Der Mann mit den grünen Augen
Sirius Black hielt sich für einen hervorragenden Menschenkenner. Er brauchte normalerweise genau drei Sekunden, um jemanden einzuschätzen: Snape war ein wandelnder Fettfleck, Pettigrew brauchte Rückgrat, Remus brauchte mehr Schokolade und James brauchte ein Date mit Lily Evans.
Doch als die Flügeltüren der Großen Halle aufstießen und Dumbledore vier Gestalten hineingeleitete, brauchte Sirius keine drei Sekunden. Er brauchte nur einen einzigen Herzschlag, um zu wissen, dass seine Welt gerade aus den Angeln gehoben worden war.
„Seht euch das an“, murmelte James neben ihm und stützte das Kinn auf die Handflächen. „Wer sind die Kids? Doch wohl keine Erstklässler…“
„Viel zu alt“, brummte Remus, der die Stirn kraus zog. „Die sind in unserem Alter.“
Sirius hörte ihnen kaum zu. Seine grauen Augen klebten an dem Mann, der hinter den drei Jugendlichen lief.
Er war jung. Verdammt jung für einen Lehrer – kaum älter als Anfang zwanzig. Er trug schlichte, dunkle Schulterumhänge, die ihm etwas Gefährliches verliehen, und sein schwarzes Haar war ein noch größeres Chaos als das von James. Aber es waren seine Augen, die Sirius den Atem raubten. Ein leuchtendes, fast magisches Smaragdgrün. Und sie lagen auf der Halle mit einer Mischung aus tiefer Nostalgie, schmerzhafter Sehnsucht… und einer Selbstverständlichkeit, die Sirius eine Gänsehaut bescherte.
Als der Blick des Fremden über den Gryffindor-Tisch streifte und genau auf Sirius hängen blieb, geschah etwas Seltsames. Der Lehrer blieb nicht kühl oder distanziert. Ein langsam aufsteigendes, leicht schiefes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Es war ein Blick voller Vertrautheit. Als würde er Sirius in- und auswendig kennen. Und als würde ihm gefallen, was er sah.
Merlin, dachte Sirius, und sein Herz machte einen völlig ungebührlichen Satz gegen seine Rippen. Wer ist das?
Dumbledore trat an das Podium und die Halle verstummte. „Ein außergewöhnliches Jahr erfordert außergewöhnliche Maßnahmen, meine lieben Schüler“, rief der Schulleiter mit gewohntem Funkeln in den Augen. „Wir begrüßen heute nicht nur drei neue Mitschüler im sechsten Jahrgang, sondern auch Ihren neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste: Professor Harry Evans.“
Ein Munkeln ging durch die Halle.
„Und“, fuhr Dumbledore fort, „um Gerüchten vorzubeugen: Mister Teddy, Mister James und Mister Sirius Evans sind nicht nur neue Schüler… sie sind die adoptierten Söhne von Professor Evans.“
Sirius verschluckte sich an seinem Kürbissaft. „Er hat was?!“, keuchte er und hustete. „Der Kerl ist doch kaum älter als wir! Wie kann der drei sechzehnjährige Söhne haben?!“
„Und warum zum Teufel heißt einer von ihnen Sirius?“, zischte James und starrte seinen besten Freund an. „Pads… hast du uns irgendwas zu beichten? Hat deine Mutter ein Geheimnis?“
„Ich kenne diesen Typen nicht!“, verteidigte sich Sirius, obwohl sein Blick unwillkürlich zu dem Jungen wanderte, der seinen Namen trug. Der Junge – Sirius – hatte dunkles Haar, kluge, wache Augen und grinsten James und Sirius gerade spöttisch an. Neben ihm stand ein Junge mit leuchtend blauen Haaren, die sich im Sekundenakt ins Türkise verfärbten, und ein dritter, der wie eine Mischung aus James Potter und dem Professor aussah.
Aber Sirius’ Blick wandere sofort wieder zurück zu dem Mann am Lehrertisch.
Professor Evans – Harry – zog gerade seinen Umhang aus und hängte ihn über den Stuhl. Darunter trug er ein eng anliegendes, dunkles Hemd, das die Muskeln an seinen Schultern und seinem Rücken deutlich abzeichnete. Dieser Mann hatte nicht nur im Archiv gesessen; er sah aus wie jemand, der Kriege überlebt hatte.
In diesem Moment sah Harry erneut zu Sirius hinüber. Er zog eine Braue hoch, winkte mit einer kaum merklichen Bewegung seiner Finger und fuhr sich dann mit der Zunge über die Unterlippe, während seine grünen Augen Dunkelheit und Verlangen ausstrahlten. Keinerlei Anstalt, sich wie ein korrekter Lehrer zu verhalten. Keinerlei Versuch, die Distanz zu wahren.
Sirius spürte, wie ihm die Hitze bis in die Ohrläppchen stieg. Ein breites, raubtierhaftes Grinsen stahl sich auf seine Lippen.
Er flirtet mit mir, realisierte Sirius mit einem elektrisierenden Gefühl im Magen. Der neue VDKD-Lehrer flirtet ganz offen mit mir.
„Moony“, flüsterte Sirius, ohne den Blick von Harry zu wenden, der sich gerade ganz entspannt an seinen Platz setzte und sich ein Glas Kürbissaft einschenkte. „Ich glaube, ich habe mein neues Lieblingsfach gefunden.“
„Padfoot, nein“, seufzte Remus massierte sich die Schläfen. „Er ist dein Lehrer. Und er hat drei Kinder.“
„Er ist verdammt attraktiv, er ist single und er sieht mich an, als wäre ich sein Abendessen“, konterte Sirius leise, während seine Augen auf Harrys Lippen ruhten. „Scheiß auf die Schulregeln. Den Mann schnappe ich mir.“
Am Lehrertisch hob Harry sein Glas genau in Sirius’ Richtung, lehnte sich zurück und nahm einen Schluck, während seine Augen glühten. Er hörte die Warnungen der Zeitlinie nicht. Er dachte nicht an Dumbledore oder die Zukunft. Er sah nur den jungen Sirius Black – lebendig, schön und bereit zum Spiel – und Harry war nicht dumm genug, sich diese Chance entgehen zu lassen.








