Kapitel 1
Olivia
Die Stimme des Universitätspräsidenten von Ravencourt geht in höflichem Applaus unter, während ich zwischen Erstsemestern stehe, die alle aussehen, als würden sie genau hierher gehören.
Ich nicht.
Drei Jahre zu spät, aber endlich bin ich hier.
Ich trete beiseite, als eine Gruppe lachender Mädchen an mir vorbeiströmt. Sie sind aufgeregt, und ich kann es verstehen. Für uns alle ist das hier ein Neuanfang.
Der Campus pulsiert vor Leben. Ältere Studierende fallen sich laut lachend in die Arme, während Erstsemester ihre Campuspläne krallen, als könnten sie sich daran festhalten. Der Duft von Kaffee aus unzähligen To-go-Bechern vermischt sich mit dem Geruch von frisch gemähtem Gras.
Mein Handy vibriert in meiner Tasche und ich höre unwillkürlich die Stimme meiner Mutter, die mich fragt, wer mir da schreibt und vor allem, warum.
Bist du noch bei der Orientierung?
Olivia – 11:12 Uhr
Gerade fertig. Wo bist du? Ich dachte, du wartest darauf, mir die große Tour zu geben.
Der Coach hat ein Notfalltraining einberufen. Ich schaffe es nicht. Tut mir leid.
Das ist in Ordnung. Ich schaffe das schon. Auch wenn ich mich auf einmal verloren fühle.
Zu spät reagiere ich und kann dem Mädchen, das hochkonzentriert auf ihr Handy starrt, nicht mehr ausweichen.
»Entschuldigung«, sagt sie direkt und ihre leuchtend grünen Augen weiten sich. »Ich habe dich nicht gesehen.«
»Kein Problem«, gebe ich zurück und trete einen Schritt zurück. »Kannst du mir dafür sagen, wo das Ehrenwohnheim ist?«
Ihr langes schwarzes Haar gibt ihr Gesicht frei, als sie den Kopf hebt, und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, ob sie sich verlaufen hat und eigentlich noch zur Highschool gehört.
»Was? Entschuldigung, ich war nicht –«, stammelt sie, dann konzentriert sie sich. »Hast du Ehrenwohnheim gesagt?«
»Ja, ich soll dort wohnen, aber die Karte, die sie uns gegeben haben, ist –« Ich halte das bunte Orientierungspaket hoch. »… nicht besonders hilfreich.«
»Oh!« Ihre Augen weiten sich vor Begeisterung unmöglich weiter. »Du suchst das Ehrenwohnheim. Ich wohne tatsächlich auch dort.«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und mustere sie genauer. Mit ihrem übergroßen Hoodie und dem, was wie ein Rucksack aus der Highschool aussieht, wirkt sie eher wie eine Besucherin als wie eine Studentin. Daran ändern auch die schwarzen Stecker auf beiden Seiten ihrer Nasenflügel nichts.
»Es ist in diese Richtung«, sagt sie und zeigt auf einen Weg im Norden. »Es liegt hinter dem Wissenschaftsgebäude, kurz bevor man zu den Verwaltungsbüros kommt. Man kann es nicht verfehlen, es ist das Gebäude mit den seltsamen Steingargoyles.«
»Danke.« Ich lächle sie an. »Ich bin übrigens …«
»Ich muss los«, unterbricht sie mich. Sie wirkt dabei eher, als würde sie mit sich selbst reden, als mit mir, und geht bereits.
Ich nicke trotzdem dankbar, auch wenn sie es nicht mehr sieht, und gehe in die Richtung, die sie mir gezeigt hat.
Olivia – 11:30 Uhr
Seit wann nimmt Ravencourt Zwölfjährige auf?
Ich warte einen Moment, aber es kommt keine Antwort. Evan muss schon beim Training sein. Ich seufze und stecke mein Handy weg.
»Olivia? Olivia McKenna?«
Ich halte inne, überzeugt, dass ich mir das nur einbilde. Dann höre ich es erneut, lauter – eine vertraute Stimme, die den Umgebungslärm des Campus durchdringt.
»Liv! Heilige Scheiße, ich wusste es!«
Ich drehe mich um und sehe einen Wirbelwind aus dunklem Haar und strahlend blauen Augen auf mich zustürmen. Bevor ich reagieren kann, werde ich in eine heftige Umarmung gezogen.
