2008 – Best friends forever
Das kleine Mädchen war wohl so um die acht Jahre. Die fuchsroten Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, aus denen sich aber schon viele Strähnen gelöst hatten. Ihr Lachen war ansteckend und der Junge, der sie begleitete, musste mit ihr zusammen lachen. Sie liefen die Straße herunter. Sie war immer noch ein bisschen außer Atem, denn sie waren ein ganzes Stück gerannt. „Hoffentlich erwischt uns keiner“ sagte das Mädchen. „Das hoffe ich auch, sonst kriegen wir schon wieder Ärger“ entgegnete der Junge.
Natürlich gab es Ärger. Beim Abendessen fragte der Vater den Jungen: „Frau Müller hat heute angerufen. Bei ihr haben wohl ein paar Kinder geklingelt und sind dann weggerannt. Du weißt nicht zufällig etwas darüber?“ „Nein. Weiß nicht, wer das war.“ „Was hast Du eigentlich heute Nachmittag gemacht?“ „Wir waren auf dem Spielplatz.“ „Wir?“ „Äh… ich war mit… Tim, ja… mit Tim auf dem Spielplatz.“ „Du weißt nicht zufällig, was Cass heute gemacht hat?“ „Cass?“ „Ja. Genau. Cassandre. Du weißt schon, die Tochter von Guillaume. Das Mädchen, das da neben Dir sitzt!“ „Keine Ahnung.“ „Du weißt aber schon, dass man nicht lügen sollte, oder Juri?“ „Hm, ja.“ „Kommen wir zu Dir, Cass… Du hast wohl auch keine Idee, wer da Frau Müller wohl geärgert haben könnte?“ „Nein, ich weiß das auch nicht.“ „Kannst Du mir sagen, was Du heute Nachmittag gemacht hast?“ „Ich… ich war im Garten. Allein. Ich habe gemalt.“ „Ach ja? Kannst Du mir das Bild zeigen?“ „Ich habe im Malbuch gemalt.“ „Aber Du weißt schon, was eine Lüge ist, oder?“ „Hm, ja.“ „Ich war es, Papa“ meldete sich Juri zu Wort und redete kleinlaut weiter: „Es tut mir leid, ich wollte nur Spaß machen. Cass hat damit nichts zu tun.“ Das Mädchen sagte daraufhin: „Es war meine Idee, es tut mir leid. Juri wollte gar nicht mitmachen.“ Thomas Knorr hatte alle Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. Es war immer dasselbe mit den beiden Kindern. Sie nahmen sich gegenseitig in Schutz. Er setzte eine strenge Miene auf: „Ich bin wirklich böse mit Euch. Es gehört sich nicht, Frau Müller so zu ärgern. Außerdem, und das ist noch viel schlimmer: Ihr sollt nicht lügen. Damit Ihr beiden Euch das merkt, habt ihr zwei Tage Hausarrest. Juri, Du wirst die Garage aufräumen. Cass, Du wirst im Garten helfen Unkraut jäten.“
Natürlich räumten die Beiden zusammen die Garage auf und jäteten dann gemeinsam das Unkraut. Etwas anderes hätte auch keiner im Hause Knorr erwartet. Cass und Juri waren einfach ein Duo furioso. Das Mädchen war ein wahrer Wirbelwind und schaffte es immer, den eigentlich etwas ruhigeren Juri zu irgendwelchem Unfug anzustiften. Wann immer das Mädchen in die Nähe der Familie Knorr kam, konnte man sich darauf verlassen, dass die zwei zusammensteckten. An der Rothaarigen war deutlich ein Junge verloren gegangen. Die Freundschaft von Thomas Knorr und den Gille-Brüdern durch die gemeinsame Zeit beim HSV Handball zeigte sich auch darin, dass man sich immer wieder besuchte. Da Cassandre weiterhin zweisprachig aufwachsen sollte, kam das Mädchen auch immer mal wieder in den Ferien für längere Zeit zur Familie Knorr. Denn Cass und Juri waren irgendwie unzertrennlich. Das Mädchen ging sogar immer mit ins Handballtraining, obwohl schon sehr früh klar war, dass sie kein besonderes Talent dafür hatte. Ganz im Gegenteil. Cass schaffte es immer wieder, sich beim Sport zu verletzen. Ob es nun ein aufgeschlagenes Knie war oder ein gebrochener Finger. Sie schien das magisch anzuziehen. Trotzdem konnte sie nichts davon abhalten, Juri zu begleiten. Auch zum Fußball begleitete sie ihn immer, aber auch da war sie einfach vollkommen talentfrei. Ihre Begeisterung galt einzig und allein Juri, der sich in beiden Sportarten wohlfühlte. Eigentlich konnte man schon sagen, dass sie da schon Juris erster Fan war.
