Prolog
1. Aaron
„Sicher, dass wir hier richtig sind?"
„Ja", antwortete ich und versuchte, so überzeugend wie möglich zu klingen, während meine Brust sich qualvoll zusammenzog.
Mein Kopf, mein tiefer, animalischer Urinstinkt verriet mir, dass hier etwas ganz gewaltig am Dampfen war. Alles in mir sträubte und zog sich zusammen, eine unsichtbare Hand schien mir die Kehle zuzuschnüren. Aber mein Herz schlug lauter als die Vernunft und sagte mir, dass ich bleiben musste. Ich durfte jetzt nicht umkehren. Ich musste nur tiefer rein. Wie in meinen Träumen. Immer und immer tiefer in die Dunkelheit. Dann würde ich ihn endlich finden und wir wären vereint, für immer.
„Kommst du?", unterbrach Milan mich plötzlich aus meinem rasenden Gedankenkarussell.
„Ich mach ja schon!", antwortete ich hektisch, ehe ich mich hastig an der Tür zu schaffen machte.
„Die Tür wirkt sehr verrostet, als wäre das Haus seit Jahrzehnten von niemandem betreten worden. Bist du dir wirklich sicher, dass er hier ist?"
Ich nickte nur stumm, während ich Schwung nahm und mich mit aller Wucht gegen die verwitterte Tür der alten Holzhütte warf.
Noch einmal. So fest ich konnte.
Ein stechender Schmerz durchzog meine Schulter und strahlte in den Rücken aus. Ich spürte, wie das morsche Holz leichte, scharfe Späne von sich warf, und trotzdem machte ich verbissen weiter. Auch wenn sich die Splitter bei jedem Aufprall tiefer und tiefer durch den Stoff in meine nackte Haut bohrten.
Noch ein letztes Mal, so fest ich konnte.
Dann sprang die Tür mit einem krachenden Geräusch auf und ein stechender, schwerer Geruch strömte aus der Hütte. Ich wollte nicht in Worte fassen, nach was es roch, auch wenn ich es insgeheim natürlich wusste. Blut. Tod. Verfäulnis.
„Kommst du?", flüsterte ich Milan mit zitternder, kaum hörbarer Stimme zu.
„Beeil dich, ich warte hier draußen. Ich fühle mich absolut nicht wohl mit der ganzen Sache."
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich eine Heidenangst. Eine lähmende Angst, die ich mir dennoch um keinen Preis anmerken lassen wollte. Schnell ging ich ins Haus hinein, die Dunkelheit verschluckte mich sofort. Ich wollte so schnell wie möglich wieder raus aus diesem Albtraum. Aber erst, wenn ich ihn habe.
Es war doch nur ein Unfall, ein einfaches Versehen, wispere ich mir selbst wie ein Mantra zu, um nicht wahnsinnig zu werden.
Aber im Grunde meines Herzens weiß ich, dass das keine Entschuldigung ist. Dass ich alleine die Schuld trage. Niemand sonst. Also muss ich alles wieder in Ordnung bringen. Denn eine andere Entschuldigung, eine andere Chance auf Vergebung, wird es für mich nie geben.
Ich hinterfragte in diesem Moment nicht, warum ich ausgerechnet in die Hütte gehe, die ich eigentlich mein ganzes Leben lang eisern gemieden habe. Mir wurde von klein auf von allen Seiten gesagt, ich solle sie unter keinen Umständen jemals betreten. Aber ich habe nun mal geträumt, dass Mickael hier ist. Und ich werde alles tun, was nötig ist, um ihn zu finden. Vielleicht ist er ja wirklich hier und wartet auf mich.
„Beeil dich!", ertönte es wieder nervös von draußen.
„Ich mach ja schon."
Als ich die ersten Schritte in das morsche Gebäude setze, fällt die schwere Tür hinter mir mit einem dumpfen, endgültigen Knall ins Schloss. Das Licht bricht weg. Ich versuche verzweifelt, nicht über all die möglichen Gefahren nachzudenken - über die Monster, die hinter jeder staubigen Ecke im Schatten lauern könnten.
Immer und immer weiter gehe ich.
Am Ende des düsteren Flurs befindet sich ein großes, verlassenes Wohnzimmer. Genau wie in meinem Traum. Eine eiskalte Welle der Erkenntnis überrollt mich, woraus ich die Schlussfolgerung ziehe, dass ich hier absolut richtig bin.
„Mickael!", schreie ich lauthals in die staubige Stille. „Es tut mir leid! Ich bin zurück! Ich helfe dir! Alles wird gut. Bitte meld dich. Gib mir ein Zeichen. Nur ein einziges und zeig mir, dass du noch lebst. Bitte, nur ein einziges! Ich liebe dich. Es tut mir schrecklich leid."
Ich zucke heftig zusammen, als ich plötzlich eine eiskalte Hand an meinem Oberschenkel fühle.
Hastig drehe ich mich um und sehe, wie er am Boden sitzt und sich fest um mein Bein schlingt.
„Ich hab dich vermisst", flüstert er.
„Wie bist du hierhergekommen?", frage ich mit stockendem Atem.
Er antwortete nicht.
Ich sinke auf die Knie und lege meine Arme fest um ihn, so wie er sich um mich klammert. Eine Welle der puren Freude überströmt mich und die lähmende Angst verschwindet vollständig aus meinem Körper.
Zumindest für einen kurzen, trügerischen Moment.
