Nozomi - Standing Ovation für ein Monster

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Summary

Eine Frontfrau, die Götter hasst. Ein letzter Song, der den Himmel aufreißt. Ein Monster, das im falschen Paradies aufwacht. Nozomi Vernix – Tochter eines gefallenen Engels und einer gnadenlosen Kriegerin – verliert bei dem letzten Konzert ihrer Band Ashen Seraph alles: Bühne, Familie, Liebe. „Last Lament“ verwandelt die Show in ein Massengrab, Dämonen stürmen die Menge… und Nozomi wird als Einzige verschont. Statt in der Hölle landet sie vor den Hallen Asgards. Die Einherjar wollen sie zur Waffe der nordischen Götter machen – bis sie sie abschlachtet und mit zwei frechen Goblins in die Schatten flieht. Dort wartet jemand, den Asgard lieber vergessen würde: ein trickreicher Gefangener, der Götter hasst, Monster liebt und Nozomi Türen in andere Pantheons öffnen will – nach Ägypten, Griechenland, zu den Kami und weiter. Zwischen Walküren, Donnergöttern und Dämonengöttern muss Nozomi entscheiden, wessen Monster sie sein will… oder ob sie die Bühne aller Götter in Brand setzt. Standing Ovation für ein Monster. Diesmal entscheidet sie, wer von der Bühne fliegt.

Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
18+

Standing Ovation für ein Monster

Ich kotze einen Song in den Wald. Blut, Galle, halb verdautes Nichts klatschen in den Schlamm, während mein Körper weiterwürgt, als könnte er den letzten Auftritt einfach aus sich herausreißen. Meine Hände graben sich in nasse Erde, Finger zwischen kalten Wurzeln eingeklemmt. Der Boden unter mir fühlt sich stabiler an als alles andere.

Der Wald atmet nicht. Die Bäume stehen so dicht, dass kaum Himmel dazwischen passt. Schwarze Stämme, überzogen mit Moos, das in Fetzen hängt wie alte Bühnenbanner. Zwischen den Ästen hängt graues Licht, ohne Sonne, ohne Herkunft. Kein Vogelruf, kein Rascheln, nichts. Nur mein Husten und das leise Ziehen des Flusses, der sich wie eine Narbe durch die Landschaft frisst.

Ich hebe den Kopf. Das Wasser ist dunkel, aber klar genug, um mir ehrlich ins Gesicht zu lügen. Dünne rote Schlieren ziehen stromab, als hätte jemand den letzten Rest von Ashen Seraph in die Strömung gekippt. Ich sehe mich selbst verschwommen darin – blass, verschmiert, Augen wie zersprungene Spiegel.

„Schönes Finale“, murmele ich. Meine Stimme klingt, als wäre sie durch zu viele Lautsprecher gejagt worden. Der Choker am Hals schneidet leicht in die Haut, als ich den Kopf senke. Meine Finger tasten danach, automatisch, wie nach einer Zigarette, die ich mir abgewöhnt habe und doch noch suche.

Leder. Mahagoni. Brennender Nephilim. Der Anhänger ist warm, obwohl meine Hände kalt sind. Ein gefallener Engel, eingeritzt in dunkles Holz, Flügel im Feuer, Körper im Fall. Ich streiche mit dem Daumen über die Flammenlinien, bis die Ränder stumpf gegen meine Fingerkuppen drücken.

„Nozomi“, hätte meine Mutter jetzt gesagt, mit dieser messerscharfen Gelassenheit. „Hör auf, an deinen Ketten zu spielen.“

Ich heiße Nozomi. Tochter von Kael Vernix und Lionora Aishin. Produkt eines schlechten Witzes der Götter oder eines sehr ernst gemeinten Fehlers, je nachdem, wen man fragt. Nephilim. Halbblut. Unfall auf zwei Beinen.

Für Booking-Agenten war ich mal die Frontfrau von Ashen Seraph. Für Dämonengötter bin ich heute vermutlich nur eine offene Rechnung.

