Ritus der Hingabe
„Das kann nicht sein.”
Kean starrte zum Thron hinauf.
Sharaina musste nur den Blick senken. Nur einmal. Ein einziges Zeichen und dieser ganze Scheiß wäre ein Irrtum. Eine Prüfung. Ein grausames Spiel von ihr aus irgendeinem Grund, den nur sie verstand.
Aber sie sagte nichts.
Die kalte Luft der Kathedrale strich über den Steinboden und ließ die Ritualkerzen flackern. Goldenes Licht zuckte über Säulen, Roben und gesenkte Gesichter. Kean kannte fast jeden von ihnen. Menschen, mit denen er gehungert hatte. Gekämpft. Geblutet. Menschen, die ohne ihn vielleicht nie den Mut gehabt hätten, Sharainas Namen überhaupt auszusprechen.
Jetzt sah keiner von ihnen ihn an.
Nur sie.
Sharaina saß auf ihrem imposanten Thron, schön, kalt und so weit entfernt, als hätte es ihn nie an ihrer Seite gegeben. Ihre Augen glühten in diesem fremden, eisigen Licht und Kean suchte darin nach irgendetwas. Nach Zweifel. Nach Schmerz. Nach dem kleinsten verdammten Rest von ihr.
Nichts.
Sag etwas.
Bitte. Sag, dass ich das falsch verstanden habe.
Der Gedanke schnürte ihm die Kehle zu.
Ein Mann in dunkler Kutte trat aus der Menge. Kean hörte das Rauschen des Stoffes und wusste sofort, wer es war.
Vael.
Natürlich.
„Du hast die Entscheidung unserer heiligen Göttin verstanden”, sagte er. Seine Stimme war ruhig, feierlich, widerlich sicher. „Kean, du wirst heute in ihrem Namen geopfert. Dein Leben wird zum Nährboden ihrer göttlichen Macht.”
Geopfert.
Das Wort kam bei ihm an wie ein Schlag in die Magengrube.
Nicht verbannt. Nicht bestraft. Nicht geprüft.
Geopfert.
Kean senkte den Blick. Seine Hände zitterten und als er sie zu Fäusten ballte, gruben sich seine Nägel in die Haut.
Nach allem?
Nach allem, was wir aufgebaut haben?
Nach allem, was ich für dich getan habe?
Der Schmerz setzte sich in seine Brust, schwer und langsam, als hätte Sharaina den Fuß auf sein Herz gestellt und würde einfach zusehen, wie lange es noch schlug.
Er hob den Kopf.
„Sharaina.”
Ihr Name kam rau heraus und zu leise. Fast peinlich.
Sie antwortete nicht.
Da riss etwas in ihm.
„Nein!”
Kean machte einen Schritt nach vorn. Mehrere Anhänger spannten sich an, aber er sah keinen von ihnen.
„Nein, du siehst mich jetzt richtig an!”
Vaels Kopf fuhr herum. „Mäßige deinen Ton!”
Kean lachte kurz. Aber nicht weil irgendetwas daran lustig war.
„Meinen Ton?”
Er deutete auf Sharaina, ohne den Blick von ihr zu lösen.
„Sie stellt mich hier hin wie ein Opferlamm... nein, schlimmer. Wie etwas, das man benutzt hat und danach in Dreck wirft. Und ich soll auf meinen Ton achten?”
Ein Raunen ging durch die Reihen.
Keans Stimme wurde lauter. Sie war nicht sauber, nicht würdevoll, nicht irgendeine letzte Heldenrede. Sie war kaputt, wütend und zu ehrlich, um noch schön zu klingen.
„Ich war bei dir, bevor irgendjemand deinen Namen kannte. Bevor sie diese Halle für dich gebaut haben. Bevor diese Leute hier angefangen haben, vor dir zu kriechen, als wärst du schon immer da oben gewesen.”
Sein Blick brannte sich in ihren.
„Du warst nicht immer da oben.”
Vael trat vor. „Kean!”
„Nein.” Kean riss den Arm zur Seite. „Ich bin noch nicht fertig.”
Er atmete schwerer. In seiner Brust brannte dieser lächerliche Rest Hoffnung, der einfach nicht krepieren wollte.
Vielleicht reagierte sie, wenn er nur die richtigen Worte fand.
Vielleicht musste er sie nur daran erinnern.
„Ich habe deinen verdammten Namen getragen, als andere darüber gelacht haben. Ich habe für dich gelogen, gekämpft, geblutet. Ich habe Menschen zu dir geführt ...”
Dann schrie er auf. Laut. Roh.
„Menschen, die heute nicht einmal den Mut haben, mir ins Gesicht zu sehen.”
Seine Stimme sank.
„Und jetzt das?”
Er schluckte.
„Du sitzt da, sagst kein Wort und ich soll mich geehrt fühlen, weil du mich wegwirfst?”
Das ist doch ein schlechter Witz.
Kean spürte, wie etwas in seinem Gesicht verrutschte. Wut, Stolz, Fassung. Alles, was ihn noch halbwegs zusammenhielt.
„Ich habe dich geliebt.”
Die Worte waren draußen, bevor er sie stoppen konnte.
Für einen Moment wurde die Kathedrale still.
Kean selbst wirkte, als hätte ihn der Satz getroffen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Nicht vor Vael. Nicht vor diesen stummen Feiglingen und auch nicht vor ihr.
