1 Tinte und Geheimnisse
Ginnys Perspektive
Der Gemeinschaftsraum der Gryffindors war voller Lachen und dem Knistern des Kamingefühls, doch Ginny Weasley fühlte sich noch nie so einsam. Ron und Harry redeten über Quidditch, Hermine war in ein dickes Buch vertieft, und Ginny saß in der hintersten Ecke, die Knie an die Brust gezogen. Für die anderen war sie nur „Rons kleine Schwester“ – das schüchterne Mädchen, das kein Wort herausbrachte, wenn Harry im Raum war
.
Auf dem Weg zum Zaubertrankunterricht am Nachmittag hatte Draco Malfoy sie im Korridor aufgehalten. „Schaut mal, die kleinste Weasley“, hatte er gespottet, sodass es alle hören konnten. „Deine Robe sieht aus, als hätte sie schon drei Generationen Ratten überlebt.“ Die Slytherins hatten gelacht. Ron hatte zwar geschimpft, aber der Stich saß tief.
Ginny griff in ihre Tasche und zog das kleine, schwarze Notizbuch heraus, das sie in Flourish & Blotts zwischen ihren alten Schulbüchern gefunden hatte. Es war völlig leer. Sie tauchte ihre Feder in die Tinte und schrieb vorsichtig:
Hallo. Mein Name ist Ginny.
Sie wollte die Feder gerade weglegen, als das Unglaubliche geschah. Die Tinte zog in das Papier ein, verschwand spurlos, und neue, elegante Buchstaben formten sich wie von Zauberhand aus den Tiefen der Seiten:
Hallo, Ginny. Mein Name ist Tom Riddle. Wie kommt es, dass ein so schönes Mädchen so traurig schreibt?
Ginny hielt den Atem an.Mit zitternden Fingern schrieb sie von Malfoy.
Malfoy ist schwach. Er greift dich an, weil er deine innere Stärke spürt antwortete die Schrift, und Ginny spürte eine wohlige Wärme in ihrer Brust.
Toms Perspektive
In der kalten, zeitlosen Schwärze des Tagebuchs starrte das Echo von Tom Riddle auf die glühenden Worte, die auf seinen Seiten erschienen. Eine Weasley. Reinblütig, aber verarmt, naiv und sichtlich verunsichert.
Perfekt, dachte Tom kühl. Sie war das ideale Werkzeug. Ein so verletzliches Mädchen würde seine Worte aufsaugen wie ein Schwamm. Er musste nur die richtige Frequenz von Mitgefühl und Verständnis vortäuschen, um ihr blindes Vertrauen zu gewinnen. Sobald sie ihm ihre Lebenskraft vollständig öffnete, würde er die Kammer des Schreckens wiederbeleben.
Er formte seine Antworten mit kalkulierter Perfektion. Jeder Satz war eine feine Schlinge, die er um ihre Seele legte. Er gab ihr genau das, was sie brauchte: das Gefühl, gehört zu werden .
Ginnys Perspektive
Am nächsten Tag suchte Ginny Zuflucht bei Hagrid. Die rauchige, warme Hütte des Wildhüters war normalerweise ihr Lieblingsort. Hagrid reichte ihr einen riesigen Becher Tee und einen steinharten Felsenkuchen.
„Na, kleine Ginny? Alles gut in Hogwarts?“, fragte Hagrid gutmütig sie lächelte leicht und er klopfte ihr auf die Schulter, sodass sie fast den Tee verschüttete. „Wenn dich diese Slytherins ärgern, sagst du mir Bescheid, ja?“
„Es ist alles gut, Hagrid, wirklich“, log Ginny und lächelte matt. Fang, legte seinen schweren Kopf auf ihren Schoß.
Eigentlich liebte sie Hagrid, aber heute fühlte sich das Gespräch oberflächlich an. Hagrid verstand nicht, wie es tief in ihr aussah.
Sie spürte das angenehme Gewicht des Tagebuchs in ihrer Umhängetasche. Sie konnte es kaum erwarten, wieder in den Schlafsaal zu kommen, um ihm zu schreiben.