Nozomi "Isabell" Nightrose
Ich bin frisch achtzehn geworden. In jeder normalen Welt wäre das ein Alter, in dem man betrunken auf einer Motorhaube sitzt und Fehler macht, an die sich später zum Glück kein Mensch mehr erinnert. Aber wir sind hier nicht in einer normalen Welt, und ich bin nicht normal. Mein Problem ist: Ich bin diejenige, die sich erinnern muss.
Mein offizieller Titel lautet Wächterin der Zeit und Erinnerung. Schmecken Sie den Staub auf diesen Worten? Klingt wie ein Job für eine achtzigjährige Priesterin mit Grauem Star und einem Stock aus Elfenbein. Stattdessen haben sie mich – ein Mädchen in einem Korsettkleid und Plateaustiefeln – in die Eingeweide dieser verdammten Kathedrale gesperrt.
Sie nennen diesen Ort das Echosarium. Ein monströser, kalter Steinkadaver, dessen Fenster zersplittert sind und das alles in ein krankes, neonflackerndes Violett tauchen. Der Boden hier spiegelt wie eine Blutlache im Schwarzlicht. Jeder meiner Schritte hallt und hallt und hallt, bis es klingt, als würde die Zeit selbst versuchen, aus diesem Gefängnis auszubrechen. Über mir, oben im verrußten Rippengewölbe, schweben die abgerissenen Fragmente: kaputte Zifferblätter, ausgerissene Zeiger und zitternde Bänder aus Musiknoten. Das sind keine Dekorationen. Das sind die Echos. Ausgekotzte Fragmente einer Stadt, die so laut schreit, dass sie ihre eigene Stimme nicht mehr erträgt.
Ich stütze mich auf die Funeral-Clock-Sense. Ein hässliches, wunderschönes Ungetüm von einer Waffe. Dreißig Pfund schwarzer Stahl, feine Uhrwerke, die wie Insektenbeine ineinandergreifen, und eine Klinge, die darauf wartet, dass ein Zeitfaden reißt. Manchmal, wenn mir wirklich langweilig ist, fahre ich mit dem Finger über das Glas des Zifferblatts und spüre das Zittern von Leuten, die gerade draußen verrecken.
Draußen. Der Timestone-Bezirk.
Die Stadtverwaltung hat fette, rote Hologramme an die Grenzen dieses Viertels geklatscht. Sperrgebiet. Betreten bei Androhung sofortiger Exekution verboten. Wer auch nur den kleinen Zeh über die Linie setzt, wird von Lioas Drohnen zu Hackfleisch verarbeitet. Die Offiziellen predigen den Massen, dass das Echosarium verflucht sei. Ein totes Herz in der Mitte von Nocturne District. Es ist fast schon zum Totlachen. Sie scheißen sich vor einer leeren Herzkammer in die Hose, ohne zu wissen, dass hier drin eine zynische Achtzehnjährige hockt und durch die zerschlagenen Buntglasfenster direkt in ihre dreckigen Wohnzimmer starrt.
Ich gehe an den Rand der großen Rosette, trete ein paar Glasscherben weg und sehe hinunter. Nocturne District. Sehen Sie sich diesen Moloch an. Eine Stadt, die aussieht, als hätte ein besoffener Gott eine Cyberpunk-Metropole genommen und sie in das rostige, stählerne Art-Deco-Korsett eines Albtraums gerammt.
Dort drüben, hinter dem Smog, glitzern die Türme der Reichen. Skybridges, polierter Chrom, gefilterte Luft. Die feinen Pinkel saufen Champagner aus echten Gläsern. Aber hier unten? Hier unten fressen sich die Slums und die rußenden Fabrikhallen von Lacrima Industries wie ein Geschwür durch die Straßen. Das Neonlicht flackert fehlerhaft, als würde die Stadt blinzeln. Es riecht nach Schmieröl, verbranntem Kupfer und nassen Ratten.
Die Stadt brodelt. An jeder Straßenecke zündet jemand einen Molotowcocktail an, weil es wieder kein sauberes Wasser gibt. Und über diesem ganzen Wahnsinn hängt der Schatten von Lioa. Die Frau, die sich selbst zur Göttin gekrönt hat. Letzte Woche hat diese fanatische Bitch eine Geburtensteuer eingeführt. Haben Sie das verstanden? Eine Geburtensteuer. Wenn du arm bist, blutest du für das Recht, ein Kind in diesen Dreck zu setzen. Wenn du es dir nicht leisten kannst, holt Lioas Priestergarde es ab und recycelt es.
Ein eisiger Windstoß fährt durch das offene Fenster, wirbelt meinen zerrissenen Umhang auf und bringt den Lärm der Hafenanlagen mit sich. Die Menschen da draußen vergessen gerne. Sie saufen sich blind, huren sich im völlig überteuerten Rotlichtviertel die Seele aus dem Leib oder beten zu Lioa, damit sie nicht nachdenken müssen. Aber ich vergesse nicht. Ich bin der gottverdammte Festplattenspeicher ihrer Sünden.
Die Straßen nennen mich Isabell Nightrose, wenn sie überhaupt wissen, dass ich existiere. Aber wenn die Echos der Toten und Verratenen durch die Gewölbe kriechen und um Gnade winseln, dann nennen sie mich Nozomi.
Und heute Nacht … heute Nacht ist Nocturne District so ohrenbetäubend laut, dass ich das Blut schon riechen kann, bevor es fließt.