Im nächsten Augenblick nehme ich etwas wahr, das mir augenblicklich große Sorgen bereitet. Seine Augen. Sie verändern sich. Erstmals waren sie nur mit einem leichten, kaum merklichen Rotstich gekennzeichnet, aber dann...
Dann wurden sie feuerrot. Ein hasserfülltes, glühendes Leuchten.
Und sein Körper begann sich zu verändern. Seine Arme, seine Beine wuchsen unentgeltlich und unaufhaltsam in die Länge. Immer länger und größer streckten sich die Glieder, Gelenke knackten unnatürlich. Und dann war da dieses Grinsen. Ein bösartiges, unmenschliches Grinsen von einer Person - wer auch immer sie zu sein vermag -, die mir ganz eindeutig etwas antun wollte. Man kann in den Augen einer Person ablesen, ob sie einem gut gesinnt ist oder nicht. In diesen feuerroten Augen lag nur der Tod.
Es dauerte ganze Sekunden, die wie in quälender Zeitlupe vergingen, bis mein starrer Verstand begriff, was da eigentlich passierte.
Dann riss ich mich mit einem heftigen Ruck aus seinem Griff, der von Sekunde zu Sekunde fester und schmerzhafter wurde. Ich wirbelte herum und rannte. Aber er kam hinterher. Ich hörte das scharfe Scharren auf dem Boden. Ich rannte immer und immer weiter den Flur zurück.
Bis zur Tür, durch die ich dieses Horrorszenario betreten habe (und in meinem Kopf betete ich, dass es hoffentlich auch nur ein Traum war).
Ich schlug verzweifelt gegen das Holz. Hämmerte dagegen, so fest es nur ging, bis die Knöchel schmerzten.
„Bitte, geh auf!", schrie ich mit brechender Stimme, völlig in eine Hülle aus nackter Panik getaucht, die alles andere um mich herum gnadenlos abschirmte.
Aber es tat sich absolut nichts. Die Tür war wie zugemauert.
Mit allerletzter, markerschütternder Kraft schrie ich: „Das ist nicht Mickael. RENN!"
2. Milan
Ich hörte Schreie. Schreckliche, gurgelnde Schreie aus dem Inneren der Hütte, die eindeutig Aaron zuzuordnen waren.
Panik flutete meinen Körper. Ich schlug von außen gegen die schwere Tür, genau so wie er es vorhin getan hatte. Aber was vorhin so einfach bei ihm ausgesehen hatte, fühlte sich für mich jetzt absolut unmöglich an. Das Holz bewegte sich keinen Millimeter, es war, als würde ich gegen eine Betonwand schlagen.
„Renn!", hörte ich ihn noch ein allerletztes Mal verzweifelt rufen, ehe er abrupt verstummte. Das darauffolgende Schweigen war ohrenbetäubend.
„Aaron, was ist?!", schrie ich gegen das Holz.
Doch er antwortete nicht mehr. Keine Schritte, kein Atmen. Nichts.
Was, wenn ihm etwas Schreckliches zugestoßen ist?
Ich weiß noch ganz genau, dass mein Kopf meinen Beinen sofort befahl, loszurennen, abzuhauen. Aber da war auch diese lähmende Angst. Die Angst um ihn. Um seine Eltern. Sie haben Mickael bereits verloren. Sie durften nicht auch noch ihn verlieren, das würden sie nicht überleben.
ch klopfte ein allerletztes, verzweifeltes Mal gegen die blockierte Tür. Hörte plötzlich noch einen kurzen, erstickten Schrei von ihm - und dann rannte ich. So weit ich konnte. So schnell mich meine Beine nur trugen, weg von diesem verfluchten Ort.
Was auch immer da drinnen war, was ich wohl niemals erfahren werde, da bin ich mir ganz sicher, es wollte mich töten.
3. Milan
Wenn ich das Haus heute, drei Jahre nach dem Vorfall - der mich übrigens unzählige, qualvolle Therapiestunden gekostet hat -, erneut betreten würde, da bin ich mir ganz sicher, würde ich dort drin noch kleine, makabere Überreste von Aaron finden.
Vielleicht seine in Splitter gebrochenen Knochen, die auf dem staubigen Boden liegen. Vielleicht auch verbliebene, vertrocknete Hautfetzen, die an den Wänden haften.
Ich weiß bis heute nicht, was genau in dieser Nacht darin passiert ist, aber ich hoffe inständig, die Warnungen werden in Zukunft von allen ernst genommen. Auch von dir, lieber Leser dieses Textes.
Denn wer es einmal betritt, wird das Haus nie mehr in dem Zustand verlassen, in dem man vorher war. Man wird ängstlicher. Man ist innerlich zerbrochen. Und immer wieder wird man, so geht es auch mir, jede einzelne Nacht davon träumen. Davon, was mit ihm passiert ist. Und man wird sich unablässig Gedanken machen, so auch ich, wer wohl das monströse Wesen, das sich als Mickael ausgab, in Wirklichkeit gewesen sein mag.
Ich versuche jeden Tag, irgendwie damit abzuschließen. Alles zu vergessen.
Aber vorher muss ich dir noch etwas sagen. Ein Versprechen, ein Befehl, ein Ratschlag - nenn es, wie du willst. Aber hör mir verdammt noch mal zu:
„RENN! Lauf, so schnell dich deine Beine tragen, wenn dieses Haus vor dir aus dem Nichts auftaucht. Dreh dich nicht um, blick nicht zurück. Denn ich weiß tief in meiner Seele, das war erst der Anfang. RENN! Lauf um dein verdammtes Leben, sonst bist du als Nächstes dran. RENN!"