Der falsche Prinz
Schon früh begreift Mia, dass der äußere Eindruck über mehr entscheidet als nur darüber, wie andere sie sehen.
Statt aus eigener Überzeugung wächst dieses Verständnis aus etwas, das ihr über Jahre hinweg vermittelt wurde – so konsequent, dass es sich nie wie eine echte Wahl angefühlt hat.
Er ist kein Mann, der laut wird. Seine Stimme hebt sich nicht, seine Hände bleiben ruhig, seine Bewegungen kontrolliert. Doch gerade diese Ruhe trägt ein Gewicht in sich, das schwerer wiegt als jede offene Drohung.
Wenn er spricht, lässt er keinen Raum für Zweifel daran, was von ihr erwartet wird – dass sie versteht, was richtig ist, ohne es infrage zu stellen, und entsprechend handelt.
„Wir müssen nicht auffallen.“
Er sitzt am Küchentisch, wie so oft, die Zeitung sorgfältig gefaltet neben seiner Tasse, deren Inhalt längst zu kalt geworden ist, als dass er ihn noch trinken würde. Alles an diesem Bild wirkt vertraut, beinahe unverrückbar.
Mia bleibt einen Moment im Türrahmen stehen, obwohl sie längst weiß, was als Nächstes kommt.
„Aber wir dürfen auch nicht übersehen werden.“
Sein Blick hebt sich nur kurz und streift sie mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Fragen zulässt. Und doch spürt sie, wie sich etwas in ihr zusammenzieht.
Für ihn ist Ansehen kein Ziel, das man anstrebt.
Es ist ein Zustand, den man aufrechterhält.
Und Mia gehört dazu.
Vielleicht mehr, als ihr lieb ist.
⊱ ✦ ⊰
Als sie ihrem Vater von Brock erzählt, wählt sie ihre Worte mit einer Sorgfalt, die sich längst wie ein Reflex anfühlt. Schon während sie spricht, wird ihr bewusst, dass weniger zählt, was sie denkt oder fühlt, sondern vielmehr, welchen Eindruck ihre Worte hinterlassen.
Er reagiert genauso, wie sie es erwartet hat.
Für einen kurzen Moment hält er inne, als würde er ihre Worte prüfen, bevor ein langsames Nicken folgt, das seine Zustimmung deutlicher ausdrückt als jede überschwängliche Reaktion.
„Ich wusste, dass du einen guten Instinkt hast“, sagt er schließlich. In seiner Stimme liegt eine leise Zufriedenheit, die sich unweigerlich in Mias Brust festsetzt.
„Der Junge hat Zukunft. Und einen Namen, den man kennt.“
Natürlich hat er das.
Alles an Brock ist darauf ausgelegt, wahrgenommen zu werden, und genau das macht ihn in den Augen ihres Vaters so wertvoll.
Mia legt die Finger enger um ihre Tasse, spürt die Kälte des Porzellans an ihrer Haut, obwohl sie den Griff kaum bewusst wahrnimmt.
„Ich bin stolz auf dich“, fügt er hinzu, beinahe beiläufig, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, die keiner weiteren Betonung bedarf.
Gerade diese Selbstverständlichkeit verleiht den Worten ihr Gewicht. Sie setzen sich fest, breiten sich langsam in ihr aus und lassen ihr kaum Raum, sich ihnen zu entziehen.
„Du triffst die richtigen Entscheidungen.“
Richtig.
Ein Wort, das sich in diesem Moment fremd anfühlt.
Mia zwingt sich zu einem Lächeln, das sich so selbstverständlich auf ihr Gesicht legt, als hätte es dort schon immer hingehört. Sie hat gelernt, dass dieses Lächeln genügt, dass es alles glättet, was sonst Fragen aufwerfen könnte.
Doch während sie seinem Blick standhält, wünscht sie sich für einen flüchtigen Moment, sie wüsste, wie es sich anfühlt, stolz auf sich selbst zu sein, statt nur die Erwartungen eines anderen zu erfüllen.
⊱ ✦ ⊰
Der Campus empfängt sie mit einer Lautstärke, die ihr sonst nie aufgefallen ist.
Stimmen vermischen sich zu einem gleichmäßigen Rauschen, durchzogen von Lachen, schnellen Schritten und dem dumpfen Aufprall eines Balls in der Ferne. Alles wirkt lebendig, bewegt sich in einem Rhythmus, der so selbstverständlich erscheint, dass man ihn kaum hinterfragt.
Mia geht hindurch, wie sie es jeden Tag tut, und dennoch bleibt dieses leise Gefühl, nicht ganz in dieses Bild zu passen.