Ich richte mich langsam auf. Meine Knie geben nach, fangen sich, geben nach, fangen sich wieder. Der Schlamm schmatzt an meinen Stiefeln, als wolle er mich behalten. Ein Teil von mir wäre einverstanden.

Meine Sense steckt ein paar Schritte weiter im Boden. Die Klinge ist ein schwarzer Halbmond, länger als ich, mit einer schmalen Linie getrockneten Blutes entlang der Schneide. Runen flackern auf dem Metall, schwach, als wären sie kurz davor, ganz zu erlöschen. Der Stiel ist glatt von Händen, die ihn zu oft festgehalten und zu selten losgelassen haben.

Ich gehe zu ihr, jeder Schritt ein kleines Bekenntnis. Ziehe sie aus der Erde. Ein nasses, widerwilliges Geräusch, als würde der Wald protestieren. Die Sense ruht auf meiner Schulter. Sie passt da, als wäre ich mit ihr geboren worden.

Mein Outfit sieht aus, als hätte ein Schlachtfeld versucht, Fashion zu spielen. Netzstrumpfhose, hier und da zerrissen, Fäden wie Spinnweben auf meiner Haut. Schwarze Shorts mit einem eingerissenen Saum, Reißverschluss halb offen, als hätte jemand vergeblich nach einem Halt gesucht. Meine Stiefel sind von früher einmal glänzend gewesen; jetzt sind sie voller Kratzer, Dellen, Schlamm, Blut – Erinnerungen in Metall.

Das Top klebt schweißnass an mir, schwarz mit einem verblassten Logo, das nur noch Hardcore-Fans erkennen würden. Darüber eine Jacke, halb offen, halb zerrissen, ein Ärmel fast ab, an der Brust ein Patch: Ashen Seraph. Weißer Schriftzug, stilisierte Flügel, ein Halo, der bereits bei der Gestaltung schief sitzt.

Ich tippe mit dem Finger gegen das Patch. „Letzte Show, hm?“ flüstere ich. „Ihr habt wirklich alles gegeben.“

Meine Augen brennen. Ich blinzle. Eine Träne löst sich, fällt auf den Stoff und hinterlässt einen dunklen Fleck, der sofort verschwindet. Eine weitere rutscht mir über die Wange, salzig über aufgesprungene Haut.

Ich atme ein. Es schmeckt nach Erde und alten Geheimnissen. „Lionora würde sagen, ich soll mich zusammenreißen“, höre ich ihre Stimme. „Wer weint, tut’s nach dem Kampf. Nicht mittendrin.“ Mein Vater hätte dazu nur gelacht. Kael hätte mir mit blutigen Knöcheln über den Kopf gestrichen und gesagt: „Wenn du schon heulst, dann mach’s so laut, dass die Götter was davon haben.“

Ich heule nicht. Noch nicht. Aber meine Hände zittern. Der Fluss rauscht leise, zieht weiter, als wäre ich nur eine Pause in seinem Lauf. Ich gehe näher ans Ufer, Sense noch auf der Schulter, und bleibe direkt am Rand stehen.

Mein Spiegelbild sieht müde aus. Augenringe, geschwollene Lider, Lippen mit getrocknetem Blut eingerahmt. Haare in wirren, dunklen Strähnen, teilweise verfilzt vom Kampf. Der Choker sitzt wie eine saubere Linie mitten in diesem Chaos, der Nephilim ungefähr dort, wo mein Herz schlägt.

Neben mir im Wasser bewegt sich etwas. Ein zweites Gesicht taucht auf, nur angedeutet, als hätte jemand eine Erinnerung unter die Oberfläche geschoben. Weichere Züge, anders geschnittene Augen, ein Schatten eines Lächelns, das einmal echt war. Kein Ton, kein Name. Nur Präsenz.

