Schnee, der bleibt

All Rights Reserved ©

Summary

Manche Begegnungen sind Zufall. Andere passieren, weil zwei Leben zur gleichen Zeit am falschen Ort sind. Als Theresa den kleinen, schneeweißen Kater im Winter findet, ist er kaum mehr als ein leiser Atemzug im Schnee. Sie wollte nie eine Katze. Nie etwas, das bleibt. Nie etwas, das wieder gehen könnte. Doch Yuki entscheidet anders. Zwischen vorsichtiger Nähe und unausgesprochener Einsamkeit beginnt eine Verbindung zu wachsen, die keiner von beiden gesucht hat – und die doch genau zur richtigen Zeit entsteht. Aus der Sicht eines Katers, der die Welt erst kennenlernt, und einer Frau, die längst aufgehört hat, sich ihr zu öffnen, erzählt diese Geschichte von Stille, Verlust und der leisen Frage, ob manche Begegnungen vielleicht doch Schicksal sind. Und was es kostet, daran zu glauben. Dieses Buch enthält sensible Themen, darunter: Einsamkeit und emotionale Isolation, Verlust und Trauer, Krankheit und Sterblichkeit (Mensch und Tier), emotionale Abhängigkeit. Für Leserinnen und Leser, die auf diese Inhalte sensibel reagieren, könnte die Geschichte belastend sein.

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
13+

Etwas im Schnee

Der Schnee hatte diese unangenehme Eigenschaft, alles leiser wirken zu lassen, als es eigentlich war.

Theresa ging trotzdem raus.

Nicht, weil sie frische Luft brauchte. Eher, weil ihre Wohnung irgendwann zu einem Ort wurde, an dem Gedanken lauter waren als jede Unterhaltung. Und Gedanken… na ja. Gedanken hatten keine Miete gezahlt, aber sie lebten trotzdem bei ihr.

Der Weg durch den Winter war einfach. Gerade Linien, gleichmäßige Schritte, keine Überraschungen. Genau das, was sie wollte. Genau das, was sie nicht bekam.

Die Welt war weiß. Fast beleidigend sauber.

Der kleine Kater wusste nicht, dass er hätte frieren sollen, bevor er es tat.

Er wusste nur, dass Kälte irgendwann nicht mehr etwas war, das kam und ging, sondern etwas, das blieb. Wie ein schlechter Witz, den niemand auflöst.

Sein kleiner Körper lag halb unter einer dünnen Schicht Schnee, als hätte die Welt ihn vergessen, aber zu faul gewesen, ihn ganz verschwinden zu lassen.

Die zwei schwarzen Flecken auf seiner Stirn wirkten wie ein Versehen der Natur. Oder ihr einziger Versuch, aufmerksam zu sein.

Er hob den Kopf.

Theresa sah ihn erst nicht.

Nicht bewusst. Ihr Blick glitt einfach weiter, wie bei allem, was nicht in ihr geplantes Leben passte.

Dann blieb sie stehen.

Weil etwas nicht ins Bild passte.

Weil etwas atmete.

„Nein.“

Das Wort kam automatisch. Reflex. Schutzmechanismus. Ein kleiner Satz, der alles fernhalten sollte, was kompliziert werden konnte.

Der Kater bewegte sich.

Langsam. Unkoordiniert. Als würde er noch mit der Idee kämpfen, dass Bewegung eine gute Entscheidung ist.

Er fiel fast wieder um.

Theresa atmete aus.

Natürlich.

Natürlich war es so ein Tag.

Der weiße Knirps sah sie an.

Nicht wie ein Tier, das Hilfe verstand.

Eher wie etwas, das entschieden hatte, dass sie jetzt dazugehört.

Er machte ein Geräusch. Leise. Kein Miauen im klassischen Sinn. Mehr ein Versuch.

Theresa runzelte die Stirn.

„Du bist ein schlechter Zeitpunkt in Fellform.“

Der Kater blinzelte.

Offensichtlich kein Deutsch.

Schade. Das hätte vieles einfacher gemacht.

Er kroch ein Stück näher.

Nicht aus Mut.

Eher aus dem simplen Prinzip: Wärme existiert irgendwo, also bewege dich dorthin, bevor du aufhörst zu existieren.

Sein kleiner Körper zitterte stärker, aber er blieb hartnäckig. Oder dumm. Die Grenze war bei ihm noch nicht sauber definiert.

Er stoppte direkt vor ihren Schuhen.

Und setzte sich hin.

Als wäre das ein logisch abgeschlossener Lebensplan.

Theresa starrte ihn an.

Der Schnee fiel weiter. Die Welt war weiterhin ruhig. Nur ihr Kopf nicht.

„Du kannst nicht einfach… da sitzen.“

Der Kater tat genau das.

Sitzen.

Sehr überzeugend sogar.

Sie hätte weitergehen können.

Das wäre der einfache Teil gewesen. Der saubere Teil. Der Teil ohne Verantwortung, ohne spätere Gedanken um drei Uhr nachts.

Stattdessen kniete sie sich hin.

Als würde ihr Körper sie verraten.

„Wenn du gleich beißt, war das dein letzter Auftritt“, murmelte sie.

Der Kater streckte vorsichtig den Kopf vor.

Und stupste ihre Hand an.

Warm.

Nicht viel. Aber genug, um ihn sofort lächerlich mutig werden zu lassen.

Er drückte sich gegen ihre Finger, als hätte er beschlossen, dass sie jetzt sein Problem war.

Oder seine Lösung.

Schwer zu sagen bei Wesen, die gerade erst anfangen zu denken.

Theresa zog die Hand nicht weg.

Das war der eigentliche Fehler.

Sie wusste das in dem Moment. Klar und deutlich. Wie eine schlechte Vorahnung, die sich höflich setzt.

„Ich hab keine Katze gewollt“, sagte sie leise.

Der Kater antwortete nicht.

Er machte nur dieses kleine Geräusch wieder.

Diesmal klang es weniger wie Zufall.

Mehr wie Vertrauen, das noch nicht verstanden hatte, dass es gefährlich sein kann.

Sie sah sich um.

Keine Menschen. Keine Besitzer. Kein offensichtlicher Grund, warum das hier ihr Problem wurde.

Nur Schnee.

Und ein winziger weißer Fehler der Natur, der beschlossen hatte, ihr Leben kurz zu berühren.

„Das ist wirklich keine gute Idee“, sagte sie.

Der Kater legte den Kopf schief.

Als würde er zuhören.

Als würde er es ernst nehmen.

Am Ende war es nicht Entscheidung.

Es war Bewegung.

Sie hob ihn hoch.

Er war leichter, als er sein durfte.

Und wärmer, als er aussah.

Für einen Moment dachte sie, dass sie ihn wieder absetzen würde. Dass Vernunft irgendwann nachkommt.

Tat sie nicht.

„Ich bereue das später“, sagte sie.

Der kleine Kerl schlief halb in ihren Armen ein, als hätte er diese Entscheidung schon vor ihr getroffen.

Der Schnee fiel weiter.

Die Welt blieb gleichgültig.

Nur zwei Leben hatten sich gerade minimal verschoben.

Und beide hatten noch keine Ahnung, wie endgültig das war.