Tiffany tritt neben sie und hakt sich bei ihr unter, ohne zu zögern, als hätte sie nie etwas anderes getan, und vielleicht ist genau das der Grund, warum es sich für Mia nicht einmal bemerkenswert anfühlt.
Es ist diese Art von Nähe, die sich über die Zeit ganz selbstverständlich eingeschlichen hat, entstanden aus unzähligen Tagen, an denen sie Seite an Seite durch alles Mögliche gegangen sind – von belanglosem Gerede bis zu Momenten, in denen Worte plötzlich überflüssig wurden.
Mit Tiffany ist es nie kompliziert gewesen.
Sie merkt es, wenn Mia stiller wird, wenn ihre Antworten kürzer ausfallen oder ihr Blick einen Moment zu lange irgendwo hängen bleibt, und sie lässt es nie einfach vorbeiziehen.
So auch jetzt.
„Du bist schon wieder so still.“
Mia wirft ihr einen kurzen Blick zu, in dem mehr liegt, als sie aussprechen würde.
„Ich denke einfach nur nach.“
Tiffany schnaubt leise.
„Du denkst nie einfach nur nach.“
Mia zieht eine Augenbraue leicht nach oben. „Ach ja?“
„Ja“, erwidert Tiffany und zieht eine Augenbraue leicht nach oben, „du hast diesen Blick… als würdest du dich gleich wieder in irgendwas reinsteigern.“
Mia lässt den Blick kurz über den Campus wandern, weicht ihr damit ein Stück weit aus.
„Vielleicht bin ich einfach müde.“
Tiffany mustert sie einen Moment, sagt aber nichts dazu.
Stattdessen zuckt sie leicht mit den Schultern.
„Wenn du das sagst.“
Statt weiter darauf einzugehen, richtet Tiffany ihre Aufmerksamkeit nach vorne, als hätte sich das Thema damit erledigt.
Ein kleines, vielsagendes Lächeln zieht an ihren Lippen.
„Er wartet schon.“
Mia lässt ihren Blick zunächst durch die Menge gleiten, ohne ihm sofort zu folgen, weil sie längst weiß, wen Tiffany meint.
Als sie sich schließlich doch umdreht, steht Brock dort, wo er immer steht – im Mittelpunkt einer Gruppe, die sich wie selbstverständlich um ihn herum formiert.
Er bewegt sich mit einer Sicherheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass er genau weiß, welchen Platz er einnimmt. Die Gespräche um ihn herum passen sich seinem Tempo an, das Lachen wird lauter, wenn er spricht, und selbst die Blicke, die ihm folgen, wirken nicht zufällig.
Sobald Mia näherkommt, legt sich sein Arm ohne Zögern um ihre Taille, als wäre diese Geste ebenso selbstverständlich wie die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird, und doch bleibt bei ihr das Gefühl zurück, eher Teil eines Bildes zu sein als wirklich darin vorzukommen.
„Hey“, sagt er und zieht sie ein kleines Stück näher an sich, als würde allein diese Bewegung genügen, um sie vollständig in seine Welt zu holen.
Mia erwidert das Lächeln, das von ihr erwartet wird. „Hey.“
Für einen kurzen Moment funktioniert es.
Dieses Bild, in das sie so mühelos hineinpasst, diese Rolle, die sie kennt, die keine Fragen stellt und keine Antworten verlangt.
Neben ihm zu stehen fühlt sich richtig an – zumindest von außen.
Genau so, wie es immer gedacht war.
Er ist aufmerksam, sieht gut aus, wird respektiert, und wenn er sie ansieht, liegt darin nichts, das sie zurückschrecken lässt.
Und trotzdem bleibt da diese leise Distanz.
Nicht greifbar genug, um sie zu benennen, aber spürbar in der Art, wie sie seinen Blick erwidert, ohne wirklich darin anzukommen.
Sie erinnert sich daran, wie leicht es gewesen war, Ja zu sagen.
Nicht aus einem Impuls heraus, der sie überrumpelt hätte, sondern aus diesem ruhigen Gedanken, der sich vernünftig angefühlt hatte, fast logisch.
Ihr Vater hatte sie angesehen, dieses kaum merkliche Nicken, das mehr bedeutete als jedes ausgesprochene Lob.
Und sie hatte gewusst, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Zumindest für ihn.
Jetzt steht sie hier, lässt zu, dass seine Hand an ihrer Taille bleibt, fügt sich in das, was alle um sie herum längst als gegeben betrachten.
Und irgendwo zwischen all dem wird ihr klar, dass sie nie wirklich gefragt hat, ob es sich für sie selbst richtig anfühlt.
Sein Blick wandert kurz über ihr Gesicht, nicht lange genug, um wirklich etwas zu erkennen, aber ausreichend, um sich ein Urteil zu bilden.
