Kapitel 1
Der Regen prasselte gegen die hohen Fensterscheiben von Blackwood Books.
Elena Moreau liebte dieses Geräusch.
Es ließ die Welt draußen verschwimmen. Menschen wurden zu Schatten hinter nassem Glas, Autos zu flackernden Lichtstreifen in der Dunkelheit. Der Sturm verschluckte die Geräusche der Stadt und machte den kleinen Buchladen zu einem eigenen Universum.
Warm. Still. Sicher.
Zumindest glaubte Elena das.
Sie saß hinter dem alten Holztresen, die Beine unter sich gezogen, während das matte Licht der Schreibtischlampe auf ihren Laptop fiel. Der Cursor blinkte ungeduldig auf dem leeren Dokument.
Wartend.
Immer wartend.
Elena strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr und starrte auf den Bildschirm. Die Worte wollten heute nicht kommen.
Vielleicht weil die Nacht zu ruhig war. Oder weil sie seit Tagen das Gefühl hatte, beobachtet zu werden.
„Du denkst zu viel.“
Maya stellte zwei Kaffeebecher auf den Tresen und zog sich ihre Lederjacke über die Schultern. Wie immer roch sie nach Vanilleparfüm und Zigarettenrauch.
Elena nahm dankbar den Kaffee entgegen.
„Das sagt die Frau, die letzte Woche mit ihrem Ex Schluss gemacht hat, weil er die falschen Bücher liest.“
„Das war ein absolut legitimer Grund.“
Elena schnaubte leise.
Maya grinste. „Was schreibst du diesmal? Wieder toxische Männer mit Daddy-Problemen?“
„Das verkauft sich.“
„Und was sagt das über dich aus?“
Elena hob trocken eine Augenbraue. „Dass Therapie teuer ist.“
Maya lachte laut auf.
Für einen kurzen Moment fühlte sich alles normal an.
Einfach. Leicht.
Doch das hielt nie lange.
Die Uhr hinter ihnen sprang auf 23:47 Uhr.
Maya verzog das Gesicht.
„Ich muss los. Sonst bringt mich meine Mitbewohnerin um.“
„Grüß sie von mir.“
„Mach ich.“
Sie schnappte sich ihre Tasche und ging Richtung Ausgang, blieb jedoch direkt vor der Tür noch einmal stehen.
„Elena?“
„Hm?“
„Bleib heute Nacht nicht zu lange allein hier.“
Elena runzelte die Stirn.
„Warum klingt das wie die Einleitung eines Horrorfilms?“
„Keine Ahnung.“ Maya zuckte mit den Schultern. „Die Stadt fühlt sich heute einfach komisch an.“
Noctis Vale fühlte sich immer komisch an.
Die Stadt lebte von Dunkelheit. Von Geheimnissen. Von Menschen, die nachts gefährlicher wurden.
Deshalb liebte Elena sie wahrscheinlich so sehr.
Die Glocke über der Tür klingelte leise, als Maya verschwand.
Dann wurde es still.
Nur Regen. Und Bücher.
Elena atmete tief durch und blickte erneut auf ihren Laptop.
Sie schrieb unter einem Pseudonym düstere Liebesromane. Geschichten über gefährliche Männer und Frauen, die trotzdem nicht von ihnen wegkamen.
Ironisch.
Denn im echten Leben hielt Elena Abstand von allem Gefährlichen.
Sie lebte zwischen Romanen und Kaffeeduft. Zwischen Fantasie und Realität. Und meistens fühlte sich Fantasie sicherer an.
Ihre Finger begannen endlich über die Tastatur zu gleiten.
> Er sah sie an, als wäre Liebe nur eine andere Form von Gewalt.
Elena hielt kurz inne.
Ein Schauer kroch über ihren Rücken.
Manchmal erschreckten ihre eigenen Gedanken sie.
Plötzlich erklang die Glocke über der Tür erneut.
Elena hob überrascht den Kopf.
„Wir haben geschlossen“, sagte sie automatisch.
Doch die Worte blieben ihr beinahe im Hals stecken.
Ein Mann stand im Eingang.
Groß. Ganz in Schwarz. Regen tropfte von seinem dunklen Mantel auf den Holzboden.
Er bewegte sich nicht sofort.
Stand einfach nur da.
Und beobachtete den Laden.
Etwas an ihm fühlte sich falsch an.
Nicht laut falsch. Nicht offensichtlich gefährlich.
Eher wie ein Schatten, der nicht dorthin gehörte.
Langsam trat er ein.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Elena spürte plötzlich jede Bewegung ihres Körpers bewusster. Ihren Herzschlag. Ihre Atmung.
Der Fremde ließ seinen Blick über die Regale gleiten, bevor seine Augen schließlich auf ihr liegen blieben.
