übliche Bild eines Athleten nach dem Schwimmunterricht.
Doch mein Blick bleibt hängen.
Was machen die da?
Ich beobachte sie.
Während sie versuchen, irgendeine Reaktion aus ihr herauszupressen, reagiert sie nicht.
Die Gruppe wird lauter.
Kein Ausweichen. Kein Zucken.
Als einer ihr mit dem Fuß gegen das Schienbein tritt, merke ich, wie sich mein Körper automatisch anspannt.
Ein Schritt nach vorne.
Dann stoppe ich mich selbst.
Nicht weil ich nicht will — nur zu gerne würde ich mich zwischen die Fronten stellen.
Sondern weil irgendetwas an ihr meine Sinne irritiert.
Zu ruhig.
Zu kontrolliert.
Als würde sie warten.
Langsam schaut sie auf und schließt beinahe bedächtig ihr Buch.
Ein leises, gefährliches Innehalten legt sich über den Flur, als würde die Temperatur kippen, ohne dass jemand versteht warum.
Was auch immer sie in ihrem Blick sehen, lässt sie verstummen.
Einer wagt noch einen letzten Erniedrigungsversuch.
„Jetzt ist wohl das kleine Kätzchen sauer.“
Sein Lachen klingt unbeholfen.
Die anderen aus der Truppe sind bereits mehrere Schritte zurückgewichen.
„Sag das nochmal“, sagt sie und wendet sich dem Dicken zu.
Mit einem so rasiermesserscharfen Lächeln, dass mir selbst auf diese Distanz der Atem stockt.
Die Truppe wird kreidebleich.
Der Dicke will gerade wieder den Mund aufmachen, als plötzlich ein ekelhaftes Knacken durch den fast menschenleeren Flur hallt.
Sie hatte ihm mit dem Buch das Gesicht poliert.
In einer so tödlich eleganten Bewegung, dass selbst ich den Drang verspüre, einige Schritte zurückzutreten.
Ich.Der Halbblutprinz.
Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, hypnotisiert zu sein.
Mehrere endlose Sekunden lang herrscht Totenstille.
Der Mobber stöhnt vor Schmerz laut auf. Er hält sich die inzwischen schiefe Nase und sein Blick zuckt ein letztes Mal zu ihr, bevor er gemeinsam mit seinen Freunden verschwindet.
Ich will wegsehen.
Wirklich.
Aber ich kann den Blick nicht von ihr lösen.
Sie streicht sich ihr langes Haar hinters Ohr, wischt mit bemerkenswerter Beiläufigkeit etwas Blut von ihrem Buch und setzt sich wieder auf die Bank.
Der Frühling zeigt heute seine wärmsten Seiten und trotzdem hat sich auf meinem ganzen Körper Gänsehaut gebildet.
Schlägt mein Herz so laut wegen Angst?
Oder wegen etwas anderem?
Und ist dieses Gefühl auch der Grund, warum ich mich immer noch nicht rühre, während sie gelassen die Beine übereinanderschlägt?
„Es ist unhöflich, jemanden anzustarren.“
Ihre Stimme klingt gelangweilt, bevor sie sich langsam zu mir herumdreht.
Das belustigte, eiskalte Lächeln gleicht kaum mehr als einem leichten Mundwinkelzucken.
Und trotzdem setzt mein Herz für einen Moment aus.
Die Brutalität hatte ihr tatsächlich Spaß gemacht.
Doch im nächsten Sekundenbruchteil verschwindet alles wieder hinter einer gleichgültigen Maske.
Sie mustert mich.
Unsere Blicke verhaken sich ineinander.
Langsam blinzelt sie und sieht mich weiterhin fixierend an. Beinahe wartend.
Sie denkt, ich will sie verpetzen, schießt es mir durch den Kopf.
Gleichzeitig merke ich, wie es mir endlich gelingt, mein Innerstes wieder halbwegs zusammenzukratzen.
Ich unternehme ein Friedensangebot, zwinkere ihr frech zu und schlendere übertrieben langsam davon.
Die Hände lässig in den Taschen vergraben.
Nicht aus Stolz.
Sondern damit sie nicht sieht, wie leicht sie zittern.