Nevermind the Minutes of Midnight

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Summary

Es handelt sich um eine Kurzgeschichte, in der ein Stalker ein Mädchen Nacht für Nacht beobachtet, sich nach ihr verzehrt und heimlich auf mehr hofft...

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Nevermind the Minutes of Midnight

Er sah sie. Jeden Abend. Jede Nacht. Wenn sie dort auf der Stufe vor ihrem Zuhause, ihrer Bleibe saß. Den Kopf gestützt auf einer Handfläche und seelenruhig in den Nachthimmel starrte. Genau dann kam ihre wahre Schönheit zum Vorschein. Goldblondes Haar, welches im fahlen Mondlicht zu strahlen schien. Ganz in weiß gekleidet. Junge und straffe Haut, während ihre Lippen so zärtlich wirkten. Zu gerne hätte er diese Lippen liebkost, doch sie waren für ihn so weit entfernt wie der Mond! Sie hatte noch nicht bemerkt, dass er sie beobachtete. Sie wusste auch nicht wie lange er sie schon durch sein kleines Fenster, in seinem kleinen Zimmer beschattete. Der heimliche Verehrer, welcher ihr still und heimlich jede Nacht zusah wie sie mit einer Locke ihres goldenen Haares spielte. Den die Sehnsucht nach ihr schon fast um den Verstand gebracht hatte. Jene Sehnsucht welche ihn jeden Abend wieder ans Fenster fesselte, ihm den Schlaf raubte. Gott, was würde er nicht alles tun, um nur einen Kuss von ihr zu erlangen. Auch wenn er wusste, dass dieser Traum vermutlich nie wahr werden würde. Er war lediglich ein Schatten, welcher ihr gierig folgte, sich an ihre Fersen heftete. Doch je näher er kam, desto weiter entfernte er sich von ihr und das wusste er auch. Ich würde alles tun, um sie für mich zu haben. Nur um sie für mich zu haben!

So saß er wieder mal spät nachts, kurz vor Mitternacht, vor Glockenschlag, an seinem kleinen Fenster und starrte, alles um sich herum vergessend, hinaus. Es war eine kalte Herbstnacht der Mond schien hell erleuchtet am Himmel. Jede Straße, jedes Haus, wirkte kühl und farblos in jenem Licht. Die Häuser waren dunkel, die meisten Menschen schliefen bereits. Ungeduldig starrte er immer wieder auf seine Uhr.

Noch 10 Minuten, 9 Minuten, 8 Minuten, …

Dann endlich geschah etwas, eine Tür öffnete sich! Ihre Tür öffnete sich! Er presste sich an die Scheibe um einen Blick zu erhaschen, sein Herz schlug wie verrückt und hämmerte gegen seinen Brustkorb. Er musste sie jetzt sehen, er hatte den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet. Doch es war eine Qual. Zuerst streckte sie nur ihre Hand heraus, welche im Mondlicht beinahe farblos wirkte. Sie drehte sie, spreizte die Finger als wollte sie spüren wie kalt es draußen ist. Die Bewegung an sich reichte jedoch schon aus um seine Begierde nach ihr nahezu unstillbar zu machen. Als nächstes schob sie vorsichtig einen Fuß hervor, sie war barfuß, hatte keine Schuhe an. Auch dieser war farblos im Mondlicht und setze Stück für Stück das Puzzle zu einem kompletten Bild von ihr zusammen. Er hielt die Luft an, traute sich nicht zu atmen und dann endlich, nach weiteren, quälenden Sekunden zeigte sie sich ganz!

Als sie ins Licht trat, hörte sein Herz beinahe auf zu schlagen. Ihre Schönheit war überwältigend. Das Haar lang und blond über die Schulter fallend, verhüllt in ihrem weißen Nachtkleid, genau wie er sie noch in Erinnerung hatte. Sie ging ein paar Schritte und setzte sich schließlich auf die unterste Treppenstufe, genau auf die gleiche Stelle wo sie schon die Nächte zuvor gesessen hatte. Langsam, fast schon vorsichtig, legte sie den Kopf zurück und begann sich eine ihrer langen blonden Locken um den Finger zu wickeln. Wie hypnotisiert beobachtete er sie dabei, so nah, dass es schmerzte. Das es ihn wahnsinnig machte. Er legte eine Hand flach auf die Scheibe, spürte die Kälte.

