Prolog
Ich war nie gut darin, den perfekten Anfang zu finden. Dafür bin ich zu impulsiv und ungeduldig. Wenn ich etwas zu sagen habe; wenn da Worte in meinem Kopf sind, dann wollen sie heraus. Und das passt auch irgendwie zu meiner Geschichte. Denn das, was ich zu erzählen habe, brach ebenfalls ohne jede Vorwarnung über mich herein.
Mein Name ist Fay Hieler. Ich befinde mich in meinem letzten Ausbildungsjahr zur Buchhändlerin. Etwas, wovon ich immer glaubte, es wäre mein absoluter Traumberuf. Ein gesichertes Einkommen und eine Tätigkeit, die sich mit meinen Interessen deckt. Vielleicht bin ich mit den Jahren genauso kopflastig geworden wie der Großteil der Weltbevölkerung. Dabei war meine Kreativität immer das einzige, worauf ich stolz sein konnte. Ich war nie gut in der Schule; und obwohl es meine Mutter nie laut aussprach, so wussten wir beide, dass ich nicht das war, was sie sich seit meiner Geburt erhofft hatte. Was immer das gewesen sein mag. Im Gegenteil zu der ach so perfekten Lilly, doch dazu später.
Mit meinem älteren Bruder Jason kam sie hervorragend aus. Und das, obwohl meine Mutter nicht das war, was man als umgänglich bezeichnen konnte. Andererseits fällt mir niemand ein, der nicht gut mit Jason klargekommen wäre. Mein Bruder war der Inbegriff von fröhlicher Lässigkeit. Er war ein Tagträumer. Obwohl er sich nie in etwas reinhing, stolperte er immer verwundert von einem Glückstreffer zum nächsten. So wie ich meinerseits beschwerlich rudernd mit Ach und Krach immer die Kurve bekam.
Erstaunlicherweise neidete ich ihm dieses Geschick mit dem Glück nie, dafür hat er mich zu oft beschützt. Zuerst vor der Dunkelheit und den Monstern unter meinem Bett. Später vor den Wutausbrüchen meiner Mutter und Lillys gemeinen Sticheleien.
Wir leben seit ich denken kann in einem zu großen Haus in einem viel zu kleinen Dorf. So habe ich das immer schon empfunden, oder zumindest bis Peter und seine Tochter Lilly in unser Leben traten. Peter machte das Haus gemütlich und seltsam vollständig, doch Lilly machte es zu klein.
Mein Vater war im Laufe meiner ersten Lebensjahre von der Bildfläche verschwunden. In meiner Erinnerung war er nur ein grauer Schatten ohne Gesicht, der mit jedem Jahr mehr und mehr verblasste. Mutter redete nicht von ihm, und ich hatte sie meinerseits nie nach ihm gefragt. Ich weiß nicht, warum er gegangen ist und redete mir seit ich denken konnte ein, dass es mich nicht interessierte. Ich brauchte niemanden außer Jason, der – ging es um unseren Vater – ungewöhnlich schweigsam war. Er behauptete, er erinnere sich nicht an ihn. Als er älter wurde, zuerst immer weniger zu Hause war und schließlich auszog, um an der Bauhaus-Universität Weimar Architektur zu studieren, riss er ein klaffendes Loch in mein Leben, das sich lange nicht mehr schließen ließ.
Lilly und ich lebten wie Fremde in zwei benachbarten Zimmern, die sich ein Bad teilten und sonst nichts. Ich glaube nicht, dass es an den zehn Jahren Altersunterschied gelegen hat, dass mir ein tonnenschwerer Stein vom Herzen fiel, als sie vor vier Jahren ebenfalls auszog.
Lilly war eine extravagante Erscheinung. Eine große, langbeinige Schönheit mit weizenblondem Haar. Ihr Gesicht strahlte entweder pure Arroganz oder kalte Härte aus. Sie gab mir, wie meine Mutter, immer das Gefühl, ihren Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Irgendwann hörte ich damit auf, es zu versuchen. Selbst Jason hatte sich ihr gegenüber von Anfang an distanziert verhalten. Vielleicht lag das an seiner Loyalität zu mir, worüber ich ihm immer unendlich dankbar blieb.
Peter war der arme Schlichter zwischen den Fronten, der uns alle gleichermaßen liebte. Ich weiß bis heute nicht, wie er es mit dem bunten Haufen aus Schuldzuweisungen, Ignoranz und Chaos, der wir gewesen sind, all die Jahre ausgehalten hat. Und nicht nur, dass er uns einfach ausgehalten hätte – er hat uns genährt; sowohl physisch wie auch psychisch. Wer weiß, ob ich je einen solch großen Schritt gewagt hätte, hätten er und Jason mir nicht fast sechzehn Jahre lang unermüdlich Mut zugesprochen. Und an genau diesem Punkt beginnt meine Geschichte.