Kapitel 1 – Wo alles begann
Die ersten Sonnenstrahlen tauchten die Küste Kubas in ein warmes, goldenes Licht. Das Meer war ruhig, nur das leise Rauschen der Wellen und das Zwitschern der Vögel durchbrachen die morgendliche Stille. Aus den kleinen Häusern drang bereits Musik, irgendwo lachte jemand und auf den Straßen begann das Leben, lange bevor die Hitze des Tages einsetzte.
Auf Kuba war das Leben anders.
Nicht jeder besaß viel. Doch fast jeder besaß jemanden. Türen standen offen, Nachbarn halfen sich gegenseitig und Familie bedeutete mehr als alles andere.
Auch für Majel.
Sie lebte gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in einem kleinen Haus mitten im Campo. Schon früh hatte sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Während ihre Mutter arbeitete, kümmerte sich Majel um den Haushalt, kochte, wusch Wäsche und sorgte dafür, dass es ihren Schwestern gut ging. Besonders ihre älteste Schwester brauchte viel Unterstützung. Sie war seit ihrer Geburt körperlich eingeschränkt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Für Majel war das nie eine Belastung. Es war selbstverständlich.
Sie tat es aus Liebe.
Trotz der einfachen Verhältnisse verlor sie nie ihr Lächeln.
Wer Majel begegnete, begegnete einem Menschen voller Lebensfreude. Sie lachte gerne, war hilfsbereit und sah in jedem neuen Tag etwas Gutes.
An diesem Morgen wollte ihre Familie einfach nur ein paar unbeschwerte Stunden am Strand verbringen. Für einen Moment den Alltag vergessen, das Meer genießen und gemeinsam Zeit verbringen.
Zur selben Zeit landete ein Mann aus Deutschland auf der Insel.
Joseph.
Er reiste allein. Schon immer hatte er gerne andere Länder kennengelernt – nicht wegen der Hotels oder Sehenswürdigkeiten, sondern wegen der Menschen. Er war offen, humorvoll und kam schnell mit anderen ins Gespräch.
Während viele Touristen lieber unter sich blieben, zog es Joseph dorthin, wo das echte Leben stattfand.
Am nächsten Morgen führte ihn sein Spaziergang am Strand entlang.
Ein leichter Wind wehte vom Meer herüber.
Für Joseph war es angenehm.
Für jemanden, der auf Kuba lebte, fühlte es sich überraschend kühl an.
Ein paar Meter entfernt saß eine junge Frau im Sand und zog ihre Arme eng um den Körper.
Joseph musste schmunzeln.
Er trat vorsichtig näher.
„Ist Ihnen kalt?“
Die junge Frau blickte auf.
„Natürlich.“
Joseph lachte.
„Bei uns in Deutschland würden manche jetzt noch ins Wasser springen.“
Sie sah ihn ungläubig an.
„Dann seid ihr Deutschen verrückt.“
Beide mussten lachen.
Joseph zog seine leichte Jacke aus und hielt sie ihr hin.
„Hier.“
Majel sah erst die Jacke an, dann ihn.
„Sind Sie mein Arzt?“
Joseph runzelte gespielt die Stirn.
„Nein.“
„Dann müssen Sie sich keine Sorgen um mich machen.“
„Vielleicht mache ich mir trotzdem welche.“
Ein Lächeln huschte über Majels Gesicht.
„Dann sind Sie entweder Arzt oder einfach ein netter Mensch.“
„Ich hoffe auf Letzteres.“
Nach kurzem Zögern nahm sie die Jacke entgegen.
„Danke.“
Es war nur ein kurzer Moment.
Ein paar Sätze.
Ein gemeinsames Lachen.
Doch keiner von beiden wusste, dass genau diese Begegnung ihr Leben verändern würde.
In den folgenden Tagen begegneten sie sich immer wieder.
Mal am Strand.
Mal im Dorf.
Mal ganz zufällig auf dem Markt.
Aus einem freundlichen Gruß wurden Gespräche.
Aus Gesprächen entstand Vertrautheit.
Joseph lernte nach und nach auch Majels Familie kennen. Er verstand sich gut mit ihrer Mutter, half ganz selbstverständlich, wenn irgendwo etwas getragen oder repariert werden musste, und wurde überall herzlich empfangen.
Für Majels Familie war er kein Tourist.
Er war einfach Joseph.
Mit jedem Tag freuten sich beide mehr auf die nächste Begegnung.
Nie sprachen sie über Liebe.
Nie machten sie sich große Versprechen.
Sie genossen einfach die gemeinsame Zeit.
Doch irgendwann kam der Tag des Abschieds.
Joseph musste zurück nach Deutschland.
Am Flughafen fiel ihm das Weggehen schwerer als erwartet.
Er verabschiedete sich von Majel und ihrer Familie.
„Pass gut auf dich auf“, sagte sie leise.
„Das mache ich.“
Für einen kurzen Moment schwiegen beide.
Dann lächelte Joseph.
„Ich komme wieder.“
Majel erwiderte das Lächeln.
„Ich werde warten.“
Als das Flugzeug abhob und Kuba unter den Wolken langsam kleiner wurde, blickte Joseph noch lange aus dem Fenster.
Er wusste nicht, wann er zurückkehren würde.
Doch eines wusste er ganz sicher.
Ein Teil seines Herzens war auf dieser Insel geblieben.