»Heather«, bringe ich hervor und erwidere die Umarmung mit gleicher Kraft. »Du bringst mich um.«
Sie zieht sich auf Armeslänge zurück. Ihre eisblauen Augen suchen mein Gesicht, als wolle sie sich vergewissern, dass ich echt bin. Ihr langes schwarzes Haar ist genauso wild, wie ich es in Erinnerung habe. Allerdings hat sie jetzt ein Septum-Piercing, einen zarten goldenen Ring, der irgendwie perfekt zu ihr passt.
»Wie lange ist es her? Drei Jahre?« Ihre Fragen sprudeln wie gewohnt schnell und fordernd aus ihr heraus.
»Heute«, lache ich und spüre, wie sich zum ersten Mal seit meiner Ankunft ein echtes Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet. »Ich bin gerade erst angekommen und habe gerade erst die Einführungsveranstaltung hinter mir.«
»Heute?« Heather zieht ungläubig die Augenbrauen hoch. »Im Ernst? Die Vorlesungen beginnen morgen, Liv. Das war knapp.«
»Charles hat meine Sachen vorab schicken lassen«, erkläre ich, während wir nebeneinander hergehen. Mit Heather an meiner Seite fühlt sich der Campus plötzlich weniger fremd an. »Sie sollten in meinem Zimmer auf mich warten, vorausgesetzt, ich finde es.«
»Wo wohnst du?«
»Im Ehrenwohnheim. Ich war gerade auf dem Weg dorthin.«
Heather rollt dramatisch mit den Augen. »Natürlich. Charles würde seine kostbare Enkelin niemals in einem normalen Studentenwohnheim unterbringen.«
Ich unterdrücke ein Lächeln über ihre unveränderte Respektlosigkeit. »Ich habe es mir nicht ausgesucht. Aber ich beschwere mich nicht über das eigene Badezimmer. Ist dir klar, dass sie damit Werbung machen?«
Wir kommen an einem zentralen Brunnen vorbei. Auf den umliegenden Bänken sitzen Studenten und genießen die letzten warmen Sonnenstrahlen, bevor der Herbst vollständig Einzug hält.
»Ich dachte, du würdest nicht kommen«, gibt Heather zu und stößt mich beim Gehen mit der Schulter an. »Charles hat im letzten Semester auf der Wohltätigkeitsgala allen von deiner großartigen Freiwilligenarbeit erzählt. Wie du deine Berufung gefunden hast.«
Ich bleibe fast stehen. »Meine was?«
»Die Wohltätigkeitsaktion.« Heather sieht mich seltsam an. »Mit den Kindern? Er hat Bilder gezeigt und alles. Er sagte, du wärst zu sehr damit beschäftigt, Leben zu verändern, um dir Gedanken über das College zu machen.«
»Das hat er gesagt?« Ich halte meine Stimme ruhig, obwohl ich innerlich brodle. Natürlich hat Charles gelogen. Gott bewahre, dass er zugibt, dass seine Enkelin durch eine Familientragödie aufgehalten wurde.
»War das nicht wahr?«, fragt Heather, als ihr die Erkenntnis dämmert. »Gott, was für ein Arschloch.«
»Es ist kompliziert«, sage ich, ohne auf die Realität der letzten drei Jahre eingehen zu wollen. Noch nicht. »Charles hat seine eigene Version der Ereignisse.«
Heather mustert mich einen Moment lang und wechselt dann abrupt das Thema. »Warte, ich bin eigentlich sauer auf dich.«
»Was? Warum? Wir hatten doch gar keinen Kontakt.«
»Genau deswegen«, stellt sie klar. »Du benutzt nicht nur die sozialen Medien nicht, sondern hast auch noch Kontakt zu Evan. Aber nicht mit mir?«
»Ich habe mehrmals versucht, dir eine Nachricht zu schicken«, entgegne ich verwirrt. »Du hast nie geantwortet.«
»Blödsinn.« Heather holt ihr Handy heraus und navigiert mit schnellen Wischbewegungen zu ihren Social-Media-Profilen. »Ich hätte es gesehen.« Sie hält inne, ihr Gesichtsausdruck verändert sich, während sie scrollt. »Wann hast du gesagt, dass du mir geschrieben hast?«
»Ich habe es ein paar Mal versucht am Anfang. Dann habe ich es nur noch an deinen Geburtstagen probiert.« Ich zucke mit den Schultern und beobachte ihr Gesicht aufmerksam.
»Scheiße«, haucht sie, und ihre Augen weiten sich. »Liv, ich glaube, du bist immer noch auf meinen Accounts gesperrt. Seit damals –«
»Als Sarah alles überwacht hat«, beende ich ihren Satz.
