Kapitel 1 Asche und Schweigen
Es gab eine Zeit, in der Myra glaubte, ihr Vater sei unsterblich.
Nicht weil er ein Dämonenkönig war. Nicht wegen seiner Macht oder dem Respekt den ihm selbst seine Feinde entgegenbrachten. Sondern weil er einfach immer da gewesen war. So lange sie denken konnte. Ein Fels in einer Welt aus Chaos. Eine Stimme die ruhig blieb wenn alles andere brannte.
Diese Zeit endete heute Nacht.
Die Dämonendomäne war in dieser Stunde still.
Nicht die angenehme Stille eines ruhigen Abends sondern die schwere, drückende Stille die entsteht wenn etwas Unwiederrufliches passiert ist. Als hätte die Welt selbst den Atem angehalten. Die schwarze Erde unter Myras Knien war kalt. Der Himmel über ihr war dunkel wie immer die Domäne kannte keine Sonne, keine Sterne, nur diese endlose samtige Schwärze die sich wie eine Decke über alles legte.
Myra kniete.
Sie wusste nicht seit wann. Die Zeit hatte aufgehört zu existieren in dem Moment als Stebona zu Boden gegangen war.
Steh auf, sagte eine Stimme in ihr.Du musst aufstehen.
Sie rührte sich nicht.
Das Blut hatte eine seltsame Farbe in der Dunkelheit. Fast schwarz. Fast wie die Erde der Domäne selbst als würde Stebona langsam mit ihr verschmelzen, Stück für Stück, Atemzug für Atemzug. Seine weißen Haare lagen ausgebreitet um seinen Kopf wie ein stiller Heiligenschein. Weiß inmitten von Schwarz. Hell inmitten von Dunkel.
Sie kannte dieses Gesicht so gut. Jede Linie, jede Narbe. Und trotzdem in diesem Moment wirkte es fremd. Als hätte der Tod etwas mitgenommen das kein Auge sehen konnte.
Das, dachte Myra,ist das Seltsamste an diesem Moment. Nicht der Tod. Nicht das Blut. Sondern dass er einfach still ist. Er war nie still.
Die Männer mit den goldenen Augen waren noch nah.
Sie konnte sie hören irgendwo hinter den Bäumen der Domäne, in den Schatten die selbst hier noch Schatten hatten. Dieses leise, fast heilige Rauschen von Schwingen aus reiner Lichtmagie. Ein Geräusch das sie ihr ganzes Leben mit Gefahr verbunden hatte.
Goldene Augen. Weißes Haar. Klingen aus Licht.
Sie waren es. Sie hatten es getan.
Warum?
Die Frage kam automatisch. Ohne Wut, noch. Nur Verwirrung. Stebona hatte den Frieden gebracht hatte den Krieg beendet der Jahrhunderte gewütet hatte. Er hatte mehr für alle getan als irgendjemand der je gelebt hatte. Und sie hatten ihn getötet.
Warum tötet man jemanden der Frieden gebracht hat?
Weil er etwas wusste.
Das hatte er ihr noch gesagt. In den letzten Minuten. Mit einer Stimme die langsamer wurde mit jedem Atemzug.
„Myra.”
Sie hatte seine Hand genommen bevor er sie ganz heben konnte.
Kalt. Seine Finger waren kalt gewesen. Das hatte sie am meisten erschreckt Stebona war immer warm gewesen. Eine konstante Wärme die von ihm ausging wie von einem Feuer das nie erlosch. Und jetzt—
„Du musst gehen”, hatte er gesagt.
„Nein.”
„Myra”
„Nein.” Ihre Stimme hatte nicht gezittert. Innen war alles Scherben, aber ihre Stimme blieb ganz. Als hätte ihr Körper entschieden dass er ihr zumindest das lassen würde.
Ein leises Geräusch hatte seinen Lippen entflohen. Kein Lachen dafür fehlte ihm die Kraft. Aber es kam nah dran.
„Du warst immer stur. Seit dem ersten Tag.”
Sie hatte nichts gesagt.
„Der Song of Shadow.” Sein Ton hatte sich verändert. Die Schwäche wich kurz zurück ersetzt durch etwas Dringlicheres. Etwas das wichtiger war als Schmerz. „Sie haben mich getötet weil ich ihn gefunden habe. Weil ich verstanden habe was er wirklich ist.”
„Was ist er?”
Seine roten Augen gleich wie ihre, das einzige was sie je wirklich geteilt hatten hatten ihr Gesicht gesucht. Als würde er sie einprägen wollen. Als würde er wissen dass dies das letzte Mal war.
„Eine Lüge”, hatte er gesagt. Leise. Fast nur für sie. „Alles was sie dir über Natheria erzählt haben. Alles was die Männer mit den goldenen Augen predigen. Es sitzt auf etwas Altem. Etwas das niemand verstehen will.”
„Das sagst du mir jetzt?” Zum ersten Mal hatte etwas in ihrer Stimme gebrochen. Nur kurz. Nur einen Moment. „Jetzt wenn du”
„Weil ich es vorher nicht durfte.” Er hatte kurz die Augen geschlossen. Ein langer, müder Atemzug. „Ich wollte dich schützen. Ich dachte ich hätte mehr Zeit.”
Mehr Zeit.
Als wäre Zeit etwas das man haben konnte. Als wäre Zeit fair.
