Eleanor
Ich starrte in den Spiegel, meine grauen Augen sahen mich nervös an. Ich öffnete meinen blonden Zopf, schüttelte meine Haare einmal durch und wandte mich um.
„Eleanor Walker", rief der junge Mann mit dem Klemmbrett in seiner Hand.
Ich atmete einmal tief ein und lief ihm entgegen.
Er lächelte freundlich und begleitete mich zur Bühne. Mein Herz geriet aus dem Takt. Wie jedes Mal, wenn ich vor anderen tanzte.
„Viel Glück.", grinste der Typ zu mir herab.
„Danke", nuschelte ich und trat aus dem Vorhang.
Die Stange schien mich förmlich anzuschreien. Doch ich sah erst mal an ihr vorbei. Untern vor der Bühne stand ein einziger Tisch. An dem eine Frau mit einem strengen Dutt und drei Männer saßen, die mich erwartungsvoll anblickten.
„Hallo, mein Name ist Eleanor Walker. Ich bin 1.61 cm groß und bin neunzehn Jahre alt. Ich tanze seit meinem fünften Lebensjahr und seit fünf Jahren an der Pole.", gab ich mit einem leichten vibrato in Meier Stimme von mir.
Es war verrückt. Ich hatte sehr früh das Tanzen für mich entdeckt und dann, ja dann kam der Pole Dance. Ich fand es ästhetisch. Also hatte ich es mir angeeignet. Es war harte körperliche Arbeit. Aber es machte mir Spaß. Zudem konnte ich mir so noch etwas nebenher verdienen. Vorausgesetzt, ich würde endlich eine Zusage für eine Show bekommen. Denn in solchen heruntergekommenen Bars oder Strip Clubs, wollte ich nicht tanzen. Drei Monate war ich in einer Bar. Die einzige in der man auch mit Kleidung tanzen durfte. Aber das war nicht's für mich.
Ich hatte kein Problem, mit nackter Haut, Aber ich wollte mich nicht so verkaufen. Klar hatte ich für Bash schon so getanzt. Aber er war auch mein Freund. Hier ging es rein um Ästhetik, man trug knappe Höschen und ein top, aber man war nicht nackt. Nicht einfach nur ein Stück Fleisch. Und heute, heute wollte ich es erneut versuchen, in einer Show unterzukommen.
„Dann bitte Eleanor, zeig uns was du kannst.", lächelte die Frau und setzte sich hin.
Der erste Bassschlag war wie ein elektrischer Impuls, der durch meine Wirbelsäule fuhr. Die Nervosität, die mich eben noch im Vorraum fast gelähmt hatte, zerrann augenblicklich zu reiner, fokussierter Energie.
Ich trat an die Stange. Die kühle, glatte Oberfläche unter meinen Handflächen gab mir die Bodenhaftung, die ich brauchte. Hier gab es keine Barbesucher, keine betrunkenen Rufe – nur die Jury, das Licht und mein Instrument.
Ich atmete tief ein, schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen und fand meine innere Mitte. Kein Zögern mehr.
Mit einem geschmeidigen, fast lautlosen Schritt glitt ich in den ersten Spin. Ich spürte, wie jeder Muskel meines Rückens, jeder Sehnenstrang unter meiner Haut präzise arbeitete. Ich war nicht hier, um zu verführen; ich war hier, um zu dominieren. Ich schwang mich empor, meine Beine streckten sich in einer peinlich genauen Linie aus, während mein Körper in einer kontrollierten Abwärtsspirale an der Stange entlangglitt.
Nur wenige Zentimeter über dem Boden hielt ich inne. Invert. Ich verharrte dort, als hätte die Schwerkraft für diesen einen Augenblick vergessen, dass sie existierte. Mein Blick war starr, mein ganzer Körper ein gespanntes Band aus Kraft und Anmut.
In diesem Moment verschmolz ich mit der Stange. Sie war nicht länger nur ein Stück Metall, sie war die Verlängerung meines Körpers. Ich setzte zu einer Kombination aus einem kraftvollen Haltegriff und einer eleganten Drehung in der Luft an. Ich spürte den Widerstand der Luft, den Druck auf meine Haut, aber es fühlte sich leicht an, fast schwerelos. Jeder Move war ein Statement. Athletisch, kraftvoll, ästhetisch.
Als die Musik in einem tiefen, ausklingenden Ton gipfelte, landete ich sanft auf den Fußballen. Ich atmete rhythmisch, ließ den Blick kurz über die Jury schweifen, bevor ich mich in eine letzte, fließende Bodenpose sinken ließ. Meine Muskeln zitterten unter der Anspannung, doch mein Ausdruck blieb kontrolliert.
Der letzte Ton verhallte. Totenstille.
Ich hielt die Pose, das Herz hämmerte mir gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel, während ich die Frau mit dem strengen Dutt fixierte. Ich hatte alles gegeben, mein gesamtes Training der letzten fünf Jahre steckte in dieser einen Minute.
Die Frau hob langsam den Kopf. Kein Lächeln, nur eine unlesbare, fachmännische Analyse. Sie wechselte einen Blick mit dem Mann neben ihr. Dann legte sie den Stift beiseite.
„Beeindruckende Technik, Eleanor", sagte sie schließlich, ihre Stimme war kühl, fast unnahbar. Sie legte den Stift beiseite. „Aber sag uns: Warum willst du genau hier auftreten, bei dieser Show, und nicht in den Clubs, in denen du bisher warst?"
