Der Barde

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Summary

Sandro Meldros, Barde des Ranges S und professioneller Ärgerverwalter, bildet eine Truppe von Frauen aus, die sein Leben deutlich interessanter machen, als seiner inneren Ruhe guttut. Eine adlige Paladinin aus Stahl und Standesdünkel, die höfische Etikette verachtet. Eine stolze elbische Waldläuferin, die auf die Messlatte der Arroganz von oben herabsieht. Eine diebische Katastrophe auf zwei Beinen, die sich mit dem Unterschied zwischen Eigentum und Besitz noch immer schwertut. Eine frischgebackene Magierin, die ernsthaft glaubt, Gespräche seien eine brauchbare Strategie zur Konfliktlösung. Nach einem erfolgreichen Orkauftrag wartet in der Taverne bereits der nächste Ärger. Wölfe reißen wieder Vieh. Mitten am Tag. Nach Monaten der Ruhe. Ein Bauer ist überzeugt, dass daran etwas nicht stimmt, und Roswita Cent, stellvertretende Gildenmeisterin und wandelnde Verwaltungsdrohung, wählt Sandros Gruppe persönlich aus. Aus einer gewöhnlichen Wolfsquest wird ein Auftrag, der nach mehr stinkt als nach nassem Fell. Und Sandros Truppe stolpert tiefer in eine Welt aus schmutzigen Witzen, gefährlicher Kameradschaft, schrägen Regeln und sehr eigenwilligem Heldentum. Der Barde ist derbe Fantasy für Erwachsene: bissig, frivol, schwarzhumorig und garantiert nicht frisch geputzt.

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

Die Gilde

Der Lärm in der Taverne war gewohnt unerträglich, zumindest für Onael.

Was die Menschen in ihrer überschäumenden Lebensfreude allen Ernstes als “Musik” bezeichneten, hatte bei Onael anfangs heftige körperliche Reaktionen ausgelöst. Doch in den zwei Jahren, die sie nun schon unter ihnen lebte, hatte sich eine gewisse Abhärtung eingestellt. Die Kakophonie aus schneidenden Klängen, gellenden Dissonanzen und unerbittlicher Lautstärke vermochte sie nicht länger aus der Fassung zu bringen. Toleranz durch ständige Exposition war das einzige Rezept gewesen. In diesen Kreisen genügte es offenbar, irgendeinem Rhythmus zu folgen. Harmonie jedoch blieb ein ferner Mythos, ein exotisches Gerücht aus Ländern, mit denen jenseits von Äxten und Schwertern kein kultureller Austausch stattfand.

Hin und wieder regte sich bei einem dieser selbsternannten Klanghandwerker ein Anflug von Ehrgeiz, und er wagte sich in übermütiger Stimmung an etwas, das wie Harmonie wirken sollte. Doch jedes Mal, wenn es dazu kam, musste Onael innerlich standhalten. Was zunächst wie ein Schritt nach vorn klang, entpuppte sich regelmäßig als schmerzhafter Rückfall. Ihre elbischen Ohren, spitz und anmutig, ragten unter dem seidigen Schimmer ihres blonden Haars hervor und zeichneten die missglückten Klänge mit scharfkantigen Zacken nach. Für sie glichen diese Geräusche der Arbeit eines stümperhaften Zimmermanns, der ohne jedes Gespür für das Material einen frisch gefällten Stamm verunzierte, Astlöcher überging und die grobzahnige Bügelsäge raspelnd durch das schreiende Grünholz zwang.

Onael atmete langsam ein und schloss die Lider. Der infernalische Lärm wurde dadurch zwar nicht erträglicher, doch ihre körperlichen Reaktionen ließen sich so besser kontrollieren.

Onael. Elbische Waldläuferin.

Siebenundachtzig Jahre jung. Für ihre Art kaum mehr als ein Teenager mit Pfeil und Bogen.

Ein Meter siebenundachtzig. Schlank wie ein Schwert. Und genauso scharf.

Spitzfindig wie ihre Ohren.

Stolz? Herablassend? Arrogant? Das menschliche Vokabular gab an dieser Stelle auf.

Pflichtbewusst bis zur Selbstkasteiung. Zynisch wie ein Priester nach der Beichte.

So kalt in der Ausstrahlung, dass selbst Eisbären Holz nachlegten.

In ihrer Nähe, am Tresen, sprach ein alter Bauer in sandfarbener Weste mit einer der Empfangsdamen. Seine Stimme blieb höflich, doch seine Unruhe war unverkennbar.

“War doch ruhig seit dem letzten Höhleneinsatz. Drei Monate ohne Sichtung. Und jetzt heulen sie wieder, nicht bloß nachts. Mitten am Tag haben sie ein Kalb gerissen.”