„Nicht als Göttin”, sagte er leise. „Nicht als diese Statue auf einem Thron... Dich. Als du noch niemand warst. Als wir beide noch niemand waren.”
Vael bewegte sich.
Kean sah es zu spät.
Ein schwarzer Schatten schoss aus dem Rand seines Blickfelds, und im nächsten Moment stand Vael direkt vor ihm.
„Genug.”
Dann kam der Stoß.
Kean spürte zuerst Druck, dann Kälte. Etwas Hartes bohrte sich unterhalb seiner Rippen in seine Seite, brutal und präzise. Ein dunkler Metallbolzen, kaum breiter als zwei Finger, aber lang genug, um ihm die Luft aus der Brust zu reißen.
Kean wollte schreien.
Es kam nichts.
Nur ein ersticktes Geräusch.
Vael war so nah, dass Kean seinen Atem an der Wange spürte.
„Du beschmutzt ihren Namen”, flüsterte er. Die feierliche Ruhe war weg. Jetzt klang er nur noch wütend. „Mach es nicht noch hässlicher.”
Kean versuchte zu atmen.
Scheiße.
Es ging nicht.
In seiner Brust zog sich alles zusammen. Der Bolzen steckte in ihm wie ein Befehl: Schweig.
Vael hielt ihn aufrecht, fast wie in einer Umarmung.
„Wir gehören ihr”, sagte er leise. „Alle. Wenn sie ein Opfer verlangt, geben wir es... Auch du.”
Vael zog den Bolzen nicht heraus. Er ließ ihn stecken, ordnete Keans Robe über der Wunde und drückte ihn mit einer Hand gegen die Brust gerade genug aufrecht, dass es nicht wie ein Zusammenbruch aussah.
Nicht wie Mord.
Wie Hingabe.
„Du hast wirklich geglaubt, du wärst etwas Besonderes für sie.” Vaels Stimme sank zu einem Flüstern. „Das war dein Fehler.”
Er drückte Kean fester an sich.
„Also sei still. Und stirb mit Würde.”
Dann ließ er von ihm ab.
Kean starrte Vael an, doch dessen Gesicht verschwamm bereits an den Rändern. Er wollte etwas sagen, irgendeinen Fluch, irgendeine Antwort, doch aus seinem Mund kam nur ein rauer, abgerissener Atemzug.
Vael hatte bekommen, was er wollte.
Kean schwankte. Seine Hand glitt zur Wunde, aber er begriff nur am Rand, wie warm es unter seinen Fingern wurde. Der Schmerz war da, scharf und brennend. Doch schlimmer war, dass seine Stimme ihn verlassen hatte.
Gerade jetzt.
Und während Kean langsam auf die Knie sank, begriff er endlich, dass ihr Schweigen keine Prüfung gewesen war.
Es war ihre Antwort.
Sharaina hob die Hand.
„Ritus der Hingabe.”
Kean hörte seinen Namen nicht darin. Nur das Ende.
Das Licht der Kathedrale wurde rot. Tief und schmutzig, als hätte jemand Blut in die Flammen gegossen. Die Schatten lösten sich aus den Säulen, aus den Falten der Roben, aus dem Raum unter ihrem Thron und krochen über den Boden auf ihn zu.
Dann erhoben sich die Ketten.
Dünn. Schwarz. Jedes Glied scharf wie eine Rasierklinge.
Sie schlugen in ihn hinein.
Kean schrie, als sie sich um Arme, Brust und Beine schlossen. Stoff riss. Haut öffnete sich. Die Ketten liefen über ihn, zogen sich fest und schnitten bei jeder Bewegung tiefer, bis sein Schrei mit ihrem Kreischen über den Stein verschmolz.
Ein grausamer Chor aus Metall, Schmerz und Blut.
Die Anhänger wichen einen Schritt zurück.
Sharaina blieb regungslos sitzen.
Kean sah zu ihr hinauf, während die Ketten ihn nach unten zwangen. Der Boden unter seinen Knien wurde weich. Schatten quollen aus dem Stein und griffen nach ihm, zogen an den Ketten, an seiner Haut, an allem, was noch von ihm übrig war.
Sie sieht zu.
Der Gedanke traf klarer als der Schmerz.
Sie sieht zu und fühlt nichts.
Kean wollte sie hassen. In diesem einen Moment wollte er es wirklich.
Aber da war noch immer ihr Lachen in ihm.
Herbstlicht. Staub an ihren Händen. Ihr Lachen, damals, als ihr Name noch kein Gebet gewesen war.
Die Erinnerung brannte heißer als die Ketten.
Vielleicht war ich nie der Mensch, den sie geliebt hat.
Vielleicht war ich nur der Narr, der sein Herz in jedes Lächeln gelegt hat, bis sie stark genug war, mich wie alles andere zu opfern.
Oder war ihre Liebe echt?
Und das hier ist, was davon übrig ist.
Kean hob die Hand nach ihr. Ein letzter, sinnloser Versuch, etwas zu berühren, das längst nicht mehr da war.
„Shara...”
Ihr Blick blieb leer.
Die Schatten rissen ihn hinab.
Seine Finger verschwanden zuletzt.
Dann schloss sich der Stein und ruhe kehrte ein.
Zurück blieb nur Blut.
Und ein Name, der nicht mehr ausgesprochen wurde.