Der Duft von Mohn und Erinnerung
Es fühlt sich an, als wäre es erst gestern gewesen.
Wir standen vor ihrem Grab. Das letzte Mal, dass ich das wunderschöne Gesicht meiner Mutter sah – in ihrem roten Kleid, umgeben von hunderten Mohnblumen. Sie wirkte so friedlich, als würde sie nur schlafen. Kaum zu glauben, dass sie wirklich tot war.
Ich trauerte leise in mich hinein. Ich wollte ihr starkes Mädchen sein. Sie hätte nie gewollt, dass ich an diesem Tag weine. Ich trug mein Haar offen, wie sie es mochte, und mein Kleid flatterte in der warmen Sommerbrise. Der Himmel war so blau und klar wie das Meer in der Karibik, doch über meinen braunen Augen lag ein dunkler Schleier. Die Welt verschwamm.
Es war, als hätte ich Watte in den Ohren – alles dumpf, alles weit weg. Nur das Schluchzen meines Vaters drang zu mir durch. Ich hatte ihn nie so gesehen. Es zerriss mir das Herz. Wenn ich könnte, ich würde die Zeit zurückdrehen. Alles tun, um ihren allergischen Schock zu verhindern. Hätte dieser dumme Nachbarsjunge nicht seinen Ball durchs Küchenfenster geschossen...
Klopp, klopp.
Ich schrecke auf. Anscheinend war ich so tief in Gedanken versunken, dass ich das Klopfen überhört habe.
„Hey, Schätzchen. Das Frühstück ist fast fertig. Es gibt Pancakes.“ Die Stimme meines Vaters ist sanft. Sein Lächeln aufrichtig. Sechs Jahre sind vergangen – und doch wirft ihr Tod lange Schatten. Manchmal höre ich ihn abends leise weinen. Die Therapie hilft. Ein Stück weit. Doch manche Narben bleiben.
„Ist gut, ich komme gleich runter“, antworte ich.
Mit einem schwachen Lächeln schiebe ich den Stuhl vom Schreibtisch zurück und klappe meinen Laptop zu. Es ist kurz nach neun. Ich arbeite seit zwei Stunden an einem Geburtstagsgeschenk für ihn. Mein Vater war früher Chefkoch auf Kreuzfahrtschiffen – bis er eine Pause einlegen musste. Im August darf er wieder an Bord. Ich plane eine Überraschung: eine Reise für uns beide. Vier Wochen gutes Essen, Meer, Wellness... eine kleine Flucht aus dem Alltag.
Der Duft von Pancakes und Kaffee begrüßt mich an der Treppe. In der Küche tanzt mein Vater mit dem Rücken zu mir, singt mit P!nk und wendet die Pfannkuchen. Ich stimme kichernd mit ein, schnappe mir einen Kaffee.
„We're never gonna not dance again~“
Wir lachen. Bewegen uns zum Takt. Es fühlt sich für einen Moment leicht an.
Ich lade mir drei Pancakes auf den Teller und dekoriere sie mit allem, was ich finde – Beeren, Ahornsirup, Vanillesauce, Schlagsahne. Der reinste Himmel. Mein Vater schnaubt belustigt.
„Dass du noch nicht geplatzt bist, so viel wie du isst.“
Ich schaue an mir herunter, klatsche mir grinsend auf den Bauch.
„Ach Quatsch, Sixpack izz da.“
Nicht gelogen. Vor drei Jahren fing ich an zu trainieren – ich musste etwas ändern. Damals war alles grau. Ich hatte mich isoliert, schlecht gegessen, war blass wie Kreide. Der Sport hat mich irgendwie gerettet.
„Sag mal, wann musst du heute anfangen?“
Ich halte kurz inne. „Halb neun. Heute ist die Rave harder, sleep later-Nacht. Es wird richtig voll – vermutlich bin ich erst gegen drei wieder da.“
Ich freue mich schon... auf kotzende Gäste, grapschende Machos und minderjährige Clubkids ohne Muttizettel. Die Bar meiner Mutter ist größer, als viele denken – eine ehemalige Lagerhalle mit drei Fluren. Nach ihrem Tod hat ihr bester Freund Jason übernommen. Für mich ist er wie ein großer Bruder.
Mein Vater runzelt die Stirn. Die Falte zwischen seinen Brauen verrät seine Sorge.
„Du weißt, wie ich dazu stehe, wenn du nachts alleine unterwegs bist. Klar, du bist volljährig und kannst dich wehren. Aber hast du die Nachrichten gehört? In der Gegend soll ein Mörder sein Unwesen treiben... Ich will einfach nicht, dass dir etwas passiert.“
Seine Angst rührt mich. Aber ich habe mich immer zurechtgefunden. Unsere Stadt ist nicht ungefährlich – aber warum sollte gerade ich...?
„Ich pass schon auf, Dad. Vielleicht fährt mich Veronica heim. Und ich hab mein Pfefferspray – und mein Messer. Notfalls ruf ich die Polizei.“
Sein Gesicht entspannt sich etwas. Wir beenden unser Frühstück schweigend – doch in meinen Gedanken bleibt sein Blick haften.