„Geh nach Natheria”, hatte er gesagt. Fast ein Flüstern. „Nicht für mich. Nicht für Rache. Geh weil du die Wahrheit verdienst. Weil du” Er brach ab. Holte Atem mit einer Mühe die ihr das Herz zusammenpresste. „Weil du meine Tochter bist und weil ich dich nie genug gefragt habe was du selbst willst.”
Das waren die Worte die sie gebrochen hatten.
Nicht der Tod. Nicht das Blut. Nicht die goldenen Augen die immer näherkamen.
Diese Worte.
Ich wollte nur wissen ob du glücklich bist, hatte sie denken wollen.Ich wollte nur wissen ob du stolz auf mich bist. Ich wollte dir so viele Dinge sagen und jetzt
Sie hatte nichts gesagt.
Sie hatte seine Hand fester gehalten.
Als Stebona, König der Dämonen, Friedensstifter, ihr Vater, aufhörte zu atmen war es still. Keine dramatischen letzten Worte mehr. Kein großes Ende. Kein Licht das aufflammte, kein Donner der grollte.
Nur Stille.
Und Myra, allein, mit seiner Hand in ihrer.
Sie wusste nicht wie lange sie so kniete.
Irgendwann eine Minute später, eine Stunde, sie konnte es nicht sagen begannen die Geräusche der Seraphanen lauter zu werden. Näher. Sie würden kommen. Das war keine Frage. Sie hatten Stebona getötet und sie würden nicht riskieren dass seine Tochter entkam.
Steh auf, sagte die Stimme in ihr wieder.
Ich will nicht.
Das ist mir egal. Steh auf.
Myra stand auf.
Ihre Beine gehorchten mechanisch. Als hätte ihr Körper die Kontrolle übernommen während ihr Verstand noch irgendwo anders war noch an seiner Seite, noch in diesem Moment der Stille.
Neben ihm lag es.
Red Abezeth.
Stebonas Schwert. Die Klinge leuchtete schwach in der Dunkelheit — ein tiefes, pulsierendes Rot wie glühende Kohlen kurz vor dem Erlöschen. Sie hatte es hundertmal gesehen. An seiner Seite, in seiner Hand, in Momenten wo die Domäne bebte und alle anderen zurückwichen.
Sie hatte es nie berührt.
Es gehört dir nicht, hätte sie noch vor einer Stunde gedacht.
Jetzt kniete sie nieder und schloss die Finger um den Griff.
Das Rot flammte kurz auf warm, fast lebendig als würde die Waffe sie erkennen. Als würde etwas in ihr, etwas Uraltes das nach dem Gott des Chaos selbst schmeckte, auf ihr Blut antworten. Eine Sekunde lang war es überwältigend. Als würden tausend Stimmen gleichzeitig sprechen zu leise um sie zu verstehen, zu viele um sie zu zählen.
Dann wurde es wieder still.
Seltsam, dachte Myra.Es fühlt sich an als hätte ich es schon mal gehalten.
Sie schüttelte den Gedanken ab. Kein Raum dafür. Nicht jetzt.
Sie richtete sich auf.
Das Schwert fühlte sich richtig an in ihrer Hand. Das machte es schlimmer, irgendwie. Als hätte das Universum entschieden dass dieser Moment kommen musste als wäre alles immer auf diesen einen Punkt zugelaufen. Stebona tot. Sie allein. Red Abezeth in der Hand.
Was jetzt?
Die Männer mit den goldenen Augen kamen näher. Sie konnte ihre Energie spüren diese scharfe, saubere Lichtmagie die sich so anders anfühlte als ihre eigene dunkle Kraft. Rein. Kalt. Unerbittlich.
Natheria, hatte er gesagt.
Sie blickte in die Richtung wo irgendwo hinter dem Horizont, hinter den Grenzen der Domäne, eine Welt lag die seinen Tod befohlen hatte. Eine Welt voller goldener Augen und weißer Schwingen. Eine Welt voller Lügen die auf etwas Altem saßen.
Rache, dachte sie.
Es war ein sauberes Wort. Ein einfaches Wort. Es ließ keinen Raum für den Schmerz der darunter lag für die Fragen ohne Antworten, für die Worte die sie nie gesagt hatte, für seine Hand die kalt geworden war.
Rache war einfacher als Trauer.
Und dann, leiser, fast gegen ihren Willen fast wie eine Stimme die nicht ihre eigene war:
Wahrheit.
Myra zog den roten Kapuzenpullover fester um sich. Die Kälte der Nacht biss in ihre Haut aber sie ließ es zu. Die Kälte bedeutete dass sie noch spürte. Dass sie noch hier war.
Sie warf einen letzten Blick auf Stebona.
Auf seine weißen Haare die langsam im Wind der Domäne verwehten. Auf sein Gesicht das ruhig war ruhiger als sie ihn je gesehen hatte. Als wäre der Tod das erste Mal gewesen dass er wirklich ausgeruht hatte.
Ich werde die Wahrheit finden, dachte sie.Das verspreche ich dir. Nicht für Rache. Für dich. Weil du mir gesagt hast dass ich sie verdiene.
Und dann werde ich entscheiden was ich damit mache.
Sie drehte sich um.
Und ging.
Red Abezeth an ihrer Seite, ruhig pulsierend wie ein zweites Herz. Die goldenen Augen hinter ihr, näher werdend. Die Dämonendomäne um sie herum still, dunkel, vertraut.
Zum letzten Mal.