Die Mathairei - Elarune

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Summary

Elarune Scardaburhing ist die amtierende Mathair – Erbin einer uralten Linie weiblicher Hüterinnen, deren Pflicht es ist, das mystische Artefakt dìon sgiath zu bewahren. Ihre Blutlinie besteht einzig aus Frauen, die dieses Erbe weitertragen – vorausgesetzt, jede Mathair bringt eine Tochter zur Welt. Mit zwanzig Jahren ist Elarune in einem Alter, in dem Frauen ihrer Zeit meist verheiratet sind und bereits Kinder haben. Doch sie ist anders: auserwählt – und allein. Der Gedanke, einen Mann zu wählen, nur um ihrer Pflicht nachzukommen, widerspricht ihrem inneren Widerstand. Als Hüterin Diathans lastet auf ihr eine einzige, alles bestimmende Aufgabe: einen Gefährten zu finden, eine Tochter zu gebären – damit das Wissen um Diathan, das Dìon Sgiath und die Sgaile nicht für immer verloren geht.

Genre
Fantasy
Author
Tara_Del
Status
Complete
Chapters
20
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog

Prolog

SCARDEBURH, 1010

Ein neues Leben – das ist es, was ich suche. Der einzige Grund, weshalb ich den beschwerlichen Weg nach Lundenburgh auf mich nehme. Es wird wohl mein größtes Abenteuer – eines, das mir alles abverlangen wird. Ich reise nicht wie die Kaufleute bequem auf ihren Fuhrwerken oder auf kräftigen Reittieren. Selbst die jungen Töchter aus gutem Hause, die von Ammen oder Eltern begleitet werden, genießen weit mehr Komfort. Ich hingegen werde mir abends die wunden Füße reiben, nur um am nächsten Morgen erneut aufzubrechen. Und doch ist der Anlass unserer Reise derselbe: Auch ich suche mein Glück – und hoffe, in der wachsenden Stadt am Ufer der Thames einen Gemahl zu finden. Mein Name ist Elarune Scardaburhing. Ich bin eine Frau, die ihr Leben selbstbestimmt führt und genau weiß, was sie will – und dies ist meine Geschichte.

Die Töchter der feinen Gesellschaft sind meist knabenhaft schlank, mit zarten Händen, die nie echte Arbeit gekannt haben – geschweige denn den täglichen Kampf ums Überleben. Ich dagegen bin klein und von kräftiger Statur, mein Körper wohlgerundet und widerstandsfähig. Meine feuerroten Haare reichen mir offen bis ans Gesäß, doch aus praktischen Gründen trage ich sie stets hochgesteckt in einem festen Knoten. Mein Gesicht ist nicht fein und ebenmäßig, wie das der edlen Töchter – es ist kantig, mit einer ausgeprägten Kinnpartie. Meine Haut ist von der Sonne gegerbt und übersät mit Sommersprossen. Nur meine Nase ist klein und zierlich, meine Lippen schmal und ohne besonderen Schwung. Mit ein wenig Wohlwollen könnte man meine Augen als ansehnlich bezeichnen. Sie sind groß, leicht mandelförmig und ihre Farbe verändert sich je nach meinem Gemüt. Meine Mutter erkannte stets an ihnen, wie es um mein Innerstes stand. „Kind“, sagte sie oft, „wenn die Wut dich zerfrisst, gleichen deine Augen dem frischen Trieb der Blautanne. Und wenn dich die Trauer befällt, sehe ich darin das tiefe Meer.“ Meine Hände sind rau und von Narben gezeichnet – Spuren eines Lebens voller Arbeit. Zeit meines Lebens musste ich für meinen Unterhalt schuften: die Felder bestellen, die wenigen Tiere versorgen. Eine reiche Ernte war nie zu erwarten – der Boden ist karg, das Land erbarmungslos. Wahrer Luxus? Das bedeutete für mich Zeit. Zeit, am Feuer zu sitzen, einen Tee zu trinken oder das nahe Kloster zu besuchen.

