Es schmerzt, wenn man sein Versprechen nicht halten kann
„Wenn das rauskommt, haben wir ein ziemliches Problem“, flüstere ich der Stimme in mir zu, die all die Gedanken kennt, die ich niemandem sonst erzählen würde.
Sie antwortet nicht.
Das muss sie auch nicht. Sie ist schließlich immer da. Sie gehört zu mir wie jeder meiner Herzschläge.
Manchmal meldet sie sich nachts. Dann, wenn die Stille zur Qual wird und ich nicht mehr vor meinen Gedanken davonlaufen kann.
Dann stellt sie Fragen.
Fragen, auf die ich keine Antworten kenne.
Darf man sich wünschen, dass das Leiden eines Menschen endlich endet?
Darf man über seinen eigenen Vater Dinge denken, die man niemals laut auszusprechen wagt?
Und darf man ein Versprechen brechen, wenn man nicht mehr kann?
Meine Mutter ist vor einigen Jahren nach einem langen Leidensweg gestorben. So oft es ging besuchte ich sie.
Kurz vor ihrem Tod versprach ich ihr, mich um meinen Vater zu kümmern.
Damals erschien mir dieses Versprechen selbstverständlich. Schließlich ist er mein Vater. Und ich liebte meine Mutter, das allein war Grund genug für mich.
Heute weiß ich, dass es die bisher schwerste Herausforderung meines Lebens war. Was sind schon schlaflose Nächte, wenn Babys zahnen oder krank sind. Das Versprechen lastet schwer auf mir.
Bin ich ein hilfsbereiter Mensch? Ich denke schon.
Doch wenn es um meinen Vater geht, gerät mein Selbstbild ins Wanken.
Nicht, weil ich ihm nichts Gutes wünsche.
Sondern weil ich oft nicht mehr weiß, wie ich dieses Versprechen erfüllen soll, ohne mich selbst dabei zu verlieren.
Mein Vater war schon immer ein schwieriger Mensch.
Als Kind konnte ich nie einschätzen, welcher Vater mich erwartete.
Der freundliche.
Oder der andere.
Der, der mit Schweigen verletzte.
Der, der einen Raum betreten konnte und sofort jede Leichtigkeit verschwinden ließ.
Ich lernte früh, vorsichtig zu sein
Und nicht auf das Gute zu hoffen.
Meine Gefühle für mich zu behalten.
Mich anzupassen.
Nicht aufzufallen.
Meine Mutter hatte einen Rat.
Zähle bis sieben.
Und dann schlucke es hinunter.
Deine Meinung.
Deine Ängste.
Deine Wut.
Bis heute begleitet mich dieses kleine Mädchen noch manchmal.
Besonders dann, wenn sein Name auf dem Display meines Telefons erscheint.
Selbst jetzt, als erwachsene Frau.
Selbst nach all den Jahren.
Dann zieht sich mein Magen zusammen.
Und ich frage mich:
Wer wartet heute am anderen Ende der Leitung?
Der Vater, mit dem man lachen kann?
Oder der Vater, dessen Worte mich verletzen.
Das Verrückte und zugleich Verletzende daran ist:
Für andere Menschen ist er ein wunderbarer Mensch.
Freundlich.
Hilfsbereit.
Zuvorkommend.
Jeder Nichtfamilienangehörige kann sich seiner Aufmerksamkeit und Unterstützung sicher sein.
Und genau das ist, was mein Herz schmerzen lässt.
Weil man ständig denkt:
Warum bekommen die anderen diesen Menschen – und ich nicht? Ich bin seine Tochter. Sein eigenes Fleisch und Blut.
Und dann kommen sie wieder.
Diese Gedanken, die ich niemandem erzählen möchte.
Gedanken, für die ich mich schäme.
Dass ich bei meiner Mutter über aktive Sterbehilfe nachgedacht habe, weil ich ihr Leiden kaum noch ertragen konnte.
Warum musste meine Mutter sterben und nicht er? Mit ihr wäre alles viel einfacher, schöner.
Dass ich mir vorgestellt habe, einfach nicht mehr ans Telefon zu gehen.
Nicht mehr hinzugehen.
Nicht mehr verantwortlich zu sein.
Das Telefon klingelt.
Wie jeden Tag. Mehrmals.
Und immer ist er es.
Mein Vater.