Ich lege die Sense langsam zur Seite, knie mich hin und strecke die Hand aus, als könnte ich die Wasseroberfläche glattstreicheln. Ein Tropfen fällt von meinem Kinn. Er trifft genau dort, wo ihr Mund wäre. Die Spiegelung reißt auseinander. Wellen laufen über mein Gesicht, zerteilen es, verzerren es, verschlingen das zweite Bild mit. Für einen Herzschlag sieht es aus, als würden wir beide im Wasser brennen – kleine Flammenlinien, die sich über unsere Haut ziehen, bevor sie sich wieder glätten.

„Tut so, als wär ich rein“, flüstere ich dem Fluss zu. Mein Lachen klingt wie ein Hustenanfall. In meinem Kopf setzt Musik ein. Nicht hier, nicht jetzt – dort. Licht. Hitze. Bühne.

Der Geschmack von Staub im Hals, der Geruch von Nebelmaschinen und verschütteten Drinks. Hände, die nach oben greifen. Stimmen, die meinen Namen schreien. Ashen Seraph. Letzter Song. „Last Lament“ – unsere sechs Minuten gegen alles, was uns fressen wollte. Gitarren, die wie Sägen über Heiligenscheine kreischen. Drums, die Schlag für Schlag an der Tür zum Himmel hämmern. Vocals, die als Gebet anfangen und als Fluch enden.

Wir haben ihn geschrieben, um ein Kapitel zu beenden. Die Welt hat beschlossen, das Buch zu verbrennen. Ich sehe die Bühne wieder. Scheinwerfer wie zweite Sonnen, Lichtkegel wie Speere. Die Menge als Meer aus Gesichtern, Hände wie Wellenkämme. Ich schreie in ein Mikrofon, das meine Stimme verzerrt, bis sie kaum noch mir gehört. Der Bass dröhnt so tief, dass er meinen Brustkorb neu ordnet.

Dann reißt der Himmel über uns auf. Kein Gewitter, kein technischer Defekt. Ein Riss, der mitten in der Realität sitzt, violettes Licht, das von innen nach außen drückt. Die Luft wird schwer und schmeckt plötzlich nach Ozon und verbrannten Gebeten.

Jemand neben mir schreit meinen Namen. Ich drehe den Kopf, sehe eine Hand, die nach mir greift. Ich bin sicher, ich kenne jede Linie, jede Narbe dieser Finger. Ich weiß, wie sich diese Hand auf meiner Schulter anfühlt, am Griff eines Mikrofons, an einer Gitarre. Ich strecke meine eigene Hand aus. Ein halber Schritt. Ein halber Herzschlag. Zu wenig.

Der Boden bricht auf, Licht schießt nach oben, jemand verliert den Halt. Die Hand rutscht weg, verschwindet im grellen Weiß. Schreie ersetzen die Musik. Blut ersetzt den Nebel. Alles stürzt. Alles wird schwarz.

Der Wald holt mich zurück mit dem Geruch von nasser Erde. Ich reiße die Augen auf, als hätte mich jemand an die Oberfläche einer viel zu kalten See gezogen. Der Fluss ist wieder nur ein Fluss. Die Bühne ist weg. Die Hand ist weg. Die Leere in meiner Brust bleibt.

„Ihr habt sie mir genommen“, sage ich leise. „Und mich hier abgeladen.“ Der Wald antwortet nicht. Er schuldet mir auch nichts.

Ein Geräusch durchschneidet die Stille. Kein Tier, kein normaler Schritt. Metall, das an Metall stößt. Rüstungen, die aneinander reiben. Ich drehe mich langsam um, Sense wieder in der Hand, die Klinge leicht gesenkt, aber bereit.

Zwischen den Bäumen taucht Licht auf. Es ist kein Lagerfeuerlicht. Es ist geordnet, gebündelt, als würde jemand die Sonne in Scheiben geschnitten haben. Goldener Schein fällt auf Rüstungen, Helme, Schilde. Schatten dahinter bewegen sich synchron, als hätten sie das Marschieren nie verlernt.

