Prolog
„Was sehen Sie, wenn Sie an die Nacht zurückdenken, Liv?“
Ich starre auf den Teppichboden, vermutlich von IKEA. Die Muster verschwimmen vor meinen Augen, Linien lösen sich auf und tauchen wieder auf. Die Sonne strahlt grell durch die hellen, weißen Vorhänge, vermutlich auch IKEA.
„Dunkelheit. Kälte. Und Blut.. jede Menge Blut…“
Meine Therapeutin nickt langsam. Vielleicht zu langsam.
„Und was fühlen Sie?“
„Schuld.“
Das Wort sprudelte schneller aus mir heraus, als ich es aufhalten kann.
„Und Ohnmacht. Ich war da. Ich habe es gesehen. Ich habesiegesehen. Und ich … ich habe nichts getan.“
Jetzt wird es spannend, denn jetzt notiert sie etwas. Das Kratzen ihres roten Fineliners zieht mir durch den Magen und zieht wie ein elektrisches Kribbeln in meinem Nacken.
„Sie haben mir erzählt, dass Sie wie erstarrt waren.“
Ich nicke.
„Es war, als hätte mein Körper mir nicht mehr gehört.“
„Das ist eine typische Schockreaktion Liv.“, sagt sie ruhig.
„Ihr Nervensystem hat Sie vor der Überforderung geschützt.“
Ich lache leise. Ihr erwartungsvoller Blick, dass ich ihr zustimme und alles abnicke, was sie mir eintrichtert, bringt mich für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Auch Sie bemerkte mein Lachen, räuspert sich und zieht ihre rechte, dick geschminkte Augenbraue hoch. Mein Blick wanderte wieder hinunter zu dem IKEA-Teppich.
„Es fühlt sich nicht wie Schutz an. Es fühlt sich an wie Versagen.“
Sie legt den Stift weg. „Sie tragen viel Verantwortung für etwas, das Sie nicht kontrollieren konnten.“
Ich presse die Lippen aufeinander.Wenn Sie wüsste, wo es war. Wenn Sie wüsste, wie nah ich dran war, wie hilflos ich wirklich war.
„Ich denke“, sagt sie nach einer Pause, „dass ein Ortswechsel Ihnen guttun würde.“
Ich runzle die Stirn. „Was meinen Sie damit?“
„Es gibt ein Auszeit-Haus“, erklärte Sie stolz, als gehörte es ihr selbst.
„Abgeschieden. Natur. Keine Klinik, keine klassische Therapie. Struktur, Ruhe und Abstand von Ihrem Alltag, genau das Richtige für Sie.“
Erneut zieht sich mein Magen zusammen.
„Wo ist das?“
„An der Küste“, sagt sie beiläufig. „Sehr ruhig. Viel Meerluft.“
Für einen winzigen Moment setzt mein Herz aus.
Küste.
Ich zwinge mich zu einem Nicken. „Okay.“, gab ich zögernd von mir und frage mich, ob sie mir in all unseren Gesprächen jemals wirklich zugehört hat. Aber das bin ich gewohnt, selten nimmt man mich ernst. Ich bin ja schließlich die arme Liv, die etwas Schlimmes erlebt hat. Innerlich schreit alles in mir.Warum an die Küste? Warum eine Auszeit?
Meine Therapeutin mustert mich über den Rand ihrer spitzen, schwarzen Brille hinweg.
„Sie wirken… angespannt“, sagt sie vorsichtig.
Ich lache leise.
„Das ist mein Normalzustand glaube ich.“
Sie lächelt nicht zurück. Stattdessen beugt sie sich ein Stück nach vorne.
„Was löst das WortKüstegerade in Ihnen aus, Liv?“
Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen.
Alles. Zu viel. Viel zu viel.
„Nichts“, sage ich schnell.
Mit einem ernsten, unglaubwürdig wirkenden Blick hebt sie eine Augenbraue und mustert meine Gesichtszüge.
„Nichts?“
Ich zucke mit den Schultern und beobachte ich, wie ich mit meinen Schuhen die Fransen des IKEA-Teppichs von links nach rechts bürste.
„Es ist nur ein Ort.“
Eine Lüge. Und wir beide wissen es. Sie weiß es.
