Fremde
Der Bass im Midnight wummert so stark gegen meine Brust, dass ich ihn tief in meinem Bauch spüren kann. Leon grinst mich an – dieser typische „Ich-will-dich-küssen"-Blick, der mich normalerweise kaltlässt, mich heute aber nervös macht.
„Komm schon, Fuse. Nur ein bisschen, bevor wir zu Zane zurückmüssen", sagt er und lässt seine Brauen spielerisch tanzen.
Ich greife nach dem Tequila-Shot auf dem Tresen und kippe ihn in einem Zug hinunter. Der Alkohol brennt heiß in meinem Rachen, ein willkommener Kontrast zu der aufgestauten Spannung in mir. Ich kenne Leon schon mein ganzes Leben lang. Er ist der beste Freund meines Zwillingsbruders Zane und wird dessen Beta, sobald Zane in die Fußstapfen unseres Vaters tritt. Zane ist sieben Minuten älter als ich, was mir das Gefühl gibt, tun und lassen zu können, was ich will. Zumindest, bis ich volljährig bin. Denn dann muss ich mich meiner Bestimmung stellen, der Gefährtensuche. Obwohl jeder in unserem Rudel fest davon überzeugt ist, dass es Leon sein wird, schnürt sich bei diesem Gedanken mein Hals zu.
Leon zieht mich an der Taille fest an sich. Ich funkele ihn warnend an, doch er lässt sich nicht beirren. Ohne den Blick abzuwenden, nehme ich noch einen Shot und spüre, wie der Hochprozentige meine Hemmungen ein Stück weit aufweicht. Dann küsst Leon mich. Nicht besitzergreifend, sondern zärtlich. Ich spüre förmlich, wie er sich in den Gedanken hineinsteigert, wir wären bereits füreinander bestimmt, wie er mehr fühlt, als wir es jemals vereinbart hatten. Es sollte locker sein, gefühlsfrei. Der Kuss schmeckt nach Tequila und Verlangen, doch ich ziehe mich abrupt zurück.
„Komm schon, Leon, die anderen warten auf die Getränke", zwinkere ich ihm zu, schnappe mir die Flaschen und bahne mir im wummernden Takt der Musik einen Weg durch die verschwitzte Menge zurück zu unserem Tisch.
„Zane, ich glaube, Leon hat sein Versprechen gebrochen", sende ich ihm über unsere Gedankenverbindung.
„Ich weiß, Fuse. Er redet von nichts anderem mehr. Er ist überzeugt, dass du seine Gefährtin bist, sobald unser Geburtstag vorbei ist", antwortet er, ohne den Blick von Jane abzuwenden, mit der er gerade ein intensives Gespräch führt.
Es macht mich wahnsinnig, wie die Männer hier bereits Besitzansprüche anmelden, obwohl sie genau wissen, dass das Schicksal oder die Bindung, auch ein ganz anderes Mädchen für sie vorgesehen haben könnte.
„Unser Geburtstag ist erst in drei Wochen! Ich will nicht bedrängt werden", zische ich.
Ich spüre, wie meine Wölfin unter meiner Haut unruhig wird und ihre Krallen in mein Bewusstsein schlägt.
Zane reagiert sofort. Er spürt meine Anspannung, schiebt Jane ohne ein weiteres Wort von seinem Schoß und erhebt sich. Jara, die meine Aura wie einen elektrischen Schlag wahrnimmt, sieht mich alarmiert an.
„Fuse, komm runter. Atme tief durch, was auch immer gerade in dir vorgeht", sagt sie mit sanfter, aber eindringlicher Stimme.
Jara ist meine beste Freundin, ein Jahr älter und immer noch auf der Suche nach ihrem Gefährten. Während ich das pure Chaos bin — stürmisch, störrisch, impulsiv, mit einer uralten Wölfin, die kaum zu bändigen ist –, ist Jara die Ruhe selbst. Eine wahre Prinzessin.
Einzig Zane kann meine Wölfin zähmen, wenn sie zu stark an die Oberfläche drängt, doch heute scheint selbst seine Präsenz nicht zu reichen.
Ich spüre Zanes Hand schwer auf meiner Schulter. Am Tisch ist es plötzlich totenstill geworden. Basti starrt mich entsetzt an, als die Energie meiner Aura über den Tisch schlägt wie eine Druckwelle.
„Komm schon, Kat. Atmen. Einfach nur atmen", befiehlt Stone, der Wolf meines Bruders, mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldet.
Er ist mein Fels in der Brandung. Kühl, stur, unerschütterlich. Ich fixiere ihn, zwinge meine Lungen zur Arbeit und schließe für einen Moment die Augen. Ich konzentriere mich nur auf Zane. Die Nerven in meinem Körper sind bis zum Zerreißen gespannt, das Adrenalin pumpt ungefiltert durch meine Adern. Doch unter Stones Blick lässt der Druck langsam nach. Als ich die Augen wieder öffne, entweicht den anderen ein hörbarer Seufzer der Erleichterung.