Dunkel.
Fast schwarz.
Und erschreckend ruhig.
„Wie romantisch“, sagte er leise.
Seine Stimme war tief und rau. Als hätte er zu viele Dinge erlebt, über die Menschen normalerweise schwiegen.
Elena verschränkte automatisch die Arme.
„Entschuldigung?“
Sein Blick glitt kurz zu ihrem Laptop.
„Die Zeile.“
Hitze kroch ihr sofort in den Nacken.
Verdammt.
Sie hatte vergessen, den Bildschirm zu schließen.
„Sie sollten keine fremden Texte lesen.“
„Vielleicht sollten Sie sie nicht offen stehen lassen.“
Arrogant.
Elena mochte ihn sofort nicht.
„Wie gesagt, wir haben geschlossen.“
Der Mann ignorierte den Hinweis völlig und lief langsam an einem Regal entlang. Seine Finger strichen über alte Buchrücken, beinahe vorsichtig.
Doch selbst diese kleine Bewegung wirkte kontrolliert. Gefährlich.
„Verkaufen Sie oft Geschichten über Monster?“ fragte er schließlich.
Elena zog eine Augenbraue hoch.
„Kommt darauf an, wie viel bezahlt wird.“
Für den Bruchteil einer Sekunde erschien tatsächlich etwas wie Belustigung in seinem Blick.
Dann blieb er abrupt vor einem Regal stehen.
Seine Hand griff nach einem schwarzen Buch.
Obsidian.
Elena runzelte leicht die Stirn.
Sie hatte dieses Buch noch nie zuvor gesehen.
Der Fremde betrachtete das Cover einige Sekunden schweigend, bevor er damit zum Tresen kam.
Je näher er kam, desto stärker spürte Elena diese seltsame Spannung in der Luft.
Als würde ihr Instinkt ihr zuflüstern zu rennen.
Und gleichzeitig stehen zu bleiben.
Der Mann legte das Buch langsam vor ihr ab.
„Interessante Wahl“, sagte Elena ruhig.
„Nicht jede Geschichte endet mit Rettung.“
Seine Augen ruhten direkt auf ihr.
Zu intensiv. Zu aufmerksam.
Elena schluckte kaum merklich.
„Das klingt deprimierend.“
„Realistisch.“
Stille breitete sich aus.
Draußen donnerte es leise.
Elena griff nach dem Buch, doch in dem Moment berührten ihre Finger seine Hand.
Eiskalt.
Ein unerklärlicher Schauder lief über ihren Rücken.
Der Fremde zog langsam eine schwarze Karte aus seiner Manteltasche und legte sie auf den Tresen.
Keine Bank.
Keine Firma.
Nur ein Name.
Nero De Luca.
Elena erstarrte innerlich.
Diesen Namen kannte jeder in Noctis Vale.
Man sprach ihn nur selten laut aus.
Die De Lucas waren Macht. Gefahr. Gerüchte über Blut und verschwundene Menschen.
Mafia.
Sie zwang sich trotzdem ruhig zu bleiben.
„Sie sind also wirklich echt.“
Nero beobachtete sie schweigend.
„Enttäuscht?“
„Ich hatte gehofft, die Stadt übertreibt.“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinen Lippen.
Doch es erreichte seine Augen nicht.
Diese Augen blieben kalt.
Müde.
Fast leer.
Nero nahm das Buch wieder in die Hand.
Dann beugte er sich leicht vor.
Viel zu nah.
Elena spürte sofort, wie ihr Herz schneller schlug.
„Bleiben Sie heute Nacht nicht zu lange draußen, Elena.“
Ihre Kehle wurde trocken.
Sie hatte ihm ihren Namen nie genannt.
Langsam hob sie den Blick.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Nero antwortete nicht sofort.
Er sah sie einfach nur an.
Als würde er überlegen, wie viel Wahrheit sie bereits ertragen konnte.
Dann richtete er sich wieder auf.
„Noctis Vale ist gefährlicher, als Sie denken.“
Die Worte ließen Kälte durch ihren Körper kriechen.
„War das eine Drohung?“
„Eine Warnung.“
Und plötzlich wirkte der kleine Buchladen nicht mehr sicher.
Nicht mehr warm.
Nicht mehr wie Zuhause.
Nero drehte sich um und ging Richtung Ausgang.
Die Glocke über der Tür klingelte erneut, als er verschwand.
Elena blieb reglos hinter dem Tresen stehen.
Erst Sekunden später bemerkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte.
Draußen verschwand Nero De Luca langsam in der regennassen Dunkelheit von Noctis Vale.
Und ohne zu wissen warum, hatte Elena plötzlich das Gefühl, dass sich ihr Leben soeben unwiderruflich verändert hatte.