Kapitel 1 Neonlicht und kalter Regen
2024
Ji-Ho:
Im kalten Wind von Seoul, eingezwängt zwischen den Glasfassaden der Hochhäuser, lag der kleine Pub. Als ich ihn betrat, schlug mir die Wärme und das Gelächter der Gäste entgegen, die trunken Billard spielten. Mein Blick suchte die Tische ab, bis ich sie fand.
„Ji-Ho!“, rief eine weibliche Stimme. Ich sah in ihre Richtung und entdeckte A-Rin. Ohne zu zögern, steuerte ich auf sie zu.
„Was machst du hier?“, fragte ich, vielleicht eine Spur zu schroff.
„Ich hab auf dich gewartet“, stammelte sie leise. Ein Kellner unterbrach uns, um die Bestellung aufzunehmen.
„Ein Wasser für mich.“
„Und ich nehme einen grünen Tee.“
Nachdem der Kellner verschwunden war, zog ich die Augenbrauen zusammen und lehnte mich kontrolliert entspannt zurück. A-Rin wich meinem Blick aus und starrte auf ihre Hände. Während ich sie musterte, fielen mir die Designer-Kleidung und der teure Schmuck auf. An ihren Haaren hatte sich jedoch nichts verändert: Ein kurzer Bob, ein Teil zum Zopf gebunden, während einzelne Strähnen ihr ins Gesicht fielen.
„Wie geht es dir?“, fragten wir beide gleichzeitig. Ein kurzes Schmunzeln meinerseits lockerte die Stimmung für einen Moment auf.
„Wie erging es dir so in den letzten anderthalb Jahren?“, fragte sie und knetete nervös ihre Finger.
„Gut. Karrieremäßig bin ich aufgestiegen. Meine Wohnung sieht mittlerweile bewohnbar aus. Und in der Familie gibt es drei Neuzugänge“, erzählte ich knapp. „Und bei dir?“
A-Rin wollte gerade ansetzen, als der Kellner die Getränke abstellte.
„Sehr gut. Ich verdiene jetzt deutlich mehr, wie man sieht“, meinte sie und zupfte fast verlegen an ihrem Pullover. „Aber Freizeit ist Luxus. Und von den Leuten von damals sehe ich kaum noch jemanden.“
Es freute mich zu hören, dass sie finanziell stabil war und den Kontakt zu ihrem alten Umfeld abgebrochen hatte. Die meisten von ihnen waren Gift für sie gewesen.
„Hört sich gut an.“ Ich schenkte ihr ein ehrliches, sanftes Lächeln.
„Hast du... hast du jemand Neuen gefunden?“, fragte sie plötzlich vorsichtig. Mein Lächeln wurde breiter.
„Höre ich da etwa Eifersucht raus?“, neckte ich sie. Doch als ich ihren Blick sah, verging mir das Amüsement. Dieser Ausdruck war mir zu vertraut. Um die Situation zu entschärfen, gab ich den Ball zurück: „Und bei dir? Jemand Neues?“
A-Rin schüttelte den Kopf. Unbewusst entspannte ich mich – ein Reflex, für den es eigentlich keinen Grund mehr gab.
„Es gab eine Zeit, da konntest du nie genug von mir bekommen“, sagte ich leise, während die Erinnerungen hochkamen. „Du wolltest mein Mittelpunkt sein. Hast alles mit dir machen lassen, selbst wenn ich Grenzen gesetzt habe. Und hast Dinge getan ..." Den teil dachte ich mir nur im Kopf zu ende "Du warst... fast abhängig von mir. Aber jetzt scheinst du auf eigenen Beinen zu stehen.“
Mein Blick ruhte ausdruckslos auf ihr. Ihre natürlichen Cateyes, durch dezenten Eyeliner betont, waren auf ihre Teetasse gerichtet. Sie schwieg.
„A-Rin, du musst schon mit mir reden“, verlangte ich gefasster, doch sie antwortete nicht. Diese Mischung aus Zurückhaltung und Schweigen hatte mich schon damals wahnsinnig gemacht. Genervt stand ich auf. Wenn ich Selbstgespräche führen wollte, konnte ich das auch zu Hause tun. Doch A-Rins Hand schoss vor und umklammerte mein Handgelenk.
„Ich will... ich will von vorne anfangen. Mit dir. Ich will dich zurück.“
Ihre Augen flehten mich an, mich wieder hinzusetzen. Ich konnte sie lesen wie kein anderer, auch wenn ich es lieber verlernt hätte. War es das Richtige? Unsere Beziehung war nie einfach gewesen – sie war intensiv, fordernd und oft gefährlich nah am Abgrund.
„Von vorne anfangen?“, ich atmete schwer aus und ließ mich zurück auf die Bank fallen. „Nach allem, was war, gibt es kein 'vorne' mehr.“
„Aber—“, setzte sie an.