Der Mond strahlte so hell, dass die Grabsteine um sie herum lange dünne Schatten warfen. Die Tür zu ihrem Zuhause, einer eisigen Gruft, war weit geöffnet und erinnerte an einen dunklen Schlund. Ihr zerrissenes, weißes Kleid, war an manchen Stellen kaum von ihrer blassen toten Haut zu unterscheiden. Wie verzaubert musterte er jede ihrer Bewegungen. Wie sich der Körper unter dem Kleid bewegte, wie sie an ihrem Haar zupfte. Er liebte sie, zumindest glaubte er das. Plötzlich drehte sie sich herum, er zuckte zusammen und wich ein Stück von der Scheibe zurück. Die Angst erwischt zu werden überkam ihn. Die Angst gesehen zu werden. Doch sie hatte lediglich Augen für eine der weißen Rosen, die neben ihrer Gruft wuchsen. Hell und schneeweiß streckten sie sich hinauf aus einem kleinen Beet, dem Nachthimmel entgegen. Sie pflückte eine davon, ganz zögerlich, wog sie sanft in ihrer Hand und begann dann vorsichtig die Umrisse der Rose nachzufahren. Mit einer kindlichen Sorgfalt drehte sie die Rose in ihrer Hand, hob sie an ihre Nase, roch daran und begann dann leise zu summen. Zuerst hielt er es nur für Wind rauschen, welches leise durch die Nacht zog. Doch als er genauer hinhörte, vernahm er eine sanfte, mitfühlende Melodie, kaum hörbar aber trotzdem da. Etwas was eigentlich gar nicht sein durfte. Gar nicht möglich sein sollte, sie durch sein geschlossenes Fenster zuhören. Es war wie als summe sie direkt in seinem Kopf. Er lauschte konzentriert. Sie hatte noch nie zuvor gesungen. An keinem der Abende davor. Aber es gefiel ihm.

Ihr Gesang war ein sanfter und schöner Ton, eine Ruhe breitete sich langsam in ihm aus. Die Melodie trug ihn hinfort, aus dem hier und jetzt. Weit, weit weg. Er schloss die Augen für einen Moment, um sich ganz von ihr führen zu lassen. Sich tragen zu lassen. Und im Rausch dieser schönen Melodie hörte er sie, hörte er ihre Stimme. Sie klang wie ein Engel. Zumindest war er überzeugt, dass wenn es welche gäbe, sie sich genauso anhören mussten. Zuerst waren es nur einige wenige leise Silben denen er lauschen konnte, die jedoch rasant anstiegen zu einer Oper der Gefühle. In ihm breitete sich Wärme und Gelassenheit aus, er hätte dieser wunderbaren Stimme noch stundenlang zuhören können, wobei er kein einziges Wort davon verstand. Er musste es wissen, er musste hören was sie sang, die Strophen, die Worte, die Bedeutung…

Gefangen in der Melodie und im Bann ihrer Stimme, machte er sich daran sein Fenster zu öffnen. Nur ein Spalt, redete er sich selbst ein, ein kleiner Spalt reicht vollkommen aus. Jeglichen normalen Denkens verloren, schob er langsam den Griff hinauf. Es knarrte leise, kaum hörbar. Das Fenster schwang einen spaltbreit auf und gleichzeitig endete der Gesang. Er erstarrte in der Bewegung. Das geöffnete Fenster noch immer in der Hand haltend, starrte er hinab zu ihr und sah wie sie blitzartig den Kopf drehte. Nun sah er sie in ihrer vollkommenen Schönheit. Die blassen Augen, funkelten im Dunkeln. Wie zwei kleine glänzende Punkte starrten sie ihn an, musterten ihn und blickten ihm tief in seine Seele. Außerstande sich zu bewegen stand er einfach nur da. Regungslos, wie gelähmt. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. Sie begann flüchtig zu lächeln, seine Starre löste sich und er trat instinktiv zwei Schritte zurück, außerhalb ihres Sichtfeldes. Was hatte er nur getan, er hätte vorsichtiger sein müssen dachte er verzweifelt. Sie hatte ihn auf frischer Tat ertappt, erwischt wie er sie gierig beobachtet hatte, was nun? Was sollte er tun? Panik durchströmte seinen Körper, stellte seine Nackenhaare auf. Sein Herz trommelte in seiner Brust. Doch da war noch ein anderes Gefühl, welches sich langsamer aber intensiver als seine Panik ausbreitete, ein Gefühl was jegliche Sorge und Vorsicht hinfort wusch, ein trügerisches Gefühl von Hoffnung und von … Liebe. Die Schlinge zog sich zu.