„Alles gut bei dir?“
„Klar“, antwortet sie fast automatisch. „Nur ein bisschen müde.“
Sie hört selbst, wie glatt diese Worte klingen, wie gut sie geeignet sind, jedes weitere Nachfragen im Keim zu ersticken.
Brock nickt, nimmt die Antwort hin, ohne sie wirklich zu hinterfragen.
„Wir gehen heute Abend feiern. Meine Jungs sind auch dabei. Wird gut, du brauchst das.“
Sein Ton lässt wenig Raum für Widerspruch, weniger eine Einladung als vielmehr eine Entscheidung, die bereits getroffen wurde.
„Mal sehen“, erwidert Mia, doch selbst in ihren eigenen Ohren klingt es nicht wie eine echte Antwort.
Brock zieht sie ein kleines Stück näher an sich, als würde das ihre Zurückhaltung einfach auflösen.
„Komm schon, das wird dir guttun. Ein bisschen rauskommen, abschalten…“
⊱ ✦ ⊰
Er spricht weiter, doch Mia nimmt die Worte nur noch am Rande wahr. Sie nickt schließlich, eine Bewegung, die sich vertraut anfühlt, weil sie sie schon unzählige Male gemacht hat – weniger aus Überzeugung als aus Gewohnheit, aus diesem leisen Drang heraus, Erwartungen zu erfüllen, statt sie infrage zu stellen.
Gemeinsam mit den Anderen setzt sich die Gruppe in Bewegung, ohne dass jemand es wirklich ausspricht. Gespräche verschieben sich beiläufig, Stimmen gehen ineinander über, während sie das Gebäude betreten und sich mit dem Strom aus Studenten durch die Flure treiben lassen.
Brock bleibt im Zentrum, wie immer, und Mia geht neben ihm her, ohne bewusst darauf zu achten, wohin genau sie sich bewegen. Der Weg ergibt sich von selbst, getragen von der Dynamik der Gruppe, die sich durch den Gang schiebt.
Zwischen den Stimmen und Bewegungen im Flur entsteht für einen kurzen Moment eine kleine Lücke, kaum wahrnehmbar, bevor sie sich im nächsten Augenblick wieder schließt.
Ein Junge kommt ihnen entgegen, den Blick gesenkt, die Aufmerksamkeit ganz auf die Unterlagen in seinen Händen gerichtet. Seine Finger blättern zu schnell durch die Seiten, als würde er versuchen, gleichzeitig zu lesen und weiterzugehen, ohne einem von beidem wirklich gerecht zu werden.
Er ist groß, auf eine unauffällige Weise, die nicht sofort ins Auge fällt, weil er sich selbst kleiner macht, als er ist. Schlank, fast schmal gebaut, die Schultern leicht nach vorne gezogen, als würde er sich unbewusst vor den Blicken anderer schützen.
Die Brille sitzt ein wenig zu tief auf seiner Nase, rutscht bei jeder Bewegung ein Stück weiter, ohne dass er es bemerkt, zu sehr vertieft in das, was vor ihm liegt.
Etwas an ihm wirkt, als würde er sich lieber unsichtbar machen, als Gefahr zu laufen, aufzufallen.
Und doch fällt er auf.
Nur nicht so, wie er es gewohnt ist.
Er hebt den Kopf nicht und läuft direkt in Brock hinein.
Der Aufprall kommt plötzlich und reißt ihn aus der Bewegung. Für einen Augenblick verliert er den Halt, und die Unterlagen gleiten ihm aus den Händen, rutschen über seine Finger, bevor sie zu Boden fallen.
Papier verteilt sich über die Fliesen, einige Seiten knicken an den Ecken, andere gleiten ein Stück weiter, bis sie liegen bleiben.
Für einen Moment scheint sich der Lärm um sie herum zu verändern, als würde die Szene einen eigenen Raum einnehmen, abgetrennt vom Rest des Flurs.
Der Junge, dem die Unterlagen entglitten sind, geht sofort in die Knie und beginnt hastig, die verstreuten Seiten wieder einzusammeln, als hinge mehr daran als nur ein paar lose Blätter. Seine Hände geraten dabei immer wieder aus dem Takt, ein leichtes Zittern durchzieht seine Finger und macht jede Bewegung unruhig, unsicher.
„Pass doch auf, Freak“, schimpft Brock, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, seine Verärgerung zu verbergen.
Mias Blick schnellt zu ihm, und für einen kurzen Moment steht ihr die Ungläubigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben, als hätte sie mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet.
Der Junge hebt den Kopf nur zögerlich und vermeidet es, Brock direkt anzusehen. Seine Stimme klingt leise und bricht an den Rändern, als müsste er sich jedes Wort abringen.
„Tut mir leid… ich…“
Weiter kommt er nicht.