»Nach diesem Desaster mit deiner Mutter konnte ich nicht anders«, erklärt Heather und sieht dabei aufrichtig reumütig aus. »Sie hat meine Eltern angerufen, weißt du. Sie hat behauptet, ich hätte einen schlechten Einfluss. Dass ich dich zum Lügen ermutigt hätte.«
Ich nicke. »Ich erinnere mich. Sie hat es den großen Social-Media-Skandal genannt. Sechs Wochen Hausarrest, nur weil ich ein Strandfoto gepostet hatte.« Die Erinnerung wäre lustig, wenn sie nicht so traurig wäre. »Sarah hatte ein Talent für Überreaktionen.«
Heathers Gesicht verzieht sich. »Scheiße, Liv, es tut mir leid. Ich wollte das nicht zur Sprache bringen –«
»Ist schon gut«, unterbreche ich sie sanft. »Was auch immer Sarah jetzt ist, ändert nichts daran, wer sie damals war.«
Und da passiert es. Direkt vor mir und ich kann es nicht stoppen. Auf Heathers Gesicht breitet sich etwas aus, das wie Mitleid aussieht. Ich hasse es.
»Es tut mir wirklich leid«, sagt sie jetzt leiser. »Alles. Ich hätte mich mehr bemühen sollen, in Kontakt zu bleiben.«
»Nein«, schüttele ich den Kopf. »Es ist nicht deine Schuld. Außerdem hat Evan mich über alle Gerüchte in Ravencourt auf dem Laufenden gehalten. Apropos –« Ich wechsle absichtlich das Thema. »Wo ist er?«
»Evan?« Heather sieht mich kurz verwirrt an.
Ich lache. »Nein. Kael. Wo ist unser Künstler?«
»Hier«, ertönt eine leise Stimme hinter uns. Kael kommt näher, sein Blick wandert von seinem Handy zu Heather, deren Gesicht sich bei seinem Anblick verändert. Sein aschblondes Haar leuchtet in der Sonne.
»Na, na«, sagt Heather mit einem Grinsen, »der Caravaggio höchstpersönlich ist eingetroffen.«
»Caravaggio?«, frage ich etwas irritiert und schaue zwischen ihnen hin und her.
»Ein Insiderwitz«, erklärt Heather, ohne wirklich etwas zu erklären.
Kael tritt vor und zieht mich zu meiner Überraschung kurz in eine Umarmung. »Olivia. Das habe ich nicht erwartet.«
Die Begrüßung ist surreal – der Kael, an den ich mich erinnere, hielt zu allen vorsichtig Abstand.
»Schön, dich zu sehen«, sage ich und meine es auch so. »Noch schöner, euch beide endlich zusammenzusehen. Obwohl ich immer wusste, dass es irgendwann so kommen würde.«
Heather rollt mit den Augen. »Warum sagen das alle?«
»Weil alle es vor dir wussten«, sagt Kael. Ein warmes Lächeln mildert seinen ernst wirkenden Gesichtsausdruck, während er ihre Schläfe mit den Lippen berührt.
Wir gehen weiter und überqueren den nördlichen Innenhof, in dem der Herbst bereits begonnen hat, die Blätter an den Rändern zu färben. Das Ehrenwohnheim kommt in Sicht – modern und doch imposant mit seinen glänzenden Fenstern und seiner Steinfassade.
»Danke, dass du mich begleitet hast«, sage ich, als wir den Eingang erreichen. »Ist euer Zimmer auch dort?«
Heather schnaubt. »Gott, nein. Ich wohne in einem normalen Wohnheim. Keine Schlüsselkarte. Kein Empfang, der Besucher registriert. Keine Kameras in den Fluren.« Sie zählt die Merkmale auf, als würde sie eher ein Gefängnis als ein Wohnheim beschreiben.
»Das sagt sie nur so«, wirft Kael ein, »aber ihr Schrank im Zimmer ist leer. Alles, was sie besitzt, befindet sich in meinem Zimmer im Alpha-Phi-Haus.«
»Ach?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Und wo genau ist das Alpha-Phi-Haus?«
»Warum?«, fragt Heather misstrauisch.
Ich atme tief durch und versuche, meine Stimme möglichst locker klingen zu lassen. »Ich möchte Nathan sehen.«
Heathers Augen weiten sich und Kaels Gesichtsausdruck verschließt sich wie eine zuschlagende Tür.
»Liv«, sagt Heather langsam, »ich habe buchstäblich Jahre auf diesen Moment gewartet, aber ich bin mir nicht sicher, ob du bereit bist für das, was dort passiert.«
»Das bin ich«, sage ich sofort. »Zeigst du mir, wo es ist?«