Das Land meiner Ahnen liegt auf Scardeburhnes. Hier lebten viele Generationen meiner Vorgängerinnen – allesamt Hüterinnen, Mathairei wie ich. Der Wind weht Tag und Nacht um die schützenden Mauern meines bescheidenen Heims, trägt das Salz des Meeres und die uralte Geschichte dieser Stätte mit sich. Und mittlerweile kann ich mich nicht mehr als jung bezeichnen. Mit zwanzig Wintern gehöre ich bereits zur mittleren Altersschicht.

Meine geliebte Mutter liegt schon seit vielen Jahren neben der kleinen Kapelle beim Kloster begraben, zusammen mit meinem Vater. Mit ihrem Tod verlor ich meinen Ankerpunkt – den einzigen Menschen, auf den ich mich immer verlassen konnte. Sie verstand meine Ängste, teilte meine Sorgen und wusste stets, wie sie mir einen Teil der Last meines Erbes nehmen konnte. Seit dem Tod meines Vaters hatte sie allein gegen alle Widrigkeiten gekämpft: Gegen Männer, die einer alleinstehenden Frau ihr Eigentum streitig machen wollten. Gegen jene, die glaubten, sich ihr ungebührlich nähern zu dürfen. Gegen Wildtiere, das raue Wetter, gegen Hunger und bittere Armut – und zuletzt gegen unseren alten, allgegenwärtigen Feind. Einen Feind, den die Frauen meiner Blutlinie seit jeher bekämpfen. Ich bin etwas Besonderes – so wie meine Mutter, meine Großmutter und alle Frauen vor ihnen. Als amtierende Mathair habe ich eine Aufgabe zu erfüllen – den Sinn meines Daseins. Das Zeichen muss unter allen Umständen bewahrt werden, selbst wenn es mich das Leben kostet. Das Wissen der Ahnen darf niemals verloren gehen. Mein Schicksal ist mir vorgegeben – ich kann meinen Lebenspfad nicht selbst wählen. Als Kind habe ich nie mit meinem Schicksal gehadert. Ich bewunderte meine Mutter, lernte wissbegierig und voller Neugier alles, was sie und Bruder Cyran mich lehrten. Auch als junge Frau war ich überzeugt, dass Diathan meinen Weg leiten würde – dass sich zur rechten Zeit alles fügen würde. Doch heute weiß ich: Ich darf nicht länger warten. Ich muss handeln.

Ich weiß, was von mir erwartet wird. Die Blutlinie muss fortbestehen – das Wissen unserer Ahnen darf nicht verloren gehen. Acht Winter habe ich nun gewartet, und noch immer ist kein geeigneter Gefährte in mein Leben getreten. Im nahegelegenen Dorf gibt es zwar einige Anwärter – doch kann ich mir nicht vorstellen, mich Cenric, dem grobschlächtigen Hufschmied, oder dem schüchternen Müller Beorn hinzugeben, nur um zu empfangen. Die übrigen Männer sind entweder zu alt, dem Alkohol verfallen oder durch Völlerei gezeichnet.

Noch bin ich im gebärfähigen Alter – noch bleibt mir eine Chance. Aber die Zeit rinnt mir durch die Finger wie der Sand in einer unaufhaltsam fallenden Sanduhr. So habe ich kurzerhand beschlossen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde nicht länger auf das Wirken Diathans warten. Es gab eine Zeit, da spielte ich mit dem Gedanken, mich einem der Alten zu fügen – einzig, um meiner Pflicht zu genügen. Doch mein wandelndes Gewissen, mein einziger Freund, Bruder Cyran, mein Athair, bewahrte mich vor diesem törichten Schritt. Auch er weiß um die Dringlichkeit meiner Aufgabe. Deshalb hat er meiner neuesten Idee Gehör geschenkt und mich bei meinen Vorbereitungen unterstützt. Sollten auch diese Ideen scheitern, wird mir nichts anderes übrigbleiben, als einen der Männer aus dem Dorf zu wählen. Doch noch besteht Hoffnung. Wenn auch nur eine kleine.