„Nein.“ Ich beugte mich vor. „Wir können nicht so tun, als wäre nichts passiert. Du hast mir damals gezeigt, dass du nicht fähig für eine gesunde Beziehung warst. Darum bin ich gegangen. Und das werde ich auch jetzt tun.“
Ich stand auf und rückte meine Jacke zurecht. „Mach’s gut. Man sieht sich bestimmt.“
Ich drehte mich um und ging zur Tür.
„Ji-Ho! Jang Ji-Ho!“, rief sie mir nach.
Nicht umdrehen. Nicht umdrehen.
Es war ein innerer Kampf, aber in diesem Moment fühlte es sich wie Notwehr an. Ich verließ den Pub und suchte Schutz in der Kälte der Nacht. An der Bushaltestelle holte ich mein Handy raus.
VRMM VRMM
Min-Ji: Und, wie lief es?
Genervt atmete ich aus. Sie wusste es natürlich.
Ji-Ho: Hast du sie dazu angestiftet ?
Min-Ji: Was meinst du?
Ji-Ho: Das Treffen war deine Idee. Du dachtest, es ändert sich was.
Min-Ji: Lag ich denn falsch?
Ji-Ho: Ja. Und es wird sich auch nichts mehr ändern.
Ich schaltete das Handy aus. Dass Min-Ji das alles eingefädelt hatte, wühlte mich mehr auf, als ich zugeben wollte. Im Bus setzte ich mich ganz nach hinten. Als wir anfuhr, trommelten die ersten Regentropfen gegen das Fenster und zogen mich zurück in die Vergangenheit.
Zweieinhalb Jahre zuvor
„Komm schon, Ji-Ho. Geh mal wieder unter Leute. Du arbeitest dich noch zu Tode“, jammerte Min-Ji.
„Ich muss mir ein Leben aufbauen. Und das kostet Geld“, erwiderte ich trocken und nippte an meinem Kaffee.
Min-Ji stöhnte. „Die anderen fragen schon, ob du überhaupt noch lebst!“
Ich gab schließlich nach. „Wann ist das nächste Treffen?“
„Heute Abend!“, rief sie begeistert und hielt mir einen Daumen direkt vors Gesicht.
Wenig später standen wir vor einer Wohnungstür. Dong-Hae öffnete und starrte mich ungläubig an. „Ji-Ho? Komm her, Alter!“ Er zog mich in eine feste Umarmung und dann direkt ins Wohnzimmer, wo die Jungs mich jubelnd empfingen.
Es wurde getrunken, gelacht und gespielt. Irgendwann kippte die Stimmung ins Alberne, während der Alkoholpegel der Gruppe stieg. Ich hielt mich zurück. Eine junge Frau, die ich noch nie gesehen hatte, saß ebenfalls nüchtern auf der Couch und beobachtete das Treiben aufmerksam.
„Okay, Ji-Ho“, sagte sie plötzlich und drehte sich zu mir. „Was hältst du von Flaschendrehen?“
„Das fragst du mich?“
„Du bist der Einzige hier, der noch geradeaus schauen kann“, zuckte sie mit den Schultern. Die anderen lallten ihre Zustimmung. „N-na schön...“ Ich drehte die Flasche.
Nach einigen Runden, die mich glücklicherweise verschonten, blieb die Flasche bei der jungen Frau stehen – A-Rin, wie ich nun wusste.
„Also A-Rin“, grinste die sturzbetrunkene Min-Ji, „Wahrheit oder Pflicht?“
A-Rin sah mich an. Ein kurzes, wissendes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Pflicht.“
„Okay...“, lallte Min-Ji. „Du musst die Person küssen... auf die du ein Auge geworfen hast.“
Ohne zu zögern, stand A-Rin auf. Sie zwängte sich durch die Gruppe, setzte sich rittlings auf meinen Schoß und küsste mich. Ich war so perplex, dass ich wie versteinert dasaß.
A-Rin übernahm sofort die Kontrolle. Sie hielt mein Gesicht mit beiden Kräften fest und drückte sich enger an mich, als wollte sie mich für sich beanspruchen. Als sie den Kuss unterbrach, sah sie mich schwer atmend an. Ihre Augen funkelten vor Verlangen.
Ich blickte an ihr vorbei, um die peinliche Stille zu durchbrechen.
„Hm. Hat wohl keiner mehr mitbekommen“, sagte sie trocken. Die meisten waren bereits weggetreten oder schliefen.
„Das ist gut so.“ A-Rin griff wieder nach meinem Gesicht und fixierte mich. „Ich teile nämlich nicht gerne.“
Dann stand sie auf, als wäre nichts gewesen. „Komm. Suchen wir Decken für die anderen.“
Etwas benommen half ich ihr. Als alle versorgt waren, legte ich ihr die letzte Decke über die Schultern und reichte ihr das Kissen.
„Schlaf gut“, murmelte ich, zog meine Schuhe an und verließ die Wohnung, während mein Puls noch immer raste








