Kapitel 1
Heather
Der Frost knirscht unter meinen Stiefeln, während ich über den Campus gehe. Ein paar widerspenstige schwarze Strähnen wehen mir ins Gesicht.
Mein Handy vibriert in meiner Tasche. Noah, pünktlich wie immer. Ich tippe auf meine kabellosen Ohrhörer und sein Seufzen erfüllt meine Ohren – warm, vertraut, mit einem schweren Unterton.
»Sie hat es schon wieder getan«, sagt er. »Drei verdammte Stunden hat sie sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen.«
»Lass mich raten – David hat sich auch so verhalten, als wäre nichts passiert.«
»Besser. Er hat ihr ein Armband geschenkt, das er bereits gekauft hatte – ganz zufällig natürlich. So ein dünnes, goldenes Ding mit Diamanten. Sie hat gar nicht mehr aufgehört, davon zu reden, wie aufmerksam mein Vater doch ist.«
Normalerweise würde ich über all das lachen, aber jetzt will ich einfach nur kotzen.
Selbst Ravencourt ist nach außen ehrlich – kalt und abweisend.
Unsere Eltern nicht.
»Bitte sag mir, dass du kein romantisches Abendessen mit ihnen überstehen musstest«, sage ich, während ich an einer Gruppe von Studenten vorbeigehe, die sich wie Kaiserpinguine zusammengekauert haben, um sich zu wärmen.
Noahs Lachen klingt hohl, ein Geräusch, das kein Sechzehnjähriger so gut beherrschen sollte. »Oh, noch besser. Nach dem Abendessen fand ich Mom allein mit ihrem iPad auf dem Balkon sitzen.«
»Hat sie die Mail bekommen?«
»Keine Ahnung, vermutlich schon. Sie hat mir nur ihre Idee für den nächsten Urlaub gezeigt«, sagt er. »Sie wollte ernsthaft meine Meinung wissen.«
»Großartig«, schnaube ich genervt. »Und was hast du getan?«
»Ich habe gesagt, dass ich auch all die E-Mails mit den Hotelüberwachungsvideos und allem anderen bekommen habe.«
Ich richte meinen Schal und schweige einen Moment lang. Er sollte nicht wie ich klingen. Er sollte nicht diesen zynischen Unterton haben, sondern lachen – sich befreiter fühlen.
»Und?«, frage ich schließlich.
»Was glaubst du?«, erwidert Noah. »Sie meinte, das wäre Fake. Mein Dad würde so etwas doch nie tun.«
»Die anderen zwanzig Male waren also auch Fake«, knurre ich leise und gehe um einen Haufen halb geschmolzenen Schnee herum. »Hat sie wenigstens einen Moment so ausgesehen, als würde sie es glauben?«
Noah seufzt und klingt dabei verdächtig nach mir. »Gar keine.«
Ich schweige und lasse den Blick über den Campus wandern. Etwas ist heute anders.
»Ich verstehe das nicht«, beginnt Noah. Ich kann mir vorstellen, wie er sich mit der Hand durch die Haare fährt, sie dabei komplett durcheinanderbringt und daran zieht – eine weitere Geste, die er von mir übernommen hat. »Normale Menschen lassen sich scheiden. Andere Menschen bringen sich im Schlaf um. Unsere Eltern machen einfach … weiter.«
»Nun, David kann sich nicht von ihr scheiden lassen, denn er würde den Zugang zum Namen Harris und zum Vermögen verlieren. Und Blair kann sich nicht von ihm scheiden lassen, weil –«
»Weil sie pathologische Angst davor hat, allein zu sein«, beendet Noah meinen Satz. »Ja, ich kenne die Geschichte mittlerweile.«
Ich beobachte, wie meine Stiefel Spuren im dünnen Neuschnee hinterlassen. Noah und ich haben dieses Gespräch schon so oft geführt, dass wir es auswendig kennen.
»Ich kümmere mich darum«, verspreche ich, wie schon viel zu oft. »Vertrau mir.«
»Natürlich«, sagt er und wechselt dabei von zynisch zu etwas Leiserem. »Die Malediven waren scheiße ohne dich.«
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich dieses Vorstellungsgespräch hatte«, sage ich und drücke das Schuldgefühl weg, bis es nur noch ein leises Ziehen bleibt. »Das war eine einmalige Chance, und du willst doch, dass deine große Schwester Erfolg hat, oder?«
»Klar«, sagt er und zieht das Wort in die Länge. »Wie ist es denn gelaufen?«
»Es war eine Katastrophe.« Zumindest diesen Teil kann ich aus Erfahrung heraus wahrheitsgemäß ausschmücken. »Der Besitzer hat einen Blick auf mein Septum geworfen und fast einen Herzinfarkt bekommen. Er fing an, von professionellem Erscheinungsbild und Standards zu sprechen.«
»Hast du ihm gesagt, er soll sich zum Teufel scheren?«
»Nicht mit genau diesen Worten.« Ich grinse, auch wenn er es nicht sehen kann. »Aber ich habe ihm klargemacht, dass ich mich nicht wegen eines hochnäsigen Wichsers ändern werde, der Körpermodifikationen für einen Charakterfehler hält.«
»Das ist meine Schwester«, sagt Noah, und ich höre den Stolz in seiner Stimme. »Also kein New York in deiner Zukunft?«
»Zumindest nicht sofort.«
Mein Handy vibriert an meiner Hüfte – eine Nachricht. Ich ziehe es gerade so weit heraus, dass ich einen Blick auf den Bildschirm werfen kann. Ein Kribbeln zieht durch meinen Bauch, als ich den Absender sehe.