Die Angesprochene versuchte, beruhigend auf ihn einzuwirken.

“Die Questanfrage liegt vor, die Dringlichkeit ebenso, die Belohnung ist hinterlegt. Frau Cent prüft den Auftrag gerade. Ob es nur ein paar versprengte Resttiere sind oder ein neues Rudel, wird sich bald zeigen. Der Auftrag wurde nicht am schwarzen Brett aufgehängt, weil sie die passende Gruppe gerade persönlich auswählt. Wir nehmen diese Quest sehr ernst.”

Der Mann schüttelte den Kopf. “So einfach ist das nicht. Ich sag Ihnen: Da stimmt was nicht.”

Onael runzelte die Stirn. Wo kamen diese Wölfe schon wieder her?

Ein dumpfer Aufprall riss sie aus der Konzentration: Schwere Steinkrüge krachten direkt vor ihr auf die hölzerne Theke. Der Schaum, hell und üppig wie aufgeschlagene Wolken, quoll über die Ränder und tropfte auf das klebrige Holz. Onael hatte das Bier inzwischen schätzen gelernt, weniger aus Genuss als aus nüchterner Einsicht. Anfangs hatte sie das bittere Getränk nur unter sozialem Druck akzeptiert. Sie wollte nicht provozieren, kein zusätzliches Ressentiment schüren. Den Elben war klar: Für Menschen war Bier weit mehr als ein Durstlöscher. Es war ein rituelles Bindeglied, flüssiger Kitt, der Gemeinschaft stiftete. Und was für Menschen und Zwerge im Allgemeinen galt, hatte in einer Abenteurergilde doppeltes Gewicht. Hier war Bier nicht nur Brauch, sondern Prüfstein. Trinkfestigkeit stand für Standhaftigkeit, und wer nicht mithalten konnte, galt als unzuverlässig, feige oder verweichlicht. In dieser Welt waren Charakterstärke und Alkoholresistenz synonym.

Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte Onael den heimischen Elbenwald verlassen und sich einer Gruppe von Menschen angeschlossen, ein Schritt, den sie weder aus Neigung noch aus Leichtsinn unternommen hatte. Ihr Vater, ein hochrangiger Offizier mit dem Wesen eines Granitblocks, hatte ihr den Beschluss in jener lakonischen Strenge eröffnet, die für sein Amt wie für seine Person typisch war: Für die nächsten fünfzig Jahre solle sie das Reich der Elben meiden. Kein Kompromiss, kein Widerspruch, nur eine kühle Notwendigkeit. Obwohl es ihm sichtbar schwerfiel, sie fortzuschicken, blieb der Entschluss unwiderruflich. Denn im Denken ihres Volkes genügte es nicht, Gedichte in sieben Strophen zu rezitieren oder Ahnensagen auswendig zu kennen. Auch das feinste Lautenspiel oder der disziplinierteste Tanz galten nicht. Entscheidend war gelebte Erkenntnis, schwer errungene, widerspenstige, unverstellte Erfahrung. Doch in einem Reich, in dem ein Jahrzehnt kaum mehr war als ein Atemzug, ließ sich solches Wissen nur mit quälender Langsamkeit erwerben.

Die Menschen dagegen lebten hastig, unbedacht und atemlos. Ihre Lebensläufe glichen einem Frühlingssturm: kurz, chaotisch, manchmal zerstörerisch, doch voller unvorhersehbarer Wendungen. Ihr Tun war selten elegant, aber niemals bedeutungslos. In ihrem ständigen Scheitern und dennoch unermüdlichen Weitergehen lag eine Form von Erkenntnis, die den Elben fremd blieb und gerade deshalb ihre Aufmerksamkeit verdiente.

Darum war sie hier.

Mit fünf prall gefüllten Krügen in den Händen bahnte sich Onael ihren Weg durch das lärmende Gewimmel. Nicht über den kürzesten, sondern über den aussichtsreichsten Pfad. In einer Umgebung, in der Ellbogen als Kommunikationsmittel galten und das Gleichgewicht flüchtiger war als der Verstand der alkoholisierten Gäste, hatte das Überleben der Getränke oberste Priorität.

Der erste Durchgang war von zwei schwer gepanzerten Streithähnen versperrt, die gerade damit beschäftigt waren, die mütterliche Ahnenreihe des jeweils anderen einer eingehenden Analyse zu unterziehen. Ihren Stimmen nach zu urteilen, würde diese Debatte vermutlich noch einige Zähne dauern.