Die Athaire sind seit der ersten Zeit die Begleiter meiner Ahnen gewesen und teilen ein ähnliches Schicksal. Auch sie müssen würdige Nachfolger ausbilden und ihr Wissen weitergeben. Doch anders als wir Mathairei dürfen sie ihre Nachfolger frei wählen – der Auserwählte muss nicht aus derselben Blutlinie stammen. Meist nehmen sie ihn bereits im Kindesalter auf und bereiten ihn über viele Jahre auf seine Aufgabe und das damit verbundene, entbehrungsreiche Leben vor. Bisher kenne ich nur Athaire, die als Mönche leben – genauer gesagt: Ich kenne nur Bruder Cyran, die Erinnerungen an seinen Vorgänger Bruder Tivian sind verschwommen. Da Eltern ihre drittgeborenen oder späteren Söhne oft in die Klöster geben, um sie einer geistlichen Ausbildung zuzuführen, kommt es nicht selten vor, dass auch Athaire die Mönchskutte tragen. Die Wahl eines Nachfolgers ist für sie eine Aufgabe größter Sorgfalt. Manche von ihnen korrespondieren monatelang mit allen bekannten Klöstern, bis sie einen Jungen finden, der den Anforderungen gewachsen scheint – bereit für ein Leben voller Entbehrungen, Einsamkeit und ständiger Gefahr. Denn der Kampf gegen unseren alten Feind ruht seit der ersten Zeit nicht – und hat bereits viele Opfer gefordert.

Bruder Cyran war bereits zu Lebzeiten meiner Mutter Athair. Er musste seine Aufgabe in jungen Jahren übernehmen, nachdem sein eigener Mentor von den Sgaile getötet und aufgenommen wurde. Der Athair namens Tivian opferte sein Leben – und mit ihm seine unsterbliche Seele –damit meine Mutter den Kampf überleben konnte und ich wenige Monate später geboren wurde. Bruder Tivian hatte den kleinen Cyran einst vom Festland geholt, aus einem abgelegenen Kloster in der Normandie. An vieles konnte sich Bruder Cyran nicht mehr aus jener Zeit erinnern. Nur daran, dass ihre Reise viele Wochen dauerte, beschwerlich und voller lauernder Gefahren war, bis sie schließlich das Scardeburhnes erreichten – die heilige Stätte unserer Ahnen, die letzte Zuflucht vor unserem Feind.

Heute bin ich es, die einen langen und gefährlichen Weg vor sich hat – auf der Suche nach einem geeigneten Gefährten in Lundenburgh. Sollte ich auch dort nicht fündig werden, werde ich, wie mit Bruder Cyran besprochen, versuchen, eine würdige Nachfolgerin zu finden, der ich mein Wissen anvertrauen kann. Ich hoffe, auf diese Weise wenigstens mein Erbe – wenn schon nicht mein Blut – bewahren zu können. Sobald ich in meine Heimat zurückkehre, werde ich wohl oder übel zur Sicherheit dennoch versuchen, einen der Männer aus dem Dorf zu erwählen und hoffen, dass mir trotz meines Alters noch eine Tochter geboren wird. Denn, nur ein Mädchen kann mein Erbe antreten – nur sie kann zur nächsten Mathair werden. Da ich nicht weiß, ob ich in Lundenburgh ein geeignetes Mädchen finde, brauche ich einen zweiten Plan. Ich muss die Chancen auf Erfolg steigern – es darf auf keinen Fall mit mir enden.

Von den Ordensbrüdern und Bruder Cyran habe ich mich bereits am Vorabend beim gemeinsamen Mahl verabschiedet. Viele Segenswünsche haben sie mir mit auf den Weg gegeben – und reichlich Gaben für die Reise. Mit den ersten Sonnenstrahlen breche ich auf. Wenn alles gutgeht, wird mein Fußmarsch in etwa zwanzig Tagen in Lundenburgh enden. Doch die Zeiten sind gefährlich. Immer wieder wird unser Land von plündernden Horden und wütenden Eroberern heimgesucht. Kein Ort ist wirklich sicher. Jeder Schritt, den ich auf fremdem Boden gehe, könnte mein letzter sein. Und doch gibt es keinen Weg zurück.