„Sie haben mir nie erzählt, wo genau es passiert ist“, sagt sie ruhig. „Nur dass es nachts war. Und draußen.“
Mein Herz stolpert. Ein harter, unregelmäßiger Schlag.
Sag nichts. Sag einfach nichts.
„Das ist nicht wichtig“, murmele ich.
Sie legt den Kopf schief und pustet sich eine Strähne ihres blonden Haars aus dem Gesicht.
Ich presse die Fingernägel tiefer in meine Handflächen.
„Es war dunkel. Ich konnte kaum etwas sehen. Es war kalt und rutschig. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Wenn sie wüsste, wie viel es eigentlich doch zu sagen gebe, aber ich kann nicht, ich verkrafte es nicht, auch von ihr bemitleidet zu werden.
Sie lässt das einen Moment stehen. Zu lange.
„Sie haben seit Wochen kaum geschlafen“, sagt sie schließlich. „Sie haben Alpträume. Sie meiden Menschen. Sie vermeiden alles, was Sie an diese Nacht erinnert.“
Ich nicke mechanisch.
„Ein Ortswechsel kann ihrem Nervensystem helfen, sich neu zu regulieren“, fährt sie fort. „Neue Reize. Neue Routinen. Abstand von Ihren gewohnten Triggern, Liv.“
Trigger.
Schon wieder dieses Wort. Wenn mich eine Sache triggert, dann ist es diese Frau und ihr verdammter roter Fineliner.
„Und wenn der Ort, die Menschen selbst der Trigger sind?“ Die Frage rutscht mir heraus, bevor ich sie stoppen kann. Ihre Augen verengen sich minimal.
„Was meinen Sie damit?“
Ich schüttle sofort den Kopf.
„Nichts. Ich meinte nur …so rein hypothetisch.“
Dumm.
Dumm, Liv.
Sie notiert sich wieder etwas. Dieses verdammte Kratzen.
„Sie müssen dort nicht über Ihre Erlebnisse sprechen, das ist ja schließlich meine Aufgabe.“, gab sie mit einem stolzen Unterton von sich.
„Es geht nicht um Konfrontationstherapie. Es geht um Stabilisierung.“
Stabilisierung. Als wäre ich ein wackeliger IKEA-Stuhl.
„Wer ist noch dort?“, frage ich.
„Menschen, die ebenfalls etwas Belastendes erlebt haben“, antwortete sie.
„Alle in unterschiedlichen Phasen der Verarbeitung.“
Oder eher der Verdrängung.
„Und wenn ich dort auch nichts fühle?“, frage ich leise.
„Wenn ich wieder nur… leer bin?“
Sie sieht mich lange an, zu lange, wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja keiner.
„Dann ist das auch ein Gefühl, Liv.“
Ich schlucke.
„Wie lange soll das gehen?“
„Vier Wochen“, sagt sie. „Mit der Option zu verlängern.“
Vier Wochen.
Vier Wochen Meer.
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, flüstere ich.
Sie lächelt sanft und richtet sich die Brille.
„Sie haben diese Nacht überlebt.“
Ich senke den Blick zu dem Teppich.Mehr als das. Viel mehr als das.
„Sie sind stärker, als Sie glauben“, sagt sie.
Wenn Sie wüsste.
Ich nicke langsam. Einmal. Zweimal.
„Gut“ sage ich schließlich unsicher. „Ich probiere es.“
Die Worte fühlen sich an wie ein Urteil. Sie atmet sichtbar auf.
„Ich werde die Anmeldung heute noch für Sie fertig machen und Ihnen alles Nötige zumailen.“
Ich stehe auf. Meine Beine fühlen sich fremd an. Ich nicke ihr zu. Ich wusste, dass es Zeit war aufzustehen. Das weiß ich immer. Viel zu auffällig wandert ihr Blick zum Ende jeder Sitzung zur Fensterbank links neben mir, auf der ein kleiner weißer Wecker steht – vermutlich ebenfalls IKEA.
„Liv?“
Ich drehe mich nochmal um.
„Sie dürfen dort zur Ruhe kommen.“, sagt sie leise. „Sie müssen niemanden etwas beweisen.“
Ich nicke. Lächle ausnahmsweise sogar. Ich gehe langsam zur Tür, nickte Veronica noch einmal zu und sage: „Schöner Teppich übrigens.“
Dann bin ich endlich draußen.