Die ersten Gestalten treten aus dem Wald, als würde der Wald sie ausspucken. Hohe Helme, verziert mit einfachen, alten Symbolen. Brustpanzer, in die Runen geschlagen sind, die ich nicht lesen kann, aber spüre. Mäntel, die bei jeder Bewegung leicht schwingen, dunkel wie Rabenflügel. Schwerter an den Hüften, Äxte auf Rücken, Speere in Händen.

Ihre Augen sind klar. Zu klar. Einherjar. Ich kenne den Namen aus Geschichten, halb Warnung, halb Propaganda. Gefallene Krieger, denen man den Tod ausredet und den ewigen Kampf schmackhaft macht. Mietklingen der Götter. Freiwillige oder nicht – am Ende ist jeder nur ein weiterer Eintrag auf einer göttlichen Liste.

Sie sehen mich an, als stünde ich heute ganz oben. Der vorderste bleibt ein paar Schritte vor mir stehen. Er betrachtet die Sense, mein Outfit, den Choker. Sein Blick bleibt kurz an dem Nephilim hängen, als würde er alten Bekannten wiedersehen.

„Nephilim“, sagt er. Seine Stimme ist ruhig, aber trägt Gewicht. „Tochter von Kael Vernix und Lionora Aishin.“ Mein Herz stolpert. Kaels Name und Lionoras Name in diesem Wald, in dieser Luft, in diesem Moment – es fühlt sich an, als hätte jemand meine Vergangenheit in den Raum gestellt und ihr Beine gegeben.

„Du hast uns lange warten lassen“, fügt er hinzu. Ich will fragen, wer „uns“ ist, aber mein Blick rutscht an ihm vorbei. Hinter der Baumlinie, weiter oben, bricht der Wald auf. Und dahinter steht etwas, das jeder vernünftige Mensch für einen Mythos halten sollte. Hallen, deren Dächer aus Gold sein könnten oder aus etwas, das Gold verachtet. Türme, die wie Speere in den Himmel ragen. Eine Brücke aus farbigem Licht, die von irgendwo zu irgendwo führt, schillernd, als hätte man einen Regenbogen gezwungen, gerade zu bleiben.

Runen schweben über der ganzen Szene, glimmend, als hätte jemand Wörter in den Himmel gebrannt. Der Himmel selbst wirkt näher, tiefer, dichter, als könnte man ihn mit der Hand greifen, wenn man nur hoch genug springt. Asgard.

Meine Mutter hat den Namen wie eine Drohung ausgesprochen. Mein Vater wie eine Pointe nach einem schlechten Kampf. Jetzt steht er vor mir wie ein Urteil. Ich lache. Es klingt falsch.

„Natürlich“, murmele ich. „Natürlich schicken sie mich ausgerechnet hierher.“ Der Einherjar vor mir tritt einen Schritt näher. Er streckt mir die Hand hin, als wolle er mir beim Aufstehen helfen, obwohl ich längst stehe. Seine Finger sind umwickelt mit Leder, vernarbt, stark.

„Nozomi“, sagt er. Diesmal weich, aber ohne Fragezeichen. „Willkommen in Asgard.“ Ich sehe auf seine Hand, dann auf meine. Blut. Schlamm. Narben. Sense in der einen, Choker am Hals, Nephilim über dem Herz.

Ich nehme seine Hand nicht. „Standing Ovation für ein Monster“, sage ich. „Ihr habt euch das Publikum schlecht ausgesucht.“ Der Einherjar zieht nur eine Braue hoch. Hinter ihm bewegen sich weitere Figuren, Rüstungen, Waffen, Blicke. Asgard atmet über ihnen wie ein lebendiger Berg.

Der Fluss hinter mir rauscht, als wolle er all das mitnehmen und schaffen es doch nicht. Wenn dies der Ort ist, an dem Götter ihre Krieger horten, dann hat jemand einen Fehler gemacht. Sie wollten eine Waffe. Sie haben Nozomi bekommen.

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