Juri fand Cass von Anfang an einfach ‚Klasse‘. Sie hatte ein so ansteckendes Lachen und ihre Ideen für Unfug schienen gar kein Ende zu nehmen. Sie kam auf die verrücktesten Sachen, die ihm gar nicht erst einfielen. Außerdem konnte sie sehr gut auf Bäume klettern und hatte kein Problem mit Matsch oder Insekten. Dass sie ein Mädchen war, spielte keine Rolle. Sie verhielt sich nicht wie eins. Sie kicherte nicht rum und verhielt sich auch nicht komisch. Sie war einfach Cass. Dass sie ein bisschen pummelig war, interessierte ihn auch nicht. Im Gegenteil zu ihm, hatte sie auch so gar kein Talent mit allem, was mit einem Ball zu tun hatte. Klar konnte sie nicht so schnell rennen wie er, dafür konnte sie aber ganz tolle andere Sachen. Wenn sie zusammen die Wolken beobachteten, fiel ihr immer etwas ein, womit man die flauschigen Dinger vergleichen konnte, da sie sich immer Geschichten ausdenken konnte. Sie konnte Sauerampfer auf der Wiese erkennen und wusste, dass man das essen konnte. Die Pilze unter der großen Eiche im Wald waren giftig, auch das wusste sie.
Cass wusste vom ersten Tag an, an dem sie Juri traf, dass er ihr bester Freund werden würde. Der ruhige Junge hänselte sie nicht wegen ihrer roten Haare.Das passierte sonst sehr häufig. Er zog sie auch nicht damit auf, dass sie schneller aus der Puste war als er. Auch ihr französischer Akzent störte ihn nicht. Er ließ sich immer überreden, verrückte Sachen mit ihr zu machen. Sie liebte es, ihm beim Sport zuzusehen. Er war so gut. Egal ob beim Handball oder beim Fußball. Er hatte auch kein Problem damit, wenn sie mitmachte und nicht so gut war, wie die anderen. Er spielte ihr trotzdem den Ball zu. Er war einfach der liebste Mensch in ihrem Leben. Außerdem konnte man mit ihm gut träumen. Wenn sie ihm erfundene Geschichten über Wolken erzählte, dann lauschte er interessiert. Er war einfach der beste Freund der Welt und das würde sich auch nie ändern.
„Kommst Du in den nächsten Ferien wieder?“ fragte Juri. „Ich hoffe doch. Ich sage einfach, ich muss noch mehr Deutsch üben!“ erklärte Cass. „Du sprichst das aber doch schon so gut.“ „Dann werde ich einfach ein paar mehr Fehler einbauen. Das kriege ich schon hin!“ „Das wäre toll. Es wären einfach nicht so schöne Ferien ohne Dich.“ „Ja, das finde ich auch.“ Sie saßen auf der großen runden Schaukel, in der man zusammen sogar liegen konnte. „Komm, wir schauen noch ein bisschen in die Wolken“ schlug Cass vor. „Erzähl mir was, Cass!“ forderte Juri sie auf. „Das geht aber nur, wenn wir nebeneinander liegen und ganz leicht schaukeln“ erklärte Cass ganz ernsthaft. Also legten sie sich beide hin und Cassandre fing an zu erzählen: „Schau, da oben. Ein bisschen rechts, das sieht aus wie eine Lokomotive. Die zieht einen Zug, der fährt ganz weit weg.“ „Ja, ja, ich sehe die Lok. Wo fährt der Zug denn hin?“ „Er fährt nach… Amerika. Das ist ganz schön weit weg.“ „Aber er kann gar nicht nach Amerika fahren. Da ist ein Meer dazwischen“ bemerkte Juri. „Der fährt in ein Schiff und das bringt ihn dann über das Meer.“ „Ja. So kann das gehen.“ „Und jetzt schau mal, etwas weiter links, da sind Spuren, die sind von Kobolden, die einen Schlitten durch die Wolken ziehen!“ „Wieso ziehen Kobolde einen Schlitten, mitten im Sommer?“ „Na, die haben einen so weiten Weg, die müssen im Sommer schon los, damit sie zu Weihnachten dann pünktlich sind.“ „Ja, das stimmt natürlich!“ Cass konnte immer alles so gut erklären.