Leak.
»Aber eigentlich passt das ganz gut«, sage ich, während ich das Telefon wieder in die Tasche stecke. »Ich möchte mich lieber auf mein zweites Semester hier konzentrieren. Ich habe einige … interessante Projekte in Arbeit.«
»Gibt es etwas, worüber ich mir Sorgen machen sollte?«
»Du weißt, ich würde niemals Ärger machen.«
»Heather –«
»Du fängst schon an wie Annabelle«, warne ich ihn, muss dabei aber lächeln. »Aber entspann dich. Nichts, was auf dich zurückfallen würde.«
»Das ist nicht gerade beruhigend.«
Mein Handy vibriert erneut. Leak wartet nicht gerne.
Leak – 08:14 Uhr Versuchst du absichtlich, mich wütend zu machen? Wir wissen beide, wie das endet.
Er glaubt, dass seine Drohungen Eindruck machen. Aber ich kenne diesen Typ Mann. Dieses Raue. Dieses Hungrige. Und ich weiß, wie man damit spielt.
»Entschuldige«, sage ich zu Noah. »Was hast du gesagt?«
»Ich habe gefragt, ob du schon mit Annabelle gesprochen hast.« Er macht eine Pause und gibt mir Zeit, mich daran zu erinnern, was er wollte – aber ich komme nicht darauf. »Wegen der Bücher?«
»Ah. Noch nicht. Ich habe dir doch erzählt, wie sie ist, seit sie mit Jason zusammenwohnt«, sage ich und tippe schnell eine Antwort.
Heather – 08:18 Uhr Denkst du eigentlich immer an mich?
Ich drücke auf Senden und stelle mir seine Reaktion vor. Wie sich sein Kiefer anspannt. Wie sich seine Finger um das Handy ballen. Das Wissen, dass ich ihn getroffen habe, auch wenn er versucht, cool zu bleiben.
»Ich werde sie noch einmal daran erinnern. Versprochen. Aber sie liegt vermutlich gerade in der Horizontalen und –«
»Danke, das reicht an Informationen«, unterbricht er mich. »Gib mir wenigstens eine Antwort, ob du am Hochzeitstag nach Hause kommst. Dann kann ich Mom zumindest beruhigen.«
Ich zögere. »Das hängt von einigen Dingen hier ab.«
»Das heißt, du kommst nicht nach Hause, weil du lieber alles andere tun würdest.«
»Das ist nicht fair. Ich war im Sommer zuhause.«
»Für zwei Tage. Und die meiste Zeit davon hast du dich mit Mom gestritten.«
»Sie hat angefangen«, erwidere ich automatisch und merke dann, wie kindisch das klingt. »Hör mal, ich werde es versuchen, okay? Aber ich kann nichts versprechen.«
»Na gut«, seufzt Noah. »Ich muss jetzt los. Gleich klingelt es, und mein Lehrer hasst mich eh schon, weil ich ihn vor den Ferien korrigiert habe.«
»Sein Pech. Der Satz war bestimmt offensichtlich falsch.«
»Ja, aber nicht jeder schätzt es, von einem Zehntklässler korrigiert zu werden.«
»Dann ist es ihre eigene Schuld, wenn sie falsch liegen.« Ich mache eine Pause und werde leiser. »Ruf mich an, wenn was ist, okay?«
»Mache ich immer.« Ich kann sein Lächeln hören. »Pass auf dich auf.«
»Wie immer.«
Das Gespräch endet und die Leere danach ist mir vertraut.
Ruhig. Wie ein Raum, in dem ich vollkommen allein bin.
Mein Handy vibriert erneut wegen einer SMS. Ich erwarte, dass es Leak ist, aber es ist Sam.
Sam N. – 08:30 Uhr Ich hoffe, du hast einen guten Start.
Ich rolle mit den Augen. Sam ist so … widerlich höflich.
Gerade als ich mein Handy wegstecken will, kommt Leaks Antwort.
Leak – 08:32 Uhr Ich weiß, was du brauchst. Und wir beide wissen, dass dir das hier niemand sonst geben kann.
Hitze rollt mir den Rücken hinauf, langsam und verräterisch. Doch noch bevor ich eine Antwort tippen kann, reißt mich eine vertraute Stimme heraus.
»Im Ernst? Der erste Tag nach den Ferien, und du kommst schon zu spät?«
Ich schaue auf und sehe Joyce ein paar Meter entfernt stehen. Trotz der Kälte trägt sie einen Bleistiftrock mit Bluse, der sie beinahe wie eine Stewardess aussehen lässt. Ich muss mich noch an ihren neuen Stil gewöhnen, aber wenigstens die große, weich aussehende Strickjacke und die passende Mütze kommen mir bekannt vor.
»Die Begrüßung hat schon angefangen.« Sie schaut auf die Uhr. »Vor zwei … nein, drei Minuten.«








