Fließtext
Tod trat zu mir ans Grab und legte mir seine Hand auf die Schulter
"ICH WERDE DIR ALLES NEHMEN. ALLES, DAS DU LIEBST, DAS IST, DAS SEIN WIRD UND ALLES WAS HÄTTE SEIN KÖNNEN . WILLST DU DARÜBER NICHT WEINEN?"
Ich strich seine Hand nicht beiseite, denn dafür hatte ich keine Kraft. Ich konnte keine Antwort formulieren, denn meine Gedanken waren erstickt an seiner Frage.
Ich konnte nicht weinen, denn es erschien mir unsinnig und ich konnte all' jenen nicht helfen die trauerten, denn ich wusste nicht weshalb sie trauerten. Ich lächelte nur. Ein kurzes, wehmütiges Lächeln, welches gefangen und verloren schien. Gefangen in einem Streit zwischen Trauer und Rationalität. Verloren in einer Welt, in der ich nicht trauern darf, weil ich stark sein soll und das schon so lange, dass ich vergessen habe wie Trauern geht. Deshalb lächelte ich ein kurzes, wehmütiges Lächeln.
Ein Lächeln.
Ein einziges Lächeln drückt so viel mehr Trauer aus, als ich in meinem Leben habe verspüren können.
Da trat Tod vor mich, seine Augenhöhlen scheinbar konzentriert auf mich gerichtet, ein Loch in meine Seele brennend und sagte,
"ICH WERDE DICH HOLEN. ICH WERDE DICH ALLEN ENTZIEHEN, DIE DICH LIEBEN, DICH HASSEN ODER MIT SINN ERFÜLLT HABEN. WILLST DU DARÜBER NICHT VERZWEIFELN?"
Ich konnte mich seinem prüfenden Blick nicht entziehen, denn ich war gebrochen. Ich konnte seine Frage noch immer nicht beantworten, denn auf diese Frage gab es keine Antwort.
Ich war verzweifelt, ja. Der Tod allerdings war nicht der Grund dafür. Das Leben war der Grund.
Wäre ich gestorben, so hätte ich das Leid der anderen nie erlebt, hätte selbst nie Verlust gehabt, hätte selbst mir nie die Frage stellen können weshalb ich nicht trauern konnte.
Der Tod hielt mich gefangen mit seinem Blick und in den Tiefen seiner Höhlen erkannte ich folgendes: Wer darauf fokussiert ist den Tod zu vermeiden kann ebensowenig das Leben genießen, wie jener, der sich ganz darauf konzentriert jeden Moment seines Lebens auszunutzen, die Ankunft des Todes in Frieden nehmen kann.
Tod ist derjenige, der dem Leben Sinn verleiht, denn erst durch ihn erkennen wir den Wert im Leben. Andererseits erkennen wir erst durch richtiges Leben den Wert des Todes.
Und ich erkannte, dass ich mich fernab davon hielt. Der Tod war immer bei mir, war mir nicht fremd, doch auch das Leben stand mir zu nah als dass ich es hätte genießen können. Weder Tod noch Leben nannten mich ganz den ihren, da ich keinen von beiden ganz den meinen nennen wollte.
Da kam Tod einen Schritt auf mich zu, schnitt mit seiner Sense einen tiefen Schnitt in meinen linken Arm und sprach:
"ICH HABE DICH NUN MARKIERT. DU BIST MEIN UND DU WIRST IM LEBEN NICHT GLÜCKLICH, DOCH DU KANNST AUCH NICHT IN MEIN REICH. DU BIST MEIN KNECHT, EIN LEHRLING, DER ETWAS ZU LERNEN HAT UND BIS DAHIN DARFST DU NICHT IN MEINEN EWIGEN HALLEN WANDERN ALS WÄREST DU MEIN GAST. TRAUERE DARÜBER, VERZWEIFLE DARAN, WACHSE DARAN!"
Und mit diesen Worten ließ er mich allein am Grabe, ließ mich allein unter den Trauernden, die mich zu verachten schienen weil an mir das Ableben eines anderen Lebewesens ohne Rührsal vorüberging.
Er ließ mich allein, mit den Gedanken der Trauer, die doch keine echte Trauer waren und ließ mich allein mit einem Streit bei dem ich mich auf einer Seite niederlassen musste. Ließ mich allein mit meinen Gedanken über Leben und Tod. Ließ mich allein.
Mir wurde kalt.
Kalt wie der Leichnam meines Verwandten.
Kalt, wie die Gedanken die mich Lehrling unter Meistern nannten.
Bald wurde mir so kalt, dass ich mir wünschte in seinen Hallen zu wandeln.
Doch ich zog nur meine Jacke fester um und ging bald Heim.