Ich greife nach meinem Bier und leere es in einem Zug, als wäre es pures Wasser.
„Rede mit ihm! Ich will das so nicht. Wir hatten eine Abmachung. Ich mag ihn als Freund, aber nicht mehr", schreie ich Zane mental an.
Ich lasse mich schwer auf den Stuhl fallen. Basti, der mir gerade noch gefehlt hat, mustert mich mit seinem typisch arroganten Grinsen. Er sammelt Mädchen wie Trophäen.
„Was ist los, Basti?", fahre ich ihn scharf an.
„Nichts, Fuse. Ich finde es nur verdammt heiß, wenn du so giftig bist", grinst er unverblümt.
Ich verschränke die Arme fest vor der Brust und lasse meinen Blick durch den Club schweifen. Jara sucht schon den ganzen Abend die Menge ab, immer in der Hoffnung, endlich *ihn* zu finden.
Dann bleibt mein Blick an jemandem hängen. Er ist groß – nein, riesig – und von einer muskulösen Statur, die selbst die dunkle Ecke des Clubs auszufüllen scheint. Schwarzes, wildes Haar fällt ihm in die Stirn, und seine kristallklaren, hellblauen Augen scannen den Raum. Ein Wolf. Das spüre ich bis in die Knochen. Er ist von einer fast schmerzhaften Attraktivität, die alles andere in den Schatten stellt. Neben ihm sitzt ein blonder junger Mann, dessen braune Augen ebenfalls aufmerksam den Raum mustern.
„Kat?", fragt Jara und stupst mich an.
„Hm? Sorry, ich habe dir nicht zugehört", antworte ich und spüre, wie mir die Hitze in die Wangen steigt.
„Ja, das habe ich bemerkt. Was ist denn?", stellt sie fest und folgt meinem Blick.
Plötzlich geht ein Ruck durch Jara. Ihre Augen blitzen auf, ein tiefes Knurren grollt in ihrer Kehle. Alarmiert sehe ich zu Zane. Der blonde Typ am Tisch der Fremden springt so hastig auf, dass sein Stuhl nach hinten poltert. Jara ist bereits auf den Beinen.
„Jara! Nicht...", versuche ich zu sagen, doch das Grollen, das nun aus ihr dringt, lässt mich erschaudern.
Ich stehe angespannt auf. Der Blonde überquert in Sekunden die Tanzfläche und krallt sich Jara.
„Gefährte!", knurrt Jara.
„Gefährtin!", antwortet der Typ ebenso kehlig.
Mein Herz hämmert so heftig gegen meine Rippen, dass es schmerzt.
„Jax!", donnert eine dunkle, raue Stimme, die mir eine Gänsehaut über die Arme jagt.
Zane ist in einer fließenden Bewegung an meiner Seite. Er wirkt größer, präsenter, und seine Hand liegt kurz, aber fest auf meinem Arm.
„Kennst du ihn?", sende ich Zane zu.
„Nein", spüre ich seine körperliche Anspannung.
„Jax!", die Stimme des Riesen ist nun noch tiefer, gefährlicher, durchtränkt von einer Autorität, die den Boden unter uns beben lässt.
Jax löst sich schweratmend von Jara.
Jara zittert am ganzen Körper, ihre Augen sind glasig, das Bewusstsein halb in ihre Wölfin abgetaucht. Ich habe gerade meine beste Freundin an einen Fremden verloren. Mein Herzschlag rast in einem unnatürlichen Rhythmus.
„Wer seid ihr?", verlangt mein Bruder mit vorangestelltem Kinn zu wissen.
„Ich bin River Grey, Sohn von Alpha Alaric Grey vom Schattenrudel, und das ist mein angehender Beta, Jax Brown", gibt er ruhig zurück.
Sein Blick ist starr und unnachgiebig.
Einen Moment lang herrscht eine beklemmende Stille. Er überragt Zane um einen Kopf. Ich mustere ihn genau. Mein Herz setzt einen Schlag aus, er ist atemberaubend. Zane spürt die plötzliche Veränderung in meiner Ausstrahlung und wirft mir einen Blick zu, der irgendwo zwischen Entsetzen und Warnung liegt. Doch River entgeht das nicht.
Sein Blick wandert langsam zu mir. Nicht ein Muskel in seinem Gesicht zuckt, doch in seinen Augen liegt eine Intensität, die mir den Atem raubt. Es ist, als würde er direkt in mein Innerstes sehen. Dann sieht er wieder zu Zane.
„Ich bin Zane Black und das ist meine Zwillingsschwester Kathlyn Black, Kinder von Alpha Jacob Black vom Dunkelwaldrudel. Das ist mein angehender Beta, Leon Sinclair, sein Bruder Basti, und das ist Jara Rose", stellt Zane uns vor und hält River die Hand entgegen.
River schlägt ein und nickt knapp. Seine Schultern entspannen sich sichtlich.
