Drei Cent
Clara Sommer war überzeugt davon, dass Menschen in zwei Kategorien eingeteilt werden konnten.
Die erste Kategorie bestand aus Menschen, die Excel-Tabellen liebten.
Die zweite aus Menschen, die falsch lagen.
Mit dieser Überzeugung saß sie an einem angenehm ruhigen Dienstagmorgen im Großraumbüro der Arcturus Systems GmbH und betrachtete eine Tabelle, die auf den ersten Blick vollkommen unauffällig aussah.
Auf den zweiten allerdings auch. Auf den dritten ebenfalls. Und genau das machte ihr Sorgen.
Sie schob ihre Brille höher auf die Nase und nahm einen Schluck Kaffee. Der Kaffee war kalt. Wann genau er kalt geworden war, wusste sie nicht. Vermutlich vor mehreren Stunden.
„Perfekt“, murmelte sie. „Jetzt schmeckt er wie mein Privatleben.“
Niemand hörte es. Zum Glück.
Die meisten Kollegen kannten Clara als freundliche, etwas zurückhaltende Controllerin, die seit acht Jahren im Unternehmen arbeitete und so zuverlässig war wie ein Schweizer Uhrwerk.
Niemand wusste, dass sie gelegentlich Selbstgespräche mit Tabellen führte. In ihrem Beruf war das völlig normal. Zumindest redete sie sich das ein.
Auf dem Bildschirm leuchteten Zahlenkolonnen. Monatsabschlüsse. Projektkosten. Lieferantenbuchungen. Alles sah sauber aus. Ordentlich. Nach Vorschrift.
Dennoch hatte Clara seit Tagen das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Nicht groß. Keine Katastrophe. Eher wie ein Steinchen im Schuh.
Klein genug, um ignoriert zu werden. Groß genug, um ständig zu nerven. Sie klickte erneut durch die Buchungen. Dann runzelte sie die Stirn.
Drei Cent.
Clara setzte sich aufrechter hin. Drei Cent. Eine Abweichung von drei Cent war lächerlich. Dafür stand normalerweise niemand von seinem Stuhl auf.
Doch sie war Controllerin. Sie stand sogar für weniger auf. Sie prüfte die Buchung erneut. Soll. Haben. Zuweisung. Kontierung. Eigentlich korrekt. Und trotzdem blieb die Differenz bestehen.
Sie öffnete die Vorgängerbuchung. Dann die nächste. Und noch eine.
Langsam begann sich ein Muster abzuzeichnen. Nicht bei den Beträgen. Nicht bei den Kostenstellen. Sondern bei den Lieferanten.
Bestimmte Namen tauchten immer wieder auf. Unscheinbare Firmen. Beratungen. Dienstleister. Externe Partner. Nichts Ungewöhnliches. Zumindest auf den ersten Blick.
„Clara?“
Sie blickte auf. In der Tür ihres Büros stand Svenja aus dem Einkauf. „Kommst du mit zum Mittagessen?“
„Wie spät ist es denn?“
„Kurz nach eins.“
Clara blinzelte. „Unmöglich.“
„Doch.“
„Ich bin erst vor zehn Minuten gekommen.“
„Du sitzt seit acht Uhr hier.“
„Das erklärt den kalten Kaffee.“
Svenja lachte. „Du brauchst dringend Urlaub.“
„Ich brauche neue Kollegen. Die alten stören ständig beim Arbeiten.“
„Ich richte es aus.“
„Danke.“
Wenige Minuten später verließen sie gemeinsam das Gebäude. Die Sonne stand hoch am Himmel. Menschen unterhielten sich auf den Wegen vor dem Firmenkomplex.
Lieferfahrzeuge fuhren ein und aus. Ein ganz normaler Tag.
Clara hätte nicht sagen können, warum sie vor dem Eingang plötzlich stehen blieb. Ihr Blick wanderte zum Verwaltungsgebäude auf der anderen Straßenseite.
Im dritten Stock befanden sich die Büros des Vorstands. Ganz oben die Räume des Aufsichtsrats. Hinter einer Fensterscheibe glaubte sie eine Bewegung zu sehen. Ein Mann. Älter. Gepflegter Anzug.
Er stand dort und blickte hinunter auf den Parkplatz. Direkt auf sie. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke. Dann verschwand die Gestalt wieder.
„Alles okay?“, fragte Svenja.
„Ja.“ Clara lächelte. „Wahrscheinlich.“
Sie ging weiter. Doch das merkwürdige Gefühl blieb. Als würde irgendwo ein Zahnrad nicht richtig greifen. Als hätte sie etwas übersehen. Etwas Wichtiges. Etwas, das noch unsichtbar war.
An diesem Nachmittag arbeitete sie bis weit nach Feierabend. Die meisten Kollegen waren längst gegangen. Im Gebäude war es still geworden. Nur das Summen der Klimaanlage war noch zu hören.
Als Clara endlich ihren Computer herunterfuhr, war es bereits nach neun Uhr.
„Morgen“, sagte sie zu den Tabellen auf ihrem Bildschirm.
Dann griff sie nach Tasche und Mantel. Der letzte Zug brachte sie wie immer in die kleine Vorstadt, in der sie wohnte. Nach Falkenhain.
Es war dunkel, als sie den Bahnhof verließ. Die Straßenlaternen warfen matte Lichtinseln auf den Asphalt. Der Park vor ihr lag halb im Schatten.
Eigentlich war der Weg harmlos. Zweihundert Meter. Nicht mehr. Trotzdem beschleunigte Clara ihre Schritte jedes Mal.
Eine Angewohnheit. Nichts Besonderes. Dann hörte sie etwas. Ein Geräusch. Hinter sich. Schritte. Sie blieb stehen.
Die Schritte verstummten. Langsam drehte sie sich um. Niemand. Nur Dunkelheit.
Ein leichter Wind bewegte die Äste der Bäume. Clara schüttelte den Kopf. „Du solltest wirklich weniger Krimis lesen.“
Sie ging weiter. Nach wenigen Sekunden hörte sie die Schritte erneut. Diesmal näher. Deutlich näher.
Und plötzlich wusste sie, dass sie nicht allein war.









Oh man Mädel lauf.😟
Schöner Einstieg. Ich denke, die Geschichte gefällt mir.
Aber ein Gespräch mit einer Excel-Tabelle ist natürlich kein Selbstgespräch. So eine Tabelle ist doch eindeutig ein eigenständiges Wesen.