Der alternative Weg, beinahe die direkte Route zum Tisch, war inzwischen von einer säuerlichen Flüssigkeit überzogen, die ihrem einstigen Besitzer offenbar eine Herzensangelegenheit von tiefster innerer Dringlichkeit gewesen war. Die Laute, die er dabei ausstieß, ein Gemisch aus röchelndem Bedauern und triumphierender Erleichterung, fügten sich grotesk stimmig in das musikalische Gesamtbild ein, das der Lautenspieler auf der Empore fabrizierte. Dessen Fingerfertigkeit hatte seit dem Zwischenfall mit den Trollen noch nicht zu alter Form zurückgefunden, was seinem Spiel eine schwer kalkulierbare Eigenwilligkeit verlieh.

Onael stockte. Wieder einmal hieß es warten. Zwischen zwei zu eng gestellten Langtischen hatte sich der unvermeidliche Stau gebildet. Ein massiger Glatzkopf, irgendwo zwischen Barbar, Berserker und, wie Miriam ihn wohl ohne Zögern nennen würde, Blödmann, hatte seine Pranken auf die Schultern eines sitzenden Bekannten gelegt und sich zu ihm hinuntergebeugt. Das Gespräch wirkte dringend. Zumindest nach seiner Einschätzung. Dass er dabei den gesamten Durchgang versperrte, störte ihn nicht im Geringsten. Rücksicht war, wie so vieles in dieser Welt, eine reine Theorie.

Doch selbst das brachte Onael nicht aus ihrer elbischen Ruhe.

Auch nicht die Männerhände, die sich, selbstverständlich nur aus Versehen, mit offener Handfläche langsam und genüsslich über ihren festen Hintern legten. Immerhin zeigten die meisten noch so viel Stil, ihr ein freches “Verzeihung” vorzulügen, eine Mischung aus Ausrede und Angebot.

Als jedoch eines dieser Schweine seinen Finger gefährlich nah an ihren Strafraum brachte, war die Grenze überschritten. Die Gilde war ohnehin kein Ort der Zurückhaltung. Hier lag die Messlatte für Zudringlichkeiten deutlich tiefer als anderswo. Genauer gesagt: auf Schritthöhe. Genau dort, wo sich bei diesen Typen die beiden hängenden Gehirne regelmäßig über die weitere Vorgehensweise austauschten.

Onaels Augen verengten sich. Zornig wandte sie sich um und sah dem Frechdachs direkt ins Gesicht. Die fünf schweren Steinkrüge sahen ihr Ende bereits auf dem Schädel des Langfingers. Doch noch bevor sie ausholte, mischte sich neben den Zorn ein zweiter Ausdruck in ihren Blick. Immer noch wütend, aber zugleich seltsam versöhnlich.

Er war gut gebaut. Irgendwie niedlich. Und er sah schuldbewusst zu ihr auf, mit großen Augen, als fragte er seine Mutter, ob er spielen dürfe. Ein hübscher Bengel. Aber auch solche Exemplare durften sich nicht alles erlauben.

Onael entschied sich, die Krug-Variante zu verwerfen. Stattdessen wählte sie eine elbisch subtilere Strafe: kalte Nichtachtung. Sie wandte sich demonstrativ ab, hob das Kinn, verlagerte ihr Gewicht und stand plötzlich ein wenig breiter da. Rein pragmatisch, denn die Krüge waren zu schwer, um ein Stolpern zu riskieren. Bierverlust bedeutete Ärger. Und Ärger wollte sie heute nur austeilen, nicht empfangen.

Sie hob den Blick und ließ ihn über die umlaufenden Galerien der Halle schweifen. An einer großformatigen Leinwand, unverkennbar von Hatori Busch, blieb er hängen. Überladen von liebevollen Details zog das Gemälde sie sofort in seinen Bann. Ein Bauer hielt ein zutrauliches Vögelchen in der Hand und strich es sanft mit dem Mittelfinger über das Köpfchen. Ein anderer öffnete vorsichtig eine Schote, in der kleine, lebendig zuckende Erbsen lagen.

Hingerissen neigte Onael den Kopf leicht zur Seite, ein entrücktes Lächeln auf den Lippen. Die Farben wirkten erstaunlich lebensecht.

Besonders die Szene, in der ein grobschlächtiger Landmann mit zwei Fingern ein Loch für das Saatgut in die feuchte, frisch gezogene Furche drückte, hatte es ihr angetan. Wie war es dem Künstler gelungen, Erdbeben, Stürme und brünstiges Feuer in einen einzigen Handgriff zu bannen?

Onael rang nach Atem. Dann schüttelte sie die Empfindungen ab, die das Bild in ihr geweckt hatte, und setzte ihren Weg fort. Ihre Kameraden warteten längst auf das Bier.

Hinter ihr blieb ein hübscher, übergriffiger Bursche zurück, der nun genießerisch an seinem Finger roch. Dieses Ferkel würde ihren Duft so schnell nicht vergessen. Und vielleicht, nur vielleicht, würde sie bei Gelegenheit selbst einmal an seinem Finger riechen.