„Wie es aussieht, haben sich hier zwei gefunden. Wir wollen keinen Ärger. Ich war sechs Jahre weg wegen der Alpha-Ausbildung; meine Rückkehr heute wollte ich eigentlich nur mit Jax feiern. Mir scheint jedoch, dass wir besser euren Alpha aufsuchen sollten." Ein leichtes Schmunzeln spielt um seine vollen Lippen.
„Ja, das sehe ich genauso", stimmt mein Bruder zu.
„Verdammt, Fuse. Sieh ihn nicht so an! Du ziehst ihn ja förmlich aus. Was ist mit deiner Vorsicht?", dröhnt Zanes Stimme in meinem Kopf, und ich zucke unter der scharfen Zurechtweisung zusammen.
„Was?! Spinnst du? Ich kenne ihn nicht mal. Alles okay bei mir", antworte ich, auch wenn meine Stimme in meinem Kopf brüchig klingt.
Zane verdreht genervt die Augen. River beobachtet das kleine Wortgefecht mit einem Anflug von Amüsement.
Jax zieht Jara erneut in seine Arme, und sie schmiegt sich schutzsuchend an ihn. Die Zerrissenheit in mir macht mich nervös. Ich greife nach meinem Bier und leere es in einem Zug.
„Wollen wir hier festwachsen, oder suchen wir Vater auf?", frage ich und wechsle zwischen Zane und River hin und her.
„Dann los", presst Zane hervor.
Draußen auf dem Parkplatz setzt sich das Schauspiel fort. Jax und Jara lassen einander nicht los, als wären sie magnetisch miteinander verbunden.
„Zane, lass Jax bei dir mitfahren, ich fahre bei River mit", sage ich beiläufig, während ich versuche, meine Emotionen hinter einer Maske aus Gleichgültigkeit zu verbergen – wohlwissend, dass mein Puls mich verrät.
„Er wird mich schon nicht fressen", schiebe ich hinterher.
Zane rollt erneut die Augen. „Na schön. Es versteht sich wohl von selbst, dass du meine Schwester angemessen behandelst."
Stone schimmert durch Zanes Augen, die eine Nuance dunkler werden, ein deutliches Zeichen seiner Rudel-Autorität.
„Natürlich. Das versteht sich von selbst", nickt River.
Sein Wolf reagiert auf die Herausforderung, er schlägt härter an die Oberfläche. Ich spüre seine Aura nun deutlich, ein dunkles, kraftvolles Prickeln, das mir die Sinne vernebelt.
„Lass die Verbindung bestehen!", knurrt Zane in meinem Kopf, woraufhin ich nur die Augen verdrehe.
River beobachtet mich dabei amüsiert, als er mir die Tür zu seinem Sportwagen öffnet. Ich steige ein, schnalle mich an, und als er den Motor startet und Zane folgt, füllt eine drückende Stille den Innenraum. Das Rauschen meines eigenen Herzschlags in meinen Ohren wird fast unerträglich.
„Du wirst also der Alpha des Schattenrudels?", frage ich.
Meine Stimme klingt dünn, fast wie ein Flüstern. Was ist bloß mit mir los?
„Ja, schon sehr bald. Mein Vater setzt sich zur Ruhe", raunt er leise und wirft mir einen intensiven Blick von der Seite zu.
„Wie bei uns. Zane wird auch bald der Alpha unseres Rudels. Nach unserem Geburtstag", sage ich leiser, als ich eigentlich wollte.
Ich weiß nicht, warum ich ihm das erzähle, aber sein Blick auf mir ist so schwer, dass ich fast daran ersticken könnte.
„Ihr seid noch nicht volljährig", stellt er fest, keine Frage, sondern eine Tatsache.
„Exakt", antworte ich und starre aus dem Fenster.
„Da vorne musst du rein."
Er drosselt das Tempo, während wir auf das Tor zufahren. Micha, der Wächter, erkennt mich und winkt uns durch. River parkt neben Zane, und wir steigen aus.
„Vater?! Wo bist du? Jara hat ihren Gefährten gefunden", sende ich mental aus.
„Oh, Kat. Im Büro. Kommt", antwortet die Stimme unseres Vaters.
„Er ist im Büro", sage ich, als wir uns dem Eingang des Rudelhauses nähern.
River geht direkt neben mir. Er ist so nah, dass ich die Hitze spüren kann, die von seinem Körper abstrahlt. Ich erschaudere, und ein kleines, tiefes Grübchen erscheint auf seiner Wange. Scheiße, sieht das gut aus. Ich starre ihn einen Moment zu lange an. Leon, der direkt hinter uns geht, knurrt leise. Sein Blick brennt sich in meinen Rücken, als er bemerkt, wo mein Fokus liegt.
Vor der Bürotür bleiben wir stehen. Leon wirft River böse Blicke zu, doch der bleibt unbeeindruckt. Er verschränkt die Arme vor seiner massiven Brust und mustert mich erneut.
„Schönes Haus", bemerkt er. Seine Augen wirken plötzlich dunkler, fast wie flüssiges Pech.
„Kommt rein!", donnert die Stimme unseres Vaters hinter der Tür, und ich zucke zusammen, weil ich wegen Rivers Blick völlig abgelenkt bin.