Ich spürte, wie meine Hände zitterten, auch wenn ich versuchte, sie hinter meinem Rücken zu verbergen. Die Frage traf mich unvorbereitet, doch ich zwang mich, den Blick der Frau nicht abzuwenden. Mein Atem beruhigte sich nur langsam, das Adrenalin pumpte noch immer in meinen Adern.
„Weil ich die Stange als mein Instrument betrachte und nicht als Dekoration", antwortete ich.
Meine Stimme war nun fest, das Vibrato, das mich eben noch geplagt hatte, war wie weggeblasen.
„In den Club, in dem ich bisher getanzt habe, war die Stange oft nur ein Mittel zum Zweck, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Fokus lag dort auf dem, was man zeigte, nicht auf dem, was man erschaffen konnte."
Ich machte einen kleinen Schritt auf den Tisch zu, ohne dabei meine Haltung zu verlieren.
„Ich habe jahrelang an meiner Technik gefeilt, an jeder Linie, an jedem Übergang. Ich möchte, dass mein Tanz als Kunst wahrgenommen wird – als eine Verschmelzung von Kraft und Ästhetik, die für sich selbst steht. Ich möchte vor einem Publikum auftreten, das den Unterschied zwischen einer bloßen Performance und echtem sportlichen Ausdruck erkennt. Und genau das...", ich deutete kurz auf die Bühne hinter mir, „...genau das ist es, was diese Show für mich bedeutet. Einen Ort, an dem es um den Tanz geht, nicht um den Kontext."
Ich hielt kurz inne und fügte leise, aber bestimmt hinzu:
„Ich will beweisen, dass Pole Dance mehr ist als das Klischee, das ihm oft anhängt. Ich will die Grenzen dessen ausreizen, was das Publikum erwartet – und vielleicht sogar, was es glaubt, über diesen Sport zu wissen."
Ich wusste nicht, ob das die richtige Antwort war. Es war einfach nur die Wahrheit. Es war genau das, was mich seit Monaten nachts wach hielt. Ich wartete auf ihre Reaktion, unfähig, den Kopf zu senken, während mein Herzschlag gegen meine Rippen hämmerte wie ein eingesperrtes Tier.
Die Frau mit dem Dutt legte den Kopf leicht schief. Ein unlesbarer Ausdruck lag in ihren Augen. Wird sie mir abkaufen, dass ich für die Kunst brenne, statt nur einen Job zu suchen?
Die Frau mit dem Dutt tippte mit ihrem Kugelschreiber gegen ihre Unterlippe. Das metallische Klick-Klack hallte in der Stille wider und fühlte sich an wie ein Countdown.
Die Männer links und rechts von ihr flüsterten kurz miteinander, doch ich verstand kein Wort. Mein Atem ging noch immer flach; der Schweiß klebte mir am Rücken, kühl unter dem Scheinwerferlicht, während draußen der Londoner Regen gegen die hohen Industriefenster des Studios in Shoreditch peitschte.
Dann lehnte sie sich langsam zurück. Ihr Stuhl quietschte kurz – ein Geräusch, das in meiner angespannten Wahrnehmung wie ein Donnerschlag wirkte.
„Wir bekommen hier viele zu sehen, Eleanor", begann sie, und diesmal schwang ein Hauch von Respekt in ihrer Stimme mit.
„Viele, die technisch brillant sind. Viele, die eine Show abliefern wollen, weil sie den Ruhm suchen oder den schnellen Erfolg. Aber nur wenige, die verstehen, dass es nicht um die Stange geht, sondern um das, was man in den Sekunden zwischen den Tricks erzählt."
Sie machte eine Pause, als würde sie abwägen, ob sie zu viel verriet. Sie schob eine Mappe über den Tisch in meine Richtung.
„Wir haben noch einen Platz im Ensemble für unsere neue Residency hier am West End. Ein festes Engagement. Das bedeutet kein festes Gehalt im klassischen Sinne, sondern ein strenges Performance-Honorar pro Show. Und es bedeutet harte Arbeit: monatelanges Training in diesem Studio, um das Programm auf das Niveau zu heben, das unser Londoner Publikum verlangt."
Sie sah mir fest in die Augen. „Keine Clubs mehr. Keine Kompromisse. Nur noch diese Bühne. Bist du bereit, alles andere hinter dir zu lassen?"
Das war der Moment. Die Entscheidung, auf die ich hingearbeitet hatte, seit ich mit fünf Jahren das erste Mal in einem Ballett-Trikot vor dem Spiegel gestanden hatte. Mein Blick wanderte kurz zu dem jungen Mann mit dem Klemmbrett am Rand, der mich aufmunternd anlächelte, dann zurück zu der Frau. Ich dachte an die schmierigen Bars, in denen ich bisher versucht hatte, meine Kunst zu verkaufen, und dann an die glitzernden Lichter von London, die mich heute Abend auf dem Heimweg erwarten würden. Es war der Sprung ins Ungewisse, mitten im Herzen dieser Stadt.
„Ja", sagte ich, und diesmal zitterte meine Stimme nicht einmal ansatzweise. „Ich bin bereit."
Die Frau mit dem Dutt lächelte das erste Mal – ein schmales, kaum sichtbares Ziehen ihrer Mundwinkel.
„Dann unterschreib hier. Wir fangen morgen um acht an. Das Ensemble wartet nicht auf Nachzügler, Eleanor. Willkommen im Londoner Artisten-Zirkel."
Ich nahm den Stift entgegen, meine Finger waren noch immer feucht vom Training, aber mein Entschluss stand fest. Ich setzte meine Unterschrift unter das Dokument und wusste, dass sich mein Leben in diesem Augenblick unwiderruflich verändert hatte.
Das Intro ist Dir schon mal gut gelungen und es verspricht interessant zu werden 😘