Früher bin ich sofort rangegangen. Heute starre ich nur auf das Display.
Sein Name.
Seine Nummer.
Mein schlechtes Gewissen.
Ich lasse es klingeln.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Dann springt der Anrufbeantworter an.
Ich höre seine Stimme. Schwach. Brüchig.
„Wo bist du?“
Eine Pause.
„Ich brauche dich.“
Noch eine Pause.
„Ich bin gestürzt.“
Früher hätte ich sofort Jacke und Autoschlüssel geschnappt.
Heute sitze ich regungslos da.
Und während seine Stimme aus dem Lautsprecher klingt, stellt sich in meinem Kopf nur eine einzige Frage:
Ist das wirklich wahr?
Oder ist es wieder einer dieser Sätze, die mich zurückholen sollen?
Zurück in die Verantwortung.
Zurück in die Schuld.
Zurück in die Rolle der Tochter, die alles richten muss.
Ich starre auf das Telefon.
Und erschrecke über mich selbst.
Nicht darüber, dass ich nicht sofort losfahre.
Sondern darüber, dass ich meinem eigenen Vater nicht mehr glaube.
Bei jedem dieser Gedanken meldet sich das schlechte Gewissen. Ich fühle mich schlecht. Vielleicht bin ich es ja wirklich.
Darf man so etwas denken?
Darf ich als Tochter so fühlen?
Bin ich herzlos?
Zu empfindlich?
Zu nachtragend?
Oder ist es vielleicht doch richtig, was ich denke und fühle?
Ich weiß es nicht.
Was ich weiß:
Ich weinte.
Ich redete mit ihm.
Ich schrieb ihm Briefe.
Ich versuchte ihm zu erklären, was seine Worte in mir auslösten.
Doch nicht davon nahm er wahr. Er verstand es nicht.
Stattdessen hörte ich Sätze wie:
„Ich war nach deinen Worten so fertig, ich wollte mich vor einen Zug werfen.“
Oder:
„Vielleicht nehme ich mir besser einen Strick.“
Sätze, die schwer auf den Schultern liegen.
Sätze, die man nicht einfach wieder vergisst.
Sätze, die selbst dann ausgesprochen wurden, wenn Enkelkinder danebenstanden und erschrocken zuhörten.
In solchen Momenten spürte ich Wut.
Tiefe Wut.
Und gleichzeitig Schuld.
Eine Mischung, die mich innerlich zerriss.
Trotzdem ging ich immer wieder hin.
Weil da dieses Versprechen war.
Dieses eine Versprechen, das ich meiner Mutter gab.
Ich liebte sie wirklich. Und lange stellte ich meine Bedürfnisse hinten an. Zu lang, weiß ich heute.
Doch dann kam der Moment, an dem ich mir eine Frage stellen musste:
Was nützt ein Versprechen, wenn ich daran selbst zugrunde gehe?
Die Antwort gefiel mir nicht.
Aber sie war ehrlich und ungeschönt.
Den Kontakt zu meinem Vater gibt es nicht mehr. Ich habe ihn abgebrochen.
Es ging nicht mehr.
Diese Entscheidung hat mich extrem viel Kraft gekostet.
Mut.
Und unzählige schlaflose Nächte.
Doch zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, mir selbst zu gehören.
Kein Verbiegen.
Kein Aushalten.
Kein Herzrasen.
Kein schlechtes Gewissen.
Heute weiß ich:
Mitgefühl ist wichtig.
Verständnis auch.
Doch beides darf nicht bedeuten, sich selbst zu vergessen.
Niemand ist perfekt – ich nicht – mein Vater nicht.
Was zählt: Ich bin glücklich.
Ich liebe meinen Mann.
Meine Töchter.
Meine Freunde.
Ich erfreue mich an den kleinen und großen Wundern des Alltags.
Und ich habe gelernt, dass Selbstfürsorge kein Verrat ist.
Sondern Selbstschutz und der ist überlebenswichtig.
Meine Mutter fehlt mir jeden einzelnen Tag.
Das wird sich nie ändern.
Doch ich glaube, sie würde verstehen, warum ich diesen Weg gehen musste.
Und wenn wir uns irgendwann wiedersehen, werden wir viel zu erzählen haben







![[Moving to Galatea] What We Never Healed](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_b00b828931c645f2eccdf3396cb15498.jpg)