Sie hat mich gesehen, sie hat mich gesehen wiederholte er immer wieder und wieder in seinem Kopf. Seine Gedanken und Gefühle flogen nur so durcheinander. Er merkte wie er am ganzen Körper zu schwitzen begann und wie sich Gänsehaut von seinem Nacken über die Schultern auf seinem kompletten Körper ausbreitete. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er hegte nur noch einen einzigen Wunsch. Einen einzigen, sehnsüchtigen Wunsch, welcher seine ganze Gedankenwelt ausfüllte. Dem Verlangen erlegen, isoliert vom eigenen Verstand, schob er sich wieder vor das kleine Fenster. Doch sie war weg! Die Stufe vor der Gruft war leer, nur die gepflückte Rose war Zeuge, das hier vor wenigen Sekunden noch eine singende Schönheit gesessen hatte. Fieberhaft presste er die Hände gegen das Fenster, welches wieder einen Spalt weit aufschwang. Er suchte den ganzen Friedhof sorgfältig mit den Augen ab. Wohin war sie nur verschwunden? Zurück in ihre Gruft oder war sie etwa … Die Antwort auf seine Frage folgte so gleich, als eine bleiche Hand den Fensterrahmen ergriff und das Fenster blitzschnell aufriss. Sie war schnell, sehr schnell! Im Bruchteil einer Sekunde schwang sie sich herein. Da saß sie plötzlich. Vor ihm, auf seiner Fensterbank. Angesicht zu Angesicht. Ihr Gesicht so nahe an seinem, dass er ihren kalten Atem auf seiner Haut spürte und ihre zarten Lippen beinahe hätte küssen können. Alles ging so schnell, dass er gar nicht realisierte, dass er fiel. Seine Beine gaben nach und der Fußboden begrüßte ihn hart. Die Glieder von sich gestreckt schnappte er nach Luft, sein Herz fühlte sich an als würde es jeden Moment gleich explodieren. Doch er hatte keine Zeit auf seinen schmerzenden Körper oder das ungleichmäßige schlagen seines Herzens zu hören. Als er aufblickte bemerkte er das sie kicherte. Da saß sie nun auf seinem Fensterbrett, in seinem Zimmer und schaukelte mit den Beinen in der Luft. Er konnte seinen Augen nicht glauben, er versuchte sich aufzusetzen, das kichern endete abrupt. Stattdessen starten ihn nun zwei funkelnde Augen an. Eine Schweißperle rann ihm über die Stirn. Dann begann sie sich nach vorne zu lehnen, „Hallo“ flüsterte sie in einem kalten, aber lieblichem Tonfall. Würde er nicht solche Schmerzen empfinden, hätte er diese ganze Szenerie vermutlich für einen Traum gehalten. Nur war dem nicht so. Ob er das schade fand konnte er im Moment nicht beurteilen. Nie hätte er es sich vorstellen können, sie so nah vor sich zu haben. Wenn er auch davon geträumt hatte, es sich in jenem tiefsten Punkt seiner Seele gewünscht hatte. Und in der Nähe, wie er unweigerlich feststellen musste, war sie sogar noch schöner! Sie lächelte und ließ sich langsam von der Fensterbank hinabgleiten „Bitte geh nicht weg, ich fühle mich so allein und einsam“ flüsterte sie. Ihre Augen funkelten ihn aus dem Schatten heraus an. Er verfolgte jede Bewegung ihres eleganten Körpers auf das Genaueste, war jedoch immer noch außerstande sich zu bewegen. Dann näherte sie sich. Langsam und vorsichtig. Sie wählte jede ihrer Bewegungen sorgfältig und achtete immer darauf direkten Blickkontakt zu halten. Die blassen Augen, strahlten etwas aus, er konnte es nicht beschreiben aber es … es war wunderschön. Sie drängte sich an ihn, legte eine Hand auf seine Brust. Sie war kalt, doch die Berührung zärtlich. Sie roch nach Stein und Staub, doch auch frisch und leicht süßlich, wie eine Rose. Den Blickkontakt unterbrach sie kein einziges mal. Die blassblaue Farbe erinnerte ihn an einen Ozean, nein mehr wie blaue Wellen mit silberner Gischt die durch ein blasses Meer zogen. Sein Herzschlag wurde langsamer, seine Gedanken verschwammen zu einem wirren Brei. Sie begann sich langsam nach vorne zu beugen, ihren Mund neben seinem Ohr flüsterte sie „Es ist okay, hab keine Angst“. Sie umarmte ihn und in diesem Moment passierte etwas mit ihm. Sein Herz beruhigte sich. Sein Körper entspannte sich. Er hatte nur noch Augen für sie, für dieses goldene Haar, die zarte Haut alles was er bisher nur von der Ferne betrachten konnte es … es war auf einmal alles da. Sie löste sich, lächelte und fuhr ihm mit der Hand sanft übers Gesicht. Er betrachtete sie aufmerksam wie er es schon immer aus der Nähe hatte tun wollen. Langsam griff er mit seiner Hand nach der ihren, sie war eiskalt doch das störte ihn nicht. Diese Augen, wie ein gewaltiger Ozean wiederholte er in seinem Kopf. Im Bann jener Augen, spülte eine gewaltig blau-silberne Welle alle Gedanken hinfort. Zurück, in seinem Kopf, blieb lediglich eine seltsame Leere. Sie begann wieder zu flüstern, kaum hörbar. „Küss mich“! Sie lächelte sanft und lehnte den Kopf weiter vor.

Plötzlich zerriss eine Stimme die Leere in seinem Kopf. Ein letzter Aufschrei.

„Sie ist nicht echt“ schrie die Stimme.

Ein flüstern von ihr, kaum verständlich aber trotzdem klar „Vergiss es nicht“.

Die Stimme, „Sie ist nicht echt!“

Ihr flüstern in seinem Ohr, „Vergiss es bitte nicht“!

Sein Unterbewusstsein wehrte sich schrie doch es kam nicht gegen die Wellen an.

„Du kannst sie nicht real machen!“

„Vergiss niemals diese letzten Minuten vor Mitternacht“.

Dann beugte sie sich vor, küsste ihn und die Stimme verstummte. Ein süßlicher Geschmack, ein erfüllter Traum, es war besiegelt und draußen wehte ein kühler Wind die gepflückte Rose in ihr nasses und schlammiges Grab…