Nebel hat kein Gedächtnis

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Summary

Ein zynischer Detektiv in einer Stadt voller falscher Namen und verschwundener Menschen. Der Fall klang harmlos, doch reißt er Lian in einen Strudel aus skrupellosen Unterweltorganisationen und das mit einer Klientin, die mehr verschweigt als sie preisgibt. Wie viele Menschenleben darf die Wahrheit kosten? Jede Woche gibt es ein neue Kapitel. Schreibt mir eure Vorschläge

Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
13+

In der Klemme

„Du hast wohl letzte Nacht mit einem Tarzan-Heft unter dem Kopfkissen geschlafen!“ „Dich hierher zu trauen, war mutig. Mutig aber dumm“ „Ist dein Testament aktuell?“

Drei finstere Gestalten hatten Lian in einer dunklen Gasse eingekreist. Er zog langsam die Krempe seines Sombreros nach unten - nicht aus Angst, sondern damit die Laterne ihm nicht in die Augen schien. Er ließ den Blick einmal im Halbkreis wandern. Links: Messer. Rechts: Baseballschläger. Mitte: leere Hände, aber der gefährlichste Gesichtsausdruck von allen dreien.

„Mein Testament?“ Er schnalzte mit der Zunge. „Das bin ich noch am Ergänzen. Ihr seid nämlich nicht drin.“

Der Mann mit dem Messer trat einen Schritt vor.

„Letzte Chance, Sombrero. Verrate uns den Aufenthaltsort des alten Sam!“

„Oh, ihr kennt den alten Sam auch?“ Lian ließ die Hände locker an den Seiten hängen. „Ich soll euch einen schönen Gruß von ihm ausrichten. Beim nächsten Mal wird ereuch zuFischfutter machen!“

Stille.

Schläger verlagerte das Gewicht mit einem kleinen Zucken. Der dritte, die Kapuze tief im Gesicht, zeigte eine knappe Geste. Die anderen beiden erstarrten. Der ist der Chef, registrierte Lian und machte einen entspannten Schritt seitwärts, genau zwischen Messermann und Kapuzenmann.

„Sag mal,“ wandte er sich an Kapuze und zeigte mit dem Kinn auf Schläger, „weiß dein Kumpel eigentlich, dass der Doktor ihm nur die Hälfte zahlen wird?“ Es war ein Schuss ins Blaue, denn in dieser Stadt konnte man nie sicher sein, zu welcher Bande die Gangster gehörten. Kapuze zuckte unwillkürlich mit dem Kopf in Richtung des Schlägertypes und zeigte Lian, dass er getroffen hatte.

„Was redest du da?“ knurrte Schläger.

„Nichts, nichts“, sagte Sombrero beschwichtigend, und trat dabei einen weiteren kleinen Schritt nach links, sodass Kapuze und Messer jetzt auf einer Linie hinter ihm standen. „Nur falls ihr euch fragt, warum der Doktor drei starke Kerle für einen Jammerlappen wie mich beauftragt hat: Er bezahlt nur den Ersten, der zurückkommt!“

Einige Sekunden verstrichen. Die gespannte Stille wurde greifbar.

„Das stimmt nicht“, sagte Kapuze zu den anderen beiden.

Lian war längst einen weiteren Schritt zur Seite getreten, fast beiläufig, wie jemand der Platz macht. Messer und Kapuze standen sich jetzt direkt gegenüber, Schläger schräg dahinter, die Anspannung zwischen ihnen knisternd.

„Er lügt“, sagte Kapuze scharf.

„Deswegen warst du dir vorhin so sicher!“, schrie Messer und sprang vor. Kapuze drehte sich elegant zur Seite und griff dabei nach Lians Arm. Messers Klinge verfehlte ihr Ziel und bohrte sich tief in den Oberschenkel des Schlägertypen. Der schwang seinen Baseballschläger instinktiv und traf Kapuze am Kopf. Ein hässliches Knirschen ertönte. Kapuze fiel und riss Lian mit. Der kalte Asphalt der Straße unter Lians Rücken stand im Kontrast zu etwas Warmen, Klebrigen, das von oben herabtropfte. Er erwartete den finalen Schlag, als sich über ihm ein Schatten bewegte. Flink wie ein Wiesel kam Messer hoch, zog seine Lieblingswaffe aus dem blutenden Bein und stach weiter oben erneut zu. Der Auftrag war vergessen. Hier ging es um Rache. Schläger krümmte sich vor Schmerzen und brüllte wie ein angeschossener Stier, aber er blieb Herr seiner Sinne. Der nächste Schwinger bescherte Messer einen kurzen Flug zur gegenüberliegenden Hauswand.

Lian kam keuchend unter Kapuze hervor. Das hatte er so nicht geplant. Sein geliebter Sombrero hatte einen weiteren Riss abbekommen. Während er sich von dem bewusstlosen Kapuze befreite und nebenbei die Lage sondierte, fiel ihm ein goldener Ring an der rechten Hand des Gangsters auf. Mit einer fließenden Bewegung ließ er das Schmuckstück in der Brusttasche seiner Lederweste verschwinden. Dieser Ring würde später nützlich sein. Er stand auf und zog ein Handy hervor. Damit wählte er nacheinander den Notruf des Rettungsdienstes und der Polizei: Zuckerbrot und Peitsche. In dieser Nacht sollte niemand sterben und keiner entkommen. Der alte Sam würde sich beim nächsten Treffen zu einem zynischen Kommentar hinreißen lassen.

Lian verließ die Gasse wie jemand, der einen Abendspaziergang hinter sich hatte. Keine Eile, keine gehetzten Blicke. Nur ein Unbeteiligter, der die Nachtluft genoss.

Die Hauptstraße empfing ihn mit der monotonen Tristesse einer unschuldigen Nacht im späten Oktober. Im Haus gegenüber flackerte das Fenster im dritten Stock unruhig im Licht eines Fernsehers. Fetzen von Musik und Gesang waberten herüber aus der abgeratzten Cocktail Bar fünf Gebäude weiter. Lian blieb im Schatten eines Hauseingangs stehen, die Schulter leicht an den Stein gelehnt. Eine grauhaarige Frau mit Dackel an der Leine huschte eilig vorbei.

Er drehte den Ring zwischen den Fingern. Ein verschnörkeltes Emblem zierte den Ring und Lian wusste Bescheid: Das war kein triviales Schmuckstück, sondern der Ausweis eines Syndikates.

Er dachte: „Ich habe nicht mit ihnen gerechnet. Das macht den Fall interessanter.“

Die Minuten zogen träge vorbei. Ein Taxi hielt kurz an und entließ drei Menschen in die Dunkelheit. Über ihm im Haus wurde laut gestritten. Normales Leben in einer außerordentlichen Nacht.

Dann — weit weg noch, aber unverwechselbar — das erste Martinshorn. Lian löste sich aus dem Schatten und verwandelte sich durch leise, gleichmäßige Bewegungen in einen harmlosen Fußgänger, der unbeschadet sein Zuhause erreichen wollte. Er war längst um die nächste Ecke verschwunden, als das Blaulicht die